450 Jahre Heidelberger Katechismus wurde gebührend gefeiert!
Zum Abschluss des Jubiläumsjahres krönte Margot Käßmann mit ihrer Predigt den Gottesdienst in der Heiliggeistkirche

Quelle: ekihd
Heidelberg, 10.11.2013. Wie viele Hände Prof. Dr. Margot Käßmann am Schluss des Gottesdienstes am Ausgang der Heiliggeistkirche geschüttelt hat, ist gar nicht zählbar. Denn eine große Anzahl der rund 800 Gottesdienstbesucher wollten der prominenten Theologin persönlich für ihr Kommen und ihre aufrüttelnde Predigt danken. Auch ein Büchertisch war hier aufgebaut, so dass viele Leser um ein Autogramm der berühmten Autorin anstanden. Auf Einladung von Dekanin Dr. Marlene Schwöbel-Hug und der Altstadtgemeinde hielt Margot Käßmann die Predigt im Abschlussgottesdienst zum Jubiläum „450 Jahre Heidelberger Katechismus“ und segnete die Gemeinde. Zum ersten Mal war sie überhaupt in der Heiliggeistkirche, reiste per Flugzeug von Berlin an und nahm sich noch viel Zeit für Diskussionen, bevor sie zur Synode der EKD nach Düsseldorf abreiste. Es war Martin Luthers 530. Geburtstag, was die Lutheranerin natürlich nicht unerwähnt ließ. Und trotz einer Erkältung hatte sie es nicht eilig, denn in der fast überfüllten Heiliggeistkirche fühlte sie sich herzlich willkommen.
Musik ließ Festtagsstimmung aufkommen

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Predigt rüttelte auf
Festakt zum Heidelberger Katechismus

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Für Ministerpräsident Kretschmann werfe „die Ambivalenz in der Wirkungsgeschichte des Heidelberger Katechismus ein wichtiges Licht auf unser heutiges Staat-Kirche-Verhältnis“. Kirchen und Religionen seien wichtige Gestaltungskräfte der Gesellschaft und würden staatlichem Handeln bedeutsame Impulse für das gesellschaftliche Miteinander geben. Wichtig sei, „dass der Staat die gesellschaftliche Bedeutung der Kirchen und Religionsgemeinschaften erkennt und würdigt, sich aber einer Bewertung der Religion enthält“, sagte Kretschmann. Die Erfahrungen des Heidelberger Katechismus zeigten zugleich, dass Staat und Religion nicht ineinander aufgehen dürfen.
Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, würdigte den Heidelberger Katechismus als ein Bekenntnis, „das keine Dogmatik verordnete, sondern argumentierte und versuchte zu überzeugen.“ Mit einem Glauben, der das Verstehen sucht, „wollte der Heidelberger Katechismus im Kontext der Universität ebenso bestehen wie in der persönlichen Seelsorge“, sagte der höchste Repräsentant des deutschen Protestantismus. Ohne Zwang und Gewalt, allein mit dem Wort und dem guten Argument sollte der Glauben vermittelt werden. „In der Zuordnung von Macht und Glaube haben wir eine lange und schmerzhafte Lerngeschichte hinter uns“, erklärte Schneider. Die Geschichte habe zu der Erkenntnis geführt, „dass nur die Macht des Geistes und nicht die Macht des Schwertes den Streit um die theologische Wahrheit prägen darf“. Daran erinnere die evangelische Kirche auf dem Weg zum Reformationsjubiläum auch derzeit mit dem Themenjahr „Reformation und Toleranz“.
Für den evangelischen Landesbischof von Baden, Ulrich Fischer, liegt die wichtigste Wirkung des Heidelberger Katechismus „damals wie heute in der Zuspitzung christlicher Glaubenslehre auf existenzielle Fragen der Menschen“. Mit der Antwort auf die erste Frage „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ entfalte der Katechismus „die gesamte Macht des Glaubens, die unser Leben trägt“, sagte Fischer. Er hob zugleich den positiven Einfluss hervor, den reformierte Glaubensflüchtlinge aus Westeuropa in die Kurpfalz gebracht hätten. Mit der späteren Union von Lutheranern und Reformierten 1821 und dem steten Bemühen um einen Konsens über konfessionelle Grenzen hinweg habe Baden „räumlich und inhaltlich das Erbe des Heidelberger Katechismus angetreten“, betonte der Landesbischof.
Auch Heidelbergs Oberbürgermeister Eckart Würzner unterstrich in der Heiliggeistkirche „die enorme Wirkung eines kleinen Buches, das die Welt veränderte“. Er betonte, dass die Menschen vor 400 Jahren mit ähnlichen Problemen konfrontiert waren wie wir heute. „Auch sie erlebten ihre Zeit als Umbruch und Krise, beispielsweise durch die zunehmende Bedeutung der Medien infolge des Buchdrucks oder die Häufung von Naturkatastrophen“, sagte Würzner. Für ihn liegen „die Bedeutung und das politische Vermächtnis des Heidelberger Katechismus in der Toleranz im Sinne von Akzeptanz auch anderer Auffassungen“.

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Mit hochkarätigen Leihgaben aus dem In- und Ausland (u. a. aus London, Paris, Delft, Wien, Hamburg, Berlin und München) illustriert die Ausstellung „Macht des Glaubens“ bis zum 15.9.2013 die Entstehungszeit des Heidelberger Katechismus als einer Zeit der Krise und des Umbruchs um 1600. An den zwei Standorten im Kurpfälzischen Museum und im Heidelberger Schloss wird diese Zeit in Portraits, kostbaren Handschriften, Grafiken, Waffen, edlen Kunstgerätschaften und Animationen wieder lebendig.
Das Festwochenende zum Jubiläum wurde am Donnerstag, den 9. Mai, mit einem Gottesdienst zu Christi Himmelfahrt eröffnet, der in der ARD live übertragen wurde. Am Sonntag, den 12. Mai findet der Abschlussgottesdienst statt, mit ökumenischen Gästen aus den Niederlanden, Tschechien, Rumänien, Ghana, Kamerun und Indonesien. Die Predigt hält Landesbischof Dr. Ulrich Fischer.
Die 1563 in Heidelberg veröffentlichte Bekenntnisschrift „Heidelberger Katechismus“ wurde weltweit verbreitet, in 40 Sprachen übersetzt und ist bis heute die bedeutendste Schrift der reformierten Kirche. Auch die Evangelische Landeskirche in Baden zählt den Heidelberger Katechismus zu ihren Bekenntnisgrundlagen.
Dr. Daniel Meier, Pressesprecher der Landeskirche
„Heidelberger Katechismus“ ist heute noch richtungsweisend wie vor 450 Jahren
Evangelische Kirche feiert 2013 das große Jubiläum
450 jährigen Jubiläum des Heidelberger Katechismus
2. Halbjahr 2013
Heidelberg, 19.01.2012. Im Jahr 2013 wird er stolze 450 Jahre alt: Der Heidelberger Katechismus. Es ist ein, auf den ersten Blick, eher unscheinbares Büchlein mit großer Wirkung, von dem es heute nur noch zwei Originalexemplare gibt. Das 450. Jubiläum seiner Veröffentlichung soll in der Stadt der Romantik gebührend gefeiert werden. Die evangelische Kirche in Heidelberg bereitet sich intensiv gemeinsam mit der Universität, der Stadt bzw. dem Kurpfälzischen Museum, der Pädagogischen Hochschule und der badischen Landeskirche auf das Jubiläumsjahr vor. Denn diese Glaubensschrift, kurz „der Heidelberger“ genannt, ist noch heute ein „Wegweiser“ als einheitliche Lehrgrundlage für Schule und Kirche. Sie wurde in 40 Sprachen übersetzt und ist die am meisten verbreitetste Schrift, die Heidelberg je verlassen hat. Am 19. Januar, einem historischen Datum, präsentierten Vertreter dieser Institutionen auf Einladung der evangelischen Kirche im Schmitthennerhaus ihre Projekte.
„Der Heidelberger Katechismus hat sich in seiner langen Geschichte zu einem Exportschlager für Glaubensfragen in viele Länder der Erde entwickelt. Für uns als evangelische Kirche in Heidelberg ist das Jubiläum daher ein bedeutender Anlass, auf die Suche zu gehen, was Menschen in unserer Stadt heute glauben“, erklärte Dekanin Dr. Marlene Schwöbel-Hug. Um dies herauszufinden, habe die evangelische Kirche einen Flyer gedruckt: ‚Heidelberger Glauben’ – Fragen aktuell nach 450 Jahren’ heißt er und wird zunächst an die Bürger unabhängig ihrer Konfession verteilt. Pfarrerin Sigrid Zweygart-Pérez von der Altstadtgemeinde hob hervor, dass der Fragebrief in einer Auflage von 5000 Stück gezielt in den Gemeinden weitergereicht und in der Heiliggeistkirche ausgelegt wird. Er beinhaltet sechs Glaubensfragen, die anonym oder auch mit Namensnennung beantwortet und an das Dekanat der evangelischen Kirche zurückgesandt werden können. Mit den ausgewerteten Antworten sollen eine Ausstellung in der Heiliggeistkirche und ein Buchprojekt realisiert werden.
Schuldekan Dr. Ulrich Löffler hat gemeinsam mit Prof. Dr. Heidrun Dierk von der Pädagogischen Hochschule eine kleine Broschüre in deutscher/englischer Sprache erstellt. Für drei Euro wird diese in der Heiliggeistkirche erhältlich sein. Die Festschrift erinnert an den Begründer des Heidelberger Katechismus, Kurfürst Friedrich III (1515 – 1546), bzw. den Verfasser, den Theologen Zacharias Ursinus (1534 – 1583). In der Festschrift: „Kleines Buch – große Wirkung – der Heidelberger Katechismus – Aktuell nach 450 Jahren“ heißt es u.a.:
Ursinus erhielt den Auftrag vom Kurfürsten, einen Katechismus als Bekenntnisgrundlage in der Kurpfalz zu verfassen. Zacharias Ursinus war Schüler von Philipp Melanchthon, des auf theologischen Ausgleich bedachten engsten Mitarbeiters Martin Luthers. Ursinus hat denn auch in seinem Text von all jenen polemischen Zuspitzungen Abstand genommen, die sich für viele Theologen im Anschluss an die Lehren Calvins nahelegte. So verzichtet der Heidelberger Katechismus auf deutliche Aussagen über eine unaufhebbare göttliche Vorherbestimmung menschlichen Lebens zum Heil oder Unheil. Am 19. Januar 1563 unterzeichnete Kurfürst Friedrich III den Heidelberger Katechismus und brachte ihn als bedeutendes Unterrichtsbuch und Bekenntnisschrift auf den Weg.
In die heutige Zeit hinein transferierte Prof. Dr. Michael Welker von der Theologischen Fakultät einzelne Thesen aus dem historischen Werk. In der Konzentration auf Christus und sein Wirken sowie seinen Heiligen Geist sei der „Heidelberger“ gerade zu ein Gegenprogramm zur Christophobie. Er spreche von der Erhebung der Menschen, von einem großen „Trost“ im Leben und im Sterben. Universitäts- und Studierendenpfarrer Dr. Hans-Georg Ulrichs zeigte sich überzeugt: „Im ersten Halbjahr 2013 wird es hier brummen, denn wir erwarten internationale Gäste von Schottland bis Korea. Auch der 50. Bundeskongress der reformierten Kirche wird aus Anlass des Jubiläums im Juni in Heidelberg stattfinden.“ Ulrichs ergänzte schmunzelnd, der „Heidelberger“ komme vom Bekanntheitsgrad her noch vor dem Schloss. Denn weltweit sei der Katechismus für 100 Millionen Menschen in der reformierten Kirche die bedeutendste Schrift. Stadträtin Dr. Karin Werner-Jensen begrüßte die zahlreichen Aktivitäten: „Ich danke der Dekanin und der Arbeitsgruppe, die sich für den Heidelberger Katechismus stark machen; im Gemeinderat haben wir schon in 2010 für dieses Projekt 500.000 Euro bewilligt.“ Das sei doch viel Geld für so ein Thema, unterstrich Werner-Jensen. Auch das Kurpfälzische Museum Heidelberg plant eine Ausstellung „Macht des Glaubens“ vom 12. Mai bis 15. September 2013 zum Heidelberger Katechismus. Begleitend dazu wird eine Publikation mit Aufsätzen zur Geschichte und Rezeption des „Heidelberger“ sowie ein Katalog veröffentlicht.
Jutta Trilsbach
Foto oben: v.l.n.r.: Ulrich Löffler, Sigrid Zweygart-Pérez, Michael Welker, Marlene Schwöbel-Hug, Karin Werner-Jensen, Hans-Georg Ulrichs, Heidrun Dierk

