Heidelberg, im Mai 2019. Es ist Wahlmonat. Kommunalwahl und Europawahl stehen an. An Straßenecken und Laternenpfosten werben Menschen aller Parteien um Stimmen. Und die Wahlbenachrichtigungen sind schon ins Haus geflattert. Mein jüngster Sohn darf zum ersten Mal wählen gehen. Selbstverständlich gehe ich davon aus, dass er von seinem Wahlrecht Gebrauch macht. Aber er sagt mit skeptischem Unterton: Eine Stimme! Und im Hintergrund höre ich die Frage: Was soll das bringen? Was kann eine Stimme schon bewegen?
Eine Antwort darauf fällt mir nicht leicht. Ich bin Tochter eines Kommunalpolitikers. Wenn Wahljahr war, wurden bei uns im Keller Wahlplakate mit Tapetenkleister auf Presspappeplatten geklebt und anschließend im Ort herum gefahren, aufgestellt und aufgehängt. Die ganze Familie war im Einsatz. Der Satz „Papa hat eine Sitzung“ gehörte zum alltäglichen Wortschatz. Und mein Vater erzählte am Tisch von Waldbegehungen, Flussbegradigungen, Friedhofserweiterungen, Anwohnerprotesten und Vereinsjubiläen.
Ich bin ein Kind der 68er. Im Revolutionsjahr geboren, war ich Anfang der 80er Jahre gerade im rechten Alter, um mich von den väterlichen Wahlplakaten und ihren Versprechen zu emanzipieren. Aufgewachsen bin ich mit Bürgerinitiativen und Massendemonstrationen, mit Sitzblockaden und Menschenketten im Zug einer weltweiten Friedensbewegung. Politische Fragen waren alltäglich und allgegenwärtig, ob es nun um die Bebauungspläne eines Dorfgewanns ging oder um die Aufstellung von Pershing II Raketen in Westeuropa.
Ich bin Pfarrerin geworden. Ein politischer Beruf. Denn auch da geht es um das Zusammenleben von Menschen innerhalb einer Gemeinschaft und ihre Beziehungen zu anderen Gemeinschaften. Um lebensdienliche Strukturen. Um verantwortungsvolle Entscheidungsprozesse. Auf Gemeinde- , auf Bezirks-, auf Landeskirchenebene, in deutschen, europäischen und in weltweiten Kontexten. Ich weiß: Demokratie ist ein mühsames Geschäft. Reden, überzeugen, Widersprüche aushalten, Kompromisse finden und Mehrheiten, Visionen haben und Sinn für das Machbare, sich einer Sache verpflichtet wissen, die größer ist als ich selbst, gestalten wollen, verlieren können. Es lohnt sich. Ich werde wählen gehen. Denn ich habe eine Stimme. Von meinem Stimmrecht mache ich Gebrauch.
Ihre Martina Reister-Ulrichs


