Fußball

Fußball und Religion - Fußball-Gottesdienst

Sonntag, 10. Juli 2016, 11 Uhr, Heiliggeistkirche
 
Gottesdienst zum Thema "Fußball und Religion" am Tag des Endspiels der Europameisterschaft
Musik: Beetween the Times

Artikel in der Rhein-Neckar-Zeitung von Daniela Biehl am 11.07.2016

Mit dem Trikot in die Kirche - Am Tag des EM-Finales lud die Citykirche Heiliggeist zu einem ungewöhnlichen Fußballgottesdienst  

Quelle: Citykirche
Sie sitzen in der ersten, vierten und siebten Reihe,links vor der Kanzel, und rechts an den Säulen: die Fußballverrückten in ihren Trikots, mit Fähnchen und einer sogar mit Frankreichtattoo. Ein ungewöhnlicher Anblick in der Heiliggeistkirche.Zumal Deutschland ja längst nicht mehr dabei ist, bei dieser Europameisterschaft. „Aber die Deutschen und Fußball? Das ist eben eine Liebe“, weiß Vincenzo Petracca, der Pfarrer der Citykirche. Und hat sich – für diesen Fußballgottesdienst– fest vorgenommen, das Spiel zu erkunden, „um jene in die Kirche zu kriegen, die selten kommen“. Was passt also besser, als gleich einen zu interviewen, der es wissen muss: Uli Lieber, der Schulleiter der Julius-Springer-Schule.

Und der war schon als Kind, so richtig aktiv: „Bei der Pforzheimer Jugend“, sagt er. „Wie die meisten habe ich geträumt, ein Fußballstar zu werden, aber es sollte nicht sein.“ Seinem Lieblingsverein, den Hoffenheimern, ist er trotz dem treu geblieben. Und die EM? Wie beurteilt er die, will Petracca wissen. „Das bessere Team hat gegen Frankreich verloren“, scherzt der Schulleiter und zieht eineLiniebishinzuWalesundIsland:„Es ist doch so: Wir lieben Fußball, weil die Spiele spannend sind, wir so mit vielen ins Gespräch kommen, und es fast einen Zauber hat, die Isländer und Waliser so begeistert zu sehen.“ Großes Nicken unter den Gottesdienstbesuchern. Und schon hat Petracca die nächste Frage gestellt: Was hat Fußball mit Religion zu tun?„Ich denke, im Fußball kann keiner allein das Spiel gewinnen – und im Glauben niemand allein Christ sein.“

Quelle: Citykirche
Ein ähnlicher Gedanke trieb auch den Pfarrer um: „Mannschaft, Zusammenspiel, Zusammenhalten – das ist essenziell, im Sport wie in der Religion.“ Die Rituale, die Gesänge, all das drücke schon eine große Euphorie, ein Gemeinschaftsgefühl aus. Ist also der Fußball die neue Religion? Es scheint zumindest so, bei all den Medienberichten, die Petracca zitiert: „Elfmeterheld Neuer titanisiert.“ Oder: „Nach Niederlage schrieb man, Boateng sei der Jesus im Grabtuch.“ Für die Presse, da ist sich Petracca sicher, schimmern Spieler wie Trainer immer zwischen „Engel und Teufel.“ Und gar nicht gern lesen mag er so etwas wie Fußballgott: „Das klingt, als gebe es verschiedene Götter.“
Interessant auch, was Petracca über die Spieler zutage brachte. Sie alle scheinen irgendwo mit dem Glauben verwurzelt zu sein. Ob nun Podolski als „überzeugter Katholik“ oder Boateng mit zig Tattoos von Jungfrau Maria, dem Kreuz oder dem englischen Spruch „Nur Gott kann mich richten.“

Worauf der Pfarrer hinaus will: „Da gibt es Verbindungen in alle Richtungen.“ Ja, auch im negativen, gewaltvollen Sinne. „Sind die Hooligans nicht wie unsere religiösen Fundamentalisten?“, fragt er seine Besucher – und fährt gleich fort. „Wenn sie Begeisterung für Hass und Selbstzerstörung ausnutzen, gerät die Völkerverständigung zur Farce.“ Denn eigentlich – und so schließt Petracca mit seiner Predigt – sei Fußball doch ein großes Projekt der Begegnung. Deshalb hatte er auch alle 24 Flaggen der Teams hinter dem Altar aufgehängt. Deshalb sang sich Angelas Curia während des Gottesdiensts auch einmal durch die Nationalhymnen der beteiligten Länder, stets begleitet von Ralf Kopp an der Trompete und Christoph Schäfer am Keyboard. Und stets unglaublich dunkel und klar in der Stimme.
 

Ansprache von Pfarrer Vincenzo Petracca

Liebe Fußballfans, liebe Gemeinde,
neongrelle Schuhe sind der Hit auf dem Rasen. Sie gehören mittlerweile zum Fußball wie Tore, Fouls und Elfmeter. Aber, was glauben Sie? Welche Fußballschuhe trägt denn Jesus? Ich verrate es Ihnen: Christstollen.
Scherz beiseite. Heute ist der Schlusstag der Europameisterschaft. Da lohnt es sich, auch in einem Gotteshaus genauer über Fußball nachzudenken. Erstmals nehmen 24 Länder an der EM teil. UEFA Euro 2016, wie sie offiziell heißt. Ein sportliches Fest der Nationen und des gegenseitigen Respekts. Als Zeichen der Völkerverständigung hängen im Altarraum die Fahnen der Länder. Gastgeber dieses europäischen Sportfestes ist Frankreich.
Französische Nationalhymne wird gesungen

Oft hat man Fußball mit Kult und Religion verglichen. Und dies hat seinen guten Grund, im Interview hörten wir schon etwas hierzu.
Die Abläufe des Fußballs haben festgelegte Zeremonien: Rituale des Ankommens, der Einstimmung. Bereits vor dem Spiel ertönen begeisterte Gesänge. Wenn der Stadionsprecher die Spieleraufstellung verkündet, huldigen die Zuschauer applaudierend die Namen ihrer geliebten Ballzauberer. Dann die andächtige Konzentration durch das Erklingen der Nationalhymne. Berührend auch die Schweigeminute vor dem Spiel Deutschland - Italien. Man gedachte der italienischen Terroropfer in Bangladesch. Erst nach diesen Momenten der Einkehr ist die Fußballgemeinde reif für das Spiel mit dem Ball.
Auch während des Spiels gibt es Jubelgesänge von vielen tausend stimmgewaltigen Fans. Sie erinnern an das Gloria oder an Hallelujah-Hymnen. Huh, die Klatsch-Choreographie der Isländer klingt wie ein Ritual aus der Wikinger-Zeit. Andere Mannschaften übernehmen dieses Jubel-Ritual. Es versinnbildlicht diese EM. Eindrücklich auch die geradezu orgiastische Begeisterung des isländischen Reporters nach dem Sieg Islands über England.
Isländische Nationalhymne wird gesungen

Das Spiel England gegen Island bleibt mir auch wegen einer zweite Sache in Erinnerung: Der slowenische Schiedsrichter bekreuzigte sich nach seinem Schlusspfiff. Ein Schiedsrichter hat die himmlische Hilfe wohl besonders nötig, schoß es mir durch den Sinn. Er ist der große Sündenbock auf dem Fußballplatz. So wie für viele am Donnerstag. Der Mann mit der Trillerpfeife soll Fairness garantieren, macht es aber nur selten allen recht.
Die Spieler selbst schimmern in der Presse zwischen Messias- und Fluchgestalten. Je nach Spielverlauf. Man konnte lesen: „Elfmeterheld Neuer titanisiert Italien-Fluch“. Nach der Niederlage wurde „Schweini“ umbenannte in „Weini“. Und Boateng wurde zu „Jesus mit dem Grabtuch“.
Es gibt noch einen zweiten großen Sündenbock auf dem Feld. Der Trainer ist wie ein Priester, dessen Rang freilich zwischen Engel und Teufel pendelt. Er ist der öffentlichen Gerichtsbarkeit freigegeben: Die Presse hält ihn entweder für genial oder blöd, für verflucht oder magisch. Er ist der hochbezahlte Sündenbock, der stellvertretend geopfert wird, wenn die Spieler versagen. Oder wenn das Glück versagt bleibt.
Der Zufall spielt im Fußball überhaupt eine große Rolle. Da kann eine Mannschaft ins Finale einziehen mit einem einzigen Turniersieg in der regulären Spielzeit. Eine andere scheidet trotz eines glänzenden Spiels tragisch aus. Früher warf man die Münze, wenn nach der Verlängerung das Spiel noch unentschieden stand. Heute gibt es Elfmeterschießen. Und manchmal braucht es die Lotterie von 18 Elfmetern, bis das Weiterkommen entschieden ist. Statt Zufall sprechen manche vom „Fußball-Gott“. Ich finde das keine glückliche Formulierung! Es klingt, als gäbe es verschiedene Götter. Für mich gibt nur einen Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat und alles in seiner Hand hält. Den Ball, die Tore, die Fans. Und auch den Zufall.
Apropos Fans. Beim diesem Thema darf man die Hooligans nicht ausblenden. Sie prägten den Beginn dieser EM. In der Zeitung konnte man von der „EM der Gewalt“ lesen. Hooligans ähneln religiösen Fundamentalisten: Missbrauchte Begeisterung drückt sich in Gewalt, Hass und Selbstzerstörung aus. Fehlgeleitete, die ihre Mannschaft und die ganze EM in Verruf bringen. Die Völkerverständigung gerät zur Farce.
Auch der Fußball hat Fest- und Feiertage, die die Fangemeinde in Andacht und Hoffnung versammeln: Champions League, Pokalfinale, Europameisterschaft. Und heute der Tag der Tage: der Endspieltag. Solche Feiertage rhythmisieren das Leben der Fans und unterbrechen den Alltag. Die Frage nach nationaler Identität wird neu formuliert und die Antwort auf die Füße des Schützen gelegt.
Portugiesische Nationalhymne wird gesungen

Quelle: Citykirche
Aber, was ist denn eigentlich so faszinierend am Fußball? Fußball beruht auf einer Unzulänglichkeit des Menschen. Die Hand kann den Ball halten und greifen. Nicht so der Fuß. Er kann den Ball nicht so kontrollieren wie die Hand. Der Fuß ist also das Problem beim Fußball. Er kann mit dem Ball meist nicht exakt das tun, was der Kopf will. Ballzauberer versuchen das zu überwinden. Im Fußball geht es um einen rund 150 Jahre alten Menschheitstraum: Den Ball doch der Kontrolle des unbeholfenen Fußes zu unterwerfen. Aber der Ball, er dreht sich. Er lässt sich letztlich nicht vom Fuß kontrollieren. Das ist der Liebreiz des Fußballs. Und auch eines Europaturniers: Wer am Ende siegt, steht am Anfang des Turniers noch gar nicht fest. Außenseiter wie Island und Wales beherrschten die K.o.-Runde.

Neben dem physischen Reiz gibt es einen psychologischen. Der psychologische Reiz des Fußballs liegt wohl darin, dass in diesem Spiel unser Leben abgebildet wird. Jemand hat einmal gesagt: „Fußball ist die Inszenierung von Zufall in einem nicht zufälligen Rahmen“. Kraft, Leistung und Können sind nur zum Teil ausschlaggebend. Es gewinnt nicht immer der Bessere, sondern oft genug der Glücklichere. Da gibt es die absurdesten Glücksfälle. Und schmerzhaftesten Pechsträhnen. Da gibt es ungerechtfertigte Strafstöße. Böse Fouls. Und tragische Handelfmeter in der Nachspielzeit. - Ist es nicht manchmal ähnlich in unserem Leben? Im Fußball geht es um Sieg. Aber nicht nur! Es geht genauso um die Frage, wie werde ich mit einer Niederlage fertig. Eine Frage, die die „Mannschaft“ und ganz Fußballdeutschland gerade umtreibt. Passen Sie mal bei der Fernsehberichterstattung auf: Nach dem Spiel werden die weinenden Verlierer fast genauso lang gezeigt wie die Gewinner. Ergreifend fand ich den Moment nach dem Elfmeterdrama, als der geschlagene Torhüter Gigi Buffon mit Tränen in den Augen dem Sieger Manuel Neuer gratulierte. Größe - auch in der Niederlage! Fairness - auch in der bitteren Enttäuschung!
Niederlagen. Die Bibel sagt: Gerade in den Niederlagen kommt uns von Gott Kraft und Halt zu! Er gibt uns Rückgrat, so dass wir auch in der Niederlage den Kopf hoch halten können. Er bleibt an unserer Seite, gerade wenn die Niederlage uns vereinsamen lässt. Er gibt uns Stärke, damit wir mit Würde einen Misserfolg tragen können. Er begleitet uns nicht nur in den Höhen, sondern auch und gerade in den Tiefen. Das ist das Versprechen, das Jesus zu Beginn des Gottesdienstes gab: „Ich bin bei euch alle Tage!“ Der Vers ist der Zentralsatz des Matthäusevangeliums. Dieses Evangelium regt im Business Fußball zum Nachdenken an: Was sind die echten Siege? Was die echten Niederlagen? Im 16. Kapitel heißt es dort (Mt 16,26): „Was hat ein Mensch davon, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber dabei das ewige Leben verliert?“ Was sind die wahren Siege, was die wahren Niederlagen? Der christliche Mystiker Angelus Silesius antwortet darauf: „Hat man gelernt gelassen zu sein, angesichts von Verlust, von Gewinn, von Freude, von Schmerz – so hat man nicht umsonst gelebt“ Oder auf fußballerisch, mit den Worten des Sportdirektors des DFB, Hans Flick: „Mein Glaube an Gott treibt mich an, immer am Ball zu bleiben und mein Bestes zu geben. Er schenkt mir aber auch Kraft, mit Niederlagen umzugehen.“
Übrigens, für viele deutsche Nationalspieler ist Glaube ein Thema.
Deutsche Nationalhymne wird gesungen

Quelle: Citykirche
Glaube und deutsches Nationalteam. Der Kapitän Schweinsteiger sagt: „Ich glaube einfach, dass Gott mit im Spiel meines Lebens ist.“ Und andere? Podolski ist überzeugter Katholik. Sein Motto: Gott glaubt stets an dich, also verliere auch du nie den Glauben an dich! Boatengs Glaube geht buchstäblich unter die Haut. Als überzeugter Christ hat er sich gleich drei religiöse Motive tätowieren lassen: die Jungfrau Maria, ein Kreuz mit betenden Händen sowie auf Englisch den Spruch: „Nur Gott kann über mich richten!“ Er engagiert sich in verschiedenen Projekten, um Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen. „Du musst mit dem Herzen dabei sein - das gilt im Fußball und für all das, für das man sich engagiert. Mein Motto lautet dabei: Lieber ein Zweikampf auf dem Platz als auf der Straße. Mit dem Herzen dabei zu sein, heißt für mich auch nicht nur einfach Geld zu geben. Ich will spüren, wofür ich mich einsetze. Um etwas zu erreichen, ist Teamwork notwendig.“ - Ich kann nur hinzufügen: Ich hätte gern solch einen Nachbarn! Diese EM hat einmal mehr gezeigt, wie bunt und multikulti heute Deutschland ist.
Auch andere setzen sich für Kinder ein. Hummels für die katholische Hilfsaktion „Kinder in Not“. Manuel Neuers Bruder ist Theologe. Er selbst bedauert, dass er als Profi nicht mehr regelmäßig zum Sonntagsgottesdienst gehen kann. Auch er unterstützt ein christliches Projekt gegen Kinderarmut. Thomas Müller ist ehemaliger Ministrant und findet, dass die kirchlichen Traditionen „für die Gesellschaft sehr wichtig“ sind. Auch Gomez war früher Ministrant. Er bekennt heute: „Ich glaube an etwas, dass da oben ist, sonst hätte ich es sicher nicht so weit geschafft!" Draxler hat nur 2 Bücher in seinem Regal stehen, eines davon ist die Bibel. Götze überraschte auf seiner Facebook-Seite mit der Aussage: „Lieber Gott, ich möchte mir eine Minute Zeit nehmen. Nicht, um Dich um irgendwas zu bitten. Sondern einfach, um Danke zu sagen für alles, was ich habe.“ Özil macht keinen Hehl aus seinem islamischen Glauben. Er betet vor jedem Spiel in der Kabine und auf dem Rasen. Khedira ist ebenfalls Muslim. Er gesteht aber wie Özil, als Profi im Ramadan nicht alle Gebote einhalten zu können.
Und noch einen früheren Ministranten gibt es im Team: den Trainer der - auch religiösen - Multi-Kulti-Truppe, „Jogi“ Löw. Gott ist für ihn die höhere Weisheit und eine Form von Liebe und Uneigennützigkeit. Er betont: Der Glaube „gibt mir die Zuversicht, dass es stärkere Kräfte im Menschen gibt als den Egoismus. Denn mit Selbstsucht lässt sich kein Blumentopf gewinnen - das gilt für den Mannschaftssport genauso wie für die Zeit nach dem Schlusspfiff.“ Amen.
Nach den nationalen Hymnen wollen wir nun die evangelische Hymne singen: Ein feste Burg...

 
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