“Treat people with kindness“ – Harry Styles-Gottesdienst in der Heiliggeistkirche

- 27.10.2025 - 

Am Sonntag, den 26. Oktober 2025, verwandelte sich die Heiliggeistkirche am Heidelberger Marktplatz in einen Ort, an dem Popkultur und Spiritualität auf eindrucksvolle Weise miteinander verschmolzen. Unter dem Motto „Harry Styles – Pop trifft Glaube“ fanden zwei außergewöhnliche Gottesdienste statt, die sich der Musik, der Persönlichkeit und der spirituellen Dimension des britischen Superstars widmeten. Schon vor Beginn waren alle 600 Plätze der Kirche gefüllt, viele Besucher*innen saßen dicht gedrängt im Kirchenschiff, um mitzuerleben, wie Glaube und Popmusik einander begegnen können.

Pfarrer Vincenzo Petracca führte mit spürbarer Leidenschaft durch die Liturgie. Er verband Texte von Harry Styles mit biblischen Themen wie Himmel, Hoffnung, Liebe und Menschlichkeit. Zwischen den Gebeten erklangen Songs wie „Ever Since New York“, „Sign of the Times“, „Treat People With Kindness“ und „As It Was“, fantastisch interpretiert von der Band um Sängerin Tine Wiechmann. Die Musik erfüllte das gotische Kirchenschiff mit einem warmen, modernen Klang, während meditative Klangteppiche eine Atmosphäre schufen, die weit entfernt war vom klassischen Kirchenkonzert. Auch der Street-Dance-Weltmeister Mr. Quick und Hip-Hop Weltmeisterin Aurelia de Maio sorgten mit einer Choreografie zu „Lights Up“ für einen Moment, der die Grenzen zwischen Popshow und Gottesdienst endgültig aufhob.
 
In seinen Ansprachen zeichnete Petracca das Bild eines Künstlers, der zwischen Glauben, Zweifel und Freiheit lebt. Harry Styles, so erklärte er, sei kein bekennender Kirchgänger, aber ein Mensch, der in seiner Musik immer wieder religiöse Bilder aufgreife – vom Gebet über den Himmel bis hin zu Jesus selbst. Der Pfarrer erzählte, dass der Sänger mehrere Tattoos mit religiösem Bezug trägt, darunter ein kleines Kreuz und eine Bibel. „Sein Glaube ist ihm buchstäblich unter die Haut gegangen“, sagte Petracca und machte damit deutlich, dass Spiritualität auch außerhalb traditioneller Glaubensformen ihren Ausdruck finden kann.
 
In der Auslegung von „Sign of the Times“ verband der Theologe den Popsong mit dem Matthäusevangelium, wo Jesus von den „Zeichen der Zeit“ spricht. Er deutete das Lied als eine Ballade über Hoffnung angesichts von Leid und Tod – als moderne Vision vom Himmel, in dem alles gut wird. Bei „Treat people with kindness“ erinnerte er an Jesu Goldene Regel aus der Bergpredigt: „Behandelt die Menschen so, wie ihr selbst behandelt werden wollt.“ Damit traf der Gottesdienst einen Nerv, der über Pop und Kirche hinausreichte: den Wunsch nach Menschlichkeit in einer rauer werdenden Welt.
 
Besonders bewegend war der Teil, in dem Petracca über Männlichkeit sprach. Er stellte Harry Styles als Vertreter einer „nicht-toxischen Männlichkeit“ vor, der mit Fingernagellack, Glitzerhosen und Empathie die Grenzen klassischer Geschlechterrollen auflöst. „Er ist ein Mann, der weinen darf“, sagte Petracca – und zog die Parallele zu Jesus, der in der Bibel ebenfalls Tränen zeigt. Damit wurde der Gottesdienst auch zu einem Statement für Vielfalt, Toleranz und queere Sichtbarkeit: Der Altar war in Regenbogenfarben geschmückt, als Zeichen der Solidarität mit der LGBTQ+-Community.
 
Das Publikum reagierte mit Begeisterung. Einige Menschen sangen mit, andere Gottesdienstbesucher*innen lächelten berührt, manche hielten die Augen geschlossen, als würden sie den Pop-Hymnen eine neue Tiefe abgewinnen. Es war spürbar, dass hier ein Gottesdienst stattfand, ein ernst gemeinter Dialog zwischen Kultur und Glauben. Die Kirche pulsierte vor Leben. 
 
Als zum Abschluss „As It Was“ erklang, standen die Besucherinnen und Besucher auf, einige klatschten im Takt, andere hielten sich an den Händen. Es war ein Moment, der zeigte, dass Gottesdienst mehr sein kann als Liturgie – ein Raum, in dem Musik, Gemeinschaft und Sinnsuche sich begegnen.
 
Nach dem Schlusssegen blieb das Publikum noch lange stehen, manche tauschten sich aus oder gingen zur “Tattoo-Station”, andere hörten einfach nachklingend in sich hinein. Die Harry-Styles-Gottesdienste waren weit mehr als eine popkulturelle Spielerei. Sie waren ein mutiger Versuch, das Evangelium in der Sprache der Gegenwart zu erzählen – ehrlich, poetisch und voller Lebensfreude. Wer an diesem Sonntag dabei war, ging mit dem Gefühl hinaus, dass Popmusik und Glaube keine Gegensätze sind, sondern sich gegenseitig erhellen können.
 
Die Veranstaltung war Teil der erfolgreichen Gottesdienstreihe “Citykirche Rock´n’Pop”, die seit mehreren Jahren mit Gottesdiensten zu Künstler*innen wie den Beatles, Taylor Swift oder Adele die Heiliggeistkirche füllt. Mit der Verbindung von populärer Musik und Theologie gelingt es dieser Reihe immer wieder, Menschen über alle Alters- und Glaubensgrenzen hinweg anzusprechen und die Kirche als offenen, lebensnahen Raum erfahrbar zu machen.
 
Text: Melanie Degueldre-Beyer
Fotos: Silke Kleffner-Pöppel
 
Das ZDF war zu Gast und hat vom Gottesdienst berichtet: