„Mauern trennen – die Öffnung vereint“

Festgottesdienst in der Heiliggeistkirche erinnerte an das 80-jährige Jubiläum des „Mauerfalls“ – Zuvor waren die Konfessionen getrennt

80 Jahre nach Hermann Maas und dem ursprünglichen Fall der Scheidemauer fiel in der Heiliggeistkirche erneut ein Vorhang – diesmal allerdings in Rot statt Schwarz.

Quelle: Alfred Gerold, Rhein-Neckar-Zeitung

Heidelberg, 27.06.2016. Es war der 24. Juni 1936, als mitten in der Heiliggeistkirche schwarze Vorhänge hingen. Doch auch wenn die Zeiten sorgenvoll waren und die Nationalsozialisten längst den Heidelberger Oberbürgermeister stellten, täuscht der erste Gedanke. Tatsächlich war dieser Mittwoch ein Freudentag. Mitten im Gottesdienst ließ Pfarrer Hermann Maas die Vorhänge fallen – ein Symbol für die Mauer, die 230 Jahre lang die Konfessionen getrennt hatte und erst kurz zuvor niedergerissen wurde. Genau genommen wurde am Freitagabend nicht der Mauer-, sondern der Vorhangfall gefeiert. Aber wie dem auch sei: Die Zeit der Spaltung war vorüber.

„Damit war Maas seiner Zeit weit voraus“, schwärmte Stadtdekanin Marlene Schwöbel-Hug, die mit einem Festgottesdienst an das 80-jährige Jubiläum des Mauerfalls erinnerte. In der Heiliggeistkirche konnte sie dabei ganz besondere Ehrengäste begrüßen: Zusammen mit Vertretern der jüdischen Kultusgemeinde nahmen auch der altkatholische Pfarrer Bernd Panizzi sowie der katholische Pastoralreferent Herrmann Bunse an den Feierlichkeiten teil. Gemeinsam verständigte man sich auf eine große Geste: „In ökumenischer Verbundenheit“, wie es Citykirchen-Pfarrer Vincenzo Petracca ausdrückte, ließ man im Gedenken an Hermann Maas einen roten Vorhang fallen, bevor man sich in einem Kreis versammelte und das Vaterunser sprach: Altkatholiken, Katholiken und Protestanten – gemeinsam.

Geht es nach Petracca, war es schon damals insbesondere politischen Motiven zuzuschreiben, dass die Heiliggeistkirche in zwei Teile zerrissen wurde. „Dass es überhaupt eine Trennmauer gab, hat mit den Machtansprüchen von Fürsten zu tun“, erklärte der Pfarrer der evangelischen Citykirche. In der Tat war es ein Dynastiewechsel, der den Stein ins Rollen brachte. Die neuen katholischen Machthaber verordneten die Pfälzische Kirchenteilung, in deren Folge 1706 die Scheidemauer errichtet wurde. Kurfürst Karl Philipp riss die Mauer zwar wenige Jahre später nieder, wollte die Kirche aber zu einem rein katholischen Gotteshaus machen. Die evangelischen Reichsstände schäumten, die Mauer wurde wieder hochgezogen, und so blieb es dabei: Das Langhaus war evangelisch, der Chor katholisch (und ab 1874 altkatholisch). Bis zu eben jenem 24. Juni 1936.

Doch auch wenn damals die Heidelberger Scheidemauer verschwand: Andere Mauern erwiesen sich als hartnäckiger, wie Marlene Schwöbel-Hug mit Blick auf die politische Großwetterlage und den Brexit betonte. „Während wir uns hier über den Mauerfall freuen, werden in Europa wieder Mauern aufgebaut“, mahnte die Stadtdekanin. Und auch zwischen den Konfessionen sei längst noch nicht alles ausgeräumt. „Wir sind immer noch dabei, wenn wir ehrlich sind, die Steine beiseite zu räumen, die aus der Mauer gefallen sind. Aber wir lassen uns davon nicht abbringen“, versicherte Schwöbel-Hug. „Mauern trennen – Öffnung vereint.“

Stefan Meyer
Rhein-Neckar-Zeitung, Heidelberger Nachrichten vom Montag, 27. Juni 2016