Von Birgit Sommer
Herr Heß, wozu ist das Diakonische Werk da?
Wir helfen Menschen in Notsituationen. Ganz klassisch wäre etwa finanzielle Not, aber natürlich auch bei seelischer Not oder bei Krankheiten. Wir helfen heute auch anders als in früheren Jahren.
Inwiefern anders?
Wir reagieren natürlich immer noch auf Notsituationen und schauen, wie wir finanziell helfen können. Wir werden aber auch von uns aus aktiv, schauen, was es zu tun gibt - und suchen Finanzierungsmöglichkeiten. Oder Kostenträger wie die Stadt Heidelberg sehen eine Notlage etwa im Bereich Jugendfürsorge oder Wohlfahrtspflege - und kommen dann auf uns zu.
Was motiviert Sie?
Wir sehen einen Sinn in unserer Arbeit: Menschen zu helfen, ist etwas sehr Schönes. Das gilt auch für meine Mitarbeiter - obwohl sie nicht so gut bezahlt werden wie in der freien Wirtschaft. Als Geschäftsführer ist es natürlich ein anderes Arbeiten. Die Mitarbeiter sind auch mal frustriert, wenn jemand kommt mit einem Brief von einer Behörde, den in Deutschland niemand mehr versteht. Wir vor Ort nehmen das konkrete Problem wahr und versuchen, dies an andere zu spiegeln, letztlich auch an Bund oder Land, denn der Spielraum reicht bei Gesetzen oft nicht aus.
Was meinen Sie damit?
Zum Beispiel Patrick Henry Village (PHV), wo wir mit der Caritas die Sozialberatung für Flüchtlinge machen. Wir haben einen Auftrag bis Oktober und wissen nicht, wie es weitergeht. Man meint schon, bis 2019, aber auf einer Meinung können wir keine Arbeitsverträge aufbauen.
Wie viele Mitarbeiter haben Sie?
Wir haben 95 hauptamtliche Mitarbeiter, dazu 300 Ehrenamtliche, etwa in PHV, als Integrationsbegleiter, im Hospizdienst, in Seniorenzentren, als Behördenpaten.
Welches Ihrer Angebote wird am häufigsten wahrgenommen?
Was sehr stark anfällt, ist die Sozialberatung, primär wegen finanzieller Probleme, aber oft kommen dann noch Probleme mit der Wohnung, mit dem Umgang mit Behörden dazu. Wir machen auch viel Schuldnerberatung. Für Kinder haben wir zwei Angebote, das Ferienprogramm in der Marienhütte und die Elternberatung in evangelischen Kindertagesstätten.
Wie finanzieren Sie das alles?
2016 lag unser Umsatz bei 5,2 Millionen Euro. Mindestens zwei Fünftel kommen vom Land, je ein Fünftel von der Stadt - weil wir deren Pflichtaufgaben übernehmen oder als freiwillige Zuschüsse - und aus Kirchensteuern. Daneben gibt es Bundeszuschüsse, Verkaufserlöse, Teilnehmerbeiträge und Spenden. Die Heidelberger sind sehr hilfsbereit. Wir haben letztes Jahr 220.000 Euro Spenden bekommen.
Was liegt Ihnen derzeit am meisten am Herzen?
Die unabhängige Verfahrensberatung in PHV. Wir wissen nicht, wie es weitergeht. Wir haben dort 23 genehmigte Vollzeitstellen, von denen derzeit 20 besetzt sind. Wir verlieren qualifizierte Mitarbeiter und müssen gleichzeitig den Verwaltungsapparat weiter vorhalten. Ein gutes Projekt droht kaputtzugehen. Irgendjemand im Land entscheidet einfach nicht. Ein anderes Thema ist die Projektarbeit. Man bekommt relativ leicht Projektmittel für eine Zeit von zwei bis drei Jahren, aber dann wird es schwierig, ein Projekt weiterzuführen. Die Mitarbeiter müssen oft ihr Arbeitsfeld wechseln. Aber gut, das gibt es jetzt in vielen Berufen in Deutschland.
Haben Sie noch viele Projekte für Flüchtlinge und Migranten laufen?
Ja. Die Flüchtlings-Beratung mit Schwerpunkt auf Syrien wird von der Landeskirche finanziert. Und wir haben Ehrenamtlichen-Projekte wie "Move’in". Wird ein Asylantrag positiv entschieden, können Flüchtlinge die Anschlussunterbringung verlassen. Wir wollten bei der Wohnungssuche helfen, indem wir Kirchenmitglieder über die Gemeindebriefe angesprochen haben. Es gibt ja leer stehende Wohnungen. Aber das war nicht sehr erfolgreich.
Den Laden "Brot & Salz" in der Plöck, in dem Sozialhilfeempfänger und Rentner mit wenig Geld einkaufen können, gibt es seit 18 Jahren. Hört die Armut nie auf?
Es geht nicht darum, satt zu werden oder Kleider zu haben. Man muss auch die Möglichkeit haben, Teil der Gesellschaft zu sein. Wer dort günstig einkauft, dem bleibt vielleicht mal Geld für einen Kinobesuch. Manche Leute mit wenig Geld leben allein und isoliert. Dann ist Helfen wichtig.
Dafür ist ja auch die RNZ-Weihnachtsaktion gedacht, durch die etwa das Diakonische Werk und die Caritas unbürokratisch helfen können.
Wir prüfen zuerst, ob es jemanden gibt, der in diesen Fällen bezahlen muss, etwa das Jobcenter oder das Sozialamt, und ob der Betroffene zumindest einen Teil des Bedarfs selbst finanzieren kann. Der Restbetrag kommt dann über die RNZ-Aktion und andere Spenden.
Welche Wünsche hegen Sie selbst bis zum 100-jährigen Bestehen des Diakonischen Werkes in zehn Jahren?
Ich wünsche mir in vielen Dingen mehr Klarheit, damit wir ruhiger und sicherer arbeiten können. Und dann brauchen wir ganz dringend Personal für die ambulante Pflege. Wir haben 23 Mitarbeiter für Pflege und Hauswirtschaft und betreuen damit 200 Patienten. In dieser Größe kriegen wir keinen Schichtbetrieb hin. Unsere Mitarbeiter müssen morgens und abends unterwegs sein, mit einer großen Pause dazwischen. Klein heißt hier Wettbewerbsnachteil. Um strategisch besser arbeiten zu können, bräuchte ich zwanzig zusätzliche Kräfte.
Wie könnten Sie die bekommen?
Vielleicht macht die geplante einheitliche Ausbildung von Kranken- und Altenpflegekräften den Beruf attraktiver. Möglicherweise führt das aber auch zu Nachteilen im Bereich Altenhilfe. Und wenn die Ausbildungsinhalte mehr werden, muss man auch über die Entlohnung sprechen. Bezahlt wird nach Tarifvertrag, und das muss immer über die Krankenkassen refinanziert werden. Ich wünsche mir, dass die Kassen den Wert von Pflege wahrnehmen. Dort arbeiten oft ganz junge Leute, die keine Vorstellung haben, was Pflege bedeutet.
Rhein-Neckar-Zeitung, Heidelberg, 23.07.2017


