Texte zum Heidelberger Katechismus

450 Jahre Heidelberger Katechismus

Wir sind im Jubiläumsjahr. Ein Katechismus ist die Zusammenfassung der wichtigsten Glaubensaussagen. Der Heidelberger Katechismus entstand vor 450 Jahren am Hof der kurpfälzischen Residenz in Heidelberg und wurde verfasst von dem reformierten Theologen Zacharias Ursinus (1534-1584), als er 29 Jahre alt war. Im Bereich der reformierten Kirchen (Kurpfalz, Niederlande, Schweiz, Frankreich, Schottland) erlangte er dieselbe Bedeutung wie Martin Luthers Kleiner Katechismus bei den lutherischen Kirchen.
 
Er gehört zu den Bekenntnisgrundlagen auch unserer evangelischen Landeskirche in Baden, die seit 1821 uniert ist, d.h. sie verbindet das Wichtigste aus der lutherischen und aus der reformierten Tradition und anerkennt sowohl den kleinen Katechismus Luthers als auch den Heidelberger. In unserem Gesangbuch finden Sie beide unter der Nummer 883 und 884. Auch im Internet werden Sie fündig unter www.heidelberger-katechismus.net. Unsere Petruskirche in Kirchheim ist übrigens ursprünglich eine reformierte Kirche gewesen.
 
Von des Menschen Elend – Erlösung – Dankbarkeit, so lauten die Überschriften der drei Abschnitte, in die die 134 Fragen und Antworten gegliedert sind. In den 450 Jahren hat sich viel geändert an unserer Art, Fragen zu stellen und Antworten darauf zu suchen. Aber es hat sich nichts daran geändert, dass wir Menschen immer noch viele offene Fragen haben. So können wir dieses Jubiläum als Chance begreifen, unseren Fragen nachzuspüren und sie zu stellen und darüber ins Gespräch zu kommen: ins Gespräch miteinander und ins Gespräch mit Gottes Wort in der Bibel. Im Glaubenskurs „Kaum zu glauben?!“, der am 18. Februar begann, kamen gleich am ersten Abend viele Fragen zum Vorschein: „Warum hat Gott das Opfer von Kain nicht angenommen? (1. Mose 4,3-12)“ „Woher weiß ich denn, ob Gott es gut mit mir meint?“ „Wie verhalten sich die Aussagen in der Bibel über Gott als den liebenden Vater zu den Aussagen über Gott als den Richter?“
 
Wir möchten in diesem Jubiläumsjahr die Sommerpredigtreihe vom 28. Juli bis 8. September nutzen, um aktuelle Glaubens- und Lebensfragen aus der Gemeinde zum Thema zu machen und mit Hilfe der Bibel nach Antworten zu suchen. Hier stelle ich Ihnen drei Versuche vor, wie Glaubensgeschwister ihre heutigen Fragen angeregt durch den Heidelberger Katechismus formuliert haben:
 
1. Der Doornse Catechismus aus den Niederlanden
 
Eine Gruppe von 13 Pfarrerinnen und Pfarrern der Protestantischen Kirche in den Niederlanden hat ein Katechismus-Buch zusammengestellt, das vom Heidelberger inspiriert wurde. Die Leitfrage für den postmodernen Menschen lautet: „Was nützt dir/uns denn der christliche Glaube heute?“ Die Frage 1 (siehe „angedacht“) lautet ähnlich: „Was ist mein tiefster Trost?“ Dann werden die Fragen, die vom Elend des Menschen ausgehen, eher als Theodizee-Fragen aufgenommen: „Kannst du Gott erfahren?“ „Ist Gott allmächtig?“ „Kommt auch das Leiden von Gott?“
 
Fragen über Gott: „Ist Gott derselbe wie Allah?“ „Findet Gott auch an anderen Religionen als dem Christentum Gefallen?“ „Ist Gott ein Anhänger von Meinungsfreiheit?“
 
Dann kommen die Fragen nach Jesus, nach dem Heiligen Geist, zur Kirche, nach der Bibelauslegung, nach dem Gebet als Glaubenspraxis, nach dem Leben und Tod des individuellen (einzelnen) Menschen. Am Ende steht ein Ausblick auf das Reich Gottes: „Was steht unsrer Welt bevor – wird’s noch was mit deinem Reich, Gott?“
 
Als Beispiel:
I Der Heidelberger Katechismus beginnt mit der Frage: „Was ist dein einziger Trost?“ Vielen ist diese Frage heute fremd. Im modernen, reichen Westen haben wir meistens nicht so viel Bedürfnis nach Trost. Trost scheint eine Sache für Schwache, aber wir fühlen uns meistens stark. Und wenn wir doch Trost brauchen, dann organisieren wir den selbst: mit Kunst und Philosophie, Freunden und Ferien und Pillen. So stark wir auch sein mögen, so entkommt kein Mensch Zeiten, die uns entwaffnen: unsere Kräfte schwinden, Freunde lassen uns im Stich, unser Reichtum erweist sich nicht wirklich als Quelle reinen Glücks, unsere Gesundheit nimmt ab, Medikamente wirken nicht mehr und auch nicht unsere eigenen tiefsinnigen Gedanken. Dann entdecke ich, dass nichts in der Welt selbstverständlich und absolut ist. Und ich entdecke meine „Armut“. Gerade aus dieser Armut heraus finde ich den Zugang zu Gott. Gott ist, was bleibt, wenn mir alles entfällt. Er begleitet mich manchmal als vertraute Nähe, manchmal als schmerzliche Abwesenheit, wie eine Stimme, die mein Gewissen weckt; wie ein Geheimnis, vor dem sich meine Worte auflösen; wie ein Widerspruch, der meine Gedanken und Taten durchkreuzt, wie ein Hand, die mein Leben trägt. Der tiefste Trost ist: Niemals falle ich aus seiner Hand.
 
II Die Mystiker in der christlichen Tradition haben stets wieder erfahren, dass Gott letztlich das Geheimnis unseres Lebens bildet. Sie sprechen von Gott als einer Wirklichkeit, die unser Leben umfängt und übersteigt, aber uns zugleich näher ist, als wir uns selbst sein können. Tief in uns selbst, wo die tiefsten Sehnsüchte verborgen liegen, unsere Liebe, aber auch unsere Angst und Schuld sich verbergen – wir nennen es auch unsere „Seele“, unseren „inneren Raum“, unser „wahres Selbst“ – da kommt Gott uns entgegen und ist anwesend.
 
Die tiefe Verbundenheit mit Gott ist der einzige und unzerstörbare Kern meines Lebens. Alles, was mich gefangen hält: Besitz, Leistung, Angst, selbst Krankheit und Tod, erscheinen in diesem Licht als relativ. Weil ich in Gott meine tiefste Grundlage gefunden habe, kann ich mich frei machen von all diesen Sachen. In Gott finde ich meine höchste Freiheit.1
 
2. Glaubensfragen (Geloofs Vragen)2: eine niederländische Vergegenwärtigung
 
Frage 8 – Glaubensfrage 2
Sind wir aber so böse und verkehrt, dass wir ganz und gar unfähig sind zu irgendeinem Guten und geneigt zu allem Bösen?
  • Inwieweit bestimmen Geltungsdrang, Ambitionen und Ängste Ihr Verhalten?
  • Inwiefern können Sie sich davon lösen und ...
  • wählen Sie frei und interesselos das, was Sie für wirklich gut halten?
Frage 21 – Glaubensfrage 3
Was ist wahrer Glaube?
  • Was macht Ihre Lebensüberzeugung beständig und belastbar?
  • Vertrauen oder eine Intuition?
  • Trägt vielleicht Wissen zu dieser Beständigkeit bei oder Übergabe, oder ...
  • ist es noch etwas Anderes, vorbei an Vertrauen, Intuition, Wissen und Übergabe?
Frage 45 – Glaubensfrage 4
Was nützt uns die Auferstehung Christi?
  • Was ist für Sie der Nutzen oder die Bedeutung von radikaler Erneuerung?
Frage 46 – Glaubensfrage 5
Wie verstehst du, dass es heißt „aufgefahren in den Himmel”?
  • Was bedeutet für Sie der Gedanke, dass jemand Ihnen in den Tod vorausgegangen ist?
  • Wie beeinflusst dieser Gedanke Ihr Leben?
  • Haben Sie das Gefühl, dass jemand, der nicht mehr lebt, noch etwas für Sie bedeuten kann?
Frage 56 – Glaubensfrage 6
Was glaubst du von der „Vergebung der Sünden”?
  • Glauben Sie, dass es möglich ist, nach einer Krise so aufs Neue anzufangen, dass sich das ganze Leben wieder fügt?
Frage 57 – Glaubensfrage 7
Was tröstet dich die „Auferstehung der Toten”?
  • Was könnte das Vertrauen auf ein Leben nach dem Tode zu Ihrem Leben hinzufügen?
Frage 58 – Glaubensfrage 8
Was tröstet dich die Verheißung des ewigen Lebens?
  • Gibt es Momente, die Ihrem Leben Ewigkeitswert verleihen?
Frage 60 – Glaubensfrage 9
Wie bist du gerecht vor Gott?
  • Meinen Sie, dass Sie, so wie Sie sind, einfach sein dürfen, oder ...
  • haben Sie das Gefühl, dass Sie etwas machen müssen, damit Sie darauf vertrauen dürfen, dass Ihre Existenz gerechtfertigt ist?
Frage 91 – Glaubensfrage 10
Was sind denn gute Werke?
  • Was heißt „gut leben”?
  • Geht es dabei vorrangig um Ihren aktiven Einsatz,
    oder ...
  • heißt „gut leben” empfänglich sein für das, was Ihnen zuteil wird?
3.   Glaubenssätze – ein kritischer Katechismus3
 
„Diese Glaubenssätze“, so heißt es im Vorwort, „sind ein Versuch, den christlichen Glauben in meditativen Texten zusammenzufassen, die dazu einladen, kontemplativ betrachtet zu werden.“
 
Was ist Glaube an Gott?
Glaube ist unbedingtes Vertrauen, dass unser Leben in mitten aller Dinge sinnvoll ist. Sinn ist, was Mut zum Leben gibt.
Glaube vertraut auf Gott, der das Nichts ins Sein ruft und alle Welt mit Sinn erfüllt. 
Glaube vertraut nicht auf die Welt, wie sie ist, sondern wie sie durch Gottes Willen sein könnte.
Glaube vertraut nicht darauf, dass alles von selbst gut wird, sondern dass wir Gutes tun können gegen Widerstand in uns und in der Welt. 
Glaube ist ein Bündnis mit Gott, der die Welt mit Sinn erfüllen will.
 
Was ist Glaube an Christus?
Christlicher Glaube ist Mut zum Leben und zum Sterben, der mit Christus gekreuzigt wird und mit ihm aufersteht.
Glaube an Christus berechtigt, sich selbst zu bejahen trotz Schuld.
Glaube an Christusverpflichtet, Liebe zu üben trotz Lieblosigkeit.
Glaube an Christusermutigt, nicht aufzugeben, wenn alles hoffnungslos scheint.
Christlicher Glaube ist Mut zum Leben und zum Sterben, der mit Christus gekreuzigt wird und mit ihm aufersteht und so mit Gottjetzt und für immer verbunden ist.
 
Was ist Glaube an den Heiligen Geist?
Gott hat die fernen Galaxien geschaffen und ist doch nicht fern, denn sein Geistnimmt Wohnung in dir.
Er sprach in früheren Zeiten und spricht auch heute durch seinen Geist zu dir.
Wenn dein Mut zum Leben gekreuzigt wird und in deinem Herzen neu entsteht, dann wirkt sein Geist in dir.
Wenn dich Gewissheit erfasst, in Gott geborgen zu sein in alle Ewigkeit, dann lebt sein Geist in dir.
Wenn er Menschen zu neuen Geschöpfen macht, dann arbeitet sein Geist für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit in uns allen zur Vollendung seiner Schöpfung.
 
235 Fragen und Antwortversuche
Ich hatte das Buch Glaubenssätze in der Ferienwoche dabei und war so fasziniert, dass ich kaum etwas anderes las, sondern mich immer wieder voller Neugier sowohl auf die Fragen als auch auf die Antworten stürzte. Ein paar Beispiele: 216. „Kann über Scheidungen Gottes Segen liegen?“ 229. „Was tröstet in der Gottesfinsternis des Leidens?“ 232. „Warum dürfen wir hoffen, im Geheimnis des Todes dem Geheimnis Gottes zu begegnen?“ 169. „Wie soll das Verhältnis der christlichen Kirchen zu anderen Religionen sein?“ 183. Schadet Christliche Hilfe nicht oft mehr, als sie nützt?“ 192. „Was dürfen wir realistisch hoffen für eine erneuerte Gesellschaft?“
 
Diese Fragen möchten Sie, liebe Leserinnen und Leser, anregen, eigene Fragen zu formulieren und an die Redaktion zu senden oder uns in den Pfarrämtern anzurufen oder nach den Gottesdiensten beim Kaffeetrinken anzusprechen oder…
 
Jedenfalls handelt es sich bei den Glaubensfragen um die spannendsten Fragen, die ich kenne. Das Jubiläum des Heidelberger Katechismus kann uns dazu bewegen, dass wir uns über diese Fragen gemeinsam austauschen. Das wäre doch ein Gewinn für alle Beteiligten! Oder?
 
 
Albrecht Herrmann

1 Stephan de Jong, übersetzt von Susanne Labsch
2 www.nederlandsekerk.de
3 Gerd Theißen, Gütersloher Verlagshaus, 2. Auflage 2012, ISBN 3579081489
 

Frage 1 des Heidelberger Katechismus

Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?
Dass ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre. (Römer 14,8/1.Korinther 6,19 + 3,23)
 
Das ist der Anfang morgens beim Aufwachen: keine Angst vor diesem Tag ganz egal, was vor mir liegt, ganz egal wie es ausgeht, eines steht schon jetzt fest: Ich gehöre zu Jesus Christus, er hat sich von Anfang an zu mir bekannt, er verteidigt mich, er steht für mich ein. Denn auch das Leben jagt mir manchmal Angst ein, wenn Aufgaben sich wie Berge auftürmen und ich nicht weiß, wie ich das alles schaffen soll. Dann tröstet es mich und macht mich innerlich ruhig, wenn ich dem, was mich einschüchtert, entgegenhalte: Ich gehöre ja mit Leib und Seele meinem getreuen Heiland. Mein Heiland ist der, der alles im Blick hat und für mich sorgt, der auch dem, was mir Angst macht, gewachsen ist. Treu steht er zu mir und geht mit mir auf allen meinen Wegen. Mit ihm an der Seite kann ich es wagen und aufstehen und die düstere bedrohliche Stimmung wandelt sich in Dank: Dank, dass ich am Leben bin, dass ich atmen, spüren, fühlen, riechen, schmecken, hören, sehen, gehen, denken, mich versorgen, arbeiten und ausruhen kann. Und Dank, dass ich nicht mutterseelenallein hier auf der Erde bin, sondern Menschen um mich habe, die für mich da sind und für die ich da sein kann.
 
Er hat mit seinem teuren Blut für alle meine Sünden vollkommen bezahlt und mich aus aller Gewalt des Teufels erlöst; und er bewahrt mich so, dass ohne den Willen meines Vaters im Himmel kein Haar von meinem Haupt fallen kann, ja, dass mir alles zu meiner Seligkeit dienen muss. (1.Petrus 1,18.19 / 1.Johannes 1,7;2,2 / 1.Joh 3,8 / Joh 6,39 / Matthäus 10,29-31 / Lukas 21,18 / Römer 8,28)
 
Die Liebe meines treuen Heilandes Jesus Christus heilt mich. Sie stillt alle meine Bedürfnisse und alle meine Sehnsucht. An seiner Liebe wird mir meine Sünde bewusst. Seine Liebe öffnet mich, meine Sünde verschließt mich, seine Liebe tröstet mich, meine Sünde macht mir ein schlechtes Gewissen, seine Liebe freut sich an mir und mit mir, meine Sünde beschämt mich, seine Liebe lädt mich ein, meine Sünde macht mich selbstzufrieden, seine Liebe vergibt mir alle meine Sünden, meine Sünde ist zu stolz, um sich darauf einzulassen. Bitter macht mich meine Sünde und selbstbezogen, in mich selbst verkrümmt isoliert sie mich von der Quelle des Lebens. Aber mein Heiland ist treu, er sucht mich wie der gute Hirte das verlorene Schaf, bis er mich findet und ich mich finden lasse. Er holt mich heraus aus meiner Verlassenheit, aus meiner Selbstgenügsamkeit, aus meiner Verdrossenheit. Er holt mich hinein in die Beziehung zu Gott, meinem Vater im Himmel. Weil ich sein Kind bin, muss ich mir keine Sorgen machen, sondern ich kann mir alle Dinge zum Besten dienen lassen.
 
Darum macht er mich auch durch seinen Heiligen Geist des ewigen Lebens gewiss und von Herzen willig und bereit, ihm forthin zu leben. (2.Korinther 1,21.22 / Epheser 1,13.14 / Römer 8,15.16)
 
Es ist der Heilige Geist und nicht mein eigener Geist, der mich von meinem Ende her gewiss macht: der ewige Gott ist durch die Vermittlung von Jesus mein Vater, also endet mein Leben nicht mit dem Tod, sondern es bleibt verbunden mit Gott. So stärkt der Heilige Geist in meinem Herzen das Urvertrauen: den Glauben, die Liebe, die Hoffnung. Ich lebe nicht mehr aus Eigennutz, sondern aus Dankbarkeit. Zuversichtlich und bereitwillig stelle ich mich den Aufgaben, die Gott mir vor die Füße legt.
 
Albrecht Herrmann

Heidelberger Katechismus

 

Quelle: ekihd

Wenn die Rede auf den Begriff „Katechismus“ kommt, stellen sich bestimmte Assoziationen ein. Wir denken an schwer verständliche Lehren, Dogmen, die man glauben „muss“, eher unmoderne Inhalte und Ähnliches. In jedem Fall weckt der Begriff vergleichsweise wenig positive Gedanken oder Erinnerungen. Das war im  16. Jahrhundert ganz anders. Hier stand der Begriff „Katechismus“ für moderne Zugänge zum christlichen Glauben. Die Abfassung von Katechismen spielte eine zentrale Rolle bei dem Bemühen, den christlichen Glauben verstehbar zu machen. Katechetische Praxis war die notwendige Kehrseite der Überzeugung vom Priestertum aller Getauften. Alle Glaubenden hatten den gleichen Status im Blick auf das Heil und waren als Glaubende gefragt. Entsprechend sollten auch alle zum Verstehen der Inhalte des Glaubens befähigt werden.

Das ist heute nicht nur in der evangelischen, sondern auch in der katholischen Kirche selbstverständlich. Im 16. Jahrhundert war es das nicht. Da bestanden die Gottesdienste zum größten Teil aus der lateinisch abgehaltenen Messfeier,  die Predigt spielte eine ganz nebensächliche Rolle. Der Priester sprach die lateinische Liturgie und wurde von den wenigsten verstanden. Wenn er die Hostie hochhielt und rief: „Hoc est corpus meum“ (das ist mein Leib), verstand man nicht selten nur „Hokuspokus“. Die Verbreitung von Katechismen war ein wichtiger Teil des Bemühens, das Verstehen christlicher Glaubensinhalte zu fördern.  Martin Luther hat mit der ihm  eigenen Sprachkraft Katechismen geschaffen, die bald weitverbreitet waren. Sie waren insofern „pädagogisch wertvoll“, als Luther sich auf den existenziellen Wert der Lehrinhalte konzentrierte. Gott wird zum Beispiel als das erklärt, „an das du dein Herz hängst“.

Der Heidelberger Katechismus entstand im Jahre 1563, 34 Jahre nach Luthers Großem und Kleinem Katechismus, und setzte neue Akzente. In 129 Fragen und Antworten wird ein Überblick über die gesamte christliche Lehre gegeben. Die reformatorische  Bewegung hatte sich  seit ihren  Anfängen in unterschiedliche Richtungen weiterentwickelt. Hier galt es, einen Konsens,  aber auch die  Grenzen, die nicht überschritten werden sollten, zu formulieren. Hinzu kam noch ein weiteres Anliegen.  Kurfürst Friedrich  III. (1559–1576) war durch selbstständiges Bibelstudium und durch Berater in  seinem Umfeld zu der  Überzeugung gelangt, dass die Reformation durch Luther noch nicht zur Vollendung gebracht sei. Es seien noch zu viele Reste an Aberglauben und unbiblischen Gebräuchen geblieben, zum Beispiel in bestimmten Formen des Abendmahls oder der nicht vollständigen Auflösung von Klöstern. Darum beauftragte er den vom Fach her an der Theologischen Fakultät der Universität zuständigen Dogmatik-Professor mit dem Entwurf eines Katechismus. Aus diesem wurde dann unter Mitarbeit weiterer Theologen der Kurpfalz der Heidelberger Katechismus erstellt.

Der Hauptverfasser des Heidelberger Katechismus, Zacharias Ursinus (1534–1583), stammte aus Schlesien, hatte bei Philipp Melanchthon in Wittenberg studiert und dann in Genf und Zürich die reformierte Gestalt der Reformation kennengelernt. Ursinus verstand sich sein Leben lang als Schüler Melanchthons, hat aber im Sinne des Genfer Reformators Johannes Calvin auch eigene Akzente gesetzt. Das zeigt sich deutlich am Inhalt des Heidelberger Katechismus, auch wenn an der Endfassung der Kurfürst und weitere Theologen mitgearbeitet haben.

Ein erstes charakteristisches Kennzeichen des Heidelberger Katechismus ist das Interesse an den ethischen Folgen des Glaubens. Die Reformation der Lehre im Sinne der Wiederherstellung des biblischen Evangeliums müsse durch eine Reformation des Lebens vollendet werden. Die Gestaltung des Lebens der Einzelnen und der Kirche insgesamt müsse möglichst weitgehend an den biblischen Vorschriften orientiert werden. Das ethische Interesse zeigt sich schon am Aufbau: Nach dem ersten Teil „Vom Elend des Menschen“, in dem es um die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen geht (Fragen 1 –11), folgt ein zweiter über die Erlösung durch das Kommen Christi (Fragen 12–85). Ein eigener, nicht weniger umfangreicher dritter Teil (Fragen 86–129) widmet sich neben dem Gebet den Fragen der Lebensgestaltung. Er steht unter der Überschrift „Von der Dankbarkeit“ und  macht schon dadurch deutlich, in welchem Geist die Lebensgestaltung zu erfolgen hat: nicht durch gesetzlichen Zwang oder in der Motivation, etwas für sein Heil zu tun, sondern in der Dankbarkeit, von dem selbst empfangenen Guten etwas weiterzugeben. Hier werden auch die Zehn Gebote ausgelegt – als eine Art Zusammenfassung christlichen Lebens. Luthers Katechismen hatten die Schwerpunkte noch anders gesetzt. Hier dienten die Zehn Gebote primär als eine Art Spiegel, durch den der Mensch erkennt, wie wenig er fähig ist, Gottes Willen zu tun, in Verzweiflung gerät und entsprechend umso sehnsüchtiger die Befreiung durch das Evangelium ergreift.

Ein zweites Kennzeichen des Katechismus ist die Abgrenzung gegen jede Gefahr von Aberglauben. Anders als bei Luther soll das Bilderverbot die Ungreifbarkeit Gottes gegen alle menschlichen Versuche, sich ein Bild zu erstellen, sichern. In der Abendmahlslehre ist man streng darauf bedacht zu vermeiden, dass Gott mit dem Weltlichen vermischt wird. Die Gegenwart Gottes im Abendmahl ist rein geistlich verstanden. Luther hatte hingegen darauf beharrt, dass die Gegenwart – entsprechend der Menschwerdung Gottes – ganz leiblich zu denken war. In der zweiten und dritten Ausgabe, die gleich ein paar Wochen nach der ersten Ausgabe gedruckt wurden, hat man den eigenen Standpunkt noch pointierter formuliert. Die römisch-katholische Messopferlehre wurde jetzt sogar als „vermaledeite Abgötterei“ verdammt (Frage 80). Diese Hinzufügung ist wohl als Reaktion auf die Verurteilungen der evangelischen Abendmahlslehre durch das Konzil von Trient im Jahr 1562 zu verstehen. Gerade diese Frage zeigt, dass der Heidelberger Katechismus im Kontext seiner Zeit verstanden werden muss und nicht unbesehen in die Gegenwart übertragen werden kann.

Ein drittes Charakteristikum des Heidelberger Katechismus ist seine konsequente Orientierung am Heilsertrag christlicher  Lehre. Sie findet ihren Ausdruck in der Zusammenfassung der gesamten Lehre des Katechismus in der ersten Frage: „Was ist dein einiger Trost im Leben und Sterben? Antwort: Dass ich mit Leib und Seel, beide im Leben und im Sterben, nicht mein, sondern meines getreuen Heilands Jesu Christi Eigen bin, der mit seinem teuren Blut für alle meine Sünden vollkömmlich bezahlet und mich aus aller Gewalt des Teufels erlöset hat und also bewahret, dass ohne den Willen meines Vaters im Himmel kein Haar von meinem Haupt kann fallen, ja auch mir alles zu meiner Seligkeit dienen muss.“

Die Betonung der Fürsorge Gottes im Heidelberger Katechismus hatte einen sehr konkreten Hintergrund. Die Kurpfalz hatte traditionell enge Beziehungen nach Westeuropa. Unter Kurfürst Friedrich III., den man bald „den Frommen“ nannte, verstärkten sie sich. Man nahm intensiv Anteil an der Verfolgung der Protestanten in Frankreich und den spanischen Niederlanden. Menschen, die um ihres Glaubens willen fliehen mussten, spielten eine immer wichtigere Rolle in der Kurpfalz. Insofern war die Ausrichtung des Katechismus auf das Vertrauen in die Fürsorge Gottes alles andere als eine rein theoretische Angelegenheit.

Die engen Beziehungen nach Westeuropa fanden einen vorläufigen Höhepunkt in der Hochzeit des Enkels Friedrichs III., Friedrichs IV., mit der niederländischen Prinzessin Luise-Juliana von Oranien-Nassau im Jahr 1593. Für die Wirkungsgeschichte des Katechismus war das von großer Bedeutung. Denn der Heidelberger Katechismus wurde zum wichtigsten Bekenntnistext der niederländischen Protestanten. So verbreitete sich der Heidelberger Katechismus auch über Europa hinaus und ist heute in über 40 Sprachen übersetzt.

Ein Geheimnis seines Erfolges ist die vielfältige Nutzbarkeit. Er diente nicht nur als Katechismus im engeren Sinn, son- dern auch als Zusammenfassung der gesamten christlichen Lehre. Man nutzte ihn als Grundlage für Predigten, die regelmäßig das Ganze der christlichen Lehre erklärten. Darüber hinaus formulierte der Katechismus im Stile eines Bekenntnisses einen breiten Konsens, aber auch die Grenzen dieses Konsenses. Und schließlich ist er von zahlreichen Menschen als Trost- und Erbauungsbuch gelesen worden. Nicht wenige, die in der reformierten Tradition groß geworden sind, tragen ein ganzes Leben lang die erste Frage nach dem einzigen Trost im Leben und deren Beantwortung mit sich.

Christoph Strohm

In Gottes Hand – Der Heidelberger Katechismus heute

 

Quelle: ekihd

Vier Fragen des Heidelberger Katechismus haben wir an verschiedene Altersgruppen unserer Gemeinde gestellt, gespannt darauf, welche Antworten aus der Sicht von Kindern der dritten Klasse, von Jugendlichen aus dem Konfirmandenunterricht und Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus unserem Seniorenkreis heute dazu möglich sind.

1. Frage: Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?

Die Antworten der Kinder kommen zunächst ganz schnell: „Wenn ich endlich ein Haustier bekomme!“ „Wenn ich einen Elefanten bekomme, das ist nämlich mein Lieblingstier!“ Je länger aber das Nachdenken in der Klasse dauert, desto stärker wird auch die inhaltliche Auseinandersetzung mit dieser Frage. „Ich glaube, Glück tröstet mich!“ Da sind wir schon einen Schritt weiter. „Wenn sich jemand bei mir entschuldigt und ich dann ganz viele Süßigkeiten bekomme.“ Bis endlich ein Mädchen sagt: „Wenn ich ausgeschlossen bin und dann jemand sagt: Du gehörst dazu.“ „Wenn ich weiß, dass Gott bei mir ist!“ Tatsächlich ist für die Beantwortung der ersten Frage der Gemeinschaftsgedanke ein ganz wichtiger, und diese Gemeinschaft reicht über den Tod hinaus: „Liebe tröstet mich!“, schreibt eine Konfirmandin, und „dass ich nicht allein auf der Welt bin“, „dass es Gemeinschaft auch nach dem Tod gibt mit allen, die ich jetzt vermisse“. Und während in der Konfirmandengruppe und vereinzelt bei Schülerinnen und Schülern der Grundschule die Familie mit Eltern und Geschwistern, auch mit den Freunden als Trösterin ganz hoch im Kurs steht und die Grundschüler die Nähe und die Gemeinschaft der Eltern auch als tröstend erleben, „wenn Papa oder Mama mich in den Arm nehmen“, „wenn meine Eltern zusammen sind“, stellen unsere Seniorinnen und Senioren fest, dass die „Verbindung zu Gott und das Reden mit ihm“, das „Rufen von: Abba, Abba, lieber Vater!“ ebenso wichtig sind wie der rote Hausnotrufknopf. Dabei aber ist einer Frau vor allem wichtig, dass „ich eine innere Bereitschaft entwickle, das anzunehmen, was kommt. Das tröstet mich.“ In diesem Zusammen- hang ist die Erfahrung von Hilfe im Leben, wie sie unsere Seniorinnen und Senioren immer wieder berichten, ganz entscheidend und gibt dabei auch die Trias wieder, unter der der Heidelberger Katechismus verfasst ist: Von des Menschen Elend. Von des Menschen Erlösung. Von der Dankbarkeit. All das reißt in den Antworten auf die erste Frage schon auf.

22. Frage: Was ist für einen Christen notwendig zu glauben?

Im Gespräch mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden wird deutlich, wie sehr die Fragen des Heidelberger Katechismus auch heute durchaus Aktualität besitzen für die Glaubenswirklichkeit der Jugendlichen. Die Auseinandersetzung mit dem Glauben und der eigenen Zukunft ist in vollem Gang. Die Fragen geben dabei einen Rahmen. So hält es einer für nötig, als Christ „sich seine eigene Meinung zu Jesus und zu Gott zu bilden.“ „Da gibt es nichts, was notwendig ist. Das muss jeder selbst wissen.“ Wobei die Erkenntnis, „wenn einer nichts glaubt, dann ist er auch kein Christ“, durchaus klar vor Augen steht. Die Kinder in der Schule dagegen bewegen sich einfach von der Notwendigkeit, an „Götter zu glauben“, über „Gott im Himmel“ zu Jesus Christus. Einer hält es für nötig, „die Zehn Gebote zu halten“, was vielleicht daran lag, dass wir diese gerade in der Stunde davor miteinander bearbeitet hatten. Im Seniorenkreis beschäftigt uns an der Stelle die Frage nach Glauben und Wissen. Während die einen kein Wissen für den Glauben voraussetzen, hält eine andere fest: „Ohne Wissen kann ich doch gar nicht an Gott glauben. Irgendwoher muss ich ihn doch kennen.“ Dabei ist doch nur entscheidend, „dass ich weiß, Gott gehört zu mir und ich gehöre zu Gott, so dass er mir ins Herz gepflanzt ist.“

26. Frage: Was glaubst du, wenn du sprichst: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde“?

Als wir uns dieser Frage zuwenden, tun sich zunächst die größten Unterschiede auf. Während die Schülerinnen und Schüler in der Grundschule diese Frage erst einmal gar nicht verstehen, glauben manche der Konfirmandinnen und Konfirmanden da zunächst „nichts. Ich denke eigentlich nicht nach, wenn ich was sage. Zumindest nicht bei so einfachen Sprüchen“, um dann doch noch weiter auszuführen: „Vielleicht, dass es einen grooßen (!) Vater gibt, der auf alle und alles aufpasst“. Eine andere sagt bei ähnlicher Anfangsskepsis, „dass Gott unser Schöpfer ist und dass er über uns wacht und aufpasst.“ So wird in allen drei Altersgruppen der Schöpfergott schließlich mit dem Helfergott verbunden: „Dass Gott mein Helfer ist und ich nicht allein bin.“ „Dass er auf mich achtet.“ „Dass Gott mich nicht verlässt.“ Einer Teilnehmerin im Seniorenkreis ist dabei aber ein ganz anderer Schwerpunkt wichtig: „Ich kann nicht alle Fragen beantworten“, sagt sie. „Ich muss es auch nicht.“ „Wenn ich nämlich sehe, wie die Naturwissenschaft die Welt vergrößert, dann komme ich mit meinen Gedanken nicht mehr nach.“ So reicht das Wissen und vor allem der Glaube an Gott, den Schöpfer Himmels und der Erde, um dort wieder die Geborgenheit und Gelassenheit zu spüren, die schon in der Beantwortung der ersten Frage so wichtig war.

117. Frage: Was gehört zu einem Gebet, damit es Gott gefällt und von ihm erhört wird?

Da herrscht große Einigkeit; denn der Ernst, mit dem das Gebet betrieben wird, scheint unabdingbar. Selbst „wenn es nur drei Sätze sind, so brauchen sie doch den Ernst und dass sie von Herzen kommen.“ „Man sollte nicht so viel mit ihm schimpfen“, meint ein Konfirmand, „und ihn ehren!“ Die Kinder legen dabei erst einmal Wert auf die Äußerlichkeiten „Amen“ und „die Hände falten!“, „dass man einen möglichst langen Text hat, den man abliest“ und „Liebe und Freund- lichkeit, damit es ihn glücklich macht“. Als ich diese Antworten höre, wird klar, mit welcher Liebe die jungen Menschen in unserer Gemeinde auch mit Gott umgehen. Das ist ja kein Zufall, dass die Kinder und Jugendlichen so sprechen. Ungehörig werden Gebete empfunden, die schon Vorhandenes noch weiter steigern sollen: „Wenn man ganz reich ist, soll man nicht beten: Kannst du mich noch reicher machen?“ Einer Konfirmandin ist wichtig, dass „Gott das Gebet gar nicht gefallen muss und dass ich es gar nicht in der Hand habe, dass er es erhört und erfüllt.“ Da ist sie einer Seniorin übrigens sehr nahe, die festhält: „Wir haben doch so oft erfahren, dass ein Gebet nicht so erhört wird, wie ich es mir wünsche. Es ist nicht meine Entscheidung, dass das Gebet erhört wird. Man gibt sich in Gottes Hand, wird geführt und weiß nicht, wo man am Ende wieder rauskommt.“ Dass auch fertige Texte helfen, das Gebet ernsthaft und von Herzen an Gottes Ohr zu bringen, ist dabei auch ein wichtiger Aspekt. Zuletzt vereinen sich alle Altersgruppen im Dank des Gebetes. Ja, auch das gehört dazu.

Im Nachgang zu unseren Gesprächen fällt noch einmal auf, wie sehr sich das Leben und Erleben der Menschen auch heute in unterschiedlicher Intensität zwischen Elend, Erlösung und Dankbarkeit bewegt. Dabei ist in den Gesprächen vor allem die Dankbarkeit greifbar, mit der die meisten heute ihr Leben morgens beginnen und dann abends nach einem vollen Tag in Gottes Hand zurücklegen. Diese Dankbarkeit gilt damit auch der Gemeinschaft, die wir miteinander mal einig, mal kontrovers über den Glauben errichten. Hierin nämlich geschieht, was Martin Luther die Anwesenheit des Gotteswortes im wechselseitigen Gespräch genannt hat und was wir heute Kommunikation des Evangeliums nennen. Es ist wunderbar, wenn das gelingt.

Maximilian Heßlein

 
Karin Wilke
Pressereferentin EkiHD
Quelle: Karin Wilke