Bei aller theologischen Nähe – es muss etwas Tieferes gegeben haben, was Maas bei den Juden fand. Maas schrieb einmal: „Schon in früher Jugend fühlte ich, der Sohn und Enkel von Pfarrern, mich zu dem Volk Israel in einer geheimnisvollen Weise hingezogen. Meine ersten Freunde waren im Grunde immer Juden.“ Da bliebe nur die Frage, wieso Maas nicht den letzten Schritt ging und zum Judentum konvertierte. Leider bleibt Geiger eine Antwort schuldig.
Maas’ Einstellung erklärt auch seinen unerschrockenen Einsatz für die Juden, vor allem die getauften, im Nationalsozialismus. Es war sozusagen die Rettung von nahen Verwandten, gewissermaßen Seelenverwandten. Das brachte ihn selbst oft genug in Bedrängnis. Dass Maas die NS-Zeit „einigermaßen glimpflich“ (Geiger) überstand, lag an drei außerordentlich günstigen Umständen, wie der Autor im Gespräch mit der RNZ verriet: „Es gab viele Menschen, die hinter ihm standen; er ging listig vor, und er hatte Glück oder hatte Bewahrer“: Da war beispielsweise eine ehemalige Konfirmandin, die als Telefonistin bei der Post arbeitete und Maas immer wieder warnte, wenn sein Telefon abgehört wurde. Oder da gab es sogar einen Gestapo-Mann, der falsche Verhörprotokolle aufsetzte, um Maas zu schützen. Man ist immer wieder verwundert, wie es dem mutigen Pfarrer gelang, die Nazis geradezu einzuschüchtern. Tatsächlich wurde Maas im Gegensatz zu seinem Freund Heinrich Grüber – beide unterhielten eine Hilfsstelle für Juden – nie verhaftet. Er wurde „nur“ amtsenthoben, allerdings bei vollen Bezügen. „Hätte Maas in Berlin gelebt, er hätte wohl nicht überlebt“, meint Geiger. Einmal hätte es wirklich gefährlich werden können: Maas wurde im September 1944 zur Zwangsarbeit ins Elsass deportiert. Das Schippen war extrem anstrengend, die Verpflegung schlecht, viele, auch der 67-jährige Maas, litten an der Ruhr. Doch schon fünf Wochen später kamen die Amerikaner, die SS-Männer flüchteten, Maas schlug sich zu Fuß nach Heidelberg durch.
Im Zusammenhang mit seiner Amtsenthebung fallen durchaus irritierende Äußerungen von Maas: Dem Oberkirchenrat Otto Friedrich sagte er, er sei nie ein Judenfreund gewesen, und er halte „das unbekehrte Judentum für einen Fluch“. Das waren natürlich für Geiger dreiste Lügen, reine Schutzbehauptungen, um den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Aus heutiger Sicht ist es allerdings sehr befremdlich, wie sich Maas für den ab 1945 inhaftierten NS-Rüstungsminister Albert Speer einsetzte, den er konfirmiert hatte; 1955 schrieb er ein Gnadengesuch, das allerdings keinen Erfolg hatte. Warum nur? „Er war für alle da“, meint Geiger – und das schließt auch einen Kriegsverbrecher mit ein.
Tatsächlich war Maas vielleicht nicht der allergrößte Theologe, aber ein mitreißender Seelsorger. Einer der besten Kenner der Materie, der Heidelberger Theologe Jörg Thierfelder, nannte ihn einen „Sozialpfarrer“: Einer, dessen Tür im Wortsinn den ganzen Tag (und die ganze Nacht) offen stand; einer, der sich der vielen Armen in der damals noch proletarischen Altstadt annahm; einer, der sich um die Jugendlichen kümmerte und mit ihnen in ein eigens angemietetes Bauernhaus in Eiterbach wanderte, wo er ungezwungen auf Strohsäcken schlief; einer, dessen Gemeinde in der NS-Zeit „wie ein Schutzwall hinter ihm stand“, weil sie ihn so mochte – zumal er auch leutselig gewesen sein soll.
Sicher, er war ein Mensch mit Schwächen – vor allem wird seine Familie eher zu kurz gekommen sein –, aber für ihn gilt, was Dekanin Marlene Schwöbel-Hug gestern sagte: „Es ist richtig schön, mal auf eine Person der evangelischen Kirche richtig stolz sein zu können.“
Info: Markus Geiger: Hermann Maas – eine Liebe zum Judentum, Verlag Regionalkultur 472 Seiten mit 31 Abbildungen, 26,80 Euro.
Micha Hörnle
Heidelberger Nachrichten vom Donnerstag, 21. April 2016, Seite 3


