Physikfenster

von Johannes Schreiter (1984, 458x125 cm)

Das "Physikfenster" von Johannes Schreiter (geb. 1930) löste 1984 einen deutschlandweit beachteten Fensterstreit aus. Ursprünglich sollten zehn Langhausfenster zum Thema "Wissenschaft" und Chorfenster zum Thema "Kirche" von Schreiter in der Heiliggeistkirche gestaltet werden, umgesetzt wurde nur das Physikfenster. Es provozierte 1984, zur Zeit der Nato-Nachrüstung, so sehr, dass die anderen Fenster nicht mehr realisiert wurden.
 
Quelle: Foto: Dr. Manfred Schneider
Segen und Fluch der Physik
Das Physikfenster befindet sich im ersten Joch des südlichen Seitenschiffs. Es ist in Rot gehalten, der Farbe des Heiligen Geistes. Dem Heiligen Geist ist die Kirche gewidmet. In der Fensterspitze ist er als rotweißer Pfeil abgebildet, der vom Himmel in ein Herz fällt, das meint: Gottes Geist kommt vom Himmel herab in die Herzen der Menschen.

Das Bild enthält zwei zentrale Aussagen, zunächst nicht über den göttlichen Geist, sondern über den menschlichen Geist.
Zum einen: Gott hat den Menschen mit einem lebendigen Geist begabt. Gerade in dieser Kirche wurde jahrhundertelang das gesammelte, schriftliche Wissen der damaligen Welt aufbewahrt: die Bibliotheca Palatina. Das war die Universitätsbibliothek Heidelbergs. Für die Verbindung von Geist und Wissenschaft steht etwas für ein Kirchenfenster Ungewöhnliches: eine physikalische Formel. Sie stammt von Albert Einstein und lautet E=mc . Die Formel ist die Grundformel seiner Relativitätstheorie. Schreiter drückt mit ihr die Größe des menschlichen Geistes aus. Er ist fähig, alles zu prüfen und zu erforschen, um das Gute zu behalten, wie der Apostel Paulus im 1. Thessalonicherbrief schreibt (1 Thess 5,21).

Quelle: Dr. Manfred Schneider
Physikfenster von Johannes Schreiter im Südschiff
Zum andern: Albert Einstein markiert auch die Nichtigkeit des menschlichen Geistes. Seine Theorien ermöglichten die moderne Physik und letztlich auch den Bau der Atombombe. Hieran erinnert ein Datum im Kirchenfenster. Am 6.8.1945 wurde über Hiroshima die erste Atombombe abgeworfen. Seit diesem Tag steht der Menschheit vor Augen, dass sie den menschlichen Geist und alles Leben auf dem Planeten vollständig auslöschen kann.
Die Bedrohung durch Atomwaffen ist auch heute trotz zahlreicher Abkommen und Bemühungen nicht gebannt. Es gibt immer noch mehr als 15.000 Atomwaffen. Das ist genug um die Welt mehr als einmal zu zerstören. 

Ungewöhnlich ist, dass Schreiter hier von seiner sonst abstrakten Konzeption abweicht und Bibelworte in sein Fenster einbezieht. Die transzendentale Ausrichtung verstärkt er dadurch verbal.
Das Physikfenster zitiert einen Satz aus dem 2. Petrusbrief (2 Petr 3,10), in gotischer Schrift geschrieben: Es wird aber des Herrn Tag kommen wie ein Dieb in der Nacht, an welchem die Himmel vergehen werden mit großem Krachen; die Elemente aber werden vor Hitze schmelzen, und die Werke, die darauf sind, werden verbrennen.
Er handelt vom Gericht Christi am Letzten Tag und deutet die Gefahr der Atomwaffe als Schrecken der Endzeit. Entsprechend explodiert auf dem unteren Teil des Fensters die Erdkugel und blutrote Lava fließt heraus.

Schreiter will aber nicht im apokalyptischen Schrecken stehen bleiben, sondern Mut machen. Aus diesem Grund verändert er das Zitat aus dem 2. Petrusbrief und kombiniert es mit einem weiteren Bibelzitat. Heißt es im 2. Petrusbrief "die Erde und die Werke, die darauf sind, werden verbrennen", so streicht er die Worte "die Erde" (obwohl dann das Wort "darauf" keinen Sinn mehr macht), um die Möglichkeit der Rettung der Erde offen zu halten. Es wird im Fenster das Ende der menschlichen Werke, wie etwa der Einsatz von Atombomben, angekündigt, nicht aber die totale Vernichtung der Erde selbst. An ihre Stelle setzt Schreiter eine Friedensverheißung und kombiniert das verkürzte Zitat des 2. Petrusbriefes mit einem Zitat aus dem Prophetenbuch Jesaja (Jes 54,10): Aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer.
Das bewusst gestaltete Mischzitat ist die Verheißung einer Zukunft, trotz der Möglichkeit des Verderbens: Gott ist ein Gott des Friedens. Er will Frieden und Lebensmöglichkeit, nicht Verderben und Untergang. Das letzte Wort ist nicht Vernichtung, sondern Erbarmen, gesprochen vom göttlichen Erbarmer.

 
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