Predigt von Dekanin Dr. Marlene Schwöbel-Hug anlässlich der Einweihung der Gedenktafel zum Heidelberger Katechismus in der Heiliggeistkirche am 21. Mai 2017
Liebe Gemeinde,
die Heiliggeistkirche ist die Geburtsstätte des Heidelberger Katechismus. Hier im Altarraum der Kirche können Sie sich den Ursprung dieses Büchleins denken. Im Jahr 1562 haben sich ein lutherischer und ein calvinistisch geprägter Pfarrer hier gegenseitig im Gottesdienst das Abendmahl verweigert. Im Anschluss daran haben sie sich schlagfertig, im wahrsten Sinn des Wortes, auf dem Marktplatz ganz öffentlich über das Abendmahl ausgetauscht. Es flogen die Fetzen!
Dem Kurfürsten Friedrich III. wurde es daraufhin zu bunt mit den Auseinandersetzungen über den protestantischen Glauben. Er beauftragte Zacharias Ursinus, ein Schüler Calvins, ein Lehrbüchlein über die Hauptinhalte des christlichen Glaubens zu schreiben. Dieses kleine Büchlein wurde dann in Schulen und Gottesdiensten zur Grundlage über Fragen des Glaubens genutzt. Im Januar 1563 wurde dieses Buch mit seinen 129 Fragen und Antworten in der Heiliggeistkirche eingeführt und vorgestellt.Vor vier Jahren, 2013, haben wir das 450jährige Jubiläum dieses weltweit bekanntesten Lehrbüchleins über den christlichen Glauben groß gefeiert. Immer wieder fragten uns damals und auch bis heute Touristen aus aller Herren Länder: „Wo gibt es eine Gedenktafel für den `Heidelberger´?“ Bis zum heutigen Tag mussten wir schulterzuckend und bedauernd antworten: „Leider nirgends in dieser Kirche“. Fast ein bisschen peinlich wurde uns diese Aussage. Aber nun gibt es die Tafel. Der Ältestenkreis der Altstadtgemeinde und die Bezirksgemeinde haben die Erinnerungskultur ernstgenommen. Wir freuen uns sehr darüber.
„Was ist dein einiger Trost im Leben und im Sterben?“, so lautet die berühmte erste Frage des Katechismus.
Geantwortet wird trinitarisch: Gott als Vater Jesu Christi trägt mein Leben. Mit Leib und Seele bin ich Gott wichtig. Jesus Christus hat alle Schuld und Sünde auf sich genommen und gibt Menschen die Chance neu zu beginnen. Als Nachfolger Jesu sind Christen in seiner Hand geborgen im Leben und im Sterben. Der Heilige Geist schenkt Glauben und die Gewissheit der Auferstehung.
„Von des Menschen Elend, von der Erlösung, von der Dankbarkeit.“
Was Elend bedeutet, ist Menschen seit Jahrtausenden bewusst. Krieg, Terror, Trauer, Hunger, Missgunst, Verzweiflung, Einsamkeit, Krankheit und vieles mehr drücken uns runter, belasten uns, lassen uns gebeugt gehen. Für religiöse Menschen wird auch die Entfernung oder Entfremdung von Gott als ein großes Elend erfahren. Wie oft fragen wir uns heute, ebenso wie Generationen von Menschen vor uns: „Wo ist Gott? Warum lässt er so viel Elend zu?“
Als ich Anfang Mai mit einer städtischen Delegation in Gurs war, das Lager, in das Heidelberger und badische Juden in der Nazizeit deportiert wurden, stellte sich mir auch wieder diese Frage: „Wie können Menschen anderen Menschen so schreckliche Dinge antun?“
Unser Glaube lehrt uns doch Respekt und Achtung vor anderem Leben, unabhängig von Rasse, Hautfarbe, Religion oder sozialer Stellung. Wie konnten Menschen, die christlich erzogen wurden, so schrecklich unmenschlich agieren? Wie oft nagt diese Empörung über Gott und Menschen an uns und unserem Glauben! Denken wir nur an die Hungersnöte im Jemen, im Sudan, an Terrordrohungen, an Zerstörung, Giftgasattentate etc.
Das Elend hat viele Abgründe. Wie können wir aber aus den Tiefen dieses Elends wieder herausfinden? Wo finden wir eine Leiter, die uns einen Aufstieg ermöglicht? Wo ein Seil, das Halt gibt?
Der Heidelberger Katechismus stellt diese Leiter zur Verfügung. Er weitet den Blick zur „Erlösung“.
Er zeigt, dass es möglich ist, den Blick, der nur nach unten gerichtet war, wieder in die Ferne, in die Zukunft wandern zu lassen. Er beschreibt die Möglichkeit, anderen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. Im Glaubensbekenntnis und den beiden Sakramenten, Taufe und Abendmahl werden Christen in Verantwortung genommen: Für ihr eigenes Leben, für das der Menschen, die sie lieben, aber auch für die, mit denen sie es schwer haben.
Erlösung geschieht dadurch, dass Gott seine Arme weit ausbreitet, Schuldeingeständnisse möglich macht, Schuld vergibt und neue Anfänge erkennen lässt. Dies zu erkennen und vertrauensvoll anzunehmen ist Erlösung. Erlösung ist es, den Blick zu heben, aus der Tiefe in die Weite. Erlösung gibt Zukunftshoffnung, lässt handeln, schenkt erneut Vertrauen. Damit können wir wieder aufatmen, die Gegenwart gestalten, den Blick weiten, leben. Vertrauen und Erlösung gehören ganz eng zusammen.
Wer das einmal erlebt hat, dass es ihm oder ihr möglich war, aus der Grube des Elends wieder ins Tageslicht zu krabbeln, der weiß auch, was Dankbarkeit ist. Und bei der Dankbarkeit geht der Blick nach oben, zu Gott als Vater, Sohn und Geist. Wer dankbar ist, erkennt, dass Leben immer geschenktes Leben ist. Dass Frieden, gutes Miteinander, Ruhe, Vertrauen nicht selbstverständlich sind, sondern von Gott an uns weiter gegeben werden als eine Gabe, die wir vorsichtig und zart behandeln sollen.
Generationen von Christen hat der Heidelberger Katechismus geprägt.
Lange Zeit, bis ins heutige Jahrhundert, gab und gibt es weiterhin Auseinandersetzungen zwischen Lutheranern und Reformierten. In Baden wurde dieser Streit 1821 schon mit der Unionsurkunde beigelegt. Wie fortschrittlich! Hier in Baden haben wir eine unierte Kirche, in der sowohl lutherische Theologie als auch reformierte Theologie ihren Raum haben.
Als Pfarrerin, die im lutherisch geprägten hannoverschen Raum aufgewachsen ist, denke ich, dass diese religiösen und theologischen Prägungen sich bis heute in unserer jeweiligen Mentalität und auf unser Handeln auswirken. Mir fällt auf, dass im Heidelberger Katechismus immer wieder ausgesprochen und unausgesprochen gefragt wird: „Was nützt es?“ Bis heute gilt bei uns hier: Alles, was man tut, muss vorher gut bedacht werden, es muss eine Konzeption erstellt werden, lange beraten werden – und erst dann macht man sich an die Umsetzung.
Im Lutherischen ist das anders. Da wird gesagt: „Kommt, lasst es uns einfach einmal versuchen. Nicht lang schnacken, anpacken“. Dabei kann der Versuch, das Handeln gelingen oder misslingen, aber es wird schneller gehandelt. Die Emotionen spielen eine größere Rolle, die Sinne sollen beteiligt werden. Im reformiert geprägten Baden hingegen wird alles genau abgewogen. Mit Entscheidungen macht man es sich nicht so leicht. Möglichst alle sollen mitgenommen werden. Wogegen der etwas polternde Lutheraner schnell einmal etwas vorgibt und spontan entscheidet. Im Nachhinein wird dann überlegt, was wieso funktioniert hat oder eben auch nicht.
Spannend finde ich diese beiden Ansätze. Welcher als besser oder schlechter befunden wird, ist wiederum Mentalitätsfrage. Am besten ist natürlich, wie so oft, eine gesunde Mischung.
Zurück zum Heidelberger Katechismus, zum Büchlein. Manche der Antworten, die dort auf Glaubensfragen gegeben werden, sind heute, 454 Jahre später nicht mehr unsere. Müssen sie auch nicht sein. Besonders in der Ökumene denken wir heute ganz anders. Aber es ist das unübertroffen große Verdienst des Heidelberger Katechismus, dass er die Hauptinhalte des christlichen Glaubens zusammengefasst hat, zum Nachschlagen, zum Antworten.
Heute leben wir in einem Jahrhundert, das die Trennung der Konfessionen nicht mehr so deutlich betont und betonen will, wie im 16. Jahrhundert.
Wir betonen das Verbindende, die Ökumene, das Miteinander von Christen aus aller Welt.
Im Glauben an Gott, Vater, Sohn und Heiligen Geist wissen wir uns auf einer gemeinsamen Basis, egal ob wir katholisch sind oder protestantisch, egal ob wir aus den USA kommen, aus Österreich, aus Indien.
Wir haben gelernt und lernen weiter. Gottes Arme sind weit geöffnet. Gottes Weisheit ist, so bin ich überzeugt, in der Weite und der Großzügigkeit zu finden, in dem Austausch miteinander, im Gespräch und im gemeinsamen Gebet.
Der Heidelberger Katechismus wird in etlichen Ländern für die heutige Zeit passend gemacht und ergänzt, gelegentlich sogar verändert. Aber er bleibt mit seiner ersten Frage und Antwort ein Trost- und Zukunftsbüchlein, das Realität und Spiritualität in großartiger Weise verbindet.
Amen




