Geschichte

der Heiliggeistkirche

Geschichtlicher Überblick

Die Heiliggeistkirche ist die evangelische Hauptkirche Heidelbergs. Sie wurde 1398 – 1441 erbaut. Der Heilige Geist ist die Kraft und die Liebe Gottes, die in der Welt wirkt.
 
Quelle: Universitätsbibliothek Heidelberg
Im Vorgängerbau wurde 1386 die Universität gegründet. Als Universitätskirche verkörperte sie die Verbindung von Glaube und Wissenschaft. Sie beheimatete auf ihren Emporen die sogenannte Bibliotheca Palatina. Die Bibliothek war eine der größten des Abendlandes und wurde 1623 im Auftrag des Papstes geraubt.
Die Heiliggeistkirche diente als Grabeskirche der Kurfürsten. Sie sind heuet beim Altar beigesetzt.
 
Die Heiliggeistkirche ist der Geburtsort des Heidelberger Katechismus. 1563 entstand der Katechismus durch Zacharias Ursinus, einem Schüler Melanchthons. Er ist weltweit die bedeutendste Bekenntnisschrift der reformierten Kirche.
 
Quelle: ekihd
Verschiedene Konfessionen stritten bis ins 20. Jahrhundert um die Kirche. Rund zweihundert Jahre war die Kirche durch eine Trennmauer in einen katholischen und einen evangelischen Kirchenraum gespalten. Erst 1936 fiel diese Trennmauer unter Pfarrer Hermann Maas.
Pfarrer Maas setzte sich unermüdlich für die Verständigung zwischen den Religionen ein, während der nationalsozialistischen Diktatur wurde er unter großem persönlichen Einsatz zum Helfer und Retter für zahllose Jüdinnen und Juden.
 

Zeittafel

13. Jhd.               Romanische Basilika "Zum Heiligen Geist"
Um 1300             Wahrscheinlich nach Brand Ersetzung durch gotische Saalkirche
1386                   Gründung der Universität (im Vorgängerbau)
1398-1441           Erbauung der heutigen gotischen Kirche als Universitäts-
                           und kurfürstliche Grabeskirche durch König Ruprecht,
                           Bibliotheca Palatina auf den Emporen
1518                    Martin Luther besucht die Heiliggeistkirche
1546                    Erster evangelischer Gottesdienst
1557                    Ottheinrich führt die Reformation ein, Heiliggeist wird lutherisch
1559                    Unter Friedrich III. wird die Kirche reformiert
1563                    Heidelberger Katechismus
1622/23               Raub der Bibliotheca Palatina durch Tilly
1693                    Zerstörung der Kirche durch die Franzosen
1706                    Trennmauer wird gebaut, als Simultankirche genutzt
1886                    500. Universitätsjubiläum, Mauer wird ab- und wieder aufgebaut
1915-1943           Hermann Maas ist Heiliggeistpfarrer
1936                    Mauer fällt, Kirche wird als Ganzes evangelisch
1986                    Palatina-Ausstellung 

Universitäts- und kurfürstliche Grabeskirche

Quelle: Dr. Manfred Schneider
Hl. Geist als Taube an der Kanzel
Die Heiliggeistkirche ist die evangelische Hauptkirche Heidelbergs. Kaum eine Kirche im Südwesten Deutschlands hat eine so bewegte, schicksalsträchtige Geschichte.
Bereits 1239 wurde in einer Urkunde des Klosters Schönau eine Kapelle "Zum Heiligen Geist" am Marktplatz erwähnt. Die heutige Heiliggeistkirche wurde 1398 – 1441 erbaut. Der Heilige Geist ist die Kraft und die Liebe Gottes, die in der Welt wirkt. 

1. Juli 1400: König Ruprecht (1398-1410) erwirkt von Papst Bonifatius IX. in der Bulle "motu proprio" die Befreiung der Heiliggeistkapelle aus dem Parochialverband mit der Peterskirche, erhebt sie zur Stiftskirche mit einem Dekan für die vorgesehene Anzahl von Kanonikern und stattet sie mit vier Pfründen der Marienkirche zu Neustadt/Hardt aus. Damit wird die Heiliggeistkapelle zur kirchenrechtlich selbständigen Pfarrkirche. Der König lässt einen Neubau errichten, die heutige Heiliggeistkirche.
 
Die Heiliggeistkirche diente als Universitäts- und Grabeskirche. Die Kurfürsten sind beim
Quelle: Dr. Manfred Schneider
König Ruprechts Grabmal
Altar beigesetzt. Von den 54 kurfürstlichen Grabmalen ist nur noch das Grabmal des Erbauers der Kirche, König Ruprecht von der Pfalz, und seiner Frau Elisabeth von Hohenzollern erhalten. Die Inschrift lautet: "Rupert römischer König, dieses Chors und Collegs Gründer". Ruprecht war der einzige römisch-deutsche König Heidelbergs. Kurioserweise wurde er doppelt gekrönt: 1401 in Köln und 1407 in Aachen. Er starb 1410 und wurde in der Heiliggeistkirche beigesetzt. Zu Lebzeiten hatte er an der Kirche ein Stift gegründet, das dem Totengedenken seiner Familie gewidmet war und der Universität einen Mittelpunkt geben sollte.
Beim pfälzischen Erbfolgekrieg (1693) wurde die Kirche von den Franzosen in Brand gesteckt und die Gebeine der Kurfürsten auf den Markt geworfen. Später wurden sie wieder in der Kirche beigesetzt.
 
Quelle: Universitätsbibliothek Heidelberg
In der Heiliggeistkapelle wurde am 18. Oktober 1386 die Heidelberger Universität gegründet. Sie ist die älteste Universität Deutschlands. Die Eröffnung geschah durch einen Festgottesdienst und am folgenden Tag durch drei Vorlesungen in der Kirche: Titusbrief, Physik von Aristoteles und Logik. Die heutige Heiliggeistkirche war Stiftskirche der Universität und Ort der Bibliothek. Bis ins 19. Jahrhundert blieb sie Universitätskirche, ihre Tür diente als Schwarzes Brett der Universität. Als Universitätskirche verkörperte sie die Verbindung von Glaube und Wissenschaft.
 

Bibliotheca Palatina

Quelle: Dr. Manfred Schneider
Auf den Emporen war die Bibliotheca Palatina untergebracht
Die Heiliggeistkirche beheimatete auf ihren Emporen die berühmte "Bibliotheca Palatina". Der bibliophile Kurfürst Ludwig III., Sohn König Ruprechts, legte bereits den Grundstock. Er verfügte in seinem Testament, dass neben den Büchern aus einer Schenkung auch seine eigene Bibliothek dort untergebracht und der Universität zur Verfügung gestellt wurde. Im Laufe der Zeit wurde die Bibliothek durch Stiftungen der Kurfürsten erweitert. Besonders Kurfürst Ottheinrich, der alle Kurfürsten an Sammelleidenschaft übertraf, erwarb zahlreiche Bibliotheken ehemaliger Klöster, insbesondere des Klosters Lorsch, und ergänzte die Palatina. Er sorgte auch für einen jährlichen Erwerbungsetat. Auf Frankfurter Buchmessen wurden seitdem systematisch Bücher angekauft. Als zudem der zum Protestantismus konvertierte Ulrich Fugger  nach Heidelberg übersiedelte, stiftete er der Palatina zahlreiche Bücher.
 
Quelle: Universitätsbibliothek Heidelberg
Falkenbuch: Friedrich II. mit seinem Falken
Die Palatina umfasste damals das gesamte Wissen der Zeit und war die kostbarste Bibliothek des Abendlandes. Man nannte sie die "Mutter aller Bibliotheken". Sie enthielt als Kettenbibliothek rund 6000 Bücher und 3500 Handschriften. Zu den berühmtesten zählt das Zweitexemplar des  verlorenen Falkenbuchs des Stauferkaisers Friedrich II. (Manfredkopie, Unteritalien, 1258-1266) und der Sachsenspiegel (Heidelberg, um 1300).
Das Spektrum der Universitätsbibliothek reichte vom antiken Vergil über Hauptzeugnisse der karolingischen wie der makedonischen Renaissance bis zu äthiopischen Handschriften und chinesischen Drucken.
 
Indem Friedrich V., der Winterkönig, nach der böhmischen Krone griff, löste er den katastrophalsten und folgenreichsten Krieg der Neuzeit aus: den 30jährigen Krieg. Drei Jahrzehnte lang brachte er Finsternis über Deutschland und die Nachbarstaaten: Krieg, Hunger und Pest. Die Kurpfalz traf es besonders hart. Über die Hälfte der Bevölkerung starb. Heidelberg, die Residenzstadt, wurde erobert, geplündert und halb niedergebrannt. Dabei raubte Tilly die Bibliotheca Palatina im Jahr 1623 im Auftrag des Papstes, und sie wurde der Vatikanischen Bibliothek einverleibt.
 
Nur die 847 deutschen Handschriften wurden 1816 im Rahmen des Wiener Kongresses der Universitätsbibliothek Heidelberg zurückgegeben.
1986 kamen zum 600. Gründungsjubiläum der Universität viele Bücher für eine einmalige Ausstellung vom Vatikan in die Heiliggeistkirche zurück.
 

Heidelberger Katechismus

Quelle: Citykirche Heiliggeist
Die Heiliggeistkirche ist der Geburtsort des Heidelberger Katechismus. 1563 entstand dort der Katechismus durch Zacharias Ursinus, einem Schüler Melanchthons, im Auftrag des Kurfürsten Friedrich III. Zu der Zeit stieg Heidelberg zum mondänen Zentrum der calvinistischen Welt auf, zum Genf des Nordens.
Der Heidelberger Katechismus ist weltweit die wichtigste Bekenntnisschrift der reformierten Kirche. Er wurde in über 40 Sprachen übersetzt und auf der Synode von Dordrecht (1619) zum Bekenntnis aller Reformierten erklärt.
Auf die Frage: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“, antwortet er: „Dass ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre."
 
Quelle: Dr. Manfred Schneider
Im pfälzischen Erbfolgekrieg wurde die Heiliggeistkirche am 22. Mai 1693 zerstört. Französische Truppen eroberten Heidelberg, zerstörten das Schloss und plünderten die Stadt. In der Kirche schlossen die Soldaten Hunderte von Menschen ein, dann ging die Kirche in Flammen auf. Dem Inferno konnten die Eingeschlossenen nur dank des beherzten Einsatzes des jungen, reformierten Pfarrers Johann Daniel Schmidtmann entgehen, der die französischen Offiziere bewegte, die Türen zu öffnen. Nach Verlöschen des Brandes schändeten die Soldaten die Fürstengräber und raubten sie aus. Der Wiederaufbau der Kirche begann 1698 und dauerte bis 1705.

Trennmauer in der Kirche

Quelle: Dr. Manfred Schneider
In der Heiliggeistkirche wurde lange vor der Reformation bereits deutsch gepredigt. Obwohl Martin Luther im April 1518 die Heiliggeistkirche besuchte und in der Heidelberger Disputation seine 95 Thesen öffentlich verteidigte, konnte sich die Reformation zunächst in Heidelberg nicht durchsetzen. Der erste evangelische Gottesdienst wurde in der Heiliggeistkirche im Jahre 1546 gefeiert, aber erst Kurfürst Ottheinrich führte 1557 die Reformation offiziell ein. Die Heiliggeistkirche wurde lutherische Pfarrkirche.
Doch bereits sein Sohn Friedrich III. führte den reformierten Gottesdienst ein und verteidigte seinen Konfessionswechsel 1566 auf dem Augsburger Reichstag vor dem Kaiser erfolgreich. Er gab auch den Heidelberger Katechismus in Auftrag. Auf seine Anordnung gab es einen Bildersturm, bei dem Gemälde, Statuen, Hauptaltäre, Taufsteine und auch Orgeln in der Heiliggeistkirche entfernt oder zerstört wurden. Es war nur noch einstimmiges Psalmensingen erlaubt.
 
Quelle: Citykirche Heiliggeist
Langhaus mit Trennmauer
Fortan stritten verschiedene Konfessionen bis ins 20. Jahrhundert um die Kirche. Hin und her gerissen zwischen lutherischem, reformiertem, katholischem und altkatholischem Glauben wechselte die Kirche über zehnmal die Konfession.
Es waren Machtansprüche von Kurfürsten, die die Heiliggeistkirche 1706 in zwei Teile zerriss. Durch einen Dynastiewechsel wurden die katholischen Wittelsbacher pfälzische Kurfürsten und verordneten die Pfälzische Kirchenteilung, in deren Folge die Mauer gebaut wurde. Kurfürst Karl Philipp besetzte 1719 die Heiliggeistkirche mit Soldaten und ließ die Mauer niederreißen, denn er wollte die Heiliggeistkirche zu einem rein katholischen Gotteshaus machen. Die evangelischen Reichsstände schäumten, der Kaiser wurde eingeschaltet, und er zwang den Kurfürsten klein beizugeben, so dass die Mauer wieder hochgezogen wurde. 230 Jahre war die Kirche durch die Mauer in einen katholischen und einen evangelischen Kirchenraum gespalten und wurde als Simultankirche genutzt. Den Katholiken diente der Chorraum bis 1804 als Pfarrkirche, danach nur noch als Nebenkirche, ab 1874 diente er dann den Altkatholiken als Chorkirche. Das Langhaus war die Hauptkirche der Reformierten, ab 1821 der Unierten, denn in Baden schlossen sich die Reformierten und Lutherischen zu einer gemeinsamen unierten Landeskirche zusammen.
Zwar wurden die Trennmauer zum fünfhundertjährigen Universitätsjubiläum 1886 abgerissen, anschließend aber im aufgeheizten Klima des Kulturkampfes wieder aufgebaut. Erst am 24. Juni 1936 fiel die Trennmauer in der Heiliggeistkirche endgültig unter besonderem Engagement von Pfarrer Hermann Maas und der gesamte Kirchenraum wurde evangelisch.
 

Hermann Maas

Quelle: Dr. Manfred Schneider
Gedenktafel für Pfr. Maas im Chorraum
Pfarrer Hermann Maas (1877-1970, Heiliggeistpfarrer: 1915-1943) setzte sich unermüdlich für die Verständigung zwischen den Konfessionen und den Religionen ein. Während der nationalsozialistischen Diktatur wurde er unter großem persönlichen Einsatz zum Helfer und Retter für zahllose Jüdinnen und Juden. Er sagte: "Es genügt nicht den Juden zu helfen, obwohl sie Juden sind, sondern man muss ihnen helfen, weil sie Juden sind". Er wurden von den Nationalsozialisten als "Judenpfarrer" diffamiert, mit Schreib- und Redeverbot belegt und - von der badischen Kirche fallen gelassen - 1944 zur Zwangsarbeit nach Frankreich deportiert.
1950 wurde er als erster Deutscher nach dem Krieg offiziell nach Jerusalem eingeladen, und 1967 wurde in Yad Vashem ein Baum der Gerechten für ihn gepflanzt. In der Heiliggeistkirche und in der Heidelberger Synagoge hängen Gedenktafeln für ihn.
Der Hermann-Maas-Freundeskreis hält heute sein Erbe lebendig.
 

Radiobeitrag

Die Heiliggeistkirche in Heidelberg - Radiobeitrag in SWR2 "Journal am Mittag" in der Rubrik "Museumsführer" von Annette Lennartz am 18.05.2016 (3:44 min)

Quelle: www.swr.de

 
 
 

 
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