Heidelberg, März 2022. Die Heidelberger Peterskirche verfügt über zwei Orgeln. Die Hauptorgel, 1984 von der Bonner Orgelbaufirma Klais erbaut, befindet sich ebenerdig hinten links im Kirchenschiff. Sie ist ein typisches Kind ihrer Zeit. Ihre schlanke Optik korreliert mit ihrem schlanken und obertonreichen Klang, die Disposition ist die einer Kompromissorgel mit (neo)barocker Ausrichtung.
Die Geschichte der Emporenorgel ist komplexer – und aus heutiger Sicht betrüblich: Die namhafte Orgelbaufirma Walcker erbaute 1898 ein großes Instrument für die Empore der Peterskirche, das durch zwei „Renovierungen“ in den Jahren 1952 und 60 soweit entstellt wurde, dass man das Instrument in den 70ger/80ger Jahren offenbar für wertlos genug erachtete, es nicht mehr zu restaurieren, sondern stattdessen ein neues Instrument zu erbauen. Außerdem bestand der Wunsch, die Orgelempore für oratorische Aufführungen nutzbar zu machen, weswegen die neue Orgel auf die linke Seite des hinteren Hauptschiffes verbannt wurde. Akustisch ist das ein problematischer Platz, liturgisch ebenfalls, denn es besteht vom Klais-Spielschrank aus keinerlei Sichtkontakt zum Altarraum.
Aus heute nur noch anekdotisch überlieferten Gründen wurde 1983 aus einigen Restmaterialien bzw. -registern der abgerissenen Emporenorgel eine Orgel mit elektrischer Traktur erbaut, deren 16 Register (+ Super- und Suboktavkoppel) von einem freistehenden einmanualigen Spieltisch bespielt werden konnten.
Leider wurde das Instrument nach dem Bau der Klais-Orgel nicht mehr gewartet oder gestimmt und immer seltener genutzt. In meinen ersten Dienstjahren als Peterskirchenorganist wurde mir schnell klar, welch ein klanglicher Schatz die (im übrigen an der klanglich optimalen Stelle erbaute) Ursprungsorgel gewesen sein muss und welche Bereicherung die Wiedernutzbarmachung selbst des Restbestandes für die Peterskirche sein könnte.
Um möglichst viele Menschen von dem Projekt zu überzeugen, wurde nicht zuerst Geld für eine Restaurierung der Emporen-Orgel gesammelt (das tun wir derzeit), sondern das Instrument lediglich repariert und gestimmt – und von der ansonsten unverändert gebliebenen Klais-Orgel aus per Kabelverbindung spielbar gemacht, indem dort sämtliche Manuale und Pedal mit elektrischen Kontakten unterlegt und midifiziert wurden. Ein per Midi ansteuerbarer Expander für elektronische Klänge unterschiedlichster Art wurde ebenfalls angeschafft.
Der eigentliche Clou des Orgelprojektes ist jedoch der Einbau einer neuen Sinua-Setzeranlage, die zweierlei ermöglicht: 1. verfügt sie über 150 (!) mit einem Token verschließbare Setzerebenen mit je 2.999 Setzern. Musikalisch viel interessanter ist aber der 2. Aspekt der Sinua-Anlage, die im Grunde wie eine frei einstellbare elektrische Koppel funktioniert. Beim Ausprobieren der neuen Möglichkeiten, die die Orgelanlage – nicht zuletzt dank der traumhaften Peterskirchenakustik – zu einem wirklich beeindruckenden Instrument werden lässt, ergeben sich unendlich viele schöne Klangfarben. Die Akustik lässt den Klang im Raum so miteinander verschmelzen, dass ich eigentlich nach jedem Gottesdienst gefragt werde, ob im Gottesdienst auch die Emporen-Orgel erklungen sei.
Überhaupt erweist sich die Orgelanlage als unglaubliche Bereicherung gerade auch der Gemeindebegleitung. Die warmen und vollen Klänge der Doppelorgel stützen und tragen den Gemeindegesang, ohne ihn zu dominieren und ermöglichen gleichzeitig alle denkbaren Begleitmöglichkeiten in immer neuen Klangfarben. Schauen Sie doch am Sonntag mal vorbei – und sprechen Sie mich gerne an!
Text: Carsten Klomp, Organist in der Peterkirche
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