Beatles-Gottesdienst

Gottesdienst mit Beatlessongs zum Mitsingen am 11.10.2015

„Let it be“ statt „Lobe den Herren“

Pfarrer Vincenzo Petracca lädt ein zum Pop-Gottesdienst am Sonntag in Heiliggeist – Beatles-Songs zum Mitsingen

Artikel in der Rhein-Neckar-Zeitung von Sabine Hebbelmann vom 10. Oktober 2015
 
Quelle: Denise Reuter
Beatles-Songs als Kirchenlieder? Warum nicht? Als Heiliggeistkantor Christoph Andreas Schäfer mit dieser Idee auf ihn zukam, war Pfarrer Vincenzo Petracca sofort dabei. „Ich hatte schon immer mal Lust, einen Gottesdienst mit Popmusik zu machen“, bekennt er. Seit Anfang des Jahres setzt der gebürtige Italiener an der Heiliggeistkirche Akzente. Seine Spezialität: Kirche neu und unkonventionell erlebbar machen – etwa mit einem Motorradgottesdienst beim ADAC oder einer Tango-Messe in der Heiliggeistkirche. „Let it be“ statt „Lobe den Herren“ wird die Gemeinde beim nächsten Citykirchen-Gottesdienst am Sonntag, 11. Oktober, um 11 Uhr singen.

Beatles-Lieder zum Mitsingen „im ganz normalen Sonntagsgottesdienst“ in der ehrwürdigen Heiliggeistkirche. Das ist für den Pfarrer wie auch für den Kantor ein Experiment: „Wir möchten ausprobieren, ob Lieder, die gut und gern gesungen werden, nicht ihren Platz im heutigen Gottesdienst finden können.“ Die Gemeinde wird dabei begleitet von einer Beatles-Coverband und Mitgliedern der Studentenkantorei. Und auch die Predigt wird sich um die Liverpooler Band und ihre Lieder drehen. Ins Zentrum will Petracca „Let it be“ und „Yesterday“ stellen und dabei der Frage nachgehen: Wie kann man lernen loszulassen, wenn es einem schlecht geht?

Petracca verrät auch schon die weitere „Songliste“: „Help“ soll auf das Bußgebet folgen und zur Lesung wird „Lady Madonna“ gesungen, eine sozialkritische Anspielung auf das Magnificat. Weitere Songs sind „Here comes the sun“, „All you need is love“, „Michelle“, „When I’m 64“ und zum Abschluss das fröhliche „Yellow Submarine“. Gehen profane Popsongs im Gottesdienst? Petracca: „Die Stücke der Beatles sind oft spirituelle Lieder. Sie drehen sich um Liebe, Frieden, Leid oder soziale Fragen. Manche haben auch Anspielungen auf die Bibel. Das allein ist Grund genug, sich mit den Texten einmal im Gottesdienst näher auseinanderzusetzen.“

Petracca, der sich für einen guten Zweck auch gern mal als „DJ-Pfarrer“ betätigt und in seiner Jugend mehr auf die Rolling Stones als auf die Beatles stand, kann sich vorstellen, einen Pop-Gottesdienst auch mal mit anderer Musik zu wiederholen. „Allerdings nicht mit den Stones, die eignen sich weniger zum Mitsingen.“

Predigt – Beatles-Gottesdienst (Yesterday/ Let it be)

(Pfr. Dr. Vincenzo Petracca; Heiliggeistkirche Heidelberg; 11.10.2015)

Teil 1: Yesterday

Quelle: Sabine Hebbelmann
Liebe Beatles-Fans, liebe Gemeinde,
Liebe zwischen zwei Menschen: eine der gewaltigsten Kräfte, die Gott geschaffen hat. Sie kann in den Himmel heben. Sie kann in die Unterwelt stürzen. So heißt es in der Lesung aus dem alttestamentlichen Hohen Lied der Liebe (HL 8,6f.), die wir gerade hörten. Hierüber handelt auch das Lied "Yesterday". Es beginnt mit den Worten:
Gestern schienen all meine Probleme so weit weg zu sein.
Jetzt sieht es so aus, als ob sie niemals verschwinden würden.
Welcher Art sind die Probleme, die plötzlich von gestern auf heute aufgetreten sind? Es sind Liebesprobleme. Es heißt im Lied:
Warum musste sie gehen?
ich weiß es nicht, sie wollte es nicht sagen.
Ich sagte etwas Falsches,
jetzt sehne ich mich nach Gestern.
Sie hat ihn überraschend verlassen. Nachdem er etwas Falsches sagte. Genaueres verrät das Lied nicht. Es  ist  ungewöhnlich, dass Gründe, die zur Trennung führen, von einem zum anderen Tag auftreten. Meist ist die Trennung der Schlusspunkt einer langen Entwicklung. Hat er es nicht wahrgenommen? Gibt es heimlich einen anderen? Oder war die Trennung wirklich nicht vorherzuahnen? Auf jeden Fall ist er überrumpelt. Er weiß nicht wieso. Und sie erklärt sich auch nicht.
Plötzlich bin ich nicht mal mehr zur Hälfte der, der ich früher war
Eine dunkle Wolke hängt über mir
Quelle: arthur
So heißt es weiter im Lied. Die Liebe kann in die Unterwelt stürzen. Das erlebt der Sänger jetzt. Er verfällt in herzzerreißenden Liebeskummer. Er hat seine Ergänzung, seine bessere Hälfte verloren. Finstere Wolken betrüben seine Seele. Er flüchtet sich in die Erinnerung. Er denkt an die Tage, als ihre Liebe ohne Risse war. Voller Licht und Wärme. Leicht, wie ein Spiel aus alten Kindertagen. Er erinnert sich zurück an die Tage, als die Liebe ihn in den Himmel gehoben hat. Mit den Worten des Liedes:
Gestern war die Liebe so ein einfaches Spiel.
Jetzt brauch ich einen Ort, an dem ich mich verstecken kann.
Oh, ich glaube an Gestern.
Er sucht einen Ort, an dem er sich verstecken und Zuflucht finden kann. Dieser Ort ist das Gestern. Er flüchtet in die Vergangenheit. In die Melancholie. In die wehmütige Erinnerung an Tage leicht wie der Himmel.
Wenn man verlassen wird, wenn man mit einem Verlust zurechtkommen muss, dann braucht man einen Schutzraum. Einen Raum, in den man sich flüchten kann. Einen Ort, an dem man seine Wunden lecken kann. An dem man weinen kann. Einen heilen Raum voller Erinnerungen und Wärme. Die Erinnerung hat eine leuchtende Seite. Sie kann ein angenehmes Gefühl vermitteln. Kann aufrichten. Kann trösten.
Für eine Zeitlang ist das nötig und gut. Wenn man gar einen Partner durch Tod verliert, spricht man im Volksmund von einem "Trauerjahr": Man braucht ein Jahr einen geschützten Rückzugsraum, manchmal länger. Aber für immer? Soll der Rest des Lebens auf die Vergangenheit fixiert sein? Soll man fortan rückwärtsgewandt leben? Kann man wirklich an das Gestern glauben, wie es am Schluss des Liedes heißt? Haben die Beatles nicht noch eine andere Antwort?
Hierzu möchte ich mit Ihnen ein anderes Lied betrachten. Wir singen „Let it be“.

Teil 2: Let it be

Das Verhältnis der Beatles zur christlichen Religion ist schillernd. 1966 sagte der Sänger John Lennon in einem Interview: Die Beatles seien berühmter als Jesus. Ein Sturm der Entrüstung folgte. Im protestantischen Bibelgürtel der USA wurden Beatles-Alben öffentlich verbrannt. Der Vatikan war sehr verärgert. Vor 5 Jahren übrigens verzieh der Vatikan John Lennon. Die Vatikanzeitung schrieb: Die Bemerkung von damals sei wohl nur der Übermut eines Jugendlichen gewesen, der "ganz überwältigt war von einem unerwarteten Erfolg". Zudem lobte der Vatikan die Songs der Beatles, die Zeiten überdauert und Generationen von Musiker inspiriert hätten. Die heutige Popmusik sei eher von schlechterer Qualität.
Auch Lennons Lied "Imagine" sorgte für Protest in christlichen Kreisen. Heißt es doch im Text: "Stell dir vor, es gäbe keine Religion." Lassen Sie uns Lennons Kritik jenseits der Schlagworte einmal genauer in den Blick nehmen. Liest man das umstrittene Interview im Zusammenhang, wird klar, dass seine Kritik sich nicht gegen Jesus, sondern gegen die Kirche wendet. Lennon sagte im Interview wörtlich: "Jesus war in Ordnung". Die Kirche aber habe seine Lehre verdreht. Ähnliche Kritik gibt es seit langem auch innerhalb des Christentums. Franz von Assisi beispielsweise, nachdem sich der Papst benannt hat, lebte vor 800 Jahren. Er warf der Kirche vor: Mit ihrem Reichtum verfälsche sie die Lehre Jesu. Diese Kritik müssen sich die reichen Kirchen auch heute gefallen lassen. Reichtum steht gegen Glaubwürdigkeit. Hat doch Jesus selbst gesagt: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher ins Himmelsreich.
„Stell dir vor, es gäbe keine Religion“, heißt es im Lied „Imagine“. Aus dem Zusammenhang wird deutlich, Lennon wendet sich gegen Gewalt im Namen der Religion. Ähnliches findet sich bei einem großen Theologen des 20. Jahrhunderts: Karl Barth kritisierte harsch die Religion. Hintergrund ist seine Erfahrung des 1. Weltkrieges: Die Religion verband sich mit dem Nationalstaat, um den Krieg religiös zu legitimieren. 1938, als Barth seine Religionskritik schrieb, schien sich manches zu wiederholen. Er wandte sich gegen die damalige evangelische Kirche, die sich in weiten Teilen erneut mit Nation, Rasse und Staat verbündete. Für Barth ist das Gotteslästerung. Heute ist das Verhältnis von Religion und Gewalt wieder hochbrisant. Es steht uns Christinnen und Christen aber gut an, nicht auf den Islam zu zeigen. Zuerst sollten wir vor der eigenen Haustüre kehren und auf unsere eigene Geschichte von Gewalt, Kreuzzügen und Hexenverfolgungen zeigen.

 

Das Verhältnis der Beatles zur christlichen Religion ist schillernd. Im Verlauf ihrer Entwicklung haben sich die Beatles immer mehr mit spirituellen Themen auseinandergesetzt. Alle Beatles hatten einen christlichen Hintergrund. McCartney und Lennon wurden beispielsweise nach den Aposteln Paulus und Johannes benannt. Das Lied "Let it be" atmet geradezu christliche Luft.
Wenn ich mich in  Zeiten der Not befinde
Erscheint mir Mutter Mary
Und spricht weise Worte:
Let it be.
Der Song beginnt mit der Erwähnung von "Mutter Mary". Manche Ausleger dachten dabei an die "Mutter Maria". Das ist so abwegig nicht bei der Atmosphäre, die das Lied verbreitet. Aber der Songwriter Paul McCartney erzählt folgende Geschichte, wenn er zur Bedeutung von  "Let it be" befragt wird: "In einer Nacht, als wir gerade in Konflikten wegen des Managements waren, und die Band im Begriff war sich aufzulösen, erschien mir meine verstorbene Mutter, Mary, im Traum und tröstete mich und sagte mir, loszulassen." Paul McCartney sagt aber auch, dass jeder das Lied frei interpretieren kann, ganz wie er möchte.
"Let it be" ist heute längst ein Klassiker geworden, und wie alle Klassiker hat es sich aus dem Kontext gelöst, der für seine Entstehung verantwortlich war. So wie viele derartige Lieder, die man mitzusingen imstande ist, ohne zu wissen, wo sie eigentlich herkommen und wann sie entstanden sind.
Auch wenn im Song mit " Mutter Mary" ursprünglich nicht Mutter Maria, sondern Paul McCartneys eigene, früh verstorbene Mutter gemeint war, ist der Text voll religiöser Untertöne. Mehr noch: "Let it be“ ist voll von Bibelzitaten. Dies möchte ich Ihnen kurz aufzeigen:
Wenn ich mich in Zeiten der Not befinde.
Diese erste Textzeile von "Let it be" zitiert relativ unverhohlen den ersten Vers des 10. Psalms:
"Herr, warum stehst du so ferne, verbirgst dich zu Zeiten der Not?"
Später heißt es dann in „Let it be“:
Und wenn die Menschen in der Welt, die gebrochenen Herzens sind, zustimmen
Der Ausdruck "die zerbrochenen Herzens sind" findet sich häufig in den Psalmen. Das Bild spielt auch auf die Antrittspredigt Jesu in Nazareth an. Es heißt in Lukas 4, Vers 18 über Jesus:
"Der Geist des Herrn ist auf mir. Der Herr hat mich gesalbt, er hat mich gesandt, zu verkündigen das Evangelium den Armen und zu heilen die zerbrochenen Herzens sind."
In der letzten Strophe von „Let it be“ heißt es schließlich:
Und wenn die Nacht voll Wolken ist, so ist da doch ein Licht, das auf mich scheint.

Quelle: Dr. Manfred Schneider
Dieser Vers spielt auf zwei Bibelstellen an, die im Weihnachtsgottesdienst gelesen werden. Da ist zunächst die Lichtmetapher des Propheten Jesaja, Kapitel 9 Vers 1:
"Das Volk das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht; und über denen, die da wohnen im finstern Land, scheint es hell."
Der Beatles-Song spielt aber auch auf den Beginn des Johannes-Evangeliums an. Es heißt dort in Kapitel 1 Vers 5 über Jesus, das Licht der Welt:
"Das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht ergriffen"
Die wörtlichen Übereinstimmungen sind noch augenscheinlicher, wenn man den englischen Liedtext mit der englischen Standard-Bibel „King James“ vergleicht. Indes, es bleibt nicht bei textlichen Anspielungen, wenn man nach religiösen Untertönen in "Let it be" fahndet. Auch musikalisch gibt es durchaus Assoziationen, die in Richtung Kirchenlied verweisen. Allen voran der Klang der Orgel, der sich ab der zweiten Strophe zum Klavier gesellt.

Wenn ich mich in  Zeiten der Not befinde
Erscheint mir Mutter Mary
Und spricht weise Worte:
Let it be.
Die weisen Worte Marys lassen sich nicht ganz einfach übersetzen. "Let it be" heißt so viel wie: Nimm es dir nicht so zu Herzen! Lass es gut sein! Lass los! Lass es geschehen!
Beim Song "Yesterday" hatte ich gefragt, ob die Beatles auf Leid nur die Antwort haben: Lebe in der Erinnerung, im Gestern. "Let it be" gibt eine ergänzende Antwort. Es kommt der Augenblick, in dem du loslassen musst.  Das Leid und die Sorgen loslassen. Dich nach vorne orientieren musst.
Ich höre den Zwischenruf schon: Das klingt alles schön und gut! Locker flockig wie ein Popsong. Doch wie kann man loslassen? Woher die Kraft dazu nehmen?
Der Song drückt sich nicht um eine Antwort, wenn man genau hinschaut.
Und wenn die Nacht voll Wolken ist,
so ist da doch ein Licht, das auf mich scheint.
Scheint bis der Morgen kommt
Der Song verweist auf eine geheimnisvolle Welt des Lichtes, die uns umgibt. Auch wenn man das Licht hinter den dunklen Wolken der Nacht nicht sieht: So scheint es doch! Bis des Morgens die Sonne wieder aufgeht, scheint dieses seltsame Licht in der Nacht. Es kann Licht bringen in die dunklen Fragen des Herzens.
Und doch, ich weiß, es gibt auch die andere Erfahrung in unserem Leben: Manche dunkle, wolkige Nacht muss man aushalten. In der Hoffnung, dass das Licht scheint, auch wenn man es nicht sieht. Manche bittere Frage muss man loslassen, ohne je eine Antwort zu erhalten. Manche finstere Erfahrung muss man stehen lassen, ohne ein Warum zu hören.
Der Beatles-Song sagt freilich noch mehr: In dieser geheimnisvollen Welt des Lichts leben die Menschen, die einen festen Platz in unserem Herzen haben und schon von uns gegangen sind. So wie Mary, die verstorbene Mutter des Songwriters. Sie kommunizieren aus dieser Welt im Traum mit uns. Sie trösten. Und sie verweisen auf ein Licht, das uns hilft zu leben.
Dieses menschenfreundliche Licht kann nur ein göttliches Licht sein. Und die geheimnisvolle Welt der Lichtgestalten kann nur eine himmlische Lichtsphäre sein. So verstehe ich zumindest das Lied. Die göttliche Lichtkraft lässt Antworten aufleuchten in den finsteren Fragen unseres Herzens. Sie gibt uns Kraft, loszulassen. Das menschenfreundliche Licht scheint jenen, die in der Finsternis leben. Es heilt jene, die zerbrochenen Herzens sind. Mit den Worten des Theologen Dietrich Bonhoeffer: Wir sind von guten Mächten geheimnisvoll umgeben und wunderbar behütet.
Und wenn die Nacht voll Wolken ist,
so ist da doch ein Licht, das auf mich scheint.
Scheint bis der Morgen kommt.
Amen.


 
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