„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe, und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.“ Im Hebräischen Urtext wird der Zustand vor der Schöpfung als Tohuwabohu bezeichnet, „wüst und leer“, als Chaos oder Khôra, als seiend und gleichzeitig nicht seiend. Der Begriff Khôra kommt aus dem Griechischen, aus Platons Dialog Timaios.
Für die Konstitution der Welt sind für Platon drei Komponenten nötig. Der Demiurg (Gottheit), die Ideen und die Khôra. Viele Philosophen, viele religiöse Schriften haben darüber nachgedacht, was vor der Schöpfung war. Wie sah ein Zwischenzustand aus, war er statisch, schwebend, fließend, sich ständig neu auflösend und dann wieder erscheinend? Platon hat eine fünf Elementen Lehre entwickelt: Feuer, Wasser, Erde, Luft und Äther. Alle fünf Elemente schweben getrennt und gleichzeitig durcheinander, teilweise auch ineinander übergehend durch die Khôra, das Vorseiende. Einem hochphilosophischen Thema haben sich Nanine Linning und ihr Team von Musikern, Licht, Food-, Kostüm- und Bühnendesignern im Tanztheater „Khôra“ gewidmet.
In der biblischen Schöpfungsgeschichte kann man die Elemente auch finden, die bei Platon auftauchen, wenn auch abgewandelt. Wasser und Erde werden ausdrücklich erwähnt, die Finsternis ist das Gegenstück zum Feuer, Äther ist der Himmel und Luft macht das Schweben möglich. Vielleicht ist diese Interpretation etwas gewagt, aber sie macht auch Sinn. In der biblischen Schöpfungsgeschichte wird die Welt konstituiert durch die Ordnung des Tohuwabohu, das Wort Gottes und durch Gott. Platons Ideen werden hier zu Worten: Der Demiurg ist Gott, Khôra der Urzustand der Welt, in dem alle Elemente, die zum Leben nötig sind, schon vorhanden sind.
Spannend ist das. Ideen werden zu Worten und zu Handlungen. So wird in unserer Welt Chaos geordnet. Die Ordnung selbst kann aber sehr wohl auch wieder zu Chaos werden. Das wird deutlich bei politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und wissenschaftlichen Ideen.
Wer sich auf Khôra einlässt, bekommt keine einfache Kost geboten. Die eigenen Ideen dürfen fließen, auseinanderdriften, sich finden, ein Ganzes bilden und sich wieder in Einzelteile spalten. Dieser Vorgang wird getanzt, intensiv, eindrücklich. Den Gedanken wird Freiraum gegeben.Ich möchte Ihnen in diesem Gottesdienst ein paar meiner Ideen weitergeben. Mit meinem religiösen, christlichen Hintergrund deute ich tänzerische Szenen sicher anders als Menschen ohne diesen Hintergrund, aber genau das ist erlaubt und – so wie ich es verstehe – gewollt.
Für mich ist der Beginn der Performance die Einführung der Ideen, die von der Gottheit fließen, sprudeln, tanzen, rauschen.
Floating
Ganz besonders beeindruckt haben mich zwei Szenen, die für mich ganz eng zusammengehören, die Darstellung der Finsternis und die des Feuers.
Dunkelheit schwebt über der Erde, sie breitet sich aus. Sie nimmt den Raum ein. Sie sie kann tröstlich sein, aber auch sehr angsteinflößend.
Ohne Dunkelheit ist es schwer, zur Ruhe zu kommen. Es ist Folter, ständig nur dem Licht bzw. der Helligkeit ausgesetzt zu sein. Dunkelheit verschluckt Hektik und Geräusche, sie hilft, sich zu konzentrieren. Bei höchster Konzentration schließen viele Menschen die Augen, um die Ablenkung durch das Licht auszuschalten. Manche setzen sich beim Fliegen oder zum Schlafen Masken auf die Augen. Dunkelheit kann etwas Bergendes haben.
Aber sie kann auch Angst machen. Geräusche bei Nacht sind oft beunruhigend, lassen sich nicht gut identifizieren, ihre Quelle ist nicht erkennbar, sichtbar. Gestalten werden unheimlich. Filme spielen mit diesen Mitteln. Kinder haben Angst in einem dunklen Raum. Finsternis verzerrt, sie verhüllt Ordnung und Unordnung. In einer nur finsteren Welt kann niemand leben.
Dunkle Mächte tanzen durch unsere Welt. Kriege, Unmenschlichkeit, Härte, Egoismus, Hass und Verderben werden immer dunkel gezeichnet. Sie lassen keine Freundlichkeit, keine Menschlichkeit, keine Wärme, kein Licht zu. Denn das Licht könnte ja deutlich machen, wie zerstörerisch sie sind.
Fire
Und dann ist da das Feuer, das lodert, knistert, leuchtet, tanzt, sich ausbreitet. Der Besitz und die Kontrolle des Feuers macht unser Menschsein aus. Kein anderes Lebewesen kann mit dem Feuer umgehen. Aber sind wir Herren des Feuers?Interessant finde ich die Szene, wo das Feuer verzehrt wird, gegessen, aufgenommen. Was heißt das? Dass wir das Feuer in uns aufnehmen, für Ideen, für Engagement, für Begeisterung. Ohne solch ein Feuer, ohne ein Brennen für eine Sache ist alles lau. Beim Glauben muss das Herz brennen, bei Wissenschaftlern, Künstlern, Politikern muss ein Feuer brennen, um Ideen in Handlungen umzusetzen, um stets neu Energie zu tanken.
Aber ein Feuer kann auch die Seele verbrennen. Das ist so, wenn das Brennen zum Rennen wird, wenn es alles um uns herum verzehrt. Das kann bei Religionen eine Gefahr werden, wenn es darum geht, keine Freiheit mehr zu lassen, wenn ein Werben nicht mehr genug ist, sondern ein enger Fundamentalismus sich ausbreitet. Dann kann das Feuer Menschen verbrennen, sie zerstören, sie auf den Scheiterhaufen stellen. Es kann Politiker so brennen lassen, dass in ihrer Nähe alles überhitzt und letztlich zu Asche zerfällt. Die züngelnden Flammen sind außer Kontrolle, ziehen alles in einen zerstörerischen Bann. Einsamkeit, Verzweiflung und Trauer sind das Ergebnis.
Wenn wir das Feuer in uns aufnehmen, in unseren Kirchen, in unserer Gesellschaft, ist es wichtig zu erkennen, wann alles sich der Überhitzung nähert. Wer mit dem Feuer spielt, muss die Regeln und die Grenzen im Blick haben, um keine Waldbrände politisch, religiös, wissenschaftlich oder kulturell auszulösen. Wunderschön ist das Feuer, warm, leuchtend, farbig, aber eingegrenzt.
Khôra, Welt vor der Welt, Freiheit als Chaos und gleichzeitig gebunden. Die Menschheit schwebend, lodernd, tanzend, stolpernd und gleichzeitig das Gleichgewicht suchend. All das kann Geist und Sinne mit diesem Stück bewegen. Eine Lösung wird nicht angeboten. Die Freiheit des Denkens, des Fühlens und des Handelns wird dem Zuschauer gelassen. Anregungen werden uns gegeben, zu Gedankenspielen wird ermutigt.
Das finde ich spannend. Beim Werben für Religion, für Glauben steht genau das auch im Zentrum, auch in diesem Reformationsjahr. Keine leichte Kost wird angeboten, Schwarzbrot wird gereicht, aber das ist gut. Das lässt Freiheit, das verhindert Demagogie. Freiheit in weitem Rahmen, der Sicherheit und Orientierung bietet, das Denken und das Ausscheren aber nicht verbietet.
Mit solch einer Botschaft, getanzt und gelebt, eröffnen sich für mich Handlungsoptionen und Verantwortlichkeiten in großer Freiheit. Diese Freiheit findet aber immer da ihre Grenzen, wo sie andere verbrennt, ertränkt, vertrocknet oder erstickt. Die Schöpfung, so wie wir sie kennen, will in allem Chaos als lebendig und schützenswert gesehen werden. Verantwortlicher Umgang mit allen Elementen, mit allem Sein und Werden, das ist Auftrag Gottes an uns.Verantwortlicher Umgang mit Ideen, mit Khôra, mit unserem Glauben, das konstituiert eine Welt, in der Menschen jeder Hautfarbe und Nationalität als Geschöpfe Gottes gesehen werden, mit Würde. Das Tanzen der vier oder fünf Elemente kann geordnet werden, entzieht sich aber Gott sei Dank auch immer wieder unserem Einfluss.
Sind wir die Herren der Schöpfung? Nein. Diese Einsicht, die für mich deutlich sichtbar in Khôra wird, gibt mir das Vertrauen in einen Gott, der seine Schöpfung auch in schwierigsten Situationen nicht allein lässt, sondern Hybris in Demut und Großzügigkeit wandelt.
Amen
Dekanin Dr. Marlene Schwöbel-Hug






