„In der heutigen Zeit brauchen wir mehr Hermann Maas!“

- 15.10.2026 - 

Heidelberg hat wieder ein Hermann-Maas-Haus

Heidelberg, 15.10.2026. Mit einer Führung durch das Haus und einem großen Festakt ist das bisherige Schmitthenner-Haus am 14. Oktober dem ehemaligen Pfarrer an der Heiliggeistkirche und Prälaten der Evangelischen Landeskirche in Baden, Hermann Maas, gewidmet worden und trägt ab sofort als Hermann-Maas-Haus dessen Namen. Mehr als 150 Gäste aus Kirche und verbundenen Religionsgemeinschaften, der Heidelberger Stadtgesellschaft und Familienmitgliedern würdigten den neuen Namensgeber und sein Vermächtnis, das in der heutigen Zeit so aktuell ist wie zu dessen Lebzeiten.

Bereits zur Führung mit Sebastian Klusak von der Evangelischen Erwachsenenbildung und Joachim Hartmann, dem jüngsten Enkel von Hermann Maas, füllte sich das Foyer des Hauses. Der Gang durchs Haus und den Garten führte anschaulich durch das gesamte Leben von Hermann Maas und die Jahre von 1915 bis 1945 in der Heiliggeiststraße 17 als Pfarrer an der Heiliggeistkirche im damaligen Pfarrhaus. 
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden mitten hineingenommen in Maas‘ Leben und sein entschiedenes Engagement für Menschlichkeit, sein unbeirrtes Eintreten für die Würde und das Leben anderer und seine Tatkraft.
 
Man erfuhr von seiner Liebe zur pädagogischen Arbeit, seinem unermüdlichen Arbeitseifer, seiner Freundschaft und Verbundenheit mit Jüdinnen und Juden, dem Einsatz gegen Antisemitismus und Ausgrenzung und für Verständigung, Ökumene und das interreligiöse Miteinander. Eindrücklich wurde seine klare Haltung zu den Machthabenden und dem Gedankengut des Nationalsozialismus deutlich, als er sich trotz staatlicher Beobachtung und Einschüchterungsversuchen offen für seine jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger einsetzte und viele von ihnen durch seinen persönlichen Einsatz rettete. Der Pfarrer an der Heiliggeistkirche und Prälat der Evangelischen Landeskirche in Baden wurde zu einem Wegbereiter des christlich-jüdischen Dialogs.
 
Beim anschließenden Festakt im Großen Saal war dieser bis auf den letzten Platz besetzt. Der Crossover-Chor der Elisabeth-von-Thadden-Schule unter Leitung von Johannes Balbach berührte mit „Northern Lights“ von Ola Gjeilo und setzte damit den Ton für den weiteren Abend.
 
Dekan Dr. Christof Ellsiepen und Schuldekanin Dr. Beate Großklaus begrüßten die Anwesenden im Namen der Evangelischen Kirche in Heidelberg und des Vorstands der Hermann-Maas-Stiftung. Mit der Umbenennung solle das Andenken an Adolf Schmitthenner nicht geschmälert werden, betonte Dekan Ellsiepen in seiner Ansprache. Hermann Maas selbst hatte 1924 eine Gedenktafel am Haus zu Ehren Schmitthenners enthüllt, der von 1903-07 als Pfarrer an der Heiliggeistgemeinde einer seiner Vorgänger gewesen war. Die Neubenennung folge laut Ellsiepen der Erkenntnis, dass "wir heute nicht weniger Hermann Maas brauchen, sondern mehr!“ Beate Großklaus unterstrich dies, denn wir stünden an einem Punkt, „wo Antisemitismus nicht mehr latent vorhanden, sondern offen ausgelebt wird“ und „wo unsere Gesellschaft gefährdet ist wie lange nicht mehr. 
Die Evangelische Kirche in Heidelberg benenne dieses Haus nach Hermann Maas, so Ellsiepen, „um die Gesellschaft daran zu erinnern, dass es möglich ist, durch Taten gegen die Gefährdung von demokratischen und christlichen Werten einzustehen“ „und uns selbst als Kirche daran zu erinnern, dass wir mehr für diese Werte tun müssen.“
Die Festreden beleuchteten Hermann Maas aus unterschiedlichen Perspektiven: der Stadt, der Universität, der Familie, der Jüdischen Gemeinde und der Hochschule für Jüdische Studien.
 
Der erste Bürgermeister, Jürgen Odszuck, war in Vertretung des Oberbürgermeisters gekommen und stellte klar, der Ehrenbürger der Stadt Heidelberg sei „für uns alle heute ein Vorbild.“ Die Umbenennung sei „ein Bekenntnis zu den Werten von Hermann Maas“ und „ein Appell an die Stadtgesellschaft, für ein Mehr an Miteinander und Menschlichkeit zu kämpfen.“
 
Prorektor Prof. Dr. Jan Christian Gertz der Universität Heidelberg schloss sich in Vertretung der Rektorin, Prof. Dr. Melchior den lobenden Worten an, und erklärte, Maas als Ehrendoktor der Universität sei eine „beeindruckende Persönlichkeit, die in der Zeit des Nationalsozialismus Rückgrat bewiesen hat“ und „eng verbunden ist mit dem Neuanfang der Universität nach ihrer Wiedereröffnung 1945“.
 
Joachim Hartmann brachte als einer der vier anwesenden Enkelinnen und Enkel von Hermann Maas eine sehr persönliche Perspektive ein. Er dankte im Namen der Familie dafür, dass mit der Namensgebung das Gedenken an ihren Großvater und großes Vorbild in Ehren gehalten und bewahrt werde. Hartmann charakterisierte seinen Großvater als Mensch „mit viel Humor“, aber “oft wenig Zeit“, und hob seine „offene, ökumenische, christliche Grundhaltung“ hervor. Mit „Beharrlichkeit und Mitmenschlichkeit“ habe er es geschafft, viele Juden vor dem Tod zu bewahren.
 
Rabbiner Jona Pawelczyk-Kissin von der Jüdischen Gemeinde und Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg legte den Fokus auf Maas‘ besondere Verbundenheit mit Menschen jüdischer Herkunft und erinnerte daran, dass Hermann Maas „ein Mann des tiefen Glaubens und des Gewissens“ war und sich „von diesem Glauben – und nicht von der Frage, was gerade opportun war, was andere erwarteten oder welche Widerstände ihm begegneten“ leiten ließ. Für Maas wäre „die Würde eines Menschen nicht von seiner religiösen Zugehörigkeit“ abhängig gewesen. Er habe stets die Not des anderen gesehen und entsprechend gehandelt.
 
Ein szenisches Spiel von Schülerinnen und Schülern der Elisabeth-von-Thadden-Schule Heidelberg beeindruckte mit der Darstellung der Freundschaft zwischen Hermann Maas und Elisabeth von Thadden, deren gemeinsamer Einsatz für verfolgte Schülerinnen und Schüler im Dialog deutlich wurde.
 
Im folgenden Beitrag stellte Prälatin Heide Reinhard die Bedeutung von Hermann Maas für den Dialog der Religionen, die Friedensarbeit und Völkerverständigung heraus. Beispielhaft griff sie Hermann Maas‘ Verdienste um den Weltbund für Freundschaftsarbeit der Kirchen heraus. Frieden sei etwas, das gelernt werden müsse, sei Maas überzeugt gewesen, daher auch sein starkes Engagement in der religiösen und pädagogischen Jugendarbeit. Und es brauche Begegnungsräume, damit Verstehen beginnen könne. Für die Prälatin bleiben sein „mutiges Eintreten für die jüdische Bevölkerung Heidelbergs und sein Engagement für den Frieden zwischen den Völkern wegweisend.“
 
Sie und der erste Bürgermeister Jürgen Odszuck nahmen auch die feierliche Widmung des Hauses vor. Sie enthüllten ein Bild der Vorderseite des Gebäudes mit dem neuen Schriftzug „Hermann Maas Haus“ über dem Eingangsportal. Wer bei der Ankunft im Hof der Heiliggeiststraße 17 den Blick nach oben gewandt hatte, hatte den neuen Schriftzug schon entdecken können.
 
 
Zum Abschluss des Festakts stimmte der Crossover-Chor, diesmal neben Joachim Balbach zusätzlich mit Dirigent Popkantor Lars Quincke, mit „Laut sein“ von Oliver Gies eine mitreißende Aufforderung an, nicht zu schweigen, sondern sich lautstark einzusetzen, ganz im Sinne von Hermann Maas.
 
Vor dem Segen überraschten Rabbiner Pawelczyk-Kissin und Dekan Ellsiepen mit einer besonderen Ankündigung, die im Anschluss an den Festakt auch in die Tat umgesetzt wurde. Der Rabbiner hatte eine Mesusa mitgebracht, die er am Eingang zum Salon von Hermann Maas anbrachte. Damit kehrte ein sichtbares Zeichen des Bekenntnisses zur christlich-jüdischen Freundschaft zum Haus zurück, hatte doch Hermann Maas selbst seinerzeit eine Mesusa am Eingangspfosten angebracht, um verfolgten Jüdinnen und Juden zu zeigen: „Hier seid ihr willkommen! Hier seid ihr sicher!
 
Viele Gäste blieben auch zum Empfang, der nach dem Ende des offiziellen Teils des Abends die Gelegenheit bot, sich bei koscherem Gebäck und alkoholfreien Getränken auszutauschen.
 
 
Text und Fotos: Silke Kleffner-Pöppel, Bild mit Mesusa von Vincenzo Petracca