„Brauchst du etwas?“ – Seelsorge im Ankunftszentrum für Flüchtlinge des Landes

Jochen Winter und Sigrid Zweygart-Pérez lesen aus dem "Buch der Flucht" vor
Heidelberg, 16.05.2019. Herzlich willkommen hießen Pfarrerin Sigrid Zweygart-Pérez und ihr katholischer Kollege, Gemeindereferent Jochen Winter, die rund 20 Gäste des Pfarrkonvents am 16. Mai in der ehemaligen Chapel im Heidelberger Ankunftszentrum. Die Anreise war nicht einfach, mutet die Landesregistrierungsstelle im Patrick-Henry-Village mittlerweile wie Fort Knox an. Zugänge und Gebäude sind durch Sicherheitsbeamte und Bauzäune gesichert und selbst das inzwischen entwidmete Kirchlein kann nur noch über Umwege erreicht werden. Und so verlief auch die Begrüßung im ehemaligen Sakralraum vergleichsweise nüchtern: „Andachten dürfen wir seit Oktober letzten Jahres leider keine mehr halten“, erläuterte die Beauftragte für Flucht und Migration das Fehlen der traditionellen Eingangsworte. Stattdessen las sie gemeinsam mit ihrem Kollegen das Vorwort aus dem „Buch der Flucht – Bibel in 40 Stationen“ vor.

Abhilfe für den fehlenden Altar
Auch Taufen und Segnungen oder ähnliche geistliche Handlungen dürfen auf dem gesamten Gelände der Registrierungsstelle nicht durchgeführt werden, „weil das Regierungspräsidium sich dort religiöse Neutralität wünscht“, erläutert Gemeindereferent Jochen Winter. Manche der hier registrierten Menschen seien in ihren Heimatländern aus religiösen Gründen diskriminiert und verfolgt worden, daher sollen sie nun an ihrem Zufluchtsort vor erneuten religiösen Konflikten geschützt werden. „Natürlich funktioniert das nur bedingt“, weiß Pfarrerin Zweygart-Pérez aus täglicher Erfahrung. „Die Konflikte werden stattdessen auf die öffentlichen Plätze und in die Zimmer verlagert, sind dadurch aber nicht weniger dramatisch.“

Diese Haltung mag verwundern, zumal ein Großteil der zwischen 800 und 1200 geflüchteten Ankömmlinge im PHV mittlerweile Christen aus Nigeria sind. „Familien kommen Sonntags herausgeputzt mit ihren Kindern zur Chapel und sind enttäuscht, dass wir dort keinen Gottesdienst anbieten“, erzählt Pfarrerin Zweygart-Pérez. Diese finden dann alternativ im Rahmen des Café Talk im Lutherzentrum statt. Bei den katholischen Geschwistern tauft Dekan Joachim Dauer auf Wunsch persönlich in der St. Anna Kirche in der Plöck. „Segnungen und Verlobungszeremonien halten wir in St. Bonifatius ab, weil die Kirche nahe der Bushaltestelle am Bauhaus gelegen ist“, erläutert Gemeindereferent Winter. „Aber eine Planung ist grundsätzlich schwer, weil die Täuflinge oder heiratswilligen Paare oftmals von einem Tag auf den anderen Termine haben oder verlegt werden“, bedauert Winter.

Der Pfarrkonvent kommt in der ehemaligen Chapel zusammen
Und so kristallisierte sich im Laufe des Gesprächs mit den anwesenden Pfarrerinnen und Pfarrern heraus, dass gutgemeinte Angebote von englischsprachigen Gottesdiensten in den Gemeinden mit Shuttleservice oder auch ehrenamtliche Aktivitäten wie Theatergruppen oder Sportangebote einen ganz wesentlichen Haken haben: Die geflüchteten Menschen kommen zwar in Heidelberg an und machen dort auch ihre ersten wesentlichen Erfahrungen im neuen Heimatland – aber sie bleiben nicht hier.

Jochen Winter (re) im Gespräch mit einem Geflüchteten
„In der Regel sollten zwischen Ankunft, Registrierung und Verlegung in eine andere Stadt nicht mehr als drei bis fünf Wochen vergehen“, berichtet Sigrid Zweygart-Pérez. Dementsprechend ist auch die Erstversorgung organisiert: Es gibt ein Set Wechselkleidung, jedoch keine Handtücher. Auch die Verköstigung sowie die medizinische Versorgung sind nicht auf längere Verweildauer ausgelegt. „Problematisch wird es, wenn Menschen über Monate, in Einzelfällen sogar bis zu einem Jahr hierbleiben müssen“, so die Pfarrerin, die hier als Seelsorgerin besonders gefragt ist. Zusammen mit ihren Kolleginnen und Kollegen überlegt sie, wie man Abhilfe für die seelische Not der Betroffenen schaffen und eine Lösung für die Suche nach religiöser Gemeinschaft auf Zeit finden kann.

Vielleicht gelingt das durch ein englischsprachiges Gottesdienstangebot nach afrikanischer Tradition – Räume hierfür stellen die anliegenden Gemeinden gerne zur Verfügung. Vielleicht reicht in manchen Fällen auch schon die Hand, verständnisvoll auf die Schulter gelegt, das Ohr, das nach langer Zeit erstmals offen ist für Leid und traumatische Erfahrungen im Heimatland und auf der Flucht. Vielleicht sind es die ganz kleinen Dinge wie die Frage: „Brauchst du etwas?“, die uns das Gefühl geben, Mensch zu sein und angenommen zu werden, angekommen zu sein. „Die ersten Schritte in einem neuen Land sind ein enorm wichtiger Teil der Integration“, weiß Jochen Winter. Eine Integration, für die er gemeinsam mit Sigrid Zweygart-Pérez mit beispiellosem seelsorgerlichem Engagement einen wesentlichen Grundstein legt.