Die Orgel des Monats November steht in der Lutherkirche in Bergheim

Die Weigle-Orgel mit Farbreflexionen vom Licht der bunten Glasfenster
Heidelberg-Bergheim, November 2022. Die evangelische Gemeinde in Heidelberg-Bergheim konnte 1966 aus ihrem großen Gemeindehaus in der Kirchstraße in die neu erbaute Lutherkirche in der Vangerowstraße umziehen. Dort stand eine einmanualige Orgel als Chor- und Altarorgel zur Verfügung. 1967 konnte dann die große dreimanualige Weigle-Orgel auf der Empore aufgebaut und der Luthergemeinde übergeben werden.
Der Organist und Kantor, Professor Wolfgang Dallmann zeigte mit seinen Orgelkonzerten, dass diese Orgel auch als Konzertinstrument eine hervorragende Stellung in der Heidelberger Kirchenmusik einnehmen konnte.
 
Der Prospekt – also die Ansicht der Orgel – macht die Gliederung der Werke deutlich, links das Pedal, rechts das Hauptwerk, in der Mitte das Schwellwerk, darüber das Positiv. Die Form des Prospektes sollte eine kubistisch-abstrakte Annäherung an eine Engelsgestalt darstellen.
Die musikalische Ausrichtung der Orgel, die Disposition der Klangfarben und die Intonation richtete sich nach dem Zeitgeschmack der sechziger Jahre; es war ein sogenannter 'neobarocker' Entwurf. Heute hat diese Orgel 'Denkmalcharakter'. Das bedeutet: heller, obertonreicher Klang, kräftige Mixturen, klare räumliche Trennung der Werke. Das bedeutet auch: wenig grundtönige Farben, wenige 8-Fuß-Register, kein hoher Grad von Verschmelzung der Klangfarben auf einer Windlade, wie es die Orgel der Romantik bietet.
 
Trotzdem wurde in vielen Konzerten gezeigt, dass Orgelwerke von Max Reger gut darstellbar sind. Das liegt an dem Farbenreichtum der Orgel, ihrem Volumen, der 16-Fuß-Basis zweier Manuale, den vielen Zungenstimmen und vor allem an dem hervorragenden Schwellkasten. Wolfgang Dallmann widmete sich besonders dem umfangreichen und ausgesprochen anspruchsvollen Orgelwerk von Johann Nepomuk David.
 
In mehreren Konzertreihen wurde bis 1977 das gesamte Orgelwerk dieses Komponisten in der Lutherkirche aufgeführt. Johann Nepomuk David war einige Male selbst anwesend. Der Verfasser durfte als Student bei Plattenaufnahmen die Seiten wenden! Seit 1978 trägt die große Orgel der Lutherkirche den Namen Johann-Nepomuk-David-Orgel.
 
Meine nebenamtliche Tätigkeit als Kirchenmusiker in der Luthergemeinde begann 2005 und endete mit dem Exodus der 'fusionierten' Gemeinde 2019. In dieser Zeit war das wichtigste Konzertformat ein Kurzkonzert von ca. 20 Minuten, das sich an den Sonntagsgottesdienst anschloss.
 
Orgel, Klavier, Cembalo, Kammermusik, Bläserensembles und viele verschiedene Solisten gestalteten einmal im Monat ein Kurzkonzert. In dieser sehr bunten Mischung wurden auf der Orgel nicht nur populäre Programme gespielt, sondern vor allem unbekanntere Werke. Alain, Distler, Bovet, Allekotte, Tournemire, Kaminski, romantische Orgelmusik aus Schlesien, Musik aus dem Elsass und vieles andere ergänzte die traditionsreichen berühmten Orgelwerke des Barock.
 
Die frisch sanierte Orgel wird heute nur noch wenig benutzt, kaum gepflegt und sieht einer ungewissen Zukunft entgegen. Ich bin mir sicher, dass alle Heidelberger KirchenmusikerInnen sich wieder eine prominente Orgelmusik in der Lutherkirche wünschen, wie sie dort einmal voller Engagement für die moderne Orgelkomposition stattgefunden hat.
 
Text: Hans-Albrecht Seyfarth, Musiklehrer und Kirchenmusiker