Aufs Maul geschaut - Mit Luther in die Welt der Wörter

Interaktive Ausstellung zum 500. Reformationsjubiläum in der Heiliggeistkirche eröffnet

Quelle: studio pw.
Installation „Alles hat seine Zeit“ mit Texten von Ellen Wesemüller. Die Wendung „Alles hat seine Zeit“ ist auf das Prediger-Buch der Bibel zurückzuführen. Das indogermanische Verb, von dem sich das Wort „Zeit“ herleitet, bedeutet „zerteilen“ oder „zerreißen“. In der Ausstellung „Aufs Maul geschaut. Mit Luther in die Welt der Wörter“ können sich die Besucher Textfragmente, verfasst von der Schriftstellerin Ellen Wesemüller, von einem Block reißen.
Die UNESCO City of Literature Heidelberg eröffnete am 24.2. in Kooperation mit der Citykirche Heiliggeist Sprachschöpfungen Martin Luthers in der Ausstellung „Aufs Maul geschaut . Mit Luther in die Welt der Wörter“.
Vom 25. Februar bis 26. März 2017 war die Ausstellung in der Heidelberger Heiliggeistkirche zu sehen.

„In unserer heutigen Zeit ist es nötig, die biblischen und auch die politischen Botschaften in ihrer großen Komplexität ernst zu nehmen. Sie verständlich, aber nicht vereinfacht oder gar verfälscht aufzunehmen und wiederzugeben. In dieser Verantwortung steht für mich das Erbe der Reformation in Bezug auf das Thema Sprache“, erklärt Dekanin Marlene Schwöbel-Hug in ihrem Grußwort zur Eröffnung der Ausstellung.
Aber sie warnt auch vor der Macht von Sprache, wenn sie missbräuchlich verwendet wird: „Dem Volk aufs Maul schauen – ja, wenn es darum geht, komplizierte Zusammenhänge einfach darzustellen. Nein, wenn komplexe Zusammenhänge verkürzt und dadurch sinnentfremdet werden.“

Quelle: Vincenzo Petracca
Licht-Installation zum Thema "Arbeit" im Altarraum - Pfr. Maas kam ins Arbeitslager, da er von der Kanzel gegen den Nationalsozialismus predigte und Juden vor der Vernichtung rettete
„Auf unserem Altar steht eine Lutherbibel. Die Installationen haben wir daher ins Zentrum unseres Gotteshauses genommen, sogar in den Altarraum“, erläutert Citykirchenpfarrer Vincenzo Petracca die ungewöhnlichen Kunstobjekte in der Kirche.
„Einen Monat lang werden wir um und mit den Installationen über Luthers biblische Redewendungen Abendmahl feiern. So wird sichtbar werden: Wir Evangelische leben vom Wort, wir machen Kunst auf Augenhöhe erfahrbar.“
 
Quelle: Vincenzo Petracca
Anagramische Interpretation des Chaos durch die ipad-Installation "In deiner Hand"
Luthersche Redewendungen, die heute sprichwörtlich in aller Munde sind, werden in der Ausstellung sinnlich erfahrbar. Acht poetische Installationen laden dazu ein, sich lustvoll und aktiv in die Welt einzelner Wörter zu vertiefen. Die exklusiv für die Ausstellung angefertigten Exponate, die „Apparate zur Spracherfindung“, leiten den Besucher zu den zentralen Begriffen der Lutherschen Redewendungen und machen sie fühlbar, hörbar, lesbar und erfahrbar: So erzählt eine Wand aus Rinde die Geschichte des Wortes „Buch“, ein mechanisches Orchester seziert Redewendungen in ihre Laute und arrangiert sie neu, das Wort „Zeit“ bildet sich aus einem überdimensionalen Abreißkalender, und iPads formieren die Geschichte des Begriffs „Hand“ – nachdem der Besucher selber „Hand angelegt“ hat.
 
Quelle: Vincenzo Petracca
Video-Poetry zu "Unser tägliches Brot gib uns heute"
Anlass der Ausstellung ist das 500-jährige Reformationsjubiläum, das die Evangelische Kirche in Heidelberg mit zahlreichen Veranstaltungen feiert. Das Haus für Poesie in Berlin, die Stiftung Brückner-Kühner (Kassel) und die Neue Fruchtbringenden Gesellschaft (Köthen) haben sie entwickelt, das Berliner Studio TheGreenEyl hat sie realisiert und in Berlin wurde sie auch eröffnet. In dieser erweiterten Form wird die Ausstellung in Heidelberg nun erstmals in einem Kirchenraum gezeigt.
Die evangelische Heiliggeistkirche ist der zentrale Ort der Lutherstadt Heidelberg und der Feierlichkeiten des Reformationsjubiläums, auf ihrer Empore befand sich einst die berühmte „Bibliotheca Palatina“. 

 
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