Ankommen im Advent

Liebe Gemeindeglieder der Evangelischen Kirche in Heidelberg,
 
Altar Auferstehungskirche der Emmausgemeinde
beim Blick in den Kalender schrecke ich auf. Gerade war es noch Sommer und schon wird es Advent, und Weihnachten steht vor der Tür. Und dabei ist der innere Stapel groß, den ich vor Weihnachten noch erledigen will. Da geht’s nicht nur um Weihnachtsgeschenke. Nein, alles Mögliche muss noch auf den Weg gebracht werden. In unserem Jahresempfinden bedeutet Weihnachten eine magische Grenze. Was vor Weihnachten nicht erledigt oder zumindest auf den Weg gebracht ist, das bleibt liegen. Bis Februar, März, manchmal länger. Haushaltsplaner denken so. Aufträge, Sitzungen, Anträge. Alles sollte vor Weihnachten noch auf den Weg. Denn Weihnachten ist eine gesamtgesellschaftliche Atempause. Und das, obwohl es nur eine gute Woche ist. Aber immerhin. Hier atmet alles durch. Ein paar Wenige in den Kliniken und Gaststätten und anderswo sorgen für die Nöte und das Wohl an den Feiertagen.

Doch bis dahin ist es noch ein Weg. Vier Wochen Advent. Und genau dahinein, in eine Zeit, wo jedes liegen gelassene Anliegen länger liegen bleibt, kommt die Anmutung des Advent: Liegen lassen, was anliegt, und sich öffnen für Gott. Das ist gar nicht so ohne. Denn Stillstehen kann Angst machen. Kann uns einen Schreck einjagen, nicht zu schaffen, was getan werden muss.

Und der Ausblick auf die Weihnachtspause macht es nicht besser. Unsere Sinne sind es nicht gewöhnt, ohne Reize auszukommen: Stille schreit uns manchmal in den Ohren und unsere Augen werden nervös, wenn die Bilder nicht schnell genug wechseln. Langeweile droht. – – – – Wunderbar. Langeweile. Dass etwas lange weilt. Der erste Schritt zur Erholung. Seele und Geist können durchatmen.

Krippe Kreuzkirche
Die Chance, liebe Gemeindeleser, liegt im Advent. Wie wir durch den Advent hindurch gehen, so gehen wir auch in die Weihnachtstage. Advent wirklich als Vorbereitung nehmen, das ist die Chance. Als Vorbereitung, um die Fahrt unseres Lebens zu verlangsamen. Adventlich leben hieße: Nicht in voller Fahrt vor den Stall und kurz hineinblicken und weiter. Wenn ich singen will: Ich steh an deiner Krippen hier, dann muss ich mich vorher schon einrichten auf dieses Stehen. Stehenbleiben.

Wie wichtig sind auf diesem Weg die vier Sonntage im Advent! Je mehr Kerzen am Adventskranz, desto mehr richte ich meinen Blick auf das Licht, das mir scheint. Der Kalender, die Uhr treiben uns an – die Kerzen verlangsamen uns. Jedes Adventslicht, das wir aufnehmen, wahrnehmen, ist ein Runterschalten, ein Langsamerwerden, damit ich ankomme im Advent. Damit an Weihnachten die Seele zur Ruhe kommen kann und wir die Einfachheit und Armut des Stalles sehen können: kein Glitzer, keine Großgeschenke.
 
Erschrick nicht, dass das Leben Schlichteres von dir fordert als du dir denkst. Lass dich drauf ein, dich weniger abzulenken: Nimm wahr die Mitte, aus der du lebst. In dir. In anderen. Vertrauen braucht Zeit zu wachsen. Nimm sie dir.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und uns allen eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit
 
Ihr

Dr. Christof Ellsiepen
Dekan der Evangelischen Kirche in Heidelberg