Kanzelrede

Personen aus Politik und Gesellschaft predigen

Kanzelrede

In der Reihe „Kanzelrede“ lädt die Citykirche jedes Jahr eine Persönlichkeit aus Politik und Wissenschaft ein, in der Heiliggeistkirche eine Kanzelrede zu halten.

Aktuell

Pfingstsonntag, 9.6.2019, 11 Uhr, Heiliggeistkirche

Prof. Jochen Hörisch, Literatur- und Medienwissenschaftler (Mannheim), hält diesmal die alljährliche Kanzelrede. Sein Thema ist „Geist und Kommunikation“.
 

Rückblick

Ministerin Theresia Bauer predigte in der Heiliggeistkirche

„Furcht tut nichts Gutes“

Theresia Bauer predigt in der Heiliggeistkirche – Ihr Wunsch: Bürger sollen sich aktiv einbringen

Artikel in der Rhein Neckar Zeitung am 24.7.2017 von Denis Schnur

Quelle: Karin Wilke
Politiker werden oft mit Kritik und Erwartungen überschüttet: Man müsse sich dringend um dieses Thema kümmern, heißt es in Anschreiben, Leserbriefen oder Sozialen Medien. Warum die Regierung jenes Problem verschlafe oder Entscheidungen wieder völlig in die falsche Richtung laufen. So wichtig dieser Input sein kann, die „Citykirche“ in der Altstadt dreht einmal im Jahr den Spieß um: Die Gemeinde lädt dann eine einen Politiker ein und bittet um eine Predigt unter dem Motto: „Was erwarten Sie von der Protestantischen Kirche?“ Schließlich kann Demokratie nur funktionieren, wenn Politik und Gesellschaft miteinander im Austausch stehen.

In diesem Jahr ging die Einladung zur Gastpredigt an Theresia Bauer. Die Grüne ist Landtagsabgeordnete für Heidelberg sowie seit sechs Jahren Landesministerin für Wissenschaft und Kultur – und weiß das Angebot der Gemeinde zu schätzen: „Ihre Bitte ist ein Geschenk für eine Politikerin“, betonte sie zu Beginn. Denn natürlich setze sie als Ministerin Hoffnungen in die Gläubigen – „und zwar keine kleinen“.

500 Jahre nach Martin Luthers Thesen-Anschlag schlug die 52-Jährige in ihrem Vortrag den Bogen von damals bis heute: „Luthers Zeit war geprägt von Ängsten“ – vor Krieg, Hunger oder der Furcht, dass man nicht gut genug sei für Gott. „Der Unterschied zu heute ist gar nicht so groß“, betonte die Ministerin. Die Themen seien nun andere, es gehe um Terror, Islamisierung, Naturkatastrophen oder „die Furcht, abgehängt zu werden in einer immer komplizierteren Welt“, aber auch heute spüre man eine Gereiztheit in der Gesellschaft. „Da ist es egal, ob diese Sorgen begründet oder diffus sind – sie sind da und wir müssen damit umgehen“, appellierte Bauer. Denn dort, wo Angst vorherrsche, seien Menschen anfällig „für ganz simple Parolen, für die Sehnsucht nach starker Führung“ und das gefährde die Demokratie.

„Ist da die Botschaft Luthers nicht unglaublich aktuell?“, fragte die Ministerin und zitierte den Reformator: „Furcht tut nichts Gutes. Darum muss man frei und mutig in allen Dingen sein und fest stehen.“ Damit kam Bauer auch zu den Erwartungen, die sie an die Kirche und ihre Mitglieder hat: Sie fordert Haltung und Zuversicht: „Wir dürfen den Kopf nicht in den Sand stecken vor den Zumutungen des Wandels.“

Quelle: Karin Wilke
Die Gläubigen sollen daher nicht nur mutig sein, sondern sich einbringen in politische Debatten. Schließlich sei Bauer überzeugt, dass demokratische Regierungen nie klüger oder mutiger seien als die Bürger. „Was erwarte ich also von Ihnen?“, schloss Bauer ihre gut 20-minütige Predigt, „dass Sie aktive Bürger unseres Landes sind, ich erwarte Zutrauen, dass wir gemeinsam Gutes schaffen können, Offenheit, Dinge neu zu denken und einen mutigen Einsatz für eine lebendige und vielfältige Gesellschaft.“

Damit schien sie bei den mehreren Hundert Gottesdienst-Besuchern, die gestern früh in die Heiliggeistkirche kamen, offene Türen einzurennen. Im Nachgespräch zeigte sich, dass sie die Visionen Bauers teilen – jedoch oft nicht wissen, wie sie sich konkret engagieren sollen. „Da muss man nicht lange suchen“, sagte Bauer mit Blick auf die Flüchtlingssituation. Diese sei in Heidelberg zwar deutlich besser als anderswo, aber „in einer so schlauen Stadt mit so vielen gutwilligen Bürgern, sollten wir uns etwa vornehmen, dass kein Flüchtling auf einen Sprachkurs warten muss“. Dazu brauche es den Einsatz Freiwilliger – aber auch Druck auf die Politik. Auch da erwarte Bauer Unterstützung der Gläubigen.

Predigt von Theresia Bauer, MdL und Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst

„Was erwarte ich von einer protestantischen Kirche“
- es gilt das gesprochene Wort -

Quelle: Karin Wilke
Liebe Gemeinde,
ich freue mich und danke Ihnen, dass ich heute zu Ihnen sprechen darf.
Es ist ja noch nicht allzu lange her, dass ich schon einmal hier am Redepult der Heiliggeistkirche stand, nämlich als wir gemeinsam das Reformationsjahr Ende letzten Jahres eröffnet haben.

Und nun haben Sie mich gebeten, darüber zu sprechen, was ich von einer protestantischen Kirche erwarte.
Also Wünsche von der Politik - in diesem Fall von mir - an Sie, die protestantische Kirche, zu formulieren.
Diese Bitte ist ein Geschenk für eine Politikerin, wissen Sie das? Sonst ist es nämlich meistens anders herum.
Die Politik ist Empfänger von vielerlei Wünschen, was besser werden soll, was sich ändern soll oder was sich bitte auf keinen Fall ändern soll - vorzugsweise alles gleichzeitig.
Der Perspektivwechsel heute - das ist ganz etwas Besonderes für mich. Deshalb habe ich mich nicht lange bitten lassen:
Ja, sicher habe ich Wünsche und Erwartungen an eine protestantische Kirche. Ja sicher, ich setze Hoffnungen in Sie - und keine kleinen.

Quelle: Karin Wilke
Im Reformationsjahr gibt es viele gute Gelegenheiten, sich mit den Impulsen der Reformation und ihrer Bedeutung in unserer Zeit zu beschäftigen. Vor wenigen Tagen war ich in Ötigheim, 60 km von hier, bei den traditionellen Volksschauspielen. Sie führen dieses Jahr ein Stück namens „Luther“ auf. Imposant, und absolut empfehlenswert.
Was mir besonders ins Auge gesprungen ist: Die Zeit Luthers war eine Zeit voller Ängste: Angst vor der Hölle, Angst, nicht gut genug für Gott und den Himmel zu sein - deshalb der lukrative Ablasshandel; Angst ums materielle Überleben, Angst vor den Türken – daran erinnert auch die Kantate im heutigen Gottesdienst „Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort“.
All diese Ängste - Gar nicht so anders als heute.

Die Angst vor so etwas wie Islamisierung geht um in Deutschland und Europa. Die Angst vor sozialem Abstieg, die Angst vor Terroranschlägen, die Angst zu versagen im Beruf oder in der Familie, die Angst vor Naturkatastrophen, die Angst, abgehängt zu werden in einer komplizierten Welt, die sich in rasantem Tempo wandelt. Die Angst vor all dem Fremden und Ungewissen, das die Zukunft mit sich bringt. Obwohl es uns materiell so gut geht hierzulande wie noch nie: Man spürt die Gereiztheit unserer Gesellschaft, man spürt das wachsende Unbehagen, ob das alles noch unter Kontrolle zu halten ist. Ob wir den gewaltigen Aufgaben gewachsen sind, vor denen wir stehen?
Und da schwingt der Zweifel an den politisch Verantwortlichen und der Leistungsfähigkeit der Demokratie erkennbar mit:
Ob wir das alles schaffen, damit auch noch unsere Kinder eine gute Zukunft vor sich haben?

Egal, ob diese Sorgen und Befürchtungen begründet oder nur diffus sind, sie sind da. Damit müssen wir umgehen, denn sie dürfen unsere Gesellschaft nicht lähmen oder uns in Panik versetzen.
Wir wissen aus eigener Erfahrung hier im Land: Wo sich allgemeine Verunsicherung breit macht, lassen sich gut ideologische Süppchen kochen.
Wir sehen solche Tendenzen in einigen Ländern Europas und in Amerika.
Wer den Eindruck hat, dass die Welt aus den Fugen gerät, ist anfällig für die ganz simplen Parolen und allzu einfachen Lösungsmuster.
Wer sich der komplizierten Welt ausgeliefert fühlt, der kann Sehnsüchte entwickeln nach starker Führung oder dem starken Mann, der die Eigenen endlich wieder ganz groß rauskommen lässt.
Wer verängstigt ist, der erstarrt und verliert die Offenheit dem Neuen und dem Anderen gegenüber.
Das gilt für den einzelnen wie für unsere Gesellschaft als Ganzes.

Quelle: Karin Wilke
Ist da die Botschaft Martin Luthers nicht unglaublich aktuell?
Was er den Menschen im Mittelalter vermittelte - die Botschaft von der „Barmherzigkeit Gottes“, die sie befreit aus der Angst?
Wer sich nicht mehr fürchten muss, der gewinnt Vertrauen und der fasst Mut.
Ist diese befreiende und Mut machende Botschaft nicht genauso stark im 21. Jahrhundert wie vor 500 Jahren?
Worauf die Ängste sich richten, das mag sich geändert haben in 500 Jahren.
Aber dass verallgemeinerte Ängste Menschen gefangen nehmen und kleinmütig machen - das ist geblieben.
Die protestantische Kirche steht für genau diesen „Auszug aus der Angst“.
Diese Botschaft ist auch für die Menschen des 21. Jahrhunderts relevant.
Sie wird dringend gebraucht in unserer Zeit!
Was ich von einer protestantischen Kirche erwarte?
Dass von ihren Gläubigen sichtbar und spürbar diese Kraft der Freiheit ausgeht, eine Haltung, die Zuversicht und Mut zum Handeln schenkt.
Dennoch: Das alleine reicht nicht.
Mit der richtigen Haltung alleine sind noch keine Probleme gelöst und der Nebel der undurchsichtigen Zukunft ist noch nicht durchdrungen. M
ut alleine reicht nicht aus, um erfolgreich Wege in die Zukunft zu bahnen. Das wäre waghalsig.
Wir müssen schon unsere Köpfe benutzen, auf unser Wissen setzen und es vermehren.
Kurzum: Wir brauchen die Kraft von Wissenschaft, Bildung und Kreativität.
Wir brauchen Wissenschaft, um komplexe Sachverhalte zu durchdringen, um die großen Zusammenhänge herzustellen und um immer tiefer in die Details einzudringen.
Wir brauchen Wissenschaft, um das Bestehende immer wieder zu hinterfragen.
Wir brauchen ihre unendliche Neugierde.
Wir brauchen ihren Antrieb, die Welt immer genauer zu verstehen.

Und wir brauchen unsere Bereitschaft, uns von den Einsichten aus Wissenschaft und Kultur berühren und irritieren zu lassen. Damit wir sie als Ansporn nutzen, die Dinge nochmal anders zu sehen und neue Lösungen zu erproben.
Auch das erwarte ich von einer protestantischen Kirche heute wie vor 500 Jahren: Damals markierten Martin Luther und Philipp Melanchthon ein radikales Umdenken: Sie verlangten, Bildung und Wissenschaft zu verbreitern und allen zugänglich zu machen.
Sie forderten ein, dass jeder selbst Lesen und Schreiben können müsse, um sich ein eigenes Urteil bilden zu können:
Bis heute ist dieses Freiheitsversprechen durch Bildung nicht vollständig eingelöst. Philipp Melanchthon wird folgende bemerkenswerte Aussage zugeschrieben:
„Je besser der Zustand ist, in dem sich ein Staatswesen befindet, desto großzügiger verhält es sich gegenüber denen, die den Künsten und Wissenschaften nacheifern.“ Gesagt vor 500 Jahren! - hat dieser Satz bis heute nichts an Aktualität verloren!

Quelle: Karin Wilke
Jetzt mögen Sie sich fragen, ob es sich die Politikerin vor Ihnen nicht ein bisschen einfach macht.
Denn die Zuständigkeit dafür, die richtigen Entscheidungen zu treffen um die Zukunft zu gestalten in einer komplizierten Welt, hat doch die Politik selbst.
Politiker werden doch genau für diese Aufgabe vom Volk gewählt, Wege in eine ungewisse Zukunft zu bahnen und das dafür Notwendige zu tun.
In der Tat: Der rechte Glauben und das nötige Wissen ersetzen politische Verantwortung nicht.
Die Fakten der Wissenschaft sind nicht so eindeutig, dass sie der Politik klare Handlungsanweisungen liefern.
Und aus der Kraft des Glaubens ergeben sich nicht wie von allein die richtigen Entscheidungen.
Ich jedenfalls glaube das nicht.

Um ein Beispiel zu nennen: Wir wissen, dass unsere Art uns fortzubewegen, unsere Auto-Mobilität von heute, nicht taugt für die Zukunft. Sie ist nicht verallgemeinerbar für die ganze Welt. Genauso wenig wie unsere Art Energie zu erzeugen und zu verbrauchen.
Wir wissen, dass unser Klima das nicht verträgt. Oder besser gesagt, dass wir das veränderte Klima bald nicht mehr vertragen werden.
Wir wissen um die fatalen Folgen eines Weiter-So für das Leben auf unserem Globus. Die Wissenschaft hat jede Menge Fakten dazu geliefert. Es ist auch klar, dass wir mutig und schnell handeln müssen.

Aber damit ist noch lange nichts über das Wie gesagt, und Was wir konkret tun.
Den Verbrennungsmotor optimieren oder radikal Umsteigen auf Elektromobilität?
Alle auf erneuerbare Energien verpflichten oder für Energieeffizienz und Sparsamkeit werben?
Alles teuer machen, was mit Öl zu tun hat oder finanzielle Unterstützungsangebote für saubere Energie und Mobilität aufsetzen? Sollen wir vorangehen als Vorreiter des Neuen oder sollen wir uns besser vorsichtig vorwärts tasten und aus den Erfahrungen anderer lernen?
Was ist wichtiger: Die Wertschöpfung und Arbeitsplätze im Land oder die globale Verantwortung? Diese politischen Entscheidungen müssen in der Demokratie ausgehandelt werden. Es konkurrieren verschiedene Lösungen, alte Patentrezepte gegen neue Ideen, Riskantes gegen Bewährtes, es wird gerungen um das Machbare, das Finanzierbare, um gangbare Kompromisse und vertretbare Veränderungen.
Die Schritte, die dabei herauskommen, sind meistens kleiner als gewünscht, die Richtung ist nicht immer eindeutig erkennbar.
Ich vermute: Sie kennen das.
Demokratie ist manchmal selbst so kompliziert wie die Zukunft undurchsichtig ist. Wie schwierig auch immer:
Die politisch Verantwortlichen haben die Pflicht, alles dafür zu tun, dass die Demokratie sich als handlungsfähig und klug erweist.

Aber ich bin fest überzeugt davon:
Demokratische Entscheidungen sind nie mutiger als ihre Bürgerinnen und Bürger. Und sie sind auch nie klüger.
Demokratische Entscheidungen müssen immer getragen und verstanden sein von der Allgemeinheit. Gute Entscheidungen benötigen die öffentliche Suche nach der besten Lösung, das Ringen um die stärksten Argumente, das kontroverse Abwägen und konstruktive Streiten um der Sache willen. Eine kraftvolle Demokratie braucht den Mut und die Klugheit ihrer Bürgerinnen und Bürger, die den Kopf nicht in den Sand stecken vor den Zumutungen des Wandels. Sie braucht deren Freude und Zuversicht, dass die Zukunft eine gute sein kann, wenn wir uns darum kümmern.
Die Demokratie ist angewiesen auf die kritischen Köpfe ihrer Bürger, wenn es gilt, etwas zu korrigieren und auf deren konkretes Engagement beim Bewältigen der Herausforderungen.

Der ehemalige Bundesverfassungsrichter Ernst Wolfgang Böckenförde hat das so formuliert: „Der freiheitliche säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“
Will sagen: Er lebt davon, dass Menschen sich einmischen und sich – im Sinne von Hannah Arendt – „sprechend und handelnd in die Welt einschalten“.

Was ich mir also wünsche von einer protestantischen Kirche?
Dass Sie aktive Bürgerinnen und Bürger unseres Landes sind.
- Ich erwarte von Ihnen Kraft und Mut, den Ängsten und Unsicherheiten unserer Zeit zu begegnen.
- Ich erwarte von Ihnen Zutrauen, dass wir aus den Chancen und Herausforderungen der Zukunft gemeinsam etwas Gutes machen können.
- Ich erwarte von Ihnen Offenheit und die Bereitschaft, die Dinge neu zu denken und Bestehendes in Frage zu stellen.
- Und ich wünsche mir: Ihren mutigen Einsatz und Ihren Beitrag für eine lebendige, vielfältige und kraftvolle demokratische Gesellschaft.

Denn, um mit Worten Martin Luthers zu schließen: „Furcht tut nichts Gutes.
Darum muss man frei und mutig in allen Dingen sein und feststehen.“  

Integrations-Bürgermeister Erichson predigte in der Heiliggeistkirche

Interreligiöser Dialog soll mehr in die Öffentlichkeit getragen werden

Wolfgang Erichsons Sommerpredigt in der Heiliggeistkirche: „Ja zur versöhnten Verschiedenheit“

Artikel in der Rhein Neckar Zeitung am 8.8.2016 von Maria Stumpf

Quelle: Stadt Heidelberg
Der Dialog soll über die Toleranz im Sinn einer „Duldung des Andersgläubigen“ hinausgehen. Unterschiede will man nicht leugnen, die Religionen nicht gleichmachen – und alle sollen sich auf Augenhöhe begegnen. Dieses Modell nennt sich „Interreligiöser Dialog in Heidelberg“ und ist laut Integrationsbürgermeister Wolfgang Erichson „bundesweit einmalig“. Im Jahr 2008 startete das Projekt unter der Moderation des Bürgermeisters. Er sprach zu diesem Thema gestern an einem ganz anderen Ort als sonst: beim Gottesdienst in der Heiliggeistkirche.
Eingeladen hierzu hatte die Citykirche Heiliggeist unter dem Motto „Sommerpredigtreihe“. Sie will in kreativen Gottesdiensten auch Themen aus Kultur, Politik, Diakonie und Wissenschaft mit einer religiösen Perspektive verbinden. Die Liturgie übernahm Pfarrer Vincenzo Petracca, musikalisch unterstützt vom „Pop-Duo Enaim“ (Tine Wiechmann, Christop Georgii). Auf die Kanzel von Heiliggeist stieg Erichson allerdings nicht. Ein dezentes Rednerpult tat e sauch. „Nee, das ist den Predigern vorbehalten. Ich bin Politiker“, erklärte er.
Am Dialog zwischen den Religionen in Heidelberg beteiligen sich die evangelische und katholische Kirche, die Jüdische Kultusgemeinde und der „Türkisch-Islamische Kulturverein“, die „Religionsgemeinschaft Geistiger Rat der Bahá’i in Heidelberg“ und der „Verein für Muslime Heidelberg“. In der jährlichen Plenumssitzung ist auch die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (ACK) vertreten. Der Imam der Moschee, der katholische Dekan, die evangelische Dekanin und der Rabbiner der Jüdischen Kultusgemeinde als jeweils herausragender Vertreter ihrer Religionen sind selbst bei den Treffen anwesend. Die theologische Basis sei die Rückbesinnung auf die abrahamitische Grundlage der unterschiedlichenReligionen, die sich alle auf Abraham als Stammvater bezögen,erklärte Erichson den Ansatz für den Interreligiösen Dialog: „Das ist unsere theologische Klammer.“ Auch wenn Menschen unterschiedlichen Glaubens „anders fühlen oder denken, so suchen und finden sie alle Gott auf unterschiedliche Weise“. Deshalb sei der Dialog so wichtig. Erichson fordert trotz der Verschiedenheit der Sprachen, Kulturen und Religionen „ein ,Ja‘ zu einer akzeptierten und versöhnten Verschiedenheit“.
Er sprach aber auch von den Anschlägen in den vergangenen Wochen: „Schwer sind die Zeiten. Das sind die Probleme, mit denen jeder interreligiöse Dialog zu kämpfen hat und durch die er auf eine harte Probe gestellt wird.“ Umso wichtiger sei der persönliche Kontakt, das miteinander statt übereinander Sprechen. In vier Arbeitsgruppen seien sich die Mitglieder des Interreligiösen Dialogs seit 2008 längst nähergekommen. Jetzt wolle man auch mehr an die Öffentlichkeit gehen. „Dieser Gottesdienst ist ein Baustein dafür.“ Gerade in Zeiten von Krisen sei der symbolische Schulterschluss der Religionsgemeinschaften eine wichtige Errungenschaft des sozialen Friedens in der Stadtgesellschaft.
 

Predigt des Bürgermeisters Wolfgang Erichson am 7. August 2016 in der Heiliggeistkirche

Sehr geehrte Gemeinde,
ich möchte mich bei Ihnen bedanken, dass ich Sie über den Interreligiösen Dialog in Heidelberg informieren darf.

Der Interreligiöse Dialog in Heidelberg beruht auf der Wertschätzung für die beteiligten Glau-bensgemeinschaften und hat das Ziel, durch gemeinsame Anstrengungen der Religionen in einer pluralistischen Gesellschaft den Zusammenhalt zu verbessern.
Er wurde 2008 von der Stadt Heidelberg gegründet und wird von mir als Bürgermeister mode-riert, um so sicherzustellen, dass sich alle Religionen auf Augenhöhe begegnen können. Dieses Modell ist bundesweit einmalig und hat sich bewährt.
Am Dialog beteiligen sich die evangelische und die katholische Kirche sowie die Jüdische Kul-tusgemeinde und der Türkisch-Islamische Kulturverein, und zwar vertreten durch die beiden Dekane, den Rabbi und den Imam sowie weitere von den Gemeinden bestellte Personen wie z. B. auf evangelischer Seite die Schuldekanin und der Beauftragte für den christlich-jüdischen Dialog. 2012 kam die Religionsgemeinschaft Geistiger Rat der Bahá‘i in Heidelberg dazu und 2014 der Verein für Muslime in Heidelberg. In der jährlichen Plenumssitzung ist seit 2015 auch die Ar-beitsgemeinschaft christlicher Kirchen (ACK) vertreten.

Erlauben Sie mir ein paar grundsätzliche Bemerkungen zu den in den letzten Jahren erarbeiteten Grundlagen unseres Heidelberger Dialoges:
Der Dialog geht weit über Toleranz im Sinne einer "Duldung des Andersgläubigen" hinaus. Unterschiede werden nicht geleugnet, die Religionen nicht gleichgemacht, sondern vielmehr eine Grundlage dafür geschaffen, sich auf gleicher Augenhöhe zu begegnen.

Theologische Basis des Dialoges ist die Rückbesinnung auf die abrahamitische Grundlage der unterschiedlichen Religionen, die sich alle auf Abraham beziehen.
Diese „theologische Klammer“ will die gemeinsame Herkunft und die Zusammengehörigkeit von Juden, Christen und Muslimen ausdrücken. Die drei großen Weltreligionen lassen sich auf den „Abrahamsbund“ zurückführen, wenn auch jede auf ihre eigene Weise.
Abraham, Vater der vielen (Völker), ist als Stammvater Israels eine zentrale Figur des Tanachs beziehungsweise des Alten Testaments. Genauso gilt er als Stammvater der Araber; von seinem Sohn Ismael soll der Prophet des Islams, Mohammed, abstammen. Abrahams Geschichte wird im biblischen Buch Genesis beziehungsweise Bereschit erzählt. Danach gehört er zusammen mit seinem Sohn Isaak und seinem Enkel Jakob zu den Erzvätern, aus denen laut biblischer Überlieferung die Zwölf Stämme des Volkes Israel hervorgingen.
Da sich also sowohl Judentum, Christentum als auch der Islam auf Abraham als ihren Stammva-ter beziehen, bezeichnet man sie auch als die drei abrahamitischen (Welt-)Religionen.
Das Judentum
Alle Juden sind „Kinder Abrahams“, also eine Abstammungseinheit.
Das Christentum
Für das Neue Testament hat Jesus Christus an denen, die an ihn glauben, Verheißungen Abra-hams erfüllt und sie in die Gotteskindschaft einbezogen, so dass sie Anteil an den Verheißungen für das Volk Israel erhalten.
Der Islam
Ibrahim gilt als Stammvater der Ismaeliten, die noch vor dem Erben Isaak in der Bibel die Zusage Gottes auf Nachkommenschaft und Segen erhalten. Er gilt als bedeutender Prophet, der allen Menschen den einzigen wahren Gott verkündete und zugleich Vorbild für Glaubenstreue und Gerechtigkeit ist.
Auch andere Religionsgemeinschaften wie die Bahá‘i verstehen sich als abrahamitische Religi-on und streben auf ihre Weise eine Verständigung mit den anderen Religionen an.
Sowohl das Neue Testament als auch der Koran beziehen sich mehrfach auf Abraham als Grundlage der Religion:
„Die Schrift aber, voraussehend, dass Gott die Nationen aus Glauben rechtfertigen werde, ver-kündigte dem Abraham die gute Botschaft voraus: ‚In dir werden gesegnet werden alle Natio-nen.‘ Folglich werden die, die aus Glauben sind, mit dem gläubigen Abraham gesegnet.“ Galater 3,8 f 
Im Koran heißt es dazu: „O Volk der Schrift, warum streitet ihr über Abraham, wo die Thora und das Evangelium doch erst (später) nach ihm herabgesandt worden sind? Habt ihr denn keinen Verstand? Ihr habt da über etwas gestritten, wovon ihr Wissen habt; weshalb aber streitet ihr über das, wovon ihr kein Wissen habt? Gott weiß Bescheid, ihr aber nicht. Abraham war weder Jude noch Christ; viel-mehr war er lauteren Glaubens, ein Muslim, ein Gott ergebener Hanif), ...“ 3:65 - 67

Auch wenn Menschen unterschiedlichen Glaubens anders fühlen oder anders denken, so suchen und finden sie alle Gott auf unterschiedliche Weise. In dieser Vielfalt, in dieser Auffächerung der Religionen gibt es eine einzige Gewissheit, an der alle festhalten:
Wir alle sind Kinder Gottes.
Und aus diesem Grund ist der aufrichtige Dialog zwischen Männern und Frauen der verschiede-nen Religionen wichtig.
Wir tun dies in Heidelberg - gerade eben auch mit einem kommunalen Vertreter im Dialog mit den Religionen - in der Überzeugung, dass die Mehrheitsgesellschaft an den Menschen aus anderen kulturellen oder religiösen Umfeldern dranbleiben muss. Wir müssen sie überzeugen, dass es auch für sie von Vorteil ist, sich aktiv in die Gesellschaft einzubringen.
Ich persönlich wünsche mir wirklich, dass dieser Dialog in Heidelberg dazu beiträgt, Brücken zwischen allen Menschen zu bauen. Um diese Brücken zu anderen Menschen zu bauen, brau-chen wir eben auch einen Dialog zwischen den Religionen.
Bei all unseren Unterschieden und Meinungsverschiedenheiten können wir uns jedem Versuch, eine starre Uniformität zu bilden, widersetzen. Können und müssen wir auf der Grundlage unse-rer Verschiedenheit der Sprachen, Kulturen und Religionen „Ja“ sagen zu einer akzeptierten und versöhnten Verschiedenheit.
Das Hauptproblem unserer Gesellschaft ist, dass wir mehr über- und gegeneinander reden als miteinander. Und wenn wir miteinander reden, reden wir aneinander vorbei, hören uns gegenseitig nicht zu oder wissen es ohnehin besser als der Gesprächspartner. Angesichts der Probleme in der Gesellschaft können wir uns das meines Erachtens nicht mehr leisten.

Zu Beginn des Dialoges war es wichtig, einander kennenzulernen und sich zu besuchen, die unterschiedlichen Festtage gemeinsam zu begehen.
Daher will ich auch an dieser Stelle die vielen Anschläge in den vergangenen Monaten und Wo-chen, die sich oftmals auch auf die Religion berufen, nicht verschweigen, sondern benennen. Das sind die Probleme, mit denen jeder interreligiöse Dialog zu kämpfen hat und durch die er tatsächlich auch auf die Probe gestellt wird.
Wir lernen nicht nur unsere jeweiligen Religionen und Kulturen kennen, sondern treffen uns als Menschen von Angesicht zu Angesicht. Solch persönlicher Austausch kann helfen, Pauschalisierungen zu vermeiden.
Schwer sind diese Zeiten, in denen Christen und Juden hasserfüllt angegriffen werden. Schnell könnte man in die Gefahr geraten, Muslimen allgemein Schuld zuzuweisen. Das geht nicht mehr, wenn man sich persönlich kennt, Freundschaften aufgebaut hat und miteinander in offenem Gespräch bleibt.
Daher veröffentlichen wir hier in Heidelberg immer wieder Statements von Muslimen, Juden, Bahá‘i und Christen gemeinsam gegen Hass und Pauschalisierung. Das ist ein Riesengewinn dieses Kreises und kann gar nicht hoch genug geschätzt werden. Hierbei berufen wir uns ausge-sprochen und unausgesprochen auf Abraham.
Wir haben uns die Zeit genommen, um gegenseitige Wertschätzung und Vertrauen aufzubauen, und zwar so, dass Unterschiede nicht um der Harmonie willen unter den Tisch fallen. Deshalb haben wir ganz bewusst zunächst nur mit einem festen Personenstamm gearbeitet, und ich kann sagen, dass zum Teil aus gegenseitiger Wertschätzung und Respekt auch Freundschaft geworden ist.
Inzwischen funktioniert das interreligiöse Miteinander in Heidelberg:
Im Dialog aber auch mit gemeinsamen Unternehmungen wie Einladungen zum Osterfest, zum Fastenbrechen oder zum Chanukka-Fest.
Es gibt vier Arbeitsgruppen, Theologie-Strukturen, Jugend und Familie, Feste und Gottes-dienste sowie Räume, in denen eine Annäherung stattfindet und ganz unterschiedliche Themen diskutiert werden.
Es geht um Fragen des Religionsverständnisses, wie der Dialog auf Jugendgruppen ausgeweitet werden kann und um gegenseitige Besuche der religiösen Feste beziehungsweise Gottesdienste. Ein Ergebnis ist zum Beispiel das interreligiöse Kalenderblatt, das im Stadtblatt einmal monat-lich die jeweiligen hohen Feiertage der unterschiedlichen Religionen erklärt.
Zusätzlich treffen sich einmal im Jahr alle Arbeitsgruppen und alle von den jeweiligen Gemein-den benannten Vertreter zu einem umfassenden Austausch.
Damit die Gemeinden aber auch voneinander lernen können und wollen, wird unser nächster Schritt der Weg in die Öffentlichkeit sein, um noch mehr Menschen auf diesem Weg mitzuneh-men.
Und so ist die Gelegenheit, heute zu Ihnen sprechen zu dürfen, ein Baustein des „In-die-Öffentlichkeit-Gehens“. Ich hoffe, dass der Gemeinderat die dafür beantragten finanziellen Mit-tel für eine breitere Öffentlichkeitsarbeit und für Informationsveranstaltungen und -aktionen in den nächsten Haushalt einstellen wird.
Gerade in Zeiten von Krisen und politischer Bedrohung ist der symbolische Schulterschluss der Heidelberger Religionsgemeinschaften eine ganz wichtige Errungenschaft des sozialen Friedens in der Stadtgesellschaft.
Wir werden uns von dem Weg des friedlichen Miteinanders, des Vertrauens und der gegenseiti-gen Wertschätzung nicht abbringen lassen, sondern ohne Angst gemeinsam in unseren Gemein-den für ein vertrauensvolles Miteinander arbeiten.
Wir werden zusammenstehen und das Vertrauen in uns, in unser Miteinander und in unsere offene Gesellschaft nicht verlieren.
Wir werden zeigen, dass wir unseren Werten - den Werten der Menschlichkeit, der Freiheit und der gleichen Würde - treu bleiben werden.

Kultur-Bürgermeister Gerner predigte in der Heiliggeistkirche

Kirchen werden heute oft aufgesucht, um die eindrucksvolle Architektur und kunstvollen Bilder zu bestaunen. In Museen wiederum suchen nicht wenige Menschen Inspiration, Möglichkeiten zur Reflexion oder Spiritualität. Mit diesem und vielen weiteren Aspekten der wechselseitigen Beziehung zwischen Kunst und Kirche beschäftigte sich Heidelbergs Kulturbürgermeister Dr. Joachim Gerner am Sonntag, 30. August 2015 in der Heiliggeistkirche. Er hielt seine Predigt (s.u.) auf Einladung der Citykirche im Rahmen des Themenjahrs „Bild und Bibel“.
 

Der Kulturbürgermeister ist ein Avantgardist

Sommer-Predigtreihe „Bild und Glaube“ mit Joachim Gerner in der Heiliggeistkirche – Bitten für Flüchtlinge

Artikel in der Rhein Neckar Zeitung am 31.8.2015 von Marion Gottlob

Quelle: Buck; Bild: Bürgermeister Dr. Joachim Gerner
Er ist ein Vorkämpfer für die neuesten Ideen unserer Zeit: Als Kulturbürgermeister Joachim Gerner gestern von der Kanzel der Heiliggeistkirche sprach, da „outete“ er sich als Avantgardist. Es sprach ein Mensch, der sich mit den aktuellen Philosophien der Gegenwart befasst. Für den Historiker war die Predigt eine Premiere: „Eine andere Perspektive, das Kirchenschiff von oben zu sehen“, sagte er. ber 100 Besucher waren gekommen, viele eigens für Gerners Predigt. Pfarrer Vincenzo Petracca von der City-Kirche meinte: „Eine Bereicherung für unsere Sommer-Predigtreihe.“ Und da es da um das Thema „Bild und Glaube“ ging, zitierte Gerner aus dem Buch Moses zu den Wurzeln des Konflikts zwischen Kunst und Kirche: „Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist. Bete sie nicht an und diene ihnen nicht.“ In der Folge wurden Bilder in der Kirche oft verboten. Gerner zitierte Achim Detmers, den Generalsekretär des Reformierten Bundes:
„Calvin hat gesagt, dass das Endliche nicht das Unendliche fassen kann. Ein Bild kann die Unendlichkeit Gottes nie abbilden, und das müssen wir uns immer wieder bewusst machen, weil wir sonst Gott kleiner machen, als er ist. Wir machen ihn zu einem Götzen.“ Als Gegenbewegung zu dieser Strenge kam es im Barock dann zu einer Bilderflut, „zum Zweck der Glaubensvermittlung“.
Mit der Aufklärung im 19. Jahrhundert löste sich die Kunst von der Religion.Gerner zitierte Hegel:„Mögen wir die griechischen Götterbilder noch so vortrefflich finden, Gottvater, Christus, Maria noch so vollendet dargestellt sehen – es hilft nichts, unsere Knie beugen wir doch nicht mehr.“ Nietzsche:„Gott ist und Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet.“ Die Kirche reagierte mit Ablehnung. Erst 1980 akzeptierte Papst Johannes Paul II. die Autonomie der Kunst: „Diese Autonomie ist, recht verstanden, kein Protest gegen Gott und gegen die Aussagen des christlichen Glaubens; sie ist vielmehr Ausdruck dessen, dass die Welt Gottes eigene, in die Freiheit entlassene Schöpfung ist, den Menschen zur Kultur und Verantwortung übergeben und anvertraut.“ Und heute? Der moderne Mensch bewundert in der Kirche die sakrale Kunst – im Museum sucht er wiederum das fast religiöse Erlebnis der Inspiration. Nicht nur das: Gerner thematisierte, ganz aktuell, die Probleme einer Gesellschaft, in der viele die Idee „Ich will kreativ sein“ leben möchten. Gerade diese Leitidee kann zum Zwang und zur Überforderung werden. Gerner: „Was dagegen hilft: Vielleicht eine gesunde Skepsis gegenüber dem Mythos des Neuen oder eine Kultur-und Alltagsästhetik, die sich vom Aktivismus des Neuen distanziert?“ Besucher Helmut Staudt aus Gaiberg sagte später zur Predigt: „Sehr detailliert, eine große Sachkenntnis.“ Zum Schluss gab es noch den Wochenspruch zum brandaktuellen Thema Flüchtlinge: „Christus spricht: Was ihr getan habt einem von diesen meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir getan.“ Und auch Pfarrer Petracca richtete die Fürbitten an die ärmsten der Armen dieser Gesellschaft: „Gott des Trostes, wir feiern dieses Abendmahl in Verbundenheit mit den Flüchtlingen, die in unserer Stadt leben, besonders denken wir an die Opfer der Flüchtlingstragödie in Österreich. Stärke uns, damit wir unser greifen lassen von Deiner Liebe.“
 

Predigt des Bürgermeisters Dr. Joachim Gerner am 30. August 2015 in der Heiliggeistkirche


Vielen Dank für die Einladung, einen Beitrag leisten zu dürfen zur Sommerpredigtreihe „Bild und Glaube“. Es ist nicht alltäglich und nicht selbstverständlich, dass ein Vertreter des „Regnum“ in den heiligen Hallen des „Sacerdotiums“ das Wort ergreifen darf.

Quelle: Vincenzo Petracca
Der Anlass, aber auch der Ort, regen an zu einer Reflexion über ein altes, großes und immer wieder aktuelles Thema: das konfliktreiche Verhältnis von Kunst und Kirche. Denn gerade in Heiliggeist ist ja im Jahre 1986 diesem spannungsreichen Verhältnis ein eigenes, Heidelberger Kapitel hinzugefügt worden (Stichwort: Physik-Fenster). Die katholische Kirche lieferte zuletzt ihrerseits 2007 einen Aufreger, mit Kardinal Meisners Einlassungen zu Gerhard Richters Glasfenster im Kölner Dom.

Wenn ich im Folgenden von Kunst spreche, so beziehe ich mich auf die bildende Kunst, hauptsächlich auf die Malerei. Darstellende Kunst, Musik und Film sollen heute außer Betracht bleiben.

Die Wurzeln des Konflikts - Grundsätzliches

Niemand, der sich dem Thema Kunst und Kirche nähert, kommt an einem zentralen Gebot des Alten Testaments vorbei. Wir haben es gerade in der Lesung gehört: 2. Buch Mose, Kapitel 20, Vers 4-5 - Du sollst dir kein Bildnis machen. In der Übersetzung Luthers heißt es da: „Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!“

Gleichzeitig ist das Alte Testament aber auch voll von Metaphern für Gott: Gott ist Schild (Psalm 3,4 oder 7,11). Gott ist Burg (Psalm 9,10 oder 18,3).

In Abwandlung eines Bonmots des Denkers und Filmemachers Alexander Kluge könnte man sagen: je näher man eine Sache, hier ein Gebot, betrachtet, desto ferner blickt es zurück. Johannes Goldenstein vom „Projektbüro Reformprozess“ der EKD hat in einer Handreichung jüngst versucht, dieses Spannungsverhältnis gedanklich zu fassen und aufzuheben: der Glaube komme vom Wort, vom Hören. Der Glaube lebe aber auch von sinnlicher Erfahrung, von der Anschauung; er habe mit ‚erleuchteten Augen des Herzens‘ zu tun und mit der Erfahrung, dass man die Freundlichkeit Gottes sehen könne.

 Die historische Perspektive

Vor diesem Hintergrund prägte in historischer Perspektive der Wechsel von radikalen Bilderverboten und wirkungsvollem Bildgebrauch die Beziehung von Christentum und bildender Kunst von Anfang an. Ich erinnere an das Bilderverbot der Kirchenväter, das zunächst wohl als Reaktion auf die antiken Bildkulte zu verstehen ist und an jüdische Traditionen anknüpft.

Im Dienst der gesellschaftlich gefestigten, jungen Kirche tritt dann das Kultbild wieder in Erscheinung. Erneute Phasen der Bilderverneinung prägen das 8. und 9. Jahrhundert, die Epoche der Reformorden, die wiederum abgelöst wurde durch die Malerei der Romanik ab dem 12. Jahrhundert.

Dann die Reformation. Hier finden wir zum einen die radikale Sichtweise von Calvin und Zwingli, die im 16. Jahrhundert die Bilder ganz aus den Kirchen verbannten. In den Worten des Generalsekretärs des Reformierten Bundes, Achim Detmers: „Calvin hat gesagt, dass das Endliche nicht das Unendliche fassen kann. Ein Bild kann die Unendlichkeit Gottes nie abbilden, und das müssen wir uns immer wieder bewusst machen, weil wir sonst Gott kleiner machen als er ist. Wir machen ihn zu einem Götzen.“

Martin Luther wiederum war kein Bilderstürmer. Zwar heißt es in seiner Predigt anlässlich der Einweihung der Schlosskapelle in Torgau am 5. Oktober 1544: „Dass nichts anders darin geschehe, denn dass unser lieber Herr selbs mit uns rede durch sein heiliges Wort und wir wiederumb mit jm reden durch Gebet und Lobgesang.“ Luther erkannte aber auch den pädagogischen Wert von Bildern: „Missbrauch und falsche Zuversicht an bilden habe ich alle zeit verdampt (….) Was aber nicht misbrauch ist, habe ich ymer lassen und heissen bleiben und halten, also das manns zu nützlichem und seligem brauch bringe.“

Der nächste Umschwung kam mit dem Barock - eine wahre Bilderflut, auch zum Zweck der Glaubensvermittlung. Gerade hier hatte die Kunst eine explizite Funktion im Dienst des katholischen, kirchenpolitischen Programms der Gegenreformation. Kunst hatte sich also bis dahin ganz selbstverständlich als Medium für eine bestimmte Botschaft einsetzen lassen. Sie hatte dienende und didaktische Funktionen wahrzunehmen, als Magd der Theologie.

Die Wege trennen sich

Das änderte sich im 19. Jahrhundert radikal. Anspruch und verbindliche Ikonographie der christlichen Bildtradition verloren ihre Bindungskraft. Ich zitiere Hegel: „Mögen wir die griechischen Götterbilder noch so vortrefflich finden, Gottvater, Christus, Maria noch so würdig und vollendet dargestellt sehen – es hilft nichts, unsere Knie beugen wir doch nicht mehr“. Friedrich Nietzsche sekundierte: „Gott ist und Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!“ Aus den Gedanken der Aufklärung leitete sich das Postulat von der Autonomie der Kunst ab. Die Wege von Kunst und Kirche trennten sich.

Die Kirche reagierte auf die sogenannten „Gefahren der Moderne“, auf die „Entartung der Kunst“ oder auf die „Erosion der Sakralität“ mit Abschottung. Kirchliche Gebrauchskunst koppelte sich nach und nach von der aktuellen Kunstentwicklung ab oder schloss sich selber aus. Aus kirchlicher Sicht waren Aufklärung, Säkularisierung, Industrialisierung sowie die technische Welt schuld an der Entkirchlichung, dem Verfall der Sitten und der „Not der Seelen“. Die Entwicklung der Kunst diente in diesem Zusammenhang als sichtbarer Beleg für den Verlust des Maßes, des Glaubens und der Mitte. Autonomie der Kunst wurde verstanden als Schritt aus der christlich geprägten Bilderwelt in eine vermeintliche, als Niemandsland gedeutete Freiheit.

Auf weltlicher Seite begegnete ein intellektuelles Publikum den Erscheinungsformen christlicher Kunst seinerseits mit Skepsis. Künstler der Avantgarde ignorierten mögliche religiöse Zusammenhänge ihrer Arbeiten oder zogen sie von sich aus in Zweifel. Man ist sich einig, dass Kunst zwar nie losgelöst von bestimmten Kontexten und Zwecken existiert, dass sie aber doch in keiner gesellschaftlichen Funktion aufgeht. Hannah Arendt hat diesen Sachverhalt prägnant gefasst: die Werke der Kunst sind nicht dazu da, Bedürfnisse zu befriedigen oder eine gesellschaftliche Funktion zu erfüllen. Kunst bringt Werke von Dauer hervor, keine Objekte, die sich im Kreislauf von Produktion und Konsumtion verzehren.

Kunst, Gesellschaft und Kirche – Tendenzen eine Wiederannäherung?

Die Trennung von Kunst und Kirche ist heute, zu Anfang des 21. Jahrhunderts, so weit vorangeschritten, dass sie kein Thema mehr ist. Bei uns ist die Freiheit der Kunst in Artikel 5 des Grundgesetzes garantiert.

Und doch: zum einen gibt es „diesseits und jenseits der Kunst“, wie es der Kölner Theologe Alex Stock formulierte, immer noch Leute, die das Knie beugen, sei es an einem Wallfahrtsort oder im Museum, die sich überwältigen lassen, von einem großen Moment an einem besonderen Ort.

Klaus Biesenbach, der Direktor der New Yorker Kunsthalle MoMa PS1, hat dieses Phänomen so beschrieben: „Traditionell gehen Menschen in die Kirche, um Offenbarung über Wahrheit und Glauben, ihre eigene persönliche Entscheidungsfreiheit und ihr Verhalten, ihr Leben zu erlangen. Traditionell gehen Menschen ins Museum, um sich glanzvolle Architektur und Bilder anzuschauen. Heutzutage gehen viele Menschen in ein Museum, um Offenbarung, Reflexion, Inspiration und Einsichten jenseits ihres täglichen, direkten Erfahrungsraums zu erhalten. Viele Kirchen werden besucht, um ihre glanzvolle Architektur und ihre Bilder zu betrachten. Kunst hat parallel zu dem Bedeutungsverlust von Religion in vielen Bevölkerungsgruppen eine Rolle übernommen, der das Erhabene, Sublime, Wahre und Schöne, das Erhellende und Transzendente zugewiesen wird“.

Und noch etwas kommt hinzu: die Wiederentdeckung der Spiritualität in der modernen Kunst, auf die der frühere Präsident der Bayerischen Akademie der schönen Künste, Wieland Schmied, bereits Anfang der 1980er Jahren hingewiesen hatte. Gemeint ist die Abkehr von jenen „orthodoxen Ästheten“, deren Begriff der Moderne darauf hinauslief, dass moderne Malerei angeblich nur noch ihre eigenen Mittel - Farbe, Formen, Umriss - reflektiert. Gegen die über weite Strecken des 20 Jahrhunderts herrschende Meinung, dass einzig die Idee der Innovation, die Einführung und Erprobung immer neuer künstlerischer Medien und Materialien die Leitlinie der Entwicklung der modernen Kunst sei, wird die Spiritualität gesetzt, die uns ins Zentrum aller Kunst führe. „Nur von der Erkenntnis ihrer Spiritualität her wird sich die Kunst unseres Jahrhunderts (gemeint ist das 20. Jahrhundert) in ihrer Substanz, wie in ihrer Qualität, wie in ihrer Fülle ganz erschließen“, so Wieland Schmied.

Diese Beobachtungen und Befunde aus theologischer und künstlerischer Perspektive finden ihre Entsprechungen in aktuellen soziologischen Gesellschaftskonzepten, bei denen Bezüge zur Alltags- und Stadtkultur besonders hervortreten und die den Zusammenhang von gesellschaftlichem Wandel und kulturellen Prozessen analysieren.
Hier ist zunächst die Untersuchung von Gerhard Schulze „Die Erlebnisgesellschaftt“ von 1992 zu nennen. Der Titel wurde zum Schlagwort und zum Begriff. Schulze fasst die mentalen und personalen, die gruppenspezifischen und kulturrelevanten Veränderungen zusammen, die sich aus dem Wertewandel der 60er und 70er Jahre, nach dem Entstehen neuer sozialer und kultureller Bewegungen und nach der radikalen Diesseitsorientierung als Reaktion auf den Verlust (oder Verzicht) utopischer Gesellschaftsentwürfe ergeben haben. Selbstentfaltungswerte gewinnen dabei gegenüber den traditionellen Akzeptanz- und Pflichtwerten an Gewicht. Der Erlebniswert bestimmt das Geschehen beim Kauf, wie bei der Partnerwahl, in der Freizeit, wie bei der Wahl des Lebensstils und der Gruppenzugehörigkeit.

In seiner 2013 erschienenen Studie „Die Erfindung der Kreativität – zum Prozess gesellschaftlicher Ästhetisierung“ arbeitet der Soziologe Andreas Reckwitz heraus, dass der zentrale gesellschaftliche Wandel der letzten 30 Jahre nicht technologischer sondern kultureller Natur sei. Eine neue, wachsende Berufsgruppe, die „creative class“, habe ein „kreatives Ethos“ hervorgebracht, das nicht allein ein privates Modell der Selbstentfaltung sei - getreu dem Wunsch ‚ich will kreativ sein‘. Übertragen auf die Anforderungen der Arbeits- und Berufswelt heißt das dann durchaus bedrohlich: du musst kreativ sein!

Die „kreative Klasse“ suche den Reiz des permanenten Neuen in Kunstevents, in Medienangeboten und ähnlichen ästhetischen Innovationen. Ästhetisch orientierte Lebensformen führten aber nicht ins Paradies. Die Kehrseite sei gekennzeichnet durch

einen „Leistungszwang zur Kreativität“ sowie durch eine zunehmende „Aufmerksamkeitszerstreuung“ und eine „Ästhetisierungsüberdehnung“.

Was dagegen hilft - vielleicht eine gesunde „Skepsis gegenüber dem Mythos des Neuen“ oder eine Kultur- und Alltagsästhetik der Wiederholung, die sich vom Aktivismus des Neuen distanziert?

Jetzt sind wir tief im Weltlichen angekommen. Und wo bleibt hier die Kirche? Die skizzierten gesellschaftlichen Entwicklungen kreuzten sich mit innerkirchlichen Impulsen. 1980 anerkannte Papst Johannes Paul II in einer Rede im Münchner Herkulessaal für die katholische Kirche erstmals die Autonomie der Kunst: „Diese Autonomie ist, recht verstanden, kein Protest gegen Gott und gegen die Aussagen des christlichen Glaubens; sie ist vielmehr der Ausdruck dessen, dass die Welt Gottes eigene, in die Freiheit entlassene Schöpfung ist, den Menschen zur Kultur und Verantwortung übergeben und anvertraut.“ Diese Aussage eröffnete die Aussicht auf eine neue Beziehung zwischen Kunst und Kirche, eine Beziehung der Zuwendung, der Öffnung, des Dialogs.

Ähnlich argumentiert das Memorandum des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland von 1993 zum Verhältnis von Kirche und bildender Kunst der Gegenwart. Dort heißt es: „Bildende Kunst von Rang ist jedoch weniger schmückendes Beiwerk, als vielmehr seismografischer Hinweis auf Aspekte der Gegenwart. Solche authentische Kunst regt an zu Reflexion und Interpretation, befruchtet den Dialog mit dem christlichen Glauben.“

Zahlreiche Ausstellungsprojekte knüpften in der Folgezeit daran an: „Luther und die Folgen für die Kunst“ Hamburg 1983; „Beyond Believe. Modern Art and The Religious Imagination“ Melbourne 1998 oder Iconoclash – Jenseits der Bilderkriege in Wissenschaft, Religion und Kunst, 2002 im ZKM Karlsruhe.

Aus der öffentlichen Resonanz auf diese Ausstellungen lässt sich vielleicht als Grundtenor ableiten, dass in Bildern, die Eingang in die Museen gefunden haben die unmittelbare Inspiration durch die christliche Religion eher schwach geblieben ist. Es scheint, als habe sich die christliche Ikonographie als künstlerisches Material erschöpft, im Sinne des Ausschöpfens aller künstlerischen Möglichkeiten. Die aktuelle Verwendung von Aufnahmen und Zitaten aus der christlichen Bilderwelt in der Kunst scheint eher in Richtung auf eine Kollision und Durchkreuzung überkommener Motive zu weisen. Es ist noch nicht entschieden, in wie weit vom Christentum inspirierte Kunst auch in Zukunft lesbar und damit für ein breiteres Publikum entschlüsselbar bleibt.

Fazit

Hier liegen für mich Herausforderungen und Chancen für das Themenjahr 2015 „Reformation – Bild und Bibel“. Der Vizepräsident des Kirchenamts der EKD, Thies Gundlach, geht mit Optimismus ans Werk, wenn er daran erinnert, dass es in der Theologie vor nicht allzu langer Zeit einen „ästhetischen Turn“ gegeben habe – weg vom reinen Wort Gottes, hin zur Wahrnehmung der Wirklichkeit unter ästhetischen Gesichtspunkten. Etwas vorsichtiger formuliert der Marburger Theologe Thomas Erne: „Kunst wird nicht dadurch religiös, dass sie sich christlicher Symbole bedient. Die Religion wird nicht dadurch zur Kunst, dass sie religiösen Sinn in Zeichen darstellt.“

Anknüpfend an Hannah Arendt möchte ich aus weltlicher Sicht betonen: über allem steht aber die Autonomie der Kunst, wie es der japanische Künstler Tatzu Nishi, der in Münster studiert hat, einmal prägnant formulierte. Ihm sei deshalb das letzte Wort überlassen: „Ein Künstler widmet sich Unternehmungen, die für die Gesellschaft keinerlei Nutzen zu haben scheinen, um ihr fortlaufend andere Perspektiven zu eröffnen. Vielleicht ist das die Aufgabe der Kunst und des Künstlers – uns über die Bedeutung der Freiheit in unserer Gesellschaft zu unterrichten.“

 

 
Aktueller Monatsplan

Januar:

Tanznacht
Valentin-Gottesdienst
Virtueller Rundgang
Altstadtgemeinde