„Jeder ist wichtig – das ist an allen Ecken spürbar“

- 28.05.2025 - 

Jury des Deutschen Schulpreises zu Besuch an der Elisabeth-von-Thadden-Schule

Heidelberg, 16.05.2025. Von Donnerstag auf Freitag, 08. und 09. Mai, besuchte eine hochrangige Jury die evangelische Elisabeth-von-Thadden-Schule in Wieblingen im Rahmen der Bewerbung um den Deutschen Schulpreis 2025. Auch mit ihrer zweiten Bewerbung hat es die Schule nach 2019 wieder unter die besten zwanzig Schulen Deutschlands geschafft und hofft auf eine erneute Finalteilnahme. Die Jury zeigte sich begeistert von der Qualität des Unterrichts und dem Umgang aller Mitglieder der Schulgemeinschaft untereinander.

Die Elisabeth-von-Thadden-Schule ist ein Gymnasium in Trägerschaft der Schulstiftung der Evangelischen Landeskirche Baden und eine von zwei Schulen der Stiftung im Stadtkirchenbezirk Heidelberg. Das „Thadden“, wie die Schule liebevoll intern genannt wird, hat die Vorrunde überstanden und wetteifert nun mit zwanzig anderen Schulen um den Einzug ins Finale der besten fünfzehn, die eine Einladung nach Berlin zur Preisverleihung am 30.09.2025 erhalten werden. Dort wird Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Preisträgerschulen auszeichnen.
 
Der Deutsche Schulpreis wird von der Robert Bosch Stiftung und der Heidehof Stiftung in Kooperation mit ARD und der ZEIT Verlagsgruppe verliehen. Seit 2006 geht er an herausragende Schulen, die sich durch Unterrichtskonzepte und gelebte Praxis auszeichnen, die zukunftsweisend sind.
 
Bevor die Jury ihre Eindrücke aus dem zweitägigen Besuch vor Journalistinnen und Journalisten schilderte, nahm sich Schulleiter Dr. Heinz-Martin Döpp Zeit, die interessierte Gruppe über das Gelände zu führen und über seine Motivation, sich nach 2019 erneut um den Deutschen Schulpreis zu bewerben, zu sprechen. Schnell wurde deutlich, dass die Freude an der Schule über die Nominierung groß ist.
 
„Für uns ist es ein Riesenerfolg und eine große Ehre, teilzunehmen“, freut sich Martin Döpp, „und besonders in der Königsdisziplin „Unterrichtsentwicklung“ von der Jury in die engere Auswahl genommen worden zu sein.“ Er ist davon überzeugt: „Wenn man einen Ort hat, an dem man sich wohlfühlt, und der einem guttut, dann kann man auch lernen. Wir versuchen, den Kindern einen solchen Ort zu bieten und zusammen eine gute Schulgemeinschaft zu bilden.“
 
Am evangelischen Gymnasium müssen alle Kinder entweder den evangelischen oder den katholischen Religionsunterricht besuchen. Auf den Bildungsauftrag als evangelische Schule angesprochen erklärt Döpp: „Jedes Kind ist ein Geschöpf Gottes und verdient dieselbe Wertschätzung. An unserer Schule kommen Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichen religiösen und kulturellen Hintergründen zusammen, lernen miteinander und tauschen sich aus. Unterschiedliche Weltanschauungen haben im Religionsunterricht ihren Platz. Wir missionieren hier niemanden. Es geht uns um Werte. Wir kommen über Anlässe und Themen ins Gespräch, z. B. Gerechtigkeit. Im Grunde geht es um Weltthemen, um Menschheitsthemen, darum der Pluralität und Vielfalt gerecht zu werden, andere Religionen und andere Situationen ernst zu nehmen.“
 
Mit Blick auf den Deutschen Schulpreis zeigt er auf das eigens erstellte Gebäude für die Projektklassen und spricht über die Pläne, das bewährte Mittelstufenkonzept in Pilotklassen und einer Pilotstufe auch auf die Eingangsklassen zu übertragen. In der Grundschule werde viel mit Werkstattunterricht und Wochenplänen gearbeitet, am Gymnasium gehe viel eigenverantwortliches Lernen verloren. Das soll am „Thadden“ anders laufen. Denn hier stünden die Schülerinnen und Schüler im Zentrum des Unterrichts und die Übergänge sollen gut gestaltet werden. Dies benötige ein Draufschauen, Dranbleiben und ein regelmäßiges Feedback. „Unterricht muss sich auch in der Beziehung zwischen den Beteiligten ausdrücken. Unterricht ist ein Beziehungsgeschehen.“, betont der Schulleiter.
 
Acht Personen mit einschlägiger Expertise umfasst die hochkarätig besetzte Schulpreis-Jury, darunter mehrere Schulleiter, deren Schulen selbst schon Preisträger waren. Darüber hinaus sind die verleihende Robert Bosch Stiftung, Professorinnen und Professoren aus dem Bildungsbereich und der Schulamtsbereich vertreten. Selbst der Geschäftsführer der Robert Bosch Stiftung, Dr. Bernhard Straub, lässt es sich den „Luxus“ nicht nehmen, persönlich vor Ort zu sein.
 
Der Juryentscheidung liegen sechs Schwerpunkte zugrunde: Unterrichtsqualität, Leistung, Umgang mit Vielfalt, Verantwortung, Schulklima, Schulleben, und außerschulische Partner sowie Lernende Schule. Wie in den beiden Vorjahren liegt der Fokus auch in diesem Jahr auf der „Königsdisziplin“ Unterrichtsentwicklung, wie immer wieder von allen Beteiligten betont wird. 40 unterschiedliche Aspekte fließen hier in die Bewertung ein.
 
Nach knapp zwei Unterrichtstagen und vor einer internen Beratung zum Besuch in Heidelberg-Wieblingen kommt von der Jury noch kein abschließendes Urteil. Denn dieses erfordert eine gründliche Aufarbeitung des Gesehenen und Erlebten. Dafür schildern die einzelnen Mitglieder anhand von Eindrücken aus unterschiedlichen Situationen, sei es im Unterricht oder auf dem Weg von A nach B, anekdotisch ihre Sicht auf die Elisabeth-von-Thadden-Schule, den dort gebotenen Unterricht und das Schulumfeld. Und diese Eindrücke sind durchweg positiv.
 
Besonders die Feedbackkultur, das schülerorientierte Lernen, das nicht nur von den Lehrenden hin zu den Schülerinnen und Schülern geht, sondern auch in die Gegenrichtung, das Achten der Bedürfnisse aller und das damit einhergehende „bemerkenswert(e)“ Schulklima, der „Thadden-Geist“, der „wertschätzende Umgang miteinander“ werden mehrfach betont. „Jeder Einzelne ist wichtig. Das ist an allen Ecken spürbar,“ so Jurymitglied Prof. Dr. Thomas Häcker. An der Schule gebe es eine „Ermöglichungskultur“, Dinge dürften vom Kollegium ausprobiert werden und würden dabei von der Schulleitung unterstützt.
 
Im Chemieunterricht zeige sich der „Lebensbezug“ des Unterrichts. Die Schülerinnen und Schüler verstehen, warum sie sich zum Beispiel mit der Neutralisation von Säuren und Basen befassen und sehen die Anwendbarkeit des erworbenen Wissens für Umweltschutz und ihr eigenes Leben. Auch auf ungewöhnliche Lernbedürfnisse einzelner wird flexibel und individuell eingegangen. Eine Schülerin, die am besten im Liegen arbeiten kann? Kein Problem. Selbst Klausuren in liegender Position werden möglich gemacht, um die Konzentration der Schülerin zu unterstützen. Die Schule biete einen „Safe Space“ für alle an der Schule. Sogar an einem Tag, an dem parallel das Mathe-Abi geschrieben werde, sei kein Druck, keine Angst, keine Panik spürbar. Der „Safe Space“ werde selbst in Testsituationen gelebt. Dennoch werde an der Schule die Lebensrealität nicht ausgeblendet, sondern in die Schule geholt und mit ihr gearbeitet. Ein Jurymitglied schildert eine Szene aus dem Unterricht, die das auf bedrückende Weise deutlich macht. Ein Mutter-Tochter-Paar aus der Ukraine schildert in einer 11. Klasse seine Erfahrungen und seine Vorstellungen über das eigene Leben nach Beendigung des Krieges inklusive des Wunsches der Tochter, wieder zurückzukehren – und die Klasse wird mit der schwierigen Frage konfrontiert, wie jede und jeder einzelne diese Entscheidung für sich selbst treffen würde.
 
Nachdem die Jury sich zu weiteren Beratungen zurückgezogen hat, weist Martin Döpp auf dem weitläufigen Rasen auf die eigene Kapelle auf dem Schulgelände hin. Dort ist auch das Grab der Schulgründerin Elisabeth-von-Thadden, die aufgrund des Einsatzes ihres Freundes Hermann Maas hier nach ihrer Hinrichtung durch die Nationalsozialisten ihre letzte Ruhestätte finden konnte. Auch das soziale Engagement der Schülerinnen und Schüler für die Kirche erwähnt er mit Stolz. Im Rahmen des Bauhüttenprojekts können die Jugendlichen etwas für die Gesellschaft tun. So wurden in der Kreuzgemeinde in Wieblingen, auf dem Boxberg in der Lukasgemeinde und in Kirchheim in der Bonhoeffer-Gemeinde das Außengelände mitgestaltet. Das Gefühl, das dabei bei den Schülerinnen und Schülern entsteht, ist folgendes: „Ich tue etwas für meine Stadt und die Kirche“ – und das tut gut.
 
Die Schule sieht sich in jedem Fall jetzt schon als Gewinner: „Der Auftrieb durch die Nominierung, das Feedback, die Erfahrung, Mitglied eines so bereichernden Netzwerks zu sein, all das ist für uns unschätzbar wertvoll.“ Mit diesen Worten verabschiedet sich Schulleiter Martin Döpp von uns.
 
Es bleibt also spannend. Drücken wir dem „Thadden“ die Daumen, dass es mit dem Finaleinzug klappt und dann vielleicht auch noch mehr.
 
 
Text: Silke Kleffner-Pöppel