Die Orgel des Monats November steht an immer wieder anderen Orten

Michael Braatz-Tempel an der kleinen Truhenorgel, die derzeit in der Friedenskirche steht
Heidelberg, November 2023. Orgeln sind für gewöhnlich für einen bestimmten Raum konzipiert. Sie sind fest eingebaut in der Kirche, für die sie konzipiert worden sind. Ihre Größe, ihre Registerzahl, ihre stilistische Ausrichtung, ihr Aussehen und ihre klangliche Charakteristik sind genau auf die Architektur, die Akustik und die künstlerische Gestaltung eines Raums abgestimmt. Außerdem spielen natürlich die Bedürfnisse der jeweiligen Gemeinde eine Rolle: Soll es sich um ein Konzertinstrument handeln oder um eine Orgel für gottesdienstliches Musizieren und die Liedbegleitung? Soll das Instrument besonders gut geeignet sein für Kammermusik oder aber für das Begleiten von Chormusik?
 
Eine Orgel der Evangelischen Kirche Heidelberg fällt da vollkommen aus dem Rahmen: Die kleine neobarock disponierte Truhenorgel wurde 1992 von Andreas Ott (Bensheim) gebaut, um in allen Heidelberger Gemeinden erklingen zu können. Sie dient als Continuo-Instrument für barocke Oratorien oder Kantaten und hat deshalb in den letzten Jahrzehnten schon in vielen Kirchen Rezitative, Arien und Chöre begleitet. Außerdem dient die Truhenorgel als Behelf, wenn eine Kirchenorgel etwa wegen einer Reparatur über längere Zeit ausfällt.
 
In der Kreuzgemeinde in Wieblingen hat sie in mehreren Jahren als Gottesdienstinstrument für die „Winterkirche“ im Gemeindehaus gedient, in der Friedensgemeinde hat sie für die Zeit der Kirchenrenovierung den Gemeindegesang begleitet. Das Instrument steht, wenn es nicht gebraucht wird, in der Hochschule für Kirchenmusik. Auch dort wurde es von unzähligen Studierenden benutzt bei Konzerten und Gottesdiensten. Das Instrument wurde oft angemietet vom Theater der Stadt Heidelberg, vom Bachchor, von der Heidelberger Kantorei, vom Anglistenchor, dem Badischen Kammerchor, dem Madrigalchor und anderen Ensembles. Auch „open air“ war die Orgel schon zu hören: Beim Chorfest Baden 2017 stand das Positiv auf dem Uniplatz und wurde konzertant und gottesdienstlich genutzt.
 
Das kompakte Innenleben der kleinen Orgel ist von oben einsehbar
Obwohl die Truhenorgel nur 3 Register besitzt (Copula 8‘, Rohrflöte 4‘ und Gemshorn 2‘), ist sie vielfältig nutzbar: Durch ein Verschieben der kompletten Tastatur lässt sich die Stimmung um einen halben Ton erniedrigen oder erhöhen. Somit kann auf einer Stimmtonhöhe von 415, auf 440 oder 465 Hertz musiziert werden, ohne dass das Pfeifenmaterial umgestimmt werden muss. Durch unzählige Transporte (zu Fuß mit vier Trägern, im Kombi, im Bus, im LKW oder sogar im Leichenwagen!) hat die Truhenorgel schon viele Beschädigungen erlitten, außerdem hält sie die Stimmung nicht mehr sehr gut. Trotzdem ist es immer wieder erstaunlich, wie dieses kleine Instrument auch große Räume mit seinem Klang füllen kann. Auch solistisch kann es verwendet werden: Etwa die Präludien und Fugen des Wohltemperierten Klaviers von Johann Sebastian Bach oder altenglische Orgelmusik lassen sich auf der Truhenorgel schön darstellen.
 
Text: Bezirkskantor Michael Braatz-Tempel