Wie sich evangelische und katholische Kirche nähern können – Die Theologen Christoph Markschies und Bernhard Schockenhoff suchten nach Wegen dorthin

Quelle: Peter Wegener (Pressereferent Kath. Stadtkirche)
Hochkarätig war die Zusammenstellung der Diskussionsrunde in der Providenzkirche, die sich mit den Chancen und Hindernissen auf dem Weg zur Ökumene beschäftigte und vom ausgebildeten Theologen und Journalisten Lothar Bauerochse moderiert wurde: Prof. Christoph Markschies (Berlin, ehemals Heidelberg) und Prof. Eberhard Schockenhoff (Freiburg) waren auf Einladung von evangelischer und katholischer Kirche in Heidelberg.
Dass man 500 Jahre Reformation in Deutschland gemeinsam feiert – nicht die Kirchenspaltung, aber die Reformationsidee, sagt schon ziemlich viel. Auch dass der evangelische Theologe Markschies in Rom einen Kapuzinerpater beim Lesen von Luthers Texten antrifft, dass es etwa gemeinsame liturgische Formen in beiden Kirchen gibt – „das hätte man vor zehn Jahren nicht absehen können“, ist der Katholik Schockenhoff überzeugt, „konfessionelle Abgrenzung kann nicht mehr dieselben Emotionen wecken wie früher“.
Was daraus noch werden kann? Die versöhnte Verschiedenheit habe man schon, meinte Schockenhoff. Ein gemeinsames Abendmahl beider Konfessionen – wie beispielsweise in Heidelberg angestrebt – setzt seiner Meinung nach aber voraus, gemeinsam Kirche zu sein. Der evangelische Professor Markschies gab einem Satz des ehemaligen Bischofs der katholischen Diözese Rottenburg, Walter Kasper, recht: „Man kann nicht gemeinsam Abendmahl feiern und ansonsten ist alles wie zuvor.“
Prof. Schockenhoff sah vor einer gemeinsamen Gestaltung des Abendmahles auf die evangelischen Geistlichen noch einen theologischen Reifungsprozess zukommen. Ob es wohl beim 3. Ökumenischen Kirchentag 2021 in Frankfurt schon so weit ist? „Wir könnten in einer Erklärung gemeinsam daran arbeiten“, meinte Markschies. In seiner Stadt Berlin würde er das gerne ausprobieren: „Wo so viele Leute nichts mit dem Christentum anfangen könnten, da sollte man den eigenen Bedenken mal für eine Weile nicht zuhören.“
Für den Privatgebrauch allerdings wollten beide Podiumsteilnehmer durchaus schon Papst Franziskus folgen, der konfessions-verschiedenen Ehepaaren empfahl: „Folgt Eurem Gewissen.“ Die Anekdote um diese Papst-Aussage erzählte nicht der katholische, sondern der evangelische Theologe in der Providenzkirche: „,Bin ich zu weit gegangen?’, fragte Franziskus anschließend seinen Ökumene-Kardinal Kurt Koch. Der sagte: „Das weiß ich nicht, Sie sind doch der Papst.“
Ach ja: Das Amt des Papstes müsste sich auf dem Weg zur Ökumene auch noch wandeln. Christoph Markschies: „Ich hätte erhebliche Schwierigkeiten, einen Papst zu akzeptieren, wenn er nur vom Kardinalskollegium gewählt wird.“ Für Bernhard Schockenhoff ist klar: „Die Rolle des Papstes als Zeuge des Evangeliums ist biblisch begründet. Die evangelische Kirche müsste das in irgendeiner Form anerkennen.“
Das katholische Bischofsamt hingegen findet er in seiner jetzigen Handhabung nicht zukunftsfähig: „Das ist eine Überforderung. Wir müssten Elemente der synodalen Leitungsstruktur übernehmen.“ Auch Frauen im Priesteramt hält er nicht für grundsätzlich unmöglich: „Wir könnten damit beginnen, Diakoninnen zu weihen.“
Das Publikum in der Providenzkirche konnte sich mit schriftlichen Bemerkungen an der Diskussion der Theologen beteiligen. Die beiden Dekane, Marlene Schwöbel-Hug und Joachim Dauer, lasen sie vor. Und da kam dann auch zur Sprache, warum Kardinal Reinhard Marx und sein evangelischer Kollege Heinrich Bedford-Strohm vor einem Jahr auf dem Jerusalemer Tempelberg beim Besuch der Al-Aksa-Moschee und der Klagemauer ihr Amtskreuz auf Bitten der zuständigen Muslime und Juden abgelegt hatten. „Eine fehlerhafte Augenblicksentscheidung“, meinte Prof. Markschies dazu. „Das kann man nur kritisieren, wenn man noch nicht in einer solchen Situation war.“
Birgit Sommer
Heidelberger Nachrichten vom Montag, 16. Oktober 2017

