War Luther Sprachgenie oder Grobian?

Linguistin Anja Lobenstein-Reichmann zu Mythen im Sprachschaffen des Reformators - Berüchtigt für polemische Kreativität

Quelle: Karin Wilke

Heidelberg, 30.05.2017. "Auf wunderbare Weise wurde Luthers Neues Testament durch die Buchdrucker vervielfältigt, so dass auch Schuster, ja selbst Weiber und andere einfältige Laien, welche nur halbwegs deutsch lesen gelernt hatten, dieses sehr eifrig lasen, als ob es die Quelle aller Wahrheiten wäre." So tönte 1549 Johannes Cochlaeus, einer der bedeutendsten katholischen Gegenspieler des Reformators.

Mit dem Thema "Martin Luther und die deutsche Sprache" befasste sich der Vortrag von Anja Lobenstein-Reichmann, zu dem die Evangelische Kirche in das Schmitthennerhaus eingeladen hatte. Lobenstein-Reichmann leitet das Projekt "Frühneuhochdeutsches Wörterbuch" an der Akademie der Wissenschaften in Göttingen und ist außerordentliche Professorin an der Universität Heidelberg.

"Es wird vieles stehen bleiben, aber so manches muss ich doch aus dem Land der Mythen und Legenden rausziehen", kündigte die Sprachwissenschaftlerin an, als sie sich auf den Weg machte, "dem Sprachereignis Luther auf’s Maul" zu schauen. Der erste Mythos lautet, Luther habe die deutsche Sprache geschaffen. "Aber was sprachen all die Menschen vor ihm, der Minnesänger Walther von der Vogelweide etwa?" Auch könne eine Einzelperson nicht ein ganzes Sprachsystem schöpfen, selbst wenn eine Person vom Format Luthers in mancherlei Hinsicht durchaus als Wortführer in Erscheinung zu treten vermag.

Quelle: Karin Wilke

Luthers Wirkung habe eher darin bestanden, dass er zum Sprachvorbild für andere wurde. Dies hatte vor allem inhaltliche Gründe: Er vertrat eine neue Theologie, in der jeder einzelne Gläubige unmittelbar zu Gott steht. Dabei gründete er sich alleine auf die Bibel, die Kirche verlor dadurch an Bedeutung. Diesen Umbruch vermittelte der Reformator in Texten verschiedenster Art und griff im Laufe seines Lebens immer mehr auf das Deutsche zurück.

Der zweite Mythos lautete, Luther habe Deutschland konfessionell zwar gespalten, dem Land aber zur sprachlichen Einheit verholfen. Es folgte ein dritter Mythos, dass speziell Luthers Bibelsprache zur Einigungssprache der Deutschen geworden sei. Gegen diese Thesen führte die Sprachwissenschaftlerin eine ganze Reihe linguistischer Argumente ins Feld. Am schwersten aber wog ein theologischer Gesichtspunkt: Luthers Übersetzung dient der reformatorischen Überzeugungsarbeit, dafür schuf er eine Sakralsprache, die keine Alltagssprache sein kann. "Er dachte vielmehr daran: Mit welchem Ausdruck treffe ich die Wahrheit am ehesten?" Die Heiligkeit der Texte verliert er auch nicht aus den Augen, wenn er dem gemeinen Mann "auff das Maul" sieht, damit der merkt, "das man Deutsch mit jn redet".

Vor Luther waren die biblischen Texte nur Experten zugänglich gewesen, die Latein und Griechisch konnten. Wohl hatte es schon vorher deutsche Übersetzungen gegeben, allerdings nicht für den Allgemeingebrauch. Als der Reformator starb, verfügte angeblich fast jeder zweite evangelische Haushalt über eine Bibel.

Die sächsische Kanzleisprache habe Pate gestanden, wird gerne gesagt. Lobenstein-Reichmann betonte stattdessen den Einfluss der Mystik auf Gedanken und Sprache des Reformators. 1518 hatte er die "Theologia deutsch" übersetzt, einen Erbauungstext aus dem 14. Jahrhundert. Der Gedanke aus der Mystik, dass der Mensch Gott ohne kirchliche Vermittlung in sich selbst erfahren könne, wirkte bei Luther weiter.

Quelle: Karin Wilke

"War Luther ein Sprachgenie oder ein Grobian?", diese Frage stellte die Referentin abschließend. Er habe alle ihm zur Verfügung stehenden Register der Sprache genutzt. Er machte Wörter wie "Eindruck", "verzücken", "unbegreiflich" populär, überzeugte mit Begriffen wie "Christenmensch", "evangelisch" oder "Rechtfertigung". Aber er war auch berüchtigt für seine polemische Kreativität. Aus seiner Feder stammen "antichrist", "eselfurzbapst" und "erzheuchler". Seinen katholischen Widersacher Dr. Eck schimpfte er "Dreck".

Aus heutiger Sicht sei das unflätig, bleibe aber - so Lobenstein-Reichmann - im Rahmen des zeitgenössisch Üblichen, auch scheint diese Ausdrucksweise im akademischen Streit gebräuchlich gewesen zu sein. "Luther wusste zudem zu differenzieren. Geht es ihm um religiöse Fragen, schreibt er im Stil der entsprechenden Fachtextsorten, theologisch in theologischen Diskussionen, belehrend in Lehrtexten, seelsorgerlich in den Seelsorgetexten, erbaulich in der Erbauungsliteratur, poetisch in den Liedern, tröstend und einfühlsam in den Trostbriefen", lautete das Fazit der Referentin. Und ein Zuhörer urteilte: "Sein Geschenk an uns ist, dass er so großartig und verständlich formuliert hat."

Manfred Bechtel, Rhein-Neckar-Zeitung