Nur Gottesdienste sind hier nicht erlaubt

Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh sah sich in Patrick Henry Village um – Registrierung, jetzt ohne Bundeswehr, und Sozialberatung laufen mittlerweile rund

Quelle: Karin Wilke

Heidelberg, 07.07.2016.
Es hat sich viel getan in Patrick Henry Village (PHV) in den vergangenen Monaten. Vorbei die Zeiten, in denen immer mehr Flüchtlinge hier ankamen und angesichts von 6000 Menschen in der ehemaligen US-Kaserne bei Kirchheim die Landesfeuerwehr eingreifen musste. Von der Ankunft der Menschen über ihre Registrierung und Asylantragstellung ist nun alles bestens durchorganisiert. Nicht einmal mehr 1500 Flüchtlinge leben hier. Gestern informierte sich der evangelische Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh über die Arbeit vor Ort und dankte den ehrenamtlichen und hauptamtlichen Helfern für ihre Arbeit.

Mehr als drei Stunden dauerte der Besuch von Cornelius-Bundschuh, der bei seinem Rundgang von Dekanin Marlene Schwöbel-Hug und weiteren Kirchenvertretern begleitet wurde. Markus Rothfuß, Leiter der PHV-Projektgruppe, zeigte die unterschiedlichen Stationen, die die Flüchtlinge durchlaufen: vom Wartebereich in der Turnhalle der ehemaligen US-Grundschule, wo die Flüchtlinge ein Vorgespräch mit ihrem Dolmetscher führen, über die einzelnen Schalter, an denen der Flüchtlingsausweis ausgestellt wird, bis hin zum von der Thoraxklinik betriebenen Röntgenabteilung.

Quelle: Karin Wilke

Seit einer Woche sind die Bundeswehrsoldaten, die hier beim Aufbau des Registrierungszentrums mitgeholfen haben, abgezogen. Rothfuß: „Zum 30. Juni lief die Amtshilfe aus.“

Angesichts der geringen Fallzahlen ist diese Unterstützung vorerst auch nicht mehr nötig. 400 Registrierungen am Tag sind derzeit möglich. Das reicht für zwei Drittel aller Flüchtlinge in Baden-Württemberg. 60 bis 65 Prozent der PHV-Bewohner sind aktuell allein reisende Männer, die größte Gruppe kommt aus dem kleinen afrikanischen Land Gambia. Sie geben ganz unterschiedliche Gründe an, warum sie nach Deutschland gekommen sind. „Viele behaupten, sie sind homosexuell. Oft nennen sie aber auch wirtschaftliche Gründe“, berichtet Rothfuß. Die überwiegende Mehrheit der Flüchtlinge verhalte sich gegenüber den Mitarbeitern in PHV sehr freundlich und respektvoll. „Es sind nur Einzelfälle, die uns Probleme machen.“ Bei der durchschnittlichen Verweildauer von 14 Tagen kommt keine Langeweile auf.

Quelle: Karin Wilke

Christen sind in PHV in der Minderheit. Cornelius-Bundschuh wollte wissen, ob sie bedrängt werden. „Es gab keine Übergriffe“, sagte Rothfuß. Allerdings seien Einzelne von Mitbewohnern bedroht worden, weil sie aus der Bibel lasen. Durch „Gefährderansprachen“ und Verlegungen in andere Gebäude konnte die Situation entschäft werden.

Religiösen Konflikten möchte man in PHV möglichst aus dem Weg gehen. Beten ist erlaubt, sowohl für Christen als auch für Muslime. Gottesdienstähnliche Angebote sind aber unerwünscht, um Andersgläubige nicht zu provozieren. Zudem wolle man zeigen, dass Staat und Kirche in Deutschland klar getrennt sind, so Rothfuß. Viele Angebote gibt es dagegen für die besonders schutzbedürftigen Flüchtlinge: ein Mutter-Kind-Haus im ehemaligen Burger King, ein Heim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.

Quelle: Karin Wilke

Besonders interessierte sich Cornelius-Bundschuh für die Sozial- und Verfahrensberatung, die von 35 Mitarbeitern von Diakonie und Caritas sowie vom Deutschen Roten Kreuz gestemmt wird. Beratung gibt es hier von 9 bis 17 Uhr – für 300 bis 500 Menschen im Monat, wie Projektleiter Christian Heinze berichtet. 120 Ehrenamtliche sind hier aktiv – organisieren Sprachkurse, Bastelstunden und vieles mehr.

Obwohl inzwischen viel weniger Flüchtlinge in PHV leben, hofft Heinze, dass er und sein Team die Arbeit in gleichem Umfang fortführen können. Der Landesbischof sagte ihm hier die Unterstützung der Kirche zu. „Die Menschen in Not werden hier ernst genommen“, so Cornelius-Bundschuh. Die unabhängige Beratung der Flüchtlinge sei enorm wichtig. Daher sieht der Bischof auch die Landeskirche auf einem guten Weg. Sie hat im Herbst zusätzliche 11,2 Millionen Euro bereitgestellt, um die Fachberatung für Flüchtlinge in den Gemeinden und die ehrenamtliche Arbeit zu unterstützen. Für Cornelius-Bundschuh ist das der richtige Weg.
 
Holger Buchwald
Rhein-Neckar-Zeitung, Heidelberger Nachrichten vom Donnerstag, 7. Juli 2016