Die Macht der Sprache - Wie wir mit Wörtern Wirklichkeit schaffen war Thema des Pfarrkonvents im Februar

Pfarrerin Baur-Kolster begrüßt die Anwesenden im neuen Kirchenladen
Heidelberg, 13.02.2020. 16.000 Worte sprechen Männer wie Frauen durchschnittlich am Tag. Worte, die unser Denken und Handeln beeinflussen. „Mit Worten kann etwas in Bewegung gebracht werden, 16.000 Mal am Tag haben wir die Chance, etwas zu verändern“, gab Pfarrerin Tanja Dittmar den Besuchern des Pfarrkonvents am 13. Februar bei ihrer Begrüßung zu bedenken. Im neuen Kirchenladen der Rohrbacher Melanchthongemeinde lauschten rund 40 Zuhörer gebannt dem Vortrag von Prof. Dr. Heidrun Kämper zum Thema „Die Sprache der neuen Rechten und ihre Auswirkungen“, den sie auf Einladung von Pfarrer Max Heßlein hielt.

Die Sprachwissenschaftlerin und Politologin leitet am Mannmeiner Leibniz-Institut für Deutsche Sprache unter anderem den Arbeitsbereich „Sprachliche Umbrüche“. Als einen Forschungsschwerpunkt nimmt sie die Sprache der neuen Rechten unter die linguistische Lupe und zeigt ihre Auswirkungen auf Politik und Gesellschaft kritisch auf. Ausgangspunkt hierfür, so Kämper, sei das Grundsatzprogramm der AfD gewesen, das die Partei 2016 herausgegeben hat.

Prof. Heidrun Kämper fordert in ihrem Vortrag eine klare Haltung
„Sprache ist eine Macht, mit der wir Teilhabe ermöglichen und herstellen können, mit der wir aber je nach Intention auch Abgrenzung und Unterdrückung schaffen können“, stellte die Sprachwissenschaftlerin zu Beginn ihres Vortrags heraus. Mithilfe von Sprache könne ein Wertekonsens geschaffen und bewahrt werden, den es im Fall der AfD vor fremden Einflüssen zu bewahren gelte. Oder mit den Worten des Philosophen Wittgenstein ausgedrückt: „Worte sind Taten, mit jedem Gebrauch von Sprache handeln wir.“ Unsere „Wahrnehmung von Wirklichkeit hängt davon ab, wie sprachlich auf sie Bezug genommen wird“, so Kämper.

In ihrem dreigliedrigen Vortrag befasste die Professorin sich zunächst mit dem Aspekt, wie Sprache Wirklichkeit schafft. In einem zweiten analytischen Teil zeigte sie anhand von Beispielen auf, wie sich sprachlicher Populismus nachweisen lässt und welche historischen Bezüge es hierfür gibt. Abschließend übte sie fachlich begründete Sprachkritik und zeigte Mechanismen und Wirkungsweisen von Vereinnahmung gewisser Begrifflichkeiten durch die neue Rechte auf.

„Kennzeichnend für den Sprachgebrauch der AfD ist unter anderem das Denunzieren“, folgerte Kämper aus ihrer sprachlichen Analyse. So werden durch nicht belegte Behauptungen wie „Auf eine solche Wohnung können indigene Deutsche lange warten“ – untermalt von einem ansprechenden Bild einer Musterhauswohnung – unbegründete Behauptungen als Wahrheit impliziert. Durch ideologische Vereinnahmung der Wörter „wir“, „unser“, „deutsch“ oder „bürgerlich“ versus „kulturfremd“, „Messermänner“ oder „Kopftuchmädchen“ werden Argumente des Eigenen bzw. Fremden zum Maßstab der Inklusion oder Exklusion. „Durch diese sprachliche Kategorisierung in `gut´ und `schlecht´ kommt es zu einer Missachtung von Gleichheitsprinzipien, die in unserem Grundgesetz festgeschrieben sind. Diskriminierung wird hier zu einem sprachlichen Vorgang“, warnte die Linguistin abschließend.

In der Diskussionsrunde kommen viele Fragen auf
In der anschließenden Diskussionsrunde drängte sich die Frage auf, was jeder Einzelne, insbesondere auch Pfarrerinnen und Pfarrer, gegen die rechtspopulistische und diskriminierende Vereinnahmung von Sprache tun können. „Machen Sie sich die sprachliche Ethik, die sogenannte „Political Correctness“ zur Selbstverpflichtung und achten Sie auf einen respektvollen und diskriminierungsfreien Sprachgebrauch“, riet Kämper den Anwesenden. „Ihre Aufgabe kann auch sein, von der Kanzel herab Aufklärung und demokratische Bildungsarbeit zu leisten“, ermutigte die Wissenschaftlerin.

„Dazu gehört, Denkmuster abzuleiten und Normalisierungseffekte in unserem Sprachgebrauch zu verhindern. Agieren Sie als Korrektiv, indem Sie Haltung zeigen und eine wertschätzende Sprache verwenden, mit der Sie ausdrücken, wofür Sie stehen.“ Das bedeute nicht, dass Pfarrerinnen und Pfarrer sich politisch positionieren sollten. Vielmehr sei es ihre Aufgabe, sich an der Stelle zu Wort zu melden, wo es um Verletzung von gesellschaftlichen und christlichen Werten gehe. „Wir dürfen die Aggressoren nicht stillschweigend gewähren und die Diskriminierten alleine lassen“, forderte Heidrun Kämper am Ende ihres eindrücklichen Plädoyers für ein sprachlich wertschätzendes, demokratisches Miteinander.

Lesen Sie hier einen Aufsatz von Prof. Heidrun Kämper zum Thema: