Predigt zum 2. Advent von Dr. Marlene Schwöbel-Hug
Liebe Gemeinde,
Predigt von Wolfgang Huber im Gottesdienst zum Reformationsfest am 31. Oktober 2014 in der Heiliggeistkirche in Heidelberg
1. Korinther 3, 9-11
1.
Betrachten Sie sich als mündig? Selbstverständlich, werden Sie antworten. Diejenigen hier in der ehrwürdigen Heiliggeistkirche, die das achtzehnte Lebensjahr schon hinter sich haben, nehmen Mündigkeit sowieso für sich in Anspruch. Aber auch für Jüngere verbinden sich mit der Schwelle des 18. Geburtstags zwar einige zusätzliche Rechte und Pflichten; aber an Selbstbewusstsein und der Bereitschaft zur Selbstbestimmung fehlt es auch ihnen nicht. Herzlich begrüße ich Sie als mündige Gemeinde und freue mich darüber, zusammen mit meiner Frau am Reformationstag mit Ihnen einen festlichen Gottesdienst feiern zu können. Wir sind immer wieder gern in Heidelberg und bleiben dieser Stadt verbunden.
Aber noch einmal: Betrachten Sie sich wirklich als mündig? Halten Sie daran auch fest, wenn Sie den Brief als Spiegel benutzen, den der Apostel Paulus in die griechische Hafenstadt Korinth schreibt und aus dem wir vorhin schon den Predigtabschnitt für diesen Abend gehört haben? Sie erinnern sich: „Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“ Paulus schreibt diese Worte an eine christliche Gemeinde, die er selbst gegründet hat. In den anderthalb Jahren, die er in Korinth verbracht hat, seinem Beruf als Zeltmacher nachgegangen ist und das Evangelium verkündigt hat, ist die junge Gemeinde ihm ans Herz gewachsen. Doch in Ephesus, wo er nun lebt, kommt ihm zu Ohren, was seit seiner Abreise aus Korinth vor sich gegangen ist. Manche sind übermütig geworden, weil sie meinen, sie hätten durch Taufe und Abendmahl die Erlösung schon als sicheren Besitz. Andere halten sich von den einfachen Gemeindegliedern fern, weil sie zu einem besseren Stand gehören. Deshalb wollen sie nicht mit denen an einem Tisch sitzen, die Hunger leiden und deshalb hoffen, vom Abendmahl satt zu werden. Spannungen im Verständnis des Glaubens und soziale Gegensätze vermischen sich miteinander. Doch damit nicht genug. Nach dem Weggang des Paulus kamen andere christliche Missionare, die das Evangelium auf ihre Weise auslegten – wie eine philosophische Lehre der eine, an die Autorität des Apostels Petrus gebunden der andere. Sich so auseinanderdividieren zu lassen, hält Paulus für unreif, für einen Mangel an Mündigkeit im Glauben. Deshalb teilt er den Korinthern mit, dass er sie leider wie Kleinkinder behandeln muss. Sie vertragen noch keine feste Speise, sondern nur Milch – wie die Säuglinge. Streit und Zwietracht unter Christen sind ein Zeichen von Unreife. Es fehlt an der nötigen „Streitkultur“, würden wir heute sagen. Paulus scheut sich nicht zu erklären: Wo es so zugeht, ist der Geist Gottes noch nicht am Werk. Unmündig sind Christen dann, wenn sie Gottes Geist im Weg stehen.
2.
Betrachten Sie sich als mündig? Sind wir als Gemeinde am Reformationstag Vertreter einer mündig und erwachsen gewordenen Christenheit? Sagen wir es einmal vorsichtig: Wir versuchen es. Wir sind Gemeinde auf dem Weg. Wir üben uns darin, mit unseren Unterschieden respektvoll umzugehen, das Gute an ihnen zu entdecken und es mit anderen zu teilen, anstatt uns auseinanderzudividieren.
Dieser Festgottesdienst zum Reformationstag wird von der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in dieser Stadt gemeinsam verantwortet. Ich sehe darin ein Hoffnungszeichen. Gemeinsam den Reformationstag zu feiern, ist ein Vorzeichen für das, was viele von uns auch für das Reformationsjubiläum im Jahr 2017 erhoffen: dass die ökumenische Christenheit dieses Jubiläum gemeinsam feiert, als einen Aufbruch hin zu Jesus Christus. In Jesu Handeln und Reden, in seinem Leiden und Auferstehen zeigt sich die Güte Gottes für uns alle. Sie zum Leuchten zu bringen, ist unsere Aufgabe. Deshalb sind wir verpflichtet, mit unseren Unterschieden so umzugehen, dass wir dadurch den Glanz der Gnade Gottes nicht verdunkeln.
Das ist umso dringlicher, als wir heute nicht mehr in einer christlichen Welt leben – oder genauer: in einer Welt, die sich für christlich hält. Zwar wächst die Zahl der Christen weltweit, aber in der schrumpfenden Mitte Europas nimmt sie ab. Zwar wird Europa dadurch nicht säkular; denn Religion und Glaube behalten ihren Ort und die Kirchtürme weisen nach wie vor in den Himmel. Aber Europa wird in religiöser und weltanschaulicher Weis plural; und wir müssen erst noch lernen, damit umzugehen. Denn in dieser Pluralität tun sich Gegensätze auf, die in die Tiefe menschlicher Überzeugungen und Werte reichen. Was ist das menschliche Leben wert – das eigene wie das des anderen? Darf man die eigene Überzeugung und die eigenen Machtansprüche mit Gewalt durchsetzen? Gibt es ein Recht dazu, Menschen mit anderem Glauben, anderer Hautfarbe oder anderer Staatsangehörigkeit vom eigenen Territorium fernzuhalten oder mit Gewalt zu beseitigen? Fragen dieser Art treiben uns im Jahr 2014 um; in dem Jahr, in dem wir uns in Deutschland an die Revolution der Kerzen und Gebete vor 25 Jahren erinnern, drohen neue Wogen der Gewalt. In dieser weltweiten Auseinandersetzung müssen wir als Christen eine gemeinsame Sprache finden. Nur so können wir das, was wir aus unserer eigenen Geschichte mühsam genug gelernt haben, in das Gespräch mit anderen Religionen, vor allem dem Islam, einbringen: den Respekt vor der Würde jedes Menschen, die Pflicht, diese Würde zu schützen, und die Verantwortung für den Frieden. Nur aus einer inneren Klarheit heraus können wir auch im Gespräch mit säkularen Weltanschauungen und dem Atheismus unserer Zeit Position beziehen.
Wenn wir zum Dialog mit anderen Überzeugungen im Stande sein wollen, brauchen wir eigene Überzeugungen. Wer achten will, was anderen wichtig ist, muss wissen, was ihm selbst wichtig ist. Als Christen unterschiedlicher Konfession bekennen wir uns gemeinsam zu Jesus Christus als dem Fundament unseres persönlichen Glaubens wie der weltweiten Christenheit in der Vielfalt ihrer Gestalten.
3.
Heute vor fünfzehn Jahren wurde in Augsburg von Vertretern der Römisch-katholischen Kirche und des Lutherischen Weltbunds die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre unterzeichnet. Sie macht deutlich, dass die Unterschiede im Verständnis der rechtfertigenden Gnade Gottes, die im Reformationsjahrhundert die Kirchen entzweiten, uns heute nicht mehr zu trennen brauchen. Die wechselseitigen Lehrverurteilungen der Reformationszeit treffen die jeweils andere Seite nicht mehr. Doch mit dieser Gemeinsamen Erklärung ist zugleich gesagt, dass die Konzentration auf Gottes rechtfertigende Gnade in Jesus Christus ein notwendiger reformatorischer Schritt war. Sie bewirkte einen Durchbruch zur Freiheit eines Christenmenschen, der für die ganze Christenheit wichtig bleibt. Denn auch heute hoffen wir nicht nur auf die Anerkennung durch andere Menschen, sondern auch auf das Angenommensein durch Gott
Doch zugleich sind wir davon überzeugt, dass der damalige Konflikt hinter uns liegt. Aber wir merken zugleich, dass wir die Uhr der Geschichte nicht zurückdrehen können. Es ist müßig, darüber zu spekulieren, wie die Geschichte ohne den päpstlichen Bann und Luthers Widerstand dagegen verlaufen wäre. Die evangelische Kirche hat seitdem aus den biblischen Vorgaben ein eigenes Verständnis der Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden, als Priestertum aller Getauften entwickelt; die sichtbare Kirche ist für den Protestantismus keineswegs so nebensächlich, wie es manchmal aus Theologenmund zu hören ist. Die römisch-katholische Kirche hat ihr Amtsverständnis ausgebaut und auf das Papsttum einerseits, das bischöfliche Amt andererseits konzentriert; sie hat die Sichtbarkeit der Kirche vor allem an das kirchliche Amt gebunden. Damit stellt sich heute eine neue Aufgabe. Sie kreist um die Frage, ob wir uns wechselseitig als Kirchen anerkennen und achten können, obwohl wir uns im Verständnis des kirchlichen Amtes und in den Formen des kirchlichen Lebens voneinander unterscheiden. Können wir uns gleichwohl gemeinsam als Bauleute an Gottes Bau verstehen, der nur ein einziges Fundament kennt, nämlich Jesus Christus?
4.
Paulus wählt die Sprache der Architekten und Bauleute. Er bekennt sich zu Jesus Christus als Fundament der Kirche. „Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“ Das ist zu einem Leitwort der reformatorischen Kirchen geworden. Doch es ist ein ökumenisches Leitwort. Paulus hält es den Korinthern entgegen, damit sie mündige Christen werden. Die Menschen, die ihnen das Evangelium verkündigen, sind keine Parteiführer, sondern Gottes Mitarbeiter. Sie haben in der Geschichte einer Gemeinde eine unterschiedliche Funktion, aber sie bauen in ihrem Wirken aufeinander auf. Es kommt nur darauf an, sich immer wieder auf den einen Grund zu besinnen, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.
Wir verwenden heutzutage die Bilder aus der Sprache der Architekten und Bauleute nicht mehr gern für die Kirche. Wir ziehen es vor, vom wandernden Gottesvolk zu sprechen. Das klingt dynamisch, beweglich, mobil. Doch in kirchlichen Leitungsgremien ist nach meiner Erfahrung von den Immobilien mindestens so viel die Rede wie von den mobilen Gemeinden. Und wenn man wie wir heute an einem Ort zum Gottesdienst zusammenkommt, an dem schon vor achthundert Jahren Gottesdienst gefeiert wurde, dann freut man sich nicht nur an der Schönheit, sondern auch an der Stabilität des Kirchengebäudes. Das Bild ist also alles andere als weit hergeholt. Wenn man es verwendet, muss man freilich das Vertrauen in die Stabilität des Fundaments vom Fundamentalismus unterscheiden. Es geht nicht um engstirniges Denken und halsstarriges Verhalten ; erst recht geht es nicht darum, Menschen, die sich auf ein anderes Fundament stützen, das Existenzrecht abzusprechen. Es geht um die Qualität des Fundaments, nicht um die Rechthaberei derer, die sich darauf berufen. Die Gebäude, die wir auf dieser Grundlage errichten, verändern sich im Lauf der Jahrhunderte; welche Veränderungen angebracht sind, ist dabei heftig umstritten, wie man auch aus der Geschichte der Heiliggeistkirche bis in die jüngste Vergangenheit hinein lernen kann. Unveränderlich ist das Fundament, nicht das, was wir darauf aufbauen.
Wenn wir Christus das Fundament der Kirche nennen, geschieht das in demselben Sinn, in dem wir auch sagen: Vertrauen ist die Grundlage von Freundschaft. Welche Formen eine Freundschaft annimmt und auf welche Weise sie sich bewährt, ist mit dem Verweis auf ihre Grundlage noch nicht gesagt. Aber verlässlich ist sie, weil sie auf Vertrauen beruht. Mit Christus als dem Fundament der Kirche verbindet sich die Gewissheit: Gott, der die Welt geschaffen hat, lässt sie nicht allein. Weil er uns Menschen ins Leben ruft, hält er uns die Treue, über unser Versagen und Scheitern hinweg. Im Weg Jesu, der in Kreuz und Auferstehung über den Tod hinausreicht, begegnet uns die Liebe Gottes zu unserer Welt und zu uns selbst. Daran messen wir, was uns widerfährt; von daher gestalten wir, was uns aufgetragen ist. Die Wege, die wir dabei wählen, sind unterschiedlich. Der Bau, der auf diesem Fundament errichtet wird, ist alles andere als einförmig und eintönig. Aber die Vielfalt christlichen Lebens hat eine klare gemeinsame Grundlage: Jesus Christus ist der Herr.
5.
Wer sich auf ihn beruft, erhält einen besonderen Titel. Paulus beruft sich ausdrücklich darauf: „Wir sind Gottes Mitarbeiter.“ Was für eine Auszeichnung! Meint der Apostel nur sich selbst und vielleicht noch die Missionare, die nach ihm kamen? Es klingt so; denn die Gemeindeglieder in Korinth bezeichnet er ausdrücklich als „Gottes Ackerfeld und Gottes Bau". Die einen bauen – die anderen werden bebaut beziehungsweise aufgebaut. Doch bei diesem Gegenüber kann es nicht bleiben. Später wird der Apostel den Korinthern erklären, dass jeder von ihnen eine besondere Gabe hat, mit der er am Bau der Gemeinde mitwirkt. Sein Bild von der Kirche als dem Leib Christi ist klar: Alle sind dazu berufen, die Kirche zu bauen und zu bewahren, wie auch alle den Auftrag haben, Gottes Erde zu bebauen und zu bewahren. Denn wir sind alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen an Gottes Schöpfungswerk. Wir sind mehr als Erfüllungsgehilfen, die einem vorgegebenen Plan folgen und wie Fließbandarbeiter immer dieselben Handgriffe wiederholen. Gottes Geist ermutigt uns dazu, unsere Fähigkeiten und unsere Phantasie einzusetzen, damit Neues entsteht. Unser Glaube, unsere Hoffnung und unser Glaube können zum Bau der Kirche beitragen, der weitergehen wird bis zum Jüngsten Tag. So sind wir als Kirche eine ewige Bauhütte, in der jeder eine Aufgabe finden kann, eine Genossenschaft, zu der jeder beitragen und in der jeder mitbestimmen kann. Denn der Bau, von dem die Rede ist, ist die Gemeinde, in der Gottes Reich mitten unter uns ist. So will der schöpferische Gott uns in Christus und durch seinen Geist zu mündigen Christen machen, die den Streit hinter sich lassen und die Vielfalt als Chance begreifen.
Das Bild von Christus als Fundament und der Kirche als Bau führt uns nicht in die Enge, sondern in die Weite; es fesselt uns nicht, sondern befreit; es schreckt nicht, sondern ermutigt; es lässt uns nicht in die Irre gehen, sondern führt uns in die Wahrheit. Wir finden Halt in Gottes uneingeschränktem und bedingungslosem Ja. Dieses Ja wollen wir nicht für uns behalten, sondern weitergeben. Im Antlitz Jesu begegnet uns dieses Ja. Deshalb vertrauen wir ihm als unserem Fundament.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
Wolfgang Huber
Predigt von Dekanin Dr. Marlene Schwöbel-Hug anlässlich der Eröffnung der Woche der Diakonie in der Heiliggeistkirche am 28.06.2014
Sowohl in der römischen als auch in der griechischen Philosophie gibt es die Geschichte vom Streit der Glieder eines Leibes. Berühmt ist die Version des Dichters Livius, der davon berichtet, dass Arme, Beine, Kopf und Bauch sich gegen den faulen Magen stellen, der nur aufnimmt und eigentlich nichts tut. Sie wollen den faulen Magen bestrafen und geben ihm nichts mehr zu essen. Wohin das führt, ist klar, alle Glieder werden schwach und können nicht mehr arbeiten. Diese Fabeln sind auch bei Seneca und anderen nachzulesen. Jedes Mal geht es darum, dass die Starken die Schwachen zur Räson bringen wollen. Wenn wir ganz ehrlich sind, können wir dieses Menschen- und Körperbild gut nachvollziehen. Ein mit Muskeln bepackter Arm oder laufstarke Beine oder ein flacher Bauch, die machen Eindruck. Besonders jetzt während der Fußball WM wird uns das deutlich. Kraft wird ausgestrahlt. Solche Glieder an unserem Leib sind wichtig, werden vielleicht sogar beneidet. Kann man deshalb aber die unscheinbaren Ohrläppchen, die Nasenflügel, die kleinen Finger die Augenbrauen etc. vergessen? Klar, das geht nicht. Wie würden wir aussehen ohne diese wichtigen, unscheinbaren Körperteile? Während sich in den antiken Fabeln die starken Glieder des Leibes unterhalten und sich abschätzig über die schwachen äußern, ist es in der Bibel genau anders herum. Das Ohr, der Fuß, die eine Hand fragen sich, ob sie wichtig genug sind, ein Teil des Körpers zu sein. Sie fühlen sich ausgegrenzt, schwach, nicht schön und attraktiv. Paulus aber sagt: „Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit“. Wieso nutzt Paulus dieses alte, seinen Lesern und Hörern vertraute Bild und dreht es in gewisser Weise um?
Die ersten Christen in Korinth waren Menschen wie wir, mit ihren Stärken und ihren Schwächen. Sie waren keine Heiligen, die alles richtig machten und denen die Harmonie nur so aus den Ohren floss. Es gab gesunde und schwache Gemeindeglieder, reiche und arme, intellektuelle und Menschen mit geringer Bildung, Witwen und Waisen ebenso wie starke Familienverbände. Dass es bei solch einer Diversität zu Meinungsverschiedenheiten kam, war selbstverständlich. Dagegen geht Paulus auch gar nicht an. Unterschiedliche Meinungen gibt es in Gemeinde, das macht uns ja auch bunt und lebendig. Was er aber als Christ gar nicht zulassen möchte, ist die Ausgrenzung von Schwachen, ist die Arroganz der Starken, ist die Beleidigung oder Demütigung von Fremden. Differenzen gibt es auch in christlichen Kreisen, auch in der Kirche. Das ist eine nicht weg zu diskutierende Realität. Aber Ausgrenzung wegen Schwäche darf es nicht geben. Paulus macht in seinem Bild darauf aufmerksam, dass kein Mensch zu einem anderen sagen darf: Du bist unwichtig, du bist nutzlos, du bist ein Schmarotzer. Das ist in christlicher Gemeinde unmöglich.
„Ich glaube an die Stärken der Schwächsten“ heißt das Motto für die diesjährige Woche der Diakonie, die bis zum 6. Juli in unseren Kirchen stattfindet. Bei dieser Aktion geht es nicht um Almosen, sondern um einen Beitrag, finanziell und gelebt, zu Integration und Inklusion. Diakonie ist gelebter, ist handelnder Glaube, das ist für uns als Christen Devise und Ansporn.
Wer ist schwach in unserer Gesellschaft? Ich denke, darüber gibt es kaum Auseinandersetzungen: Schwache sind die Menschen, die nicht für sich selbst sprechen können, aus welchen Gründen auch immer, oder die meinen, sie seien es nicht wert für sich zu sprechen. Schwache können Kinder sein ebenso wie Senioren, Menschen mit Behinderungen ebenso wie Menschen, die am Existenzminimum leben. Sie alle gehören zu uns, zu unserer Stadt, zu unserer Gesellschaft, zu unserer Kirche. Sie sind Teil von uns. Ich stelle einmal eine gewagte These auf: Die Schwachen unter uns machen uns menschlich. Sie sprechen unsere herzlichen und weichen Seiten an. Sie provozieren ausgestreckte, haltende, stützende Hände.
Wir in Heidelberg haben viele Projekte, die unser Diakonisches Werk, die Stadtmission, die Pfarrgemeinden und unser Kirchenbezirk unterstützen, mit Geld, mit Ehrenamt, mit Zeit, mit Ideen, mit Beratung, mit Menschlichkeit. Eines haben Sie beispielhaft eben vorgestellt bekommen durch unsere Bezirksdiakoniepfarrerin.
Heute, im Gottesdienst und anlässlich meines Geburtstages, wollen wir das Projekt Marienhütte unterstützen. Oberhalb des Schlosses hat die evangelische Kirche ein wunderschönes Gelände, das wir gern für viele unterschiedliche Menschen zugänglich machen möchten. In jedem Jahr veranstaltet dort das Diakonische Werk 5 Wochen lang Kinderfreizeiten. Kindern aus Heidelberg wird mit Spiel, Spaß, mit Liebe und mit großem Engagement von haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern gezeigt: Du kannst etwas, du bist uns wichtig, du bist ein Teil von uns, du bist es wert, mit Würde behandelt zu werden. Gern möchten wir dieses Gelände so herrichten, dass Kindergartenkinder, Konfirmandengruppen, aber auch Seniorenkreise usw. dort oben Luft, Freiheit und Freude tanken können. Unser Traum ist es, Möglichkeiten für Übernachtungen zu schaffen, damit ein noch größeres Gruppenerlebnis erreicht werden kann.
Diakonie nimmt wahr, dass jeder Mensch ein mit Würde ausgestattetes Geschöpf Gottes ist, das Individuum wird geschätzt. Diakonie als handelnder Glaube möchte aber auch, dass jeder Mensch sich als Teil einer sorgenden und tragenden Gemeinschaft fühlen kann. Das geht nur, wenn wir immer wieder betonen: „Ich glaube an die Stärken der Schwächsten“. Genau das ist es, was Paulus der Gemeinde in Korinth mitteilen wollte und was er uns bis heute zumutet und zutraut.
Amen
Dr. Marlene Schwöbel-Hug
Andacht zum Heidelberger Halbmarathon am 6.4.2014 – zu Mk 6,45-52
Jesus also schickt seine Jünger mit dem Schiff nach Bethsaida. Er selbst geht allein auf einen Berg. Von dort beobachtet er, wie die Jünger beim Rudern in Not geraten. Drei Tage später geht er nachts – auf dem Meer – um das Boot und will eigentlich vorbeigehen.
Predigt von Schuldekanin Dr. Beate Großklaus zur Einführung am 9.2.2014
Dr. Beate Großklaus
Predigt über Jesaja 42,1-4 zum Beginn des Hermann-Maas-Jahres
Gottesdienst am 12. Januar 2014 in der Heiliggeistkirche Heidelberg
Liebe Gemeinde, mit dem heutigen Gottesdienst schließt sich für mich in zweifacher Weise ein Kreis: Im September des Jahres 1970 kam ich nach Heidelberg und fand schnell Anschluss in der Studentenkantorei, die hier an der Heiliggeistkirche ihre Heimat hat. An Heiliggeist wurde ich also - von Norddeutschland kommend - badisch sozialisiert. Nach mehr als 43 Jahren nehme ich kurz vor dem Eintritt in meinen Ruhestand nun in dieser Kirche Abschied vom Kirchenbezirk Heidelberg, in dem ich selbst 10 Jahre als Pfarrer gewirkt und in dem wir mit unserer Familie 16 Jahre lang gelebt haben.
Der zweite Kreis, der sich heute schließt, hat etwas mit Hermann Maas zu tun, dessen die Heiliggeistgemeinde in diesem Jahr in besonderer Weise gedenkt. Im September 1970 hörte ich - eher zufällig - in der Studentenkantorei erstmals von Prälat Hermann Maas, der vor wenigen Tagen verstorben war. Kurz zuvor habe er noch die Goldene Konfirmation seiner eigenen Konfirmanden an Heiliggeist gefeiert, so erzählte man.- Als Pfarrer der Blumhardtgemeinde stieß ich dann im Jahr 1979 erneut auf Hermann Maas, denn das Gemeindehaus dieser Gemeinde trägt seit seiner Erbauung im Jahr 1967 seinen Namen. Neugierig geworden fand ich beim Aufräumen im Gemeindehaus in einem kleinen Zimmer ein Foto dieses Mannes, das mich seitdem auf meinem beruflichen Lebensweg begleitet. Seit 16 Jahren hängt es in meinem Dienstzimmer in Karlsruhe. Ein anderes Bild von Hermann Maas, das ihn im Gespräch mit Monsignore Alfons Beil, dem hochverehrten früheren katholischen Dekan von Heidelberg zeigt, hängt in meinem häuslichen Arbeitszimmer.- Erneut aufmerksam auf Hermann Maas wurde ich, als zum Weihnachtsfest 1986 mein Vorgänger im Bischofsamt Klaus Engelhardt uns Pfarrern ein sehr schönes Buch über Hermann Maas mit dem wunderbaren Titel „Redet mit Jerusalem freundlich“ schenkte. Wer aufmerksam zugehört hat, erkennt in diesem Buchtitel ein Zitat aus der atlt. Schriftlesung zu diesem Sonntag, in der eine himmlische Stimme dem Propheten den Auftrag gibt, das geplagte Volk Israel zu trösten: „Tröstet, tröstet, mein Volk, redet freundlich mit Jerusalem und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat.“ Das Zitat aus dem 40. Kapitel des Jesajabuches ist ein passender Titel zu einem Buch über Hermann Maas, denn genau das war er sein Leben lang, ein Freudenbote für das Volk Israel: In der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur hat er vielen Juden zur Flucht ins Ausland verholfen. Der Gründer der Hermann-Maas-Stiftung, Walter Norton, hat mir immer wieder bewegend von der Rettung seiner Eltern und seiner eigenen Person durch Hermann Maas berichtet. Wie freundlich Hermann Maas zu seinen jüdischen Glaubensgeschwistern reden konnte, veranschaulicht eine Episode aus der grausamen Reichspogromnacht im November 1938. Als die Mannheimer Synagoge niederbrannte und ein jüdische Mädchen in Tränen aufgelöst vom Ort des Grauens wegrannte, nahm Hermann Maas sie in seine Arme und tröstete sie. Hermann Maas hat sich in Zeiten der Judenverfolgung und der Verachtung jüdischen Glaubens und jüdischer Kultur in Heidelberg den Schimpfnamen „der stadtbekannte Judenfreund“ eingehandelt. Nach dem Ende der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft sollte daraus ein Ehrentitel für diesen Mann werden.
Israel hat ihm diesen großen Einsatz für die jüdischen Glaubensgeschwister nach 1945 gedankt: Als erster Deutscher hat wurde er im Jahr 1950 offiziell nach Israel eingeladen, und im Jahr 1967 wurde ein Baum im „Hain der Gerechten“ an der Gedenkstätte Yadwaschem für ihn gepflanzt. So wurde er als erster Deutscher unter die „Gerechten der Völker“ aufgenommen. Als ich vor einigen Jahren die Gedenkstätte in Jerusalem besuchte, wurde mir deutlich, dass Hermann Maas bis an sein Lebensende unermüdlich freundlich zu Jerusalem geredet hat. Unzählige Briefe von ihm - in hebräischer Schrift geschrieben - sind in Yadwaschem aufbewahrt und legen ein beredtes Zeugnis von der Liebe dieses Mannes zum jüdischen Gottesvolk ab.
„Redet mit Jerusalem freundlich“ - das war das Lebensthema von Hermann Maas. Und mit diesem Lebensthema stand er in der Nachfolge jenes Freudenboten, von dem das 40. Kapitel des Jesajabuches mit so wunderbar tröstlichen Worten spricht. Diesem Freudenboten verdanken wir auch den Predigttext zu diesem 1. Sonntag nach Epiphanias. Er steht im 42. Kapitel des Jesajabuches, und - ganz zufällig oder auch nicht? - war dieses Bibelwort mir auch bei meiner persönlichen Verabschiedung aus Heidelberg-Kirchheim am 6. Januar 1996 als Predigttext gegeben: „So spricht Gott: Siehe, das ist mein Knecht - ich halte ihn - und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht unter die Völker bringen. Er wird nicht schreien noch laut rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. In Treue trägt er das Recht hinaus. Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen, bis er auf Erden das Recht aufrichte; und die Inseln warten auf seine Weisung.“
Schauen wir auf diesen Mann, dessen Namen wir nicht kennen und den der Prophet nur den „Knecht Gottes“ nennt? „Siehe, das ist mein Knecht“ - mit diesen Worten, die an die Proklamation eines Königs vor einem großen Hofstaat erinnern, mit diesen Worten wird der Gottesknecht vorgestellt. Aber was tut er - dieser Geheimnisvolle? Nichts von alledem, was einen mächtigen König auszeichnet. Er schreit nicht. Er ruft nicht laut. Sein Regierungsprogramm setzt auf die leisen Töne. Er beweist nicht seine Macht, indem er das geknickte Rohr zerbricht. Er handelt nicht nach dem Gesetz der Stärke, indem er den glimmenden Docht auslöscht. Er tut all das gerade nicht, was man von einem mächtigen König erwarten würde. Der geheimnisvolle Gottesknecht richtet sich nicht nach dem Recht des Stärkeren, sondern - inspiriert vom Geist Gottes - wendet er sich Menschen zu, die geknickt, die am Verlöschen sind. Er richtet Menschen auf, die dem Tode nahe sind. Er kümmert sich um die geknickten Herzen, um die verglimmenden Hoffnungen, um Menschen, die am Ende sind. Ja, dieser Gottesknecht ist ein echter Seelsorger, der durch seine Sorge um das Geknickte etwas nahebringt von dem Gott, der kein Gott der Stärke ist, sondern ein Gott der leisen Töne.
Zugleich aber ist das Tun dieses Gottesknechts ein höchst politisches Tun. Denn wer die geknickten, die verlöschenden Menschen zur Zeit des Propheten waren, das wissen wir sehr genau: Es waren die nach Babylon Verschleppten des Volkes Israel, deren Hoffnung geknickt war und deren Glaube an eine Zukunft im Frieden am Verlöschen war. Diesen Geknickten des Volkes Israel soll der Gottesknecht Gottes zunächst das Rechtsurteil ausrichten, das da lautet: Befreiung aus der Gefan-genschaft. Hoffnung für die Deportierten. Aber weiter noch: Die ganze Völkerwelt soll er mit seiner leisen Botschaft erreichen. Zu aller Welt soll er freundlich reden. Alle Welt soll diese Botschaft hören: Gott will nicht Vernichtung, sondern Gnade. Gott will nicht Leben auslöschen, sondern retten. So soll der Gottesknecht durch den Leidensweg und durch die politische Befreiung seines Volkes hindurch das rettende Rechtsurteil Gottes zu den Völkern bringen. Ein höchst politischer, ein universaler Auftrag. Mit dem Mittel einer leisen Stimme, mit dem Verzicht auf Stärke, mit der gewaltlosen und leisen, aber unwiderstehlichen Zuwendung zu den Geknickten und Verglimmenden soll er Heil bringend wirken für alle Welt.
Während wir so über den Auftrag und das Wirken des uns unbekannten Gottesknechtes nachdenken, kommt uns das Bild eines anderen Gottesknechtes in den Sinn. Von ihm haben wir heute in der neutestamentlichen Schriftlesung gehört: Jesus Christus. Bei seiner Taufe geschieht ganz Ähnliches. Gott sagt zu ihm: „Siehe, das ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Und auf ihm ruht - wie auf jenem uns unbekannten Gottesknecht - der Geist Gottes. Erfüllt von diesem Geist, wirkt er - leise, aber stark. Richtet er Menschen auf. Verhilft Todgeweihten zu neuem Leben. Nicht aufdringlich, aber nachhaltig und eindrucksvoll wirkt er. Er wird zum demütigen Gottesknecht, dessen Wirken alle Welt erfasste. Dieser neue Gottesknecht wird zum Licht der Heiden, von dem wir vorhin gesungen haben: „Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude“. Mit ihm erreicht Gottes barmherziger Rechtsspruch die Enden der Erde, auch die fernsten Inseln.
Seitdem ist die Geschichte weitergegangen. Einerseits warten noch immer Menschen in den fernsten Fernen darauf, dass ihnen Recht widerfährt. Noch hat die Weissagung des Gottesknechtes einen Überhang über unsere Wirklichkeit hinaus. Andrerseits haben sich seitdem viele auf den Weg gemacht, um auf den Spuren des Gottesknechtes zu wirken: barmherzig und zurechtbringend, leise und doch stark. Einer dieser Gottesknechte war für mich auch Hermann Maas. Still wirkte er, aber stark. Klein war er, aber mächtig. Ein großes Herz hatte er, in dem vieles Platz hatte, was unvereinbar schien, wie Bischof Heidland im Rückblick auf das Leben von Hermann Maas einmal sagte. Hermann Maas, dieser treue Gottesknecht, hat leuchtende Spuren der Barmherzigkeit hinterlassen in einer Welt, die in besonderer Weise von Unmenschlichkeit entstellt war. Durch seine Zuwendung zu den Todverfallenen hat er Menschen den „leisen Gott“ erfahrbar gemacht. Durch sein Wirken wurden glimmende Dochte nicht ausgelöscht und geknickte Rohre nicht zerbrochen.
Das kann und das soll auch uns Maßstab und Ansporn sein: Auch wir sollen und können Gottesknechte und Gottesmägde sein - Menschen, die auf Gott und auf seinen Geist vertrauen. Menschen, die barmherzig umgehen mit den vom Tod Bedrohten. Auch wir wollen und können Menschen sein, die seelsorglich und politisch wirken, indem wir geknickte Herzen aufrichten und verglimmende Hoffnungen nicht auslöschen. Auch wir sollen und können Menschen sein, die freundlich mit anderen reden, nicht nur mit den uns Vertrauten, nicht nur mit Jerusalem, nein: gerade auch mit jenen, die uns fremd sind, die uns in ihrem Fremdsein Angst machen. Auch mit jenen, die aus der Fremde zu uns kommen. Der Auftrag des Gottesknechtes kennt gerade keine Grenzen. Noch viele Menschen auf der Welt warten, dass Gottes Rechtsspruch der Gnade sie erreicht. An diese Verheißung und an diese Verantwortung erinnert uns der unbekannte Gottesknecht aus dem Jesajabuch, erinnert uns der Gottesknecht, auf dessen Namen wir getauft sind, erinnert uns der Gottesknecht Hermann Maas, dessen wir voller Dankbarkeit gedenken. „Redet mit Jerusalem freundlich“, aber auch mit allen, die darauf warten, dass sie aufgerichtet werden und deren Lebensdocht zu verglimmen droht. Amen.
Landesbischof Dr. Ulrich Fischer
Nur Mut ? Das reicht nicht. - Wie man trotz Risiko nicht untergeht.
Sinkender Petrus Matth 14, 22 – 33
Die farbige Laufsteg-Schönheit Naomi Campbell gilt seit dem 17. Januar 2007 nicht nur als „Top-Model“, sondern auch als „Klopp-Model“. In einem Wutanfall hatte sie ihrer Hausangestellten Anna Scola Vino ein Handy ins Gesicht geschleudert und sie damit so sehr verletzt, dass ein New Yorker Gericht Naomi Campbell zu 350 Dollar Schmerzensgeld und 5 Tagen gemeinnütziger Arbeit verurteilte.
Die prominente Diva hatte nicht nur ihr Handy nicht im Griff – sie hatte offenbar sich selbst nicht mehr im Griff. Wem die „Hand ausrutscht“, wie wir verharmlosend sagen, dem ist ja meist vorher schon das „Herz ausgerutscht“.
Mindestens vier der zwölf Jünger Jesu ist auch gerade das Herz ausgerutscht. Aus der stolzgeschwellten Brust in die schlotternde Hose nämlich. Und weil es niemanden gibt, dem sie irgendwas an den Kopf werfen können, mischt sich in ihre Wut auch noch Angst.
Petrus, Johannes, Andreas und Jakobus haben nichtmehr im Griff, was sie immer im Griff hatten : Die schlichte Überquerung eines Sees durch kraftvoll zielstrebiges Rudern. Die Jungs sind Fischer, routinierte Profis, tausendmal hin und tausendmal her gefahren. Und jetzt haben sie dieses Gefühl, dass Sie auch kennen, meine Damen und Herren : Wenn der Urlaubsflieger in ein Luftloch sackt. Uhhh... Und schweißnasse Hände die Sitzlehne umkrallen. Aahhh...
Dann bekommen wir ein handfest körperliches Gefühl dafür, wie es ist, wenn man den Boden unter den Füssen verliert.
Ab Windstärke 6 oder 7, bei hohem Seegang, gibt es diesen
Horror übrigens auch in der Lang-Version. Stundenlang !
Zum Kotzen, kann ich Ihnen sagen !
Weshalb ich nicht mal dann auf eine Kreuzfahrt ginge, wenn sie mir jemand schenken würde.
"Das Boot mit den Jüngern war inzwischen weit draußen auf dem See. Der Wind trieb ihnen die Wellen entgegen und machte ihnen schwer zu schaffen" Matthäus-Evangelium Kapitel 14, 24.
„Nur Mut !“ stößt Petrus zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor und pullt, dass die Lederriemen knarzen.
Karlheinz war inzwischen mit 20 Jahren weit nach der Mittleren Reife und dem Fachabitur, aber der Wind des Zeitgeistes und die Wellen seiner Gefühle machten ihn im Meer der beruflichen Möglichkeiten schwer ratlos, ob er je etwas gescheites schaffen würde.
Roswitha hatte es mit ihren 35 weit gebracht im Job, aber der Wind des Anpassungsdrucks und die Wellen des Mobbings in der Firma machten ihr schwer zu schaffen.
Pit und Petra waren inzwischen 12 Jahre verheiratet und über Anfangsschwierigkeiten in der Ehe weit hinaus.
Aber der Wind im Umgang miteinander wurde zunehmend kälter und härter. Die Wellen ihrer Ansprüche aneinander wurden immer höher und das machte ihnen schwer zu schaffen.
Solche Stürme fangen ja meist als kühl Windbö an :
Die Küche nach einem Kindergeburtstag. Die verschwundene Fernbedienung vor dem Lieblingsfilm.
Die Anspannung während drei Tage Elternbesuch zu Ostern oder Weihnachten. Die Zettelberge vor einer Steuer-Erklärung. Mahnungen von Lieferanten, Beschwerdebrief vom Großkunden, Server-Absturz am Freitagnachmittag.
„Es ist zum Mäusemelken, zum Eierlegen, zum Haare-Ausraufen, Shit happens, ja, aber ruhig Blut, das kriegen wir gebacken, da arbeiten wir dran ! Ich kümmer` mich drum, Chef, hey, ich mach das nicht zum ersten Mal, ok ?!“
Es klatschen die bedrohlichen Wogen gegen das Boot,
die Eltern sagen : "Tu doch endlich was, sonst gehst Du
unter !", die Freundin sagt : "Du bist ja nicht ganz dicht !"
und Sie selber sagen manchmal : "Dann laß ich mich halt vollaufen !"
1. Wie heißen I h r e Wellen ? Was in Ihrem Leben finden Sie zum Kotzen ? Wovon in Ihrem Alltag hoffen Sie mit schweißnassen Händen, daß es bald aufhört ? Und daß es bitte bitte nur eine kurze Turbulenz während des Langstreckenfluges ist ?
Benennen Sie während der folgenden Denkminute bitte mal jene Umstände oder Personen, die Ihnen "zu schaffen machen". Wie heißen I h r e Wellen ?
Neun Uhr abends, zwölf Uhr Mitternacht, drei Uhr morgens. Und die verdammte Uferlinie am Horizont will und will einfach nicht näher kommen. Der ärgerliche Alltagsfrust hat sich zu einer veritablen Angstattacke gemausert. An Rudern ist nicht mehr zu denken. Den Profis wird himmelangst, weil etwas Unverfügbares passiert ist. Das kennen Sie, meine Damen und Herren, hoffentlich noch nicht : Eine lebensbedrohliche Diagnose vom Arzt. Die Insolvenz Ihres Arbeitgebers. Der Verlust eines geliebten Menschen.
Dabei sind es doch Nachfolger des Jesus von Nazareth, die da laut Matth 14 in Seenot geraten !
Wie bitte : Christen geht es auch nicht besser ?
Kurz vorher, Verse 13 bis 21,machte das
Frommsein noch Spaß : Fisch und Brot in Hülle und Fülle, die Speisung der 5000 ! Alles jubelt alles lacht, wenn
der Sozialjesus ein Wunder macht. Ein Jobwunder, ein Wirtschaftswachstums-Wunder, ein Riester-Renten-Versicherungswunder, ein Rosenkrieg-per-Familientherapie-Friedens-Wunder. Applaus !
Und erst die Bergpredigt Jesu ! Ein Gipfelgespräch ! Mit
atemberaubend klaren Erkenntnissen und lauter
zustimmungsfähigen Thesen. Selig sind die Friedenstifter, glücklich sind die Sanftmütigen ! Jawoll : Kluge. steile,. geniale Sätze waren das.
Und jetzt ?
Die Bergpredigt ist verklungen, der Applaus ist verebbt, das Brotwunder ist aufgebraucht. Nur mit der Erinnerung
an meinen Kinderglauben, als Mama an meiner Bettkante mit mir sang "Weil ich Jesu Schäflein bin“, komme ich nicht ab durch die Lebensmitte. Die tapferen guten Vorsätze am Lagerfeuer der Jungscharfreizeit, die Lobpreis- und Gebetsnächte auf dem Teenagertag oder dem Jugendfestival, die schönen Taize-Shanties in der Straßenbahn auf Evangelischen Kirchentagen – alles wie weggeblasen vom Sturm.
Die Rührung und die Ehrfurcht bei der Taufe oder der Segnung des ersten Kindes ist unter Babyfotos und den Pamperskartons der folgenden Jahre verschütt gegangen.
Und die Jünger müssen feststellen : Jesus ist uns irgendwie abhanden gekommen.
"Im letzten Viertel der Nacht kam Jesus auf den Wellen zu ihnen. Als die Jünger ihn auf dem Wasser gehen sahen, erschraken sie und sagten : Es ist ein Gespenst !
Und sie schrien vor Angst." Vers 25 und 26.
2. Jesus ist da, mitten im Sturm.
Der Standard-Gag aller Reiseleiter am See Genezareth in Israel . "Wenn Sie die Mietpreise für die Tretboote hier erfahren, meine Damen und Herren Touristen, dann verstehen Sie, warum Jesus lieber zu Fuß übers Wasser ging."
Nein, da gibt es nichts zu verstehen, weil es das nicht gibt : Schon im Konfirmandenunterricht haben wir uns heimlich oder unheimlich an die Stirne getippt : "Übers Wasser
gehen ? Physikalisch unmöglich."
Dabei geht es dem Erzähler dieser Geschichte gar nicht um das archimedische Prinzip vom Auftrieb schwimmender Körper, die um das Gewicht der von ihnen verdrängten Wassermasse leichter werden. Es geht Matthäus nicht um das Verhältnis von Körpergröße zu Fußsohlenbreite,
sondern um die Aussage : Jesus ist da, mitten im Sturm !
Aber das glauben wir natürlich nicht wirklich, wir seekranken und sturmgepeitschten Schiffbrüchigen, wir Vertrags- und Vertrauens- und Ehebrüchigen, wir kopflos und herlos und mutlos Hin- und Hergerissenen.
Weil wir – und ich vermute auch Sie, großgeschrieben – immer noch denken, der "Retter", der "Erlöser" sei eingesperrt in bemalte Altäre und rotbeleuchtete Tabernakel, in Kirchen und Klöster. Jesus sei nur in meditativer, weihevoller Atmosphäre zu erleben.
Aber doch nicht hier, an der Drehbank in der Werkstatt, am PC-Terminal im Großraumbüro, an der Spülmaschine in der Einbauküche. Jesus ist da, mitten im Sturm ? Hier, wo die Gefährdungen und Abgründe, die Neigungen und Angewohnheiten, wo Wind und Wellen Karlheinz und Roswitha und Pit und Petra schwer zu schaffen machen ?
"Das muß eine Illusion sein. Eine fromme Selbstttäuschung Eine psychopathische Einbildung. Also : Ein Gespenst !"
Denn jedes Jahr auf der Frankfurter Buchmesse gibt es neue Erklärungsversuche, ob Jesus denn nun eine vatikanische Geheimakte, der erste neue Mann, ein gescheiterter jüdischer Revolutionär, ein sanftökologischer Früh-Grüner, esoterischer Wunderheiler oder ein psychologisch faszinierender Personalentwickler war.
Aber während manche Religionslehrer und Pfarrer ihn noch zur bloßen Trostwort-Zitatquelle für Grußkarten und Poesie-Alben herunterreduzieren, ist Jesus, der Retter, schon auf Hörweite herangekommen. Zu Menschen, denen irgendetwas zu schaffen macht, ist er immer sehr entgegen-kommend. Jesus ist da, mitten im Sturm, und sagt :
Matthäus 14, Vers 27 : "
"Ich bin`s ! Fürchtet Euch nicht !"
Als unsere zwei Töchter noch kleiner waren, ich schätze mal so fünf und sieben etwa, machte sich die ältere von beiden eines Abends am Tisch ganz grade : „Hört mal, wir müssen mal ernsthaft über was reden !“ Huch ; das kam so im Tonfall einer Bundespressekonferenz. „Wir Kinder verstehen natürlich, dass Ihr auch mal ohne uns abends weggehen wollt. Ins Kino oder zu Freunden oder so.“
Mein Frau und ich strahlten uns stumm an. Jjjja !! Sie haben`s begriffen ! „Aber das geht trotzdem nicht“ – und da zuckte ihr schon die Unterlippe und alle Festigkeit in der Stimme war aufgebraucht – „weil : Immer wenn Ihr weg seid, macht das Haus komische Geräusche.“ Und dann weinte sie.
Was also habe ich als erstes gesagt, wenn wir früher als geplant nach Hause kamen und sich der Schlüssel in der Tür drehte ?
"Psst – ich bin`s, der Papa." Kein Einbrecher, kein Kidnapper, kein Wolf für die sieben Geißlein – ich bin`s.
Und das löste im Kinderzimmer meist ein großes Gekicher und Getobe aus. Ein befreites Aufatmen, ein schlagartiges Ende der beklommenen Ungewissheit. Der Papa ist wieder da – das war für unsere Kurzen immer beruhigend und ein Grund zum großen Aufatmen.
Ich bin`s ! Fürchtet Euch nicht !" Matthäus 14, Vers 27.
das heißt : Lassen Sie sich von niemandem Angst machen
mit Gott ! Wenn Jesus kommt und Sie anspricht, sind Beklommenheit und ängstliches Horchen zu Ende.
"Da sagte Petrus : Wenn Du es bist, dann laß mich auf dem Wasser zu Dir gehen !"
Jetzt passiert etwas Ungewöhnliches und wahrscheinlich sitzen Leute neben Ihnen, die haben das schon mal ausprobiert :
3. Auf Wellen kann man gehen , Gefahren kriegt man unter die Füsse.
Petrus klettert über die Reling und die anderen Jünger
fangen an zu singen "Ins Wasser fällt ein Stein....".
Petrus heißt nämlich "Fels". Also ein schwerer Brocken. Seine Frau sagt immer : Mein Mann ist einfach
strukturiert, aber kein leichter Mensch !“
So einer säuft sofort ab. Die Prognosen stehen schlecht.
Selbst wohlmeinende Vertrauenslehrer und sozialpädagogisch geschulte Ausbilder wiegten bedenkenvoll die Köpfe, als der milieugeschädigte junge Peter ohne Hauptschulabschluss vor ihnen stand. Und nicht mal die Gleichstellungsbeauftragte war sich sicher, ob Petra das Mobbing ihrer männlichen Kollegen auf Dauer aushalten würde. Mut ist besser als Wut, klar. Aber Mut allein hatte nie gereicht. „Nur Mut !“ riefen die Ratgeberbücher von Dale Carnegie auf PetrasNachttisch. „Denk positiv !“ schrieb Vincent Peale. „Glaub an Dich, sage morgens Shaka ! in den Rasierspiegel !“ brüllte Motivationstrainer Jürgen Höller in die vollbesetzte Schleyerhalle in Stuttgart und Peter hörte sich die CD von ihm jeden Tag im Auto an.
Ich hatte Jürgen Höller in meiner Fernsehsendung zu Gast. Nach seiner Insolvenz, aber noch vor seiner Inhaftierung.
Nein, „nur Mut“ – das reicht nicht.
"Frischer Mut und Selbstvertrauen lassen es dem Beherzten gelingen" schrieb unser deutscher Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe auf die Frage, warum der biblische Petrus plötzlich übers Wasser gehen kann.
Mit Verlaub, hier irrte Goethe nun wirklich.
Das Herz war in der Hose, den Mut hatten die Sturmböen
des Lebens weggepustet und das lockere Selbstvertrauen des erfahrenen Fischers war mit jedem vergeblichen Ruderschlag kleiner geworden.
Nein, der Grund für dieses erstaunliche Stück Lebensbewältigung ist viel einfacher :
Da hat ein Mensch deutlich gehört : "Hab keine Angst.
Ich, Jesus, bin da. Mitten im Sturm !" und nimmt diesen
Zu-Ruf als Zu-Sage ernst. Das nennt man : Demut.
Demut ist nicht – wie die Vorsilbe „De“ irreführen könnte – das Gegenteil von Mut, also Mutlosigkeit. Sondern Demut ist : Starke, realistische Selbsteinschätzung. Weder Minderwertigkeitskomplex noch Allmachtsfantasie, sondern : Reife, starke, realistische Selbsteinschätzung.
Haben Sie jemals – in welcher Form auch immer -
eine solche beruhigende, tröstliche, mutmachende Zusage
Gottes bewußt gehört ? Versuchen Sie sich während einer Nachdenk-Minute mal daran zu erinnern.
Jesus sagt : "Ich bin`s. Fürchtet Euch nicht."
Und die Angst ist zu Ende. Die Angst. Nicht der Sturm.
Das merkt Petrus, während er auf den Wellen geht.
Dabei dachte er, wenn man dem Ruf Jesu folgt und auf ihn vertraut, ist schlagartig Maiwetter und man liegt pfirsichkauend auf einer Blumenwiese, schaut den Schmetterlingen zu und wird von einer Elfe nach den drei Wünschen gefragt ! Vielleicht hatten Karlheinz und Roswitha, Pit und Petra das sogar von einem christlichen Prediger versprochen bekommen : Das Leben wird nie mehr weh tun, wenn Ihr Christen seid.
Arbeitslosigkeit und Armut fallen als Bedrohung weg,
Beziehungen werden einfach, Trennungen schmerzfrei,
Eltern und Chefs, Arbeitskollegen, Kunden und Controller schließen sich zu Deinem ganz persönlichen Förderverein zusammen.
Petrus aus Matthäus 14, immer noch bewundernswert auf seinen Abgründen und Schwächen, auf widrigen Verhältnissen und widerlichen Sachzwängen balancierend, merkt plötzlich : So ist es ja gar nicht.
Ich hab ja trotz meines christlichen Glaubens keine plausible Antwort auf das Leid und den Schmerz. Warum werden behinderte Kinder geboren ? Warum sterben junge Mütter ? Warum gibt es Naturkatastrophen, die nicht menschenverursacht sind ?
Ich hab ja nicht mal eine Garantie gegen Unglück in der Tasche ! Und die Wellen sind so schwarzglänzend faszinierend ! So ganz gesund sein ist doch auch nix. Wenn man sich immer ein gewisses Quantum Krankheit erhält, wenn man auf die Nachfrage "Wie geht`s ?" nie sagt : "Danke, prima!", sondern immer "Ach, frog net" -
dann ist man für andere irgendwie interessanter !
Man sichert sich zumindest das Mitgefühl und die Fürsorge
der Freunde. Wer Probleme hat, hat immer Gesprächsstoff.
"Als er aber die hohen Wellen sah, bekam er Angst und
begann zu sinken. Da schrie Petrus : "Hilf mir, Herr !"
Sofort streckte Jesus seine Hand nach ihm aus, fasste ihn und sagte : Du hast zuwenig Vertrauen, Warum hast Du gezweifelt ?" Matthäus 14, 31.32
4. Trauen Sie sich, um Hilfe zu schreien.
Wasser trägt den Schall besonders weit. H2O war die
Verstärkeranlage der Antike.
„Da sagte sich Petrus : Wenn ich jetzt um Hilfe schreie, sind meine Schwiegereltern voll bestätigt. Die hatten sowas meiner Frau ja immer schon vorausgesagt.“ Steht das da ?
„Da sagte sich Petrus : Wenn ich jetzt um Hilfe schreie, sind meine Freunde maßlos enttäuscht von mir.“ Steht das da ?
Ehekrisen sprechen sich auf den Bürofluren und in den Betriebskantinen besonders schnell herum. Bevor der Konkurs einer Firma im Wirtschaftsteil der Zeitung steht, hat es die Konkurrenz schon lange gehört.
Aber das muss Ihnen dann auch mal egal sein, meine Güte !
Den Verzicht auf Coolsein, die Absage an jegliche Fassadenhaftigkeit nennt die Bibel übrigens „Exusia“. Freimut. Gemeint ist : Eine starke, realistische Unbekümmertheit.
Freimütig gibt Petrus zu : Ich brauche Hilfe.
Ja, es kostet Mut, um einen Beicht-Termin zu bitten. Ja, es kostet Mut, die Verabredung mit einem Eheberater oder Seelsorger dann auch einzuhalten. Ja, es kostet Mut, mit nahestehenden Freunden über den tatsächlichen Stand der Dinge zu reden und im Gespräch nicht auf die Bundesliga und die Aldi-Saison-Angebote auszuweichen.
Petrus schreit und – Jesus packt ihn mit sicherem Griff und zieht ihn raus.
Wie ein begossener Pudel krabbelt Petrus klatschnass zurück ins Boot. Und die anderen Nachfolger des Jesus von Nazareth rücken nicht naserümpfend zur Seite oder
sagen : Gescheiterte und Gestrandete haben hier nichts mehr verloren. Nein, "das Schiff, das sich Gemeinde nennt", wie es in einem Lied heißt, ist keine Luxusjacht, sondern ein Rettungsboot. Wo Schüchterne neben Angebern sitzen, Zögerer und Zweifler neben Mutigen und Übermütigen –
das "Schiff, das sich Gemeinde nennt" ist für alle
Lebensbrüchigen da. Für Sie und für mich, auch und gerade wenn`s eng wird.
Das nennt die Bibel : Sanftmut. Den Mut, mit den vertrags- und vertrauens- und ehebrüchigen Sturmgebeutelten dieser Welt auf Tuchfühlung beieinander zu sitzen, ihnen – klatschnass und zitternd vor Angst oder Wut Platz zu machen in der Gemeinschaft. Sie hereinzuholen und festzuhalten in geduldiger Vergebung. Den Mut, fest und entschlossen zuzupacken und die Sensibiltät, den Schutzbedürftigen anzunehmen – den nennt man Sanftmut.
Karlheinz erpobte in ehrenamtlicher Gemeinde-Mitarbeit seine Begabungen und seine Schwächen, folgte dem Rat guter Freunde und entschied sich endlich für einen Beruf, der ihm wirklich entsprach.
Roswitha gewann durch ihre Christusbeziehung soviel Sicherheit und Stehvermögen, daß sie sich für eine andere Abteilung qualifizierte und damit den Mobbern entzogen war.
Pit und Petra übten in einer langfristig seelsorglichen Paartherapie kleine Schritte der Zärtlichkeit und des Vertrauens ein.
Nicht Ihre und meine Willensstärke, übrigens auch nicht Ihre oder meine Glaubensstärke, nicht die soziokulturelle Nähe oder der Abstand zur Bibel, zur Kirche, zum Glauben ist das Entscheidende, sondern einzig und allein, ob Sie deutlich hören, daß Jesus S i e mitten im Sturm
ruft :
"Ich bin`s. Fürchte Dich nicht. Auf Wellen kann man gehen."
Predigt: Andreas Malessa auf dem Henhöfertag am 12.10.2013 in Heidelberg, Heiliggeistkirche
September 2013- Predigt über 1. Mose 28,10-19a
Predigt von Pfarrer Falk von Uslar-Gleichen in der Versöhungskirche in Heidelberg-Ziegelhausen
Predigttext: 1. Mose 28, 10-19a
Predigt Ostersonntag 2013
Der Herr ist auferstanden- Johannes 20, 11-18, Predigt von Dr. Marlene Schwöbel-Hug, Heiliggeistkirche
Predigt zu Karfreitag 2013
"Mein Gott, warum hast du mich verlassen?"( Psalm 22) Dr. Marlene. Schwöbel-Hug, katholische Jesuitenkirche
„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Im Matthäusevangelium ist das Jesu letzter Schrei bevor er stirbt. Mit dieser Verzweiflung macht sich Jesus einen Satz aus Psalm 22 zu eigen. Das Gebet, der Ruf des Psalmbeters wird sein eigener. Schon als Kind hat mich dieser Schrei unglaublich mitgenommen und bewegt. Jesus, der Sohn Gottes fühlt sich in seiner Sterbestunde von Gott verlassen. Wie kann das sein? Das passt nicht ins Bild des gehorsamen, alles still erduldenden Gottesssohnes. Diese Gottverlassenheit, die sich in Verzweiflung Luft macht. Kein versöhnendes Wort, keine Erleichterung, kein Trost wird in dieser Erzählung von der Kreuzigung gespendet. Fragend, verstört, sprachlos bleiben wir mit Jesu Jüngern unter dem Kreuz stehen. Das war’s? Das kann doch nicht sein. So viele Hoffnungen ruhten auf diesem Menschen, der Gott so nahe stand. Es ist ungerecht, hart und nicht nachvollziehbar, dass Gott so jemanden, nein, nicht irgendjemanden, sondern seinen Sohn der Einsamkeit und der Frage überlässt.
- Wo sind unsere Karfreitagserfahrungen
- Warum musste Jesus leiden
- Was bedeutet das Zitat aus Psalm 22?
- Für mich ganz persönlich ist dieser Jesus, der am Kreuz tiefste Traurigkeit, Verzweiflung und Verlassenheit erlebt der Sohn Gottes, dem ich mich anvertrauen kann. Nichts wird beschönigt, nichts abgemildert von Leid und Schmerzen. Nirgends wird gesagt: es ist alles ja gar nicht so schlimm. Wer in seinem Leben schon einmal eine Karfreitagserfahrung durchlitten hat, weiß, wie solch eine Situation ist und wie wenig es in solchen Momenten nützt, wenn jemand uns freundlich sagt: es wird schon wieder. Nein, in den tiefsten Tiefen unseres Lebens können wir das nicht hören. Wer einen lieben Menschen durch Tod verloren hat, kann sich überhaupt nur trösten lassen, von jemandem, der das auch erlebt hat, der das Unfassliche auch sprachlos und ausgeliefert empfunden hat. Wer verlassen oder enttäuscht wurde in einer Art, die einem fast das Herz bricht, sucht einen Mensche, der das nachfühlen kann, weil er selbst dieses Tal durchschritten hat. In der gesamten Karwoche, der ersten überhaupt, wurde Jesus durch ein Wechselbad von Emotionen gerissen. Hochstimmung an Palmsonntag, Nähe zu seinen Freunden am Gründonnerstag, menschliche Enttäuschung durch den Verrat des Judas und die Einsamkeit beim Gebet in Gethsemane, körperliche Schmerzen durch die Geißelung, Anerkennung und Verachtung, Stärke und Hilflosigkeit. Jede einzelne Erfahrung war für sich schon schlimm genug, aber sie kamen geballt, ohne Gnade. Und genau da ist dieser Jesus mir nahe. Genau da weiß ich mich von ihm verstanden, in Zweifeln, in Angst, in Enttäuschungen. Er kann auch den Schrei verstehen: mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen. Das ist die Kreuzestheologie (theologia crucis), die mich die Ruhmestheologie (theologia gloriae) mit größter Dankbarkeit aufnehmen lässt. Aus tiefstem Elend trifft Erlösung auf Zerrissenheit und Verzweiflung. Nur wer die Tiefen ernst nimmt und als Tiefen anerkennt, kann sich über Ostern freuen. Karfreitagserfahrungen dürfen nicht beschönigt werden. Jesus starb am Kreuz mit Schmerzen, und als dieser Schmerzensmann weiß er auch als der erhöhte Christus um unsere seelischen und körperlichen Schmerzen.
- Warum musste Jesus leiden? In der Frage 40 stellt sich der Heidelberger Katechismus, dessen 450-jähriges Jubiläum wir in diesem Jahr begehen, diesem Thema. In seinen 129 Fragen und Antworten gibt diese kleine Schrift, die Zacharias Ursinus 1563 auf Befehl von Kurfürst Friedrich III erstellte, Orientierung in Glaubensfragen für die reformierten Protestanten der Kurpfalz. In ganz vielen Fragen und Antworten können wir uns heute als Katholiken und Protestanten wieder finden. Es gibt zeitlose und Konfessions- überschreitende Antworten auf den Glauben. Das ist auch der Hintergrund, warum ich heute bei Ihnen eingeladen worden bin, hier in der Jesuitenkirche zu predigen. Unser Glaube verbindet uns in viel mehr als wir oftmals denken oder hören. Natürlich gibt es Unterschiede, natürlich gibt es auch Verletzungen in unserer voneinander getrennten Geschichte, aber in unserer Spiritualität, in unseren tiefsten Glaubensaussagen sind wir uns sehr nahe. Warum musste Jesus leiden? Ich würde zwei Antworten darauf geben, einmal damit, dass er in seinem Leid uns Menschen am nächsten ist und uns in unseren Karfreitagserfahrungen versteht. Die zweite Antwort sehe ich ähnlich wie der Heidelberger Katechismus darin, dass Jesus als der Sohn Gottes freiwillig, mit Schmerzen, nicht leichtfertig, unsere Gottesferne, unsere Sünde auf sich nahm und sie dann mit ihm starb. Schuldig werden wir immer wieder, Gottesferne erleben oder produzieren wir immer wieder, aber sie versperrt nicht ein für alle Mal die erneute Erfahrung von Gottesnähe, das Paradies. Jesus schrie die Gottesferne am Kreuz heraus und sie starb mit ihm. Deshalb darf, kann und will christlicher Glaube nicht an Karfreitag stehen bleiben. Ja, die Hoffnungslosigkeit gibt es, sie ist schrecklich, aber sie trägt letzten Endes nicht den Sieg davon. Das „mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen“ wird mit Jesus begraben und auferstehen wird das „Fürchte dich nicht“. Die Ausrichtung des Kreuzes macht vieles deutlich. Es geht in die Tiefe, bleibt auf der Erde und zeigt zum Himmel. Es verbindet Himmel und Erde, Süd und Nord, West und Ost. Es ist Zeichen der Ergebung aber auch Zeichen für die ausgebreiteten Arme Gottes. Warum musste Jesus leiden und sterben? Weil mit ihm unsere Gottverlassenheit starb und an Ostern die Gottesnähe auferstand.
- Vom Psalm 22 ist den meisten Menschen nur dieser eine berühmte Vers 2 vertraut: Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen? Dabei hat der Psalm insgesamt 32 Verse und die haben es in sich. Jesus wird als frommer Jude den gesamten Psalm gekannt haben und gewusst haben, dass sich die Klage, die Fragen, die Verzweiflung und sogar die Anklagen, die an Gott vom Beter gerichtet waren, am Schluss in Vertrauen auflösen. Das Gebet, das Jesus betet, drückt tiefe Gottverlassenheit aus. Ja, das ist so. Der Beter des Psalms beschreibt in berührenden Worten seine Gefühlslage. „Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, alle meine Knochen haben sich voneinander gelöst, mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs, meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe und meine Zunge klebt mir am Gaumen, und du legst mich in des Todes Staub.“ Die Feinde werden wahrgenommen wie wilde Stiere und Büffel, wie ein reißender, brüllender Löwe. Starke und einprägsame Bilder. Aber, in keinem einzigen Vers fehlt der Adressat. Gott als das Gegenüber wird stets wahrgenommen und nicht aufgegeben. Sein Handeln ist uneinsehbar, wird als nicht nachvollziehbar verstanden, ist dunkel, grausam und ihm wird Unbarmherzigkeit vorgeworfen. Aber er bleibt, wenn auch unfassbar, Ansprechpartner. „Aber du Herr, sei nicht ferne, meine Stärke, eile mir zu helfen.“ Nachdem der Beter seine Wut, seinen Ärger, seine Verzweiflung herausgeschrien hat, kann er sich nach und nach wieder darauf besinnen, dass Gott ihn bisher immer begleitet hat, selbst durch dunkle Täler. Diese Wendung im Psalm hat Jesus am Kreuz gekannt. Er identifiziert sich mit dem Beter des Psalmes, der dieses alte Gebet vor langer, langer Zeit an Gott gerichtet hat. Er identifiziert sich mit dessen Fragen und Verzweiflung ebenso wie mit dessen Vertrauen. Die Gottverlassenheit stirbt mit dem Tod am Kreuz. Das ist neben aller Traurigkeit die erlösende Antwort des Karfreitags. Allerdings können wir diesen Blick auf Karfreitag nur von Ostern her haben. Der Gottessohn, der als Mensch an Karfreitag litt und starb, ist derselbe, der an Ostern aufersteht und Hoffnung und Licht mit sich bringt.
Von Missverständnissen, die Welten trennen Predigt von Julian Sengelmann
Predigt 24.2.2013 „Über Missverständnisse, die Welten trennen“ (Reminiscere) Joh 8,21-30
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus.
Amen.
Liebe Gemeinde,
neulich hab ich einen sehr lustigen Film gesehen, der auf den interessanten Titel „Spanglish“ hört. „Spanglish“ ist ein Kunstwort, das sich aus Spanisch und Englisch zusammensetzt und der Film ist schön und lustig und ergreifend und vor allem... wahnsinnig verwirrend. Ich versuch Ihnen kurz zu beschreiben, worum es geht. Die Geschichte erzählt von zwei Familien, die nicht unterschiedlicher sein könnten: auf der einen Seite die Familie Clasky, bestehend aus einem sanftmütigen, hoch erfolgreichen und wohlhabenden Sternekoch, dessen größte Angst ist, dass die New York Times ihn zum besten Koch des Landes ausruft und er so keine Zeit mehr für seine Familie hat. Ein nobler Mann. Zu seiner Familie gehören auch seine Frau Deborah: eine völlig neurotische, sportbesessene und dem Geld sehr zugetane Person, die versucht es allen und sich selbst Recht zu machen und damit eine unerträgliche Nervensäge ist. Deborahs Mutter, also die Oma der Familie, eine ehemals bekannte Sängerin, die vergangenem Ruhm nachtrauert und definitiv viel zu viel trinkt und zu guter Letzt zwei liebenswerte, leider in der Schule furchtbar unbeliebte Kinder. Schon diese Konstellation ist ziemlich verwirrend!
Auf der anderen Seite steht die Familie Moreno, die vor Armut und Perspektivlosigkeit aus Mexiko fliehen musste und nun in Los Angeles ein neues Leben anfangen will. Diese kleine Familie besteht nur aus zwei Personen: der achtjährigen, furchtbar zauberhaften Cristina und ihrer atemberaubend schönen, vor mexikanischem Temperament strotzenden Löwenmutter Flor. Und in bester Hollywoodmanier kommen diese beiden äußerst – sagen wir – eigenen Familien zusammen, als Flor sich bei den Claskys um einen Job als Haushälterin bewirbt und diesen auch bekommt. Die Crux daran: natürlich spricht die Mexikanerin Flor kein einziges Wort Englisch und niemand aus der Familie Clasky spricht Spanisch. Das Chaos ist also vorprogrammiert. Und natürlich gibt es wunderbare Szenen, in denen sieben Leute vollkommen aneinander vorbeireden. Kleine Episoden, in denen man Menschen beobachten kann, die mit Händen und Füßen versuchen, sich irgendwie verständlich zu machen. Und eine ganz bezaubernde Szene, in der die achtjährige Cristina simultan übersetzen muss, was ihre völlig aufgebrachte, in Rage schreiende Latinamutter ihrem Arbeitgeber an den Kopf wirft – denn er versteht ja kein einziges Wort. Wirklich wunderschön. Allen sprachlichen und kulturellen Hindernissen zum Trotz kommen sich die beiden Familien im Laufe des Films in allen nur vorstellbaren Konstellation näher: die wunderschöne, mexikanische Haushälterin hilft der pubertierenden, etwas zu dicken Clasky Tochter dabei, sich selbst wieder schön zu finden; die reiche, wohlmeinende Deborah verhätschelt die aus armen Verhältnissen kommende Cristina und besorgt ihr sogar ein Stipendium für eine teure Privatschule; und natürlich verliebt sich der gutherzige, von seiner eigenen Frau ungeliebte Sternekoch in die heißblütige Flor. Alles sieht nach einem großen Happy End a la Hollywood aus. Aber – und ich hab ihnen gesagt, dass es wirklich verwirrend ist - es kommt ganz anders: völlig überraschend schmeißt Flor ihren Job bei den Claskys hin. Zu groß sind die Missverständnisse, die beide Welten voneinander trennen. Zu unüberwindbar die Eingriffe, die beide Familien in die jeweils andere gemacht haben. Jeder Versuch der Kommunikation scheitert und alle Beziehungen werden abgebrochen – sogar die kleine Cristina muss ihr Stipendium aufgeben, die Privatschule verlassen und sich von ihren neuen Freunden verabschieden. Es gibt kein Happy End - zumindest auf den ersten Blick nicht. Und die Zuschauer bleiben ratlos und verwirrt zurück.
Liebe Gemeinde,
von Missverständnissen, die Welten trennen und von in allen Belangen scheiternder Kommunikation erzählt auch das Johannesevangelium. Und die Geschichte von Jesus im Tempel und seiner völlig verfahrenen Auseinandersetzung mit seinen jüdischen Brüdern und Schwestern lässt auch hier die Betrachter mehr als verwirrt zurück – jetzt und damals.
Unweigerlich schüttelt man den Kopf und fragt sich, ob die Geschichte nicht eigentlich doch noch weitergehen müsse. Ob man irgendwo nicht richtig mitgekommen sei. Eben weil auch die Johannesepisode auf den ersten Blick nicht der heilsversprechenden Erwartung und Hoffnung folgt. Nicht die gewohnte Erzählstruktur bedient. Weil diese Geschichte eben nicht den großen Kommunikator Jesus Christus präsentiert. Weil das Gespräch im Tempel scheitert. Kläglich und festgefahren. Es gibt nicht mehr die Unterbrechung von Gewalt, die wir noch direkt vorher in der Episode mit der Ehebrecherin finden konnten. Und genau wie in dem Film gibt es auch hier kein Happy End – zumindest nicht auf den ersten Blick. Die Geschichte ist sperrig und unbequem und die Art, wie hier beide Seiten miteinander umgehen frustriert uns als Hörer: dreimal reden Jesus und seine Gesprächspartner aneinander vorbei und die Schärfe dieses kommunikatorischen Desasters ist eine, die furchtbare Früchte in der Geschichte unserer Kirchen getragen hat. Viel zu oft wurde missbraucht, dass Johannes hiervon „den Juden“ schreibt. Dabei muss man sich klar machen, dass Johannes das jüngste Evangelium in der Bibel geschrieben hat und mit „Juden“ hier nicht das Judentum per se gemeint ist, sondern der Begriff repräsentativ für „die Welt“ steht. Also auch für uns alle als Hörer. Und wenn man sich das klar macht und ernst nimmt, dann gibt es in all den vordergründigen Missverständnissen, den verhärteten Fronten und der Ausweglosigkeit ganz hintergründig Hoffnung:
Denn Jesu Ankündigung seiner „Erhöhung“ in Vers 28, also seines eigenen Todes, um die Sünden der Welt auf sich zu nehmen, geht in all der vordergründigen Verwirrung einfach unter: „Da sprach Jesus zu ihnen: Wenn ihr den Menschensohn erhöhen werdet, dann werdet ihr erkennen, dass ich es bin und nichts von mir selber tue, sondern, wie mich der Vater gelehrt hat, so rede ich.“ Und noch etwas Wunderbares wird in dieser chaotischen Kommunikation gesagt und nicht verstanden: In Jesus Christus werden die Grenzen zwischen oben und unten, zwischen Himmel und Erde aufgehoben. Er bringt Dort und Hier, Jetzt und Bald miteinander in ein neues Verhältnis. „Und er sprach zu ihnen: Ihr seid von unten her, ich bin von oben her; ihr seid von dieser Welt, ich bin nicht von dieser Welt.“ Und noch etwas passiert mit diesem rabiaten Text, wenn wir verstehen, dass wir alle gemeint sind, dass wir die „Juden“ sind: die Kehrseite von Jesu harscher Ermahnung ist ein Angebot zur Freiheit. Im Diesseits und im Jenseits. Ein Weg zum Ausbruch aus festgefahrenen Strukturen.
Aber: Niemand versteht es. Der große Kommunikator findet nicht die richtigen Worte und hinterlässt eine verwirrte Schar von Zuhörern und vor allem völlig verhärtete Fronten.
„Als er das sagte, glaubten viele an ihn“, das in Vers 30 hinten angestellt ist soll trösten, aber es vertröstet nur.
Und wie in dem Film, gibt es auch in der Johannesepisode kein Happy End - zumindest auf den ersten Blick nicht.
Liebe Gemeinde,
um ehrlich zu sein ist es nicht besonders höflich von zwei Geschichten, die von scheiternder Kommunikation erzählen und auf den ersten Blick beide kein Happy End haben zum 450 Geburtstag des Heidelberger Katechismus zu kommen. Ein bisschen, als würde man sich auf einer Hochzeit vollkommen daneben benehmen. Aber: ich glaube, dass wir in diesem Jahr den Geburtstag dieser so wichtigen Schrift nur feiern können, weil die junge Reformation damals in ihrer Kommunikation gescheitert ist. So wie im Film und in der Perikope. Verhärtete Fronten, schlechte Kommunikation, gute Absichten, Missverständnisse und Beharrlichkeit mussten damals zu einem Scheitern der Reformation als einheitlicher Bewegung führen. Und – das mag überraschend klingen – vielleicht war das gut so.
Denn das Überraschende am Scheitern, an Missverständnissen, die Welten trennen ist ja, dass man dadurch herausfinden kann, wer man eigentlich sein möchte. Wenn man klug ist, kann man abstecken, wie die eigene Identität sein soll. Das ist mitunter zuerst viel zu harsch und festgefahren, viel zu abgrenzend, verletzend und verwirrend; und im Scheitern von Kommunikation gibt auf den ersten Blick nie ein Happy End. Aber mit etwas Abstand kann man austarieren, wo eigentlich die Schwierigkeiten lagen. Man kann prüfen, wo man die eigenen Grenzen gezogen hat und ob es nicht noch andere Optionen gibt. Und man kann – Gott sei Dank – sich selbst hinterfragen. Das Wichtige am Scheitern – und das ist eine Binsenweisheit - ist nur, dass man nicht gescheitert bleibt! Und ich glaube, dass feiern wir mit dem Jubiläumdes Heidelberger Katechismus. Wir feiern das Überwinden vom Scheitern der Kommunikation. Das Aus-der-Welt-Räumen von Missverständnissen, die Welten trennen. Und das Überprüfen der eigenen Identität.
Denn: Mit dem Verfassen des Katechismus ging es darum, sich festzulegen. Ein verbindliches Dokument zu schaffen, das man immer wieder zu Rate ziehen kann. Und in der finalen Ausgabe ist er ein so klug gestaltetes Lehrbuch, das für jede Woche eine existenzielle Frage des eigenen Glaubens verhandelt. Das ganze Jahr über. Der Heidelberger Katechismus ist eine Lebens- und Glaubenshilfe auf der Suche nach Identität – natürlich auch in Abgrenzung. Ähnlich wie Jesus Christus seine Identität in der Perikope bekennt oder Flor im Film, die neu festlegt, wer sie sein will. Ein bekannter Dichter hat einmal sehr treffend gesagt: „Identität ist, was uns Grenzen schafft, Gemeinsamkeit, was uns zu Menschen macht.“
2013 feiern wir ein ganzes Jahr lang Geburtstag! Und natürlich feiert man an Geburtstagen nicht nur die Erinnerung an Früher, sondern die Tatsache, dass das Geburtstagskind noch anwesend ist. Man feiert hier und Jetzt auch die Relevanz für das Hier und Jetzt. Und die Hoffnung auf eine lange, gesunde, gesellige und wertvolle Zukunft.
Und genauso feiert man natürlich Tradition. Aber: Tradition bleibt Abstellgleis, wenn sie sich nicht aktualisiert. Und so, wie die unierte Kirche, zu der Heidelberg gehört, sich aktualisiert hat und ein Bindeglied zwischen Reformierten und Lutheranern ist, so muss auch Tradition sich selbst prüfen, um anzudauern. Keine Tradition kann immer um ihrer selbst Willen bestehen. Die Schönheit von Tradition lebt in der Aktualisierung! Im Feststellen, dass sie immer noch Wirkmacht besitzt. Und das feiern wir ein Jahr lang mit dem Geburtstag des Heidelberger Katechismus.
Liebe Gemeinde,
Natürlich ist der Heidelberger Katechismus als Resultat einer existenziellen Auseinandersetzung mit Glaubensfragen viel größer und lebenswichtiger als irgendein Hollywoodfilm. Aber die Grundfrage ist ähnlich; und je näher die Welt zusammenrückt desto aktueller wird sie: wo missverstehen wir einander eigentlich? Wo wollen wir uns falsch verstehen? Wo hören wir längst nicht mehr, was das Gegenüber sagt? Wo trennen uns Welten, die eigentlich dicht beieinander liegen? Wo haben wir eigentlich Gemeinsamkeiten, die wir in Rage und Verstocktheit übersehen?
Übrigens: Es gibt doch ein Happy End – in allen drei Geschichten:
In unserem Film haben die Protagonisten rausgefunden, wer sie eigentlich sein wollen. Und auch wenn die Trennung der Familien hart und unerwartet kommt, nehmen alle Beteiligten positive Eigenschaften, die sie neu kennengelernt haben, in ihre jeweiligen Leben mit. Und sie stellen fest, dass man – zumindest bis zu einem gewissen Grad – einander lieben und respektieren kann trotz all der Missverständnisse und Artikulationsschwierigkeiten.
Auch in der Perikope gibt es ein verstecktes Happy End: sie berichtet uns davon, dass auch im Chaos der schief laufenden Kommunikation, in dem wir uns alle immer wieder befinden, Jesus Christus in sich selbst und für uns alle die Grenzen zwischen oben und unten, zwischen Himmel und Erde aufhebt.
Und der Heidelberger Katechismus ist ein Happy End der Missverständnisse und verhärteten Fronten zwischen Protestanten jeder Spielart. Heute zu seinem 450 Geburtstag mehr denn je.
Heute darf ein lutherischer Schauspieler und Musiker im unierten Heidelberg zum wichtigsten Werk der reformierten Kirche predigen.. Vielleicht sind wir auf einem guten Weg zur Beseitigung von Missverständnissen, die Welten trennen. Mehr denn je.
Und der Friede des HERRN, der größer ist als all unsere Vernunft bewahre unsere Herzen in Christus Jesus,
AMEN
Julian Sengelmann, Dipl. Theologe
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Predigt von Pfarrer Dr. Klaus Müller am 27. Januar 2013 Johanneskirche Heidelberg

Quelle: ekihd
Sonntag Septuagesimä
Predigt von Pfarrer Dr. Klaus Müller am 27. Januar 2013
Johanneskirche Heidelberg
Predigttext Matthäus 20,1-16
Liebe Gemeinde!
Der Sonntag mit der biblisch runden Zahl Siebzig - Sonntag Septuagesimä. In mancherlei Hinsicht ein besonderer Sonntag. 70 Tage vor Ostern. Ein Sonntag, der in besonders konzentrierter Weise zum Innehalten einlädt zwischen Kommen und Gehen, zwischen dem Kommen Jesu, das wir an Weihnachten und Epiphanias feiern, und dem Gehen, seinem Gehen ans Kreuz, das wir in den Wochen der Passionszeit bedenken bis Ostern. Zwischen Kommen und Gehen ein Sonntag der Konzentration – auf das Wichtigste. Auf das Himmelreich, das Gott der Welt in Aussicht stellt.
In diesem Jahr liegt auf diesem Tag der Schatten von Auschwitz, dem Tiefpunkt der neueren Menschheitsgeschichte – wir gedenken heute der Opfer der nationalsozialistischen Herrschaft. Der Tag der Befreiung von Auschwitz öffnet den Blick für diejenigen, denen Freiheit, Würde und Leben genommen wurde.
Ein weiterer Gedankenfaden an diesem Sonntag: Über das neue Jahr 2013 hat die evangelische Kirche die Überschrift „Reformation und Toleranz“ gestellt – wo doch die Religionsgeschichte, auch die Kirchengeschichte viel eher geprägt war und noch ist von „Religion und Intoleranz“, „Religion und Missgunst, Hass und Neid.“ Am 27. Januar entscheiden sich nicht zuletzt auch Toleranz oder Nicht-Toleranz zwischen den Kulturen und Religionen.
Der Sonntag „70“ hat ein Evangelium, eine Botschaft, in der sich Gottes Himmel verdichtet - und ein Evangelium, in dem auch die Schuld und Versagen hier auf Erden nicht übersehen werden.
Textlesung: Die Arbeiter im Weinberg - ein Gleichnis vom Himmelreich.
„Denn mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der früh am Morgen sein Haus verließ, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben. (2) Er einigte sich mit den Arbeitern auf einen Denar für den Tag und schickte sie in seinen Weinberg. (3) Um die dritte Stunde ging er wieder auf den Markt und sah andere dastehen, die keine Arbeit hatten. (4) Er sagte zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! Ich werde euch geben, was recht ist. (5) Und sie gingen. Um die sechste und um die neunte Stunde ging der Gutsherr wieder auf den Markt und machte es ebenso. (6) Als er um die elfte Stunde noch einmal hinging, traf er wieder einige, die dort herumstanden. Er sagte zu ihnen: Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig herum? (7) Sie antworteten: Niemand hat uns angeworben. Da sagte er zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! (8) Als es nun Abend geworden war, sagte der Besitzer des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und zahle ihnen den Lohn aus, angefangen bei den letzten, bis hin zu den ersten. (9) Da kamen die Männer, die er um die elfte Stunde angeworben hatte, und jeder erhielt einen Denar. (10) Als dann die ersten an der Reihe waren, glaubten sie, mehr zu bekommen. (11) Da begannen sie über den Gutsherrn zu murren, (12) und sagten: Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleichgestellt; wir aber haben den ganzen Tag über die Last der Arbeit und die Hitze ertragen. (13) Da erwiderte er einem von ihnen: Mein Freund, dir geschieht kein Unrecht. Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart? (14) Nimm dein Geld und geh! Ich will dem letzten ebensoviel geben wie dir. (15) Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder bist du neidisch, weil ich gütig bin? (16) So werden die Letzten die Ersten sein und die Ersten die Letzten.“
Gott ruft in seinen Weinberg – das ist das bewegende Moment in dieser Geschichte über die Zeiten hinweg: dass Gott nicht der ruhende Pol irgendwo in weiter Ferne bleibt, sondern ein Gott der Kreise zieht und Menschen in seine Nähe ruft. Und was er zu verteilen hat am Schluss ist das Eine: Leben im Angesicht seiner Gerechtigkeit und Güte. Variabel sind die Zeiten und diejenigen, die gerufen werden, die Arbeiter auf dem Gottesacker durch die Zeiten hindurch mit all ihren Unterschieden, die es nur geben kann in Kultur, Sprache, Bildung und religiösen Ausdrucksformen.
Der gleichnishafte Weinberg – Lebensraum all der Religionen, die von sich sagen: Wir glauben an den einen Gott. Hören wir diese Geschichte heute einmal als eine Modellgeschichte für das Verhältnis unter den Religionen, aber auch als ein Spiegelbild der Konfliktgeschichte, die zwischen den verschiedenen Gruppen und Akteuren da entbrennen kann.
Ich habe nachgezählt: Fünfmal geht der Besitzer des Weinbergs hinaus, um Arbeiter anzustellen. Ich will mit ihm und mit Ihnen, liebe Gemeinde, die fünf Male mitgehen in die Welt der Religionen und sehen was geschieht.
Eine erste Einladung:
Er nannte sich Echnaton. Pharao von Ägypten und Gemahl der legendär schönen Nofretete. Echnaton sieht in Gott die eine kosmische Macht, die sich als Sonne und Licht den Menschen mitteilt. Echnatons Offenbarung gründet in der Erkenntnis, dass sich alles, die gesamte sichtbare und unsichtbare Wirklichkeit, auf das Wirken von Licht und Zeit, und damit auf die Sonne, zurückführen lässt. Echnaton glaubte, das eine Prinzip entdeckt zu haben, aus dem die Welt hervorging und täglich neu hervorgeht. Und diese Erkenntnis hat Echnaton in seinem Reich mit der Gewalt eines pharaonischen Alleinherrschers durchgesetzt; kein anderer Glaube durfte daneben bestehen bleiben. Nun gibt es zum ersten Mal in der Religionsgeschichte die Unterscheidung zwischen richtig und falsch. Jetzt ist mit der Verehrung des einen Gottes auch der Anspruch auf die alleinige Wahrheit und die religiöse Intoleranz auf die Welt gekommen. Oder anders gesagt: Zum ersten Mal kommt Streit und Konflikt in Gottes Weinberg. Pharao Echnaton stirbt im Jahre 1334 vor der christlichen Zeitrechnung. Seine Nachfolger gehen ganz schnell unter großem Aufatmen des Volkes wieder zur alten Religion der vielen Götter zurück.
„Und der Weinbergbesitzer ging wieder aus um Arbeiter für seinen Weinberg zu bestellen.“ Die zweite Runde:
Als der Sonnenverehrer in Ägypten vor fast 3 ½ Tausend Jahren stirbt, hat sich schon auf dem gegenüberliegenden Ende der damals bekannten Welt einer auf den Weg gemacht um den einen Gott zu erkennen und sich senden zu lassen in den Weinberg Gottes. Abraham aus Ur in Chaldäa, im Land zwischen den zwei Strömen unweit von „Bagdad“, wird von Gott aus seiner Welt der vielen Götter herausgerufen in ein Land, das Gott ihm zeigen werde. „Geh in meinen Weinberg!“ Und Abraham geht. Er und seine Frau Sara. Und seine ägyptische Nebenfrau Hagar. Dieser Weg ist der Beginn der biblischen Bundesgeschichte. Die kann ich jetzt nicht ausführlich nacherzählen. Dafür gibt’s die Heilige Schrift zum Nachlesen ab dem 12. Kapitel im ersten Buch der Bibel. Jedenfalls hatte Abraham zwei Söhne: sozusagen einen jüdischen und einen arabischen. Der „jüdische“ Sohn Isaak und der „arabische“ Sohn Ismael. Geboren vom selben Vater Abraham, doch der eine von der Mutter Sara und er andere von der Mutter Hagar. Die Rechtsverordnung der Monogamie war noch nicht erlassen. Es hätte eine heilige Familie sein können in Gottes Weinberg, mit genug Platz auch für die Nomadenherden Isaaks und Ismaels und deren Kinder und Kindeskinder. Aber man streitet sich um das Erbland. Futterneid, ganz handfest und auch religiös. Seit damals bis heute. „Weinberg“ – das Terrain, auf dem das Ganze spielt ist Heiliges Land – gefangen in einem zutiefst unheiligen Streit. Wer hat mehr zu erwarten vom Weingärtner: Ich oder mein Halbbruder? Ich natürlich! „Und sie murrten wider den Weinbergbesitzer“, wie im Gleichnis am Sonntag Siebzig. Und es bleibt nicht beim Murren, sondern man geht aufeinander los mit den Winzermessern und Sicheln, die eigentlich zur Kultivierung des Weinbergs gedacht waren. Die Kultur weicht dem Kulturkampf, der Kult zu Ehren des einen Gottes wird zu einem einzigen Schauspiel der Rechthaberei. Heiliger unheiliger Gottesacker!
Unterdessen – der Weinbergbesitzer ruft zum dritten Mal – zieht Mose mit seinem Volk unter dem Geleit Gottes ins Heilige Land. Bebaut und besiedelt den Gottesberg. Ein Tempel wird errichtet, später durch König Salomo, im Mittelpunkt des Landes, in dem Gott wohnt und sich dienen lässt. Viel, viel später setzen die Nachfahren des anderen Sohnes, des arabischen von der Hagar, an die gleiche Stelle eine wunderschöne Moschee. Sie folgen mittlerweile einem anderen Propheten, Mohammed, der vom jüdischen Tempelplatz mit seiner Wunderstute Barak die Himmelsreise angetreten hat. Seitdem ertönt von dort her, wo früher die Leviten Psalmen gesungen haben, das Bekenntnis zu dem einen großen Gott in arabischer Sprache. Allah hu akbar. Und zuweilen mischt sich dieser Ruf mit furchterregenden Nebentönen, die nicht im Sinne des Propheten sind und schon gar nicht im Sinne Gottes. Es ist ziemlich unübersichtlich geworden im Weinberg Gottes. Nach wie vor wird die Kultivierung des Weinbergs vernachlässigt vor lauter Streit der Kulturen. „Und sie murrten gegeneinander und gegen den Weinbergbesitzer!“
Aber nun: uns gibt es ja auch noch, liebe Christengemeinde am Sonntag zwischen Kommen und Gehen. Unter allen, die Gott anrufen, den Einen und Ewigen, gibt es auch sie: die Jüngerinnen und Jünger Jesu von Nazareth. Die christliche Kirche. In meiner Zählung nun die vierte Runde des göttlichen Werbens um Arbeiter im Gottesacker (obwohl natürlich, das weiß jedes Kind, runde 600 Jahre vor den Mohammednachfolgern): „Geht ihr auch hin in meinen Weinberg!“ Fleisch und Blut geworden ist Gottes Einladungsruf in Jesus Christus, überbracht durch seinen geliebten Sohn. Und viele, viele kamen. Über all die Jahrhunderte hinweg, bis heute am Sonntag Septuagesimä 2013. Eine Chance, dass der Weinberg heiliger würde?!
Was könnte man nicht alles entdecken aneinander und miteinander, wenn man nur einmal aufeinander achten und einander wahr-nehmen würde. Da könnte man staunen darüber, dass der Sonnengesang des Echnaton verblüffend nahe steht dem biblischen Psalm 104, den die Juden bei Tisch und die Christen beim Erntedankfest in der Kirche beten. Dass Jesus das jüdische Grundbekenntnis „Höre Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR ist Einer“ in die Messiasgemeinde hinein weitergegeben hat. Dass im Heiligen Buch des Koran Jesus hoch gepriesen wird und Mose und Maria und überhaupt alle, die aus der heiligen Bibel lesen. Unglaubliche Entdeckungen. Doch statt die gemeinsamen Beziehungen zu kultivieren steuern die Arbeiter im Weinberg geradewegs in einen abgrundtiefen Konflikt hinein. Dieser Streit sollte der bitterste und tödlichste werden, den die Menschheits- und Religionsgeschichte je gekannt hat. „Und sie murrten wider den Weinbergbesitzer“. Wer? In meiner heutigen Lesart der Geschichte nun: Die jung dazu Gekommenen gegen die Alten. Das junge Christentum rebelliert gegen das alte Judentum – denen soll derselbe göttliche Lohn werden wie uns?! Der Erbstreit um den Weinberg war voll entbrannt. Wir, die Christen, sind die einzig legitimen Erben, tönte es von den Kanzeln und aus den theologischen Journalen. Die alten Schriften, Gottes Liebeslieder geschrieben an sein Volk, erhalten in dem Buch, das wir Altes Testament nennen und die hebräische Bibel der Juden ist – wir nehmen sie für uns in Anspruch, und zwar für uns ganz allein. Wir Christen haben diese Briefe Gottes an Israel geöffnet und zuweilen einfach den Adressaten vertauscht: „Strg delete Israel“ und „Strg einfügen Kirche“! Wir sind das neue Israel – das alte hat seine Schuldigkeit getan, es kann verschwinden aus Gottes Weinberg – geistig-ideell als Religion abtreten und leiblich-physisch in den Massengräbern von Treblinka zugrunde gehen oder aufsteigen in den Rauchwolken über den Krematorien von Auschwitz-Birkenau. Unsere Kirche hat so furchtbar wenig diesem Geschehen von damals entgegenzusetzen gehabt! Darüber können auch einzelne Namen wie Hermann Maas nicht hinweg täuschen. Es gibt einen christlichen Anteil am Holocaust.
In der Aufarbeitung dieses Grauens sind wir wichtige Schritt voran gekommen und das Gedenken am 27. Januar gehört gewiss dazu – aber solange 20% der Bevölkerung der BRD noch latent antisemitisch denken, ist noch viel zu tun. Und in kirchlichen Kreisen seien es, so sagt der jüngste Antisemitismusbericht der Bundesregierung, noch mehr. „Nur wenn die Kirche kapiert, dass sie ein Teil des Problems ist, wird sie zu seiner Lösung beitragen können.“
Ein weiteres Mal wird er noch hingehen, der Weinbergbesitzer im Gleichnis. Das fünfte Mal Hingehen steht noch aus. Sozusagen 5 vor 12 oder eine Stunde vor Feierabend. Da will ich gar nicht weiter spekulieren. Lassen wir uns überraschen, wen Gott noch in seinen Weinberg rufen wird – angesichts solcher Gottesjünger in einer langen Menschheitsgeschichte.
Die Szene der Lohnverteilung - auf die gehen wir letztlich noch zu – ein einziges großes Gleichnis für die Inkraftsetzung der gerechten Güte Gottes. Sie gerät immer wieder zur Konfliktgeschichte. An der wir bis heute leiden. Wo der eine Gott seine eine Münze des Lebens für alle austeilt, machen wir daraus eine Leidensgeschichte. Diese Münze ist Gnadenlohn. Sie ist die Währung, die zu einem göttlichen Gedanken passt, wie wir ihn nicht zu träumen wagten. Eine bestimmte Art von Gleichheit soll gestiftet werden im Weinberg. Ein gleiches Verhältnis stiftet dies eine, was sie alle bekommen. Nicht die Gleichheit der Menschen und ihrer Bräuche und Glaubensweisen. Die Gleichheit dessen, was Gott allen zugedacht hat. Die zählt. Und was ist das? Im Gleichnis gesprochen: der eine Denar. So ein Silberdenar - vielleicht so groß und rund wie eine Oblate bei der Heiligen Eucharistie. Denar ist Leben. Das ist wohlbekannt aus der Zeit Jesu: Ein Denar ist ein Tageslohn, den eine Familie braucht zum Lebensunterhalt für einen Tag. Denar ist Leben. Das teilt er aus.
Der gnädige und gerechte Gott kommt am Schluss im Angesicht aller versammelter Religionsvertreter und Kultur-Attachées auf das Elementarste zurück, was es gibt: das Menschsein. Du brauchst den Denar um leben zu können als Mensch. Du bist zuerst Mensch und dann bist du religiöser Mensch – wo du das rumdrehst, wird die Welt bestialisch.
Nehmt die Münze in Empfang, mit der ihr leben könnt. Im Weinberg Gottes wird das Leben ausgeteilt – nicht ein „0,5-Leben“, nicht ein „2,5-Leben“, sondern Leben 1,0. Das reicht für alle. Himmlischer Sozialismus!
Und auf einmal entsteht ein Kreis. Die ganze religiöse Verkrampftheit lockert und rundet sich zu einem Reigen. Es kommt Bewegung ins Spiel und sie tanzen den Reigen nach der Weise: „Der Erste ist der Letzte und der Letzte ist der Erste; denn im Kreis bei Gott ist der Erste nicht voraus und der Letzte nicht zurück.“
Den Text zum Reigenlied habe ich aus der jüdischen Tradition gelernt. Ich finde in einem jüdischen Buch, das man zu den Apokryphen (den Verborgenen Büchern zwischen dem AT und dem NT) zählt, den Gottesspruch:
„Ich mache mein Weltgericht einem Reigen gleich.
Die Letzten sind darin nicht zurück, die Ersten nicht voran.“
Dieses jüdische Wort deutet die Geschichte Jesu und hilft sie zu verstehen.
Schwing das Tanzbein im Reigen, du fanatisierter Islamist; du murrender, wahrheitsbesessener Jesusjünger; du ultra-neo-superorthodoxer Jude; und die Sonnenanbeter sollten sich eh ein bisschen vor zu viel Strahlung in Acht nehmen! Kommt in den Reigen der Religionen! Tanzt, ihr Arbeiter im Weinberg, dass das Land heilig werde und der ganze Erdkreis im Reigen den Himmel abbilde!
Amen.
Predigt 16. Sonntag n.Trinitatis Apg 12, 1-11
von Dekanin Marlene Schwöbel-Hug
„Wunder gibt es immer wieder", sang Katja Epstein vor etlichen Jahren, „wenn sie Dir begegnen, musst Du sie nur sehn". Wie sehr, wie sehnlich wünschen wir uns oft ein Wunder. In diesen Tagen würde ich mir von Herzen wünschen, dass die Unruhen weltweit wegen der bewussten Provokationen unserer muslimischen Mitbürger endlich aufhören.
Ja, ich weiß, es geht um Pressefreiheit und das Gefühl wir dürfen vor gewaltbereiten Menschen nicht einknicken. Aber wer die Folgen der Veröffentlichungen dummer und Aufmerksamkeit heischender Medien sieht und spürt, fragt sich doch, ob es denn nötig ist, weiterhin in diese Kerbe zu hauen in vollem Bewusstsein der Gefahr für viele Menschen. Wie wohl tut es dann, wenn ernst zu nehmende Muslime sagen: Wir begeben uns nicht auf diese Ebene. Wir wollen nicht den grassierenden Vorurteilen gegen unseren Glauben entsprechen. Das Wunder von friedlichem Miteinander, darum bete ich in diesen Tagen und Wochen. Wohin man schaut, sind Zwistigkeiten, Kriege im Großen wie im Kleinen, werden Konflikte geschürt, bewusst geschürt. Das ist in der arabischen Welt ebenso zu beobachten wie in Japan und China, in Afrika, in Afghanistan. Aber auch in unserer Gesellschaft hören wir von harten oder gemeinen Auseinandersetzungen. Etwas mehr Ruhe, mehr Verstand, mehr Zurückhaltung, mehr Rücksichtnahme würde ich mir wünschen.
Das Schlimme an solchen Konflikten, seien sie politisch, privat, beruflich, in der Kirche ist, dass es immer Menschen gibt, die sich daran auch noch ergötzen und die Konflikte mit Freude verfolgen. Vielleicht haben einige von Ihnen schon die Essays des amerikanischen Schriftstellers John Jeremia Sullivan gelesen, der in seinem viel gelobten Buch „Pulphead" kritisch, witzig, zum Nachdenken anregend über Realityshows schreibt, in denen Menschen unwürdig behandelt werden und gedemütigt werden. Solche Sendungen sind aber nur möglich, weil Menschen zusehen und Demütigungen eben kein Tabu in unserer Gesellschaft sind. Wie weit übrigens solche Shows gehen könnten, damit beschäftigt sich die Trilogie der „Hunger Games" von Susan Collins. Um solch eine Geschichte, in der Menschen Freude haben an Folterungen und Tötungen von Landsleuten, geht es im heutigen Predigttext.
Ein Jahr nach Jesu Kreuzigung werden Mitglieder der christlichen Gemeinde von Herodes verhaftet. Sie werden, wie Jakobus, der Bruder des Johannes, getötet oder gefoltert. Und der Menge draußen gefällt das. Sie bejubeln Herodes, der mit starker Hand gegen die Christen vorgeht. Durch diese Reaktionen der Öffentlichkeit wird Herodes ermutigt, in seinem Bestreben der Ausrottung der neuen Glaubensrichtung durch Töten der Mitglieder fort zu fahren. Er nimmt auch Petrus fest und lässt ihn ins Gefängnis werfen. Im 12. Kapitel der Apostelgeschichte wird erzählt, dass Petrus kurz vor dem Passahfest gefangen genommen und in Fesseln gelegt wird. Nach Passah soll dann über sein weiteres Schicksal entschieden werden. Petrus wird streng bewacht. Von vier Wachen ist die Rede. Nach den Feiertagen soll das Volk über sein weiteres Schicksal entscheiden und bei der aufgeheizten Stimmung ist eigentlich schon klar, dass das Volk seinen Tod verlangen wird. Die Psychologie von Massen wusste der König Herodes vor 2000 Jahren schon genau so gut einzuschätzen und zu nutzen, wie das heute Diktatoren oder Agitatoren können. Petrus ist im Gefängnis, die Gemeinde kennt das ja nun leider schon zu gut. Aufs Gefängnis folgt Tod. Sie beten. Die ganzen Tage, die er gefangen ist, beten sie zu Gott und bitten um die Bewahrung von Petrus. Er war als Leiter der Gemeinde anerkannt. Er hatte den Respekt der Menschen, er war von Jesus in sein Amt als Vorsitzender der Gemeinde eingesetzt. Ohne ihn wäre die Gemeinde hilflos, viel zu klein, verzweifelt. Die Nacht vor der Urteilsverkündigung ist dunkel, nicht nur draußen, sondern auch in den Herzen der Beter und im Herzen von Petrus. Welche Sorgen und Ängste mögen ihn um getrieben haben, welche Zweifel auch! Und hier berichtet der Schreiber der Apostelgeschichte von dem Wunder der Befreiung des Petrus von seinen Fesseln und aus der dunklen Höhle des Gefängnisses. In die Dunkelheit fällt plötzlich Licht. Sie kennen das, wenn man Angst hat oder besorgt, überarbeitet oder verzweifelt ist, sieht man im wahrsten Sinn die Hand nicht vor Augen. Die Zukunft und alles um einen herum ist finster, undurchdringlich, schwarz. Und diese Schwärze wird in der Geschichte von dem Licht eines Engels durchbrochen. Der Blick wird weiter, man kann über die eigenen Grenzen hinausschauen. Die Fesseln fallen ab, neue Schritte sind möglich, man kann wieder zupacken und seinen Weg gehen. Genau so erging es Petrus in dem Gefängnis. Dieses Gefängnis war erst einmal ein Gebäude, es war aber auch das Gefängnis seiner Angst und seiner Verlassenheit und Eingeengtheit. Der Engel weckt ihn aus schlimmen Träumen, aber auch aus der Unbeweglichkeit und Handlungsunfähigkeit. Petrus wird aufgefordert, sich anzuziehen. Die Nacktheit der Demütigung und der Hilflosigkeit wird bedeckt. Mit Kleidung und mit Schuhen ausgestattet sein, heißt auch mit Würde ausgestattet sein. Auch seinen Mantel soll er sich überwerfen. Die Kälte der Unmenschlichkeit und des Eingefrorenseins wird verdrängt. Der Mantel verleiht Wärme und Sicherheit und Schutz vor Kälte. Vielleicht kann man sogar so weit gehen, dass man sagt, der Mantel des Gebets und des Vertrauens konnte wieder aufgenommen werden und umhüllte ihn wohltuend. Vielleicht gaben auch die Gebete der Freunde Wärme.
Petrus kann über die vielen Wachen des Gefängnisses, die extra seinetwegen abgestellt wurden, hinüber steigen. Er kann sie im positiven Sinn des Wortes übergehen und hinter sich lassen. Petrus verletzt sie nicht. Er rächt sich nicht für schlechte Behandlung. Er ist auch von diesen Fesseln der Vergeltung frei. Wie im Schlaf, wie traumwandlerisch, so der Text, erfährt Petrus seine Befreiung aus dem Gefängnis von dem Engel. Erst als er dem Herrschaftsbereich der Angst einflößenden und drohenden Kräfte entronnen ist, verlässt ihn der Engel. Petrus ist frei und kann zu seinen Freunden nach Hause zurück und seine Arbeit weiter tun.
Interessant ist diese Wundergeschichte. Sie will deutlich machen, dass in all unseren Gefängnissen der Bedrohtheit und der Angst Engel uns begleiten, wenn wir darum bitten. Boten Gottes, in was für einer Gestalt auch immer, stehen uns zur Seite. Manchmal sind das Freunde, Familie, Kollegen oder gar Fremde. Auf jeden Fall sind es Unterstützer, die Licht in Dunkelheiten bringen, die uns über schwierige Personen hinweghelfen, die uns wieder handlungsfähig machen und dann auch wieder zu einem klaren Kopf verhelfen. In biblischen Geschichten sind Engel immer dann da, wenn Menschen allein nicht mehr weiter wissen, wenn sie in falsche Richtungen gehen oder gefesselt sind in ihren Ängsten oder gar Hoffnungslosigkeit. Solche Engel wünsche ich uns, jedem Einzelnen, aber auch in diesen Wochen der anhaltenden angespannten Stimmungen und der Gewaltbereitschaft. In der Geschichte, das wird außerdem deutlich gesagt, ist eine große Hilfe das Gebet. Der Macht des Gebetes zu vertrauen, das haben die Freunde von Petrus versucht. Ich finde es unglaublich offen, dass in der Geschichte dann bei der Freilassung bzw. bei der Befreiung des Petrus die Freunde es anfangs gar nicht glauben können. Sie glauben zunächst eher an ein Gespenst, das vor der Tür steht als an die Erhörung der Gebete. Vor lauter Schreck und Überraschung lassen sie Petrus, der ans Tor klopft, nicht rein, sondern können es erst beim zweiten Klopfen glauben, dass er wirklich vor der Tür steht. Sie beten, sie hoffen und sind nachher trotzdem überrascht und können sich freuen. Sie wissen und lernen immer wieder neu, es ist kein Mechanismus, der einfach so funktioniert, sondern es ist bei allem Vertrauen Gabe Gottes. Wunder gibt es immer wieder, wenn sie Dir begegnen, musst Du sie nur sehn. Amen
Liedpredigt über "Lobe den Herren", 11. So. nach Trinitatis 2012
von Dekanin Dr. Marlene Schwöbel-Hug
Liebe Gemeinde,
Sie alle haben von dem Neandertaler gehört, dem Verwandten des heutigen Menschen, der vor 120.000 -130.000 Jahren in Europa gelebt hat. Das berühmte Skelett, das seine Existenz wissenschaftlich bewies, wurde im Neandertal gefunden, 1856 bei Mettmann, an der Düssel. Jetzt werden Sie vielleicht denken: „Hallo, wir sind in der sommerlichen Predigtreihe zu Schätzen des evangelischen Gesangbuches und nicht in einer Lehrstunde über Paläontologie“. Richtig, aber das Lied, das heute im Mittelpunkt unseres Gottesdienstes steht und der Neandertaler haben tatsächlich eine Verbindung. Joachim Neumann wurde 1650 in Bremen geboren. Damals war es Mode, deutsche Namen ins Griechische zu übersetzen. Ein ganz bekanntes Beispiel dafür ist Philipp Melanchthon, der eigentlich Philipp Schwarzerd geheißen hatte. Neumann wird auf griechisch zu Neander. Dieser Joachim Neander wurde in seinem kurzen Leben zu einem der bekanntesten Komponisten von Kirchenliedern. Das Lied „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“ ist in viele unterschiedliche Sprachen übersetzt und wird weltweit in christlichen Kir-chen gesungen. Als Rektor der Lateinschule in Düsseldorf und gleichzeitiger Hilfsprediger, dichtete und komponierte Neander viele seiner Lieder an seinem bevorzugten Plätzchen an der Düssel bei Mettmann. Dieser Platz wurde später Neandershöhle genannt, und noch später wurde die ganze Gegend zum Neandertal. So stammt der weltbekannte Name des Neandertalers von einem reformierten Theologen und Kirchenliederkomponisten ab. In Frankreich, Tschechien, Japan, England, Amerika, überall ist dieses Kirchenlied vertraut und wird mit großer Begeisterung gesungen. Übrigens geht die heutige Melodie, nach der wir das Lied singen, auf einen Schlager des 18. Jahrhunderts zurück. Es war üblich, geistliche, religiöse Texte in beliebte und bekannte Melodien der Zeit zu kleiden. Oft wünschen sich Hochzeitspaare heute dieses Lied. Es wird ebenso bei großen kirchlichen Festen, sogar bei Beerdigungen gewählt.
Es geht um das Lob Gottes, und Loben heißt in diesem Zusammenhang immer danken. Wir alle kennen die unterschiedlichsten Arten und auch Untertöne von Lob. „Das hast Du aber gut gemacht“ kann von oben herab klingen, es kann aber auch einen Menschen wachsen lassen, ihm den Rücken stärken. Für viele ist ein Lob eine Erinnerung an die Kindheit. Die Eltern lobten, die Lehrer lobten. Es war eine Bewegung von oben nach unten. Wichtig, ja, aber Lob geschah eben nicht auf Augenhöhe. Darum ist es für manche so schwierig, heute als Erwachsene Lob auszuteilen oder anzunehmen. Dieses „das hast du aber gut gemacht“ wird dann als eine fast arrogante Aussage wahrgenommen. Wenn wir aber erkennen, dass Lob Wertschätzung ausdrücken möchte, wenn wir uns daran erinnern, dass Loben immer etwas mit Danken zu tun hat, kann es wieder einen respektierten Platz in unserem Leben, auch in unseren Kirchen und Gemeinden einnehmen. Über ein wertschätzendes Lob freut sich doch insgeheim oder ganz offen jeder. Wir leben davon, dass andere uns und unsere Bemühungen wahrnehmen und anerkennen. Anerkennung und Lob gehören zusammen.
„Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren, meine geliebete Seele, das ist mein Begehren“. Als König, als Lord, Segnieur, Tenno wird Gott angesprochen, als Herrscher mit Macht ausgestattet und zwar mit einer unhinterfragten Macht. Das positive Bild eines verantwortlichen Herrschers wird hier aufgenommen, eines Herrschers, dem das Wohl seiner Untergebenen am Herzen liegt, der für sie sorgt, sich um sie kümmert, für sie kämpft. Gott als das Urbild eines fürsorgenden Herrschers malt Neander in seinem Lied. Alle, die ihm untertan sind, sollen sich versammeln und aus vollem Herzen singen und musizieren. Die Harfe als das königlichste Instrument soll aus dem Schlummer zum Leben und zum Loben gebracht werden. Die erste Strophe ist ein Aufruf zum gemeinsamen Singen und Danken. Im Folgenden sprudelt es nur so raus aus dem Dichter. Ich kann mir vorstellen, wie er an einem sommer-lichen Tag an dem Flüsschen sitzt und ihm in diesem Moment das Herz übergeht vor Freude, Dankbarkeit, ja, sogar Glück. Er genießt den Moment und gleichzeitig erinnert er sich an viel Schönes, was ihm begegnet ist. Das Schwere wird einmal ausgeblendet. Positive Gedanken und Gefühle haben Platz, ohne Wenn und Aber. Wer von uns heute kann das eigentlich noch? Allzu schnell tauchen Fragen auf, drängen sich Sorgen in den Vordergrund, sicher nicht unberechtigt, aber ein Gefühl von richtigem Glück lassen wir oft nicht mehr zu. Dabei, so der Lieddichter ist es gerade das, was uns leben lässt, was uns immer wieder neu Hoffnung gibt, was uns Gott und die Menschen lieben lässt. Der Text dieses Liedes löckt den Stachel gegen Schwarzmalerei. Wie schnell sind wir alle bereit, den ganzen Korb mit Äpfeln weg zu werfen, wenn einer faul ist, anstatt nur den einen rauszunehmen. Mut zum Glück, so seltsam das klingt, will der Dichter machen. Nicht umsonst hat das Unterrichtsfach Glück, das hier in Heidelberg in Schulen angeboten wird, so einen großen Zulauf. Warum können wir als Christen nicht auch darauf aufmerksam machen, die schönen Momente des Lebens richtig zu genießen und wert zu schätzen. Mich erinnert das Lied sehr an den Psalm 103, in dem es heißt: „Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er Dir Gutes getan hat.“ Klar, wir hören Furchtbares, leiden mit an-deren mit, mit Verfolgten, mit Traurigen, mit Kranken, mit Besorgten, wir beten für sie und helfen je nach unseren Möglichkeiten. Es geht nicht um Verdrängen von schwierigen und schweren Zeiten, sondern darum, zu schauen, was das Leben bisher und weiterhin lebenswert macht. Nean-der legt uns Worte in den Mund, die Dank sagen für Begleitung in schö-nen und unsicheren Zeiten, die die Liebe Gottes besingen, die immer wieder in meinem Leben durchschimmert. Neander war kein Schwärmer, kein Mensch, dessen Leben leicht war. Er wurde zwei Jahre nach dem Ende des 30-jährigen Krieges geboren. Das Land war verwüstet, viele Menschen hatten ihr Leben verloren, Glaubensunterschiede hatten zu Feindschaften geführt, die Pest brach immer wieder verheerend aus. Wie von den Flügeln eines Adlers herab sieht er das alles und doch fühlt er sich auf diesen Flügeln sicher. Und doch, hier sitzt er im Neandertal und atmet Lebensluft, dankt für bisheriges Behütetsein, genießt den Moment. Oft wird in der Bibel und in Liedern von Gott im Bild eines Adlers gesprochen. Stärke, Schutz, Geborgenheit sind auf und unter diesen Flügeln des Adlers zu spüren. Vertrauen spricht aus den Strophen, die abschließen mit dem Amen „das ist gewisslich wahr.“
Ist es diese Sehnsucht nach Schutz, nach positiven Momenten, nach Licht und Glück, die dieses Lied und seine Melodie bis heute so populär machen? Ist es vielleicht auch das insgeheime Wissen darum, dass positives Denken, dass Danken, dass Glücksmomente und Vertrauen in einen begleitenden Gott, der immer wieder seine Flügel über uns aus-breiten will, dass das alles gelingendes Leben ausmacht? Gott loben, das heißt, Gott danken, das heißt, in harten Zeiten nicht das Gute zu vergessen, das uns immer wieder geschenkt wird. Gott loben, aber auch Menschen loben setzt Aufmerksamkeit voraus, einen liebenden Blick. Gott loben, das heißt froh sein, dass er durch Jesus Christus versprochen hat, unsere Gebete zu hören, dass er sich nicht nur als der verborgenen, dunkle und allzu oft unverständliche Gott zeigt, sondern eben auch als der lächelnde, das Leben bejahende. In wie viel Not hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel gebreitet. Amen.

