Heidelberg, 13.08.2020. Mit dem Lockdown im März 2020 wurden neben vielen anderen Dingen auch alle Liveproben und -auftritte von Chören eingestellt. „Mitten in der Passionszeit war dies ein herber Schlag, weil viele unserer Chöre große Konzerte oder das Singen in den Gottesdiensten um Ostern herum geplant hatten“, weiß der Heidelberger Bezirkskantor Michael Braatz-Tempel aus leidiger Erfahrung. Allein innerhalb der Evangelischen Kirche in Heidelberg gibt es rund 35 Chöre unterschiedlichster Größe und Ausrichtung, die über Nacht nicht mehr miteinander proben und in Gottesdiensten und Konzerten singen durften. Sehr schnell wurde klar, dass die Sängerinnen und Sänger ein großes Bedürfnis hatten, trotzdem in Kontakt zu bleiben. Deshalb gab es Online-Treffen, Online-Proben und Online-Auftritte wie das digitale Chorprojekt des Pfaffengrunder „Chorissimo“ unter Leitung von Christian Kurtzahn mit einer „Coronavirus-Rhapsodie“ (https://www.youtube.com/watch?v=mREpx-8-H9U).
„Ich leite vier Kirchenchöre in der Region, die sehr unterschiedlich mit den Corona-Einschränkungen unserer Chorproben umgegangen sind“, erzählt Kurtzahn. Die Reaktionen reichten von Angst vor Ansteckung, Trauer über die `verordnete Stummheit´ bis hin zur Sorge um die geplanten Konzerte, die bisher alle ausfallen mussten. „Es gab aber auch ganz kreative Ideen wie das Stimmeneinsingen und Proben über Internet und Livechats per Videokonferenz. Es tat in dieser Zeit der totalen Isolation einfach gut, andere musikbegeisterte Menschen zu sehen, zu hören und sich gegenseitig zu stützen, auch wenn das keine echten Proben ersetzen kann“, räumt der umtriebige Chorleiter und Kirchenmusiker ein. Aber auch Angst und Resignation angesichts einer ungewissen Zukunft machten sich unter den Sängerinnen und Sängern breit.
Daher war die Freude groß, als im Juni mit der Herausgabe eines landeskirchlichen Infektionsschutzkonzepts zur kirchenmusikalischen Arbeit das Zusammenkommen von musizierenden Gruppen wieder möglich wurde. Kleine Chorgruppen trafen sich zur Probe im Freien oder in großen Kirchenräumen unter Einhaltung strenger Sicherheitsvorkehrungen. Diese umfassen neben komplexen Abstandsregelungen in Innenräumen von 10 qm Fläche pro Person bei 4 Meter Raumhöhe auch das regelmäßige Lüften mit Pausen alle 30 bis 45 Minuten und das Desinfizieren sowie Dokumentieren aller anwesenden Chormitglieder.
„Diese Regelungen nehmen wir sehr ernst und setzen sie mit großer Gewissenhaftigkeit und Kreativität im Sinne und auch zum Schutz unserer Chöre und Gemeinden um“, schildert Bezirkskantor Braatz-Tempel den Umgang mit der herausfordernden Situation. „Wenn unsere Gemeindehäuser zu geringe Quadratmeterzahlen zum Proben aufwiesen, haben wir in den Kirchen oder draußen geprobt. Wenn Sängerinnen und Sänger nicht nahe beieinanderstehen durften, haben wir uns auf die gesamte Grundfläche einer Kirche verteilt. Akustisch bietet das große Herausforderungen, denen wir uns aber gestellt und gute Lösungen gefunden haben. Auch die Kinderchöre in unseren Gemeinden haben sich wieder getroffen und mit viel Abstand geprobt“, freut sich Braatz-Tempel.
Deprimierend sind für ihn jedoch die ungewissen Zukunftsaussichten: „Wann dürfen wir jemals wieder ein festliches Oratorium mit großem Chor, mit Solisten und einem üppig besetzten Orchester vor ausverkaufter Kirche geben? Können die Chöre wie bisher ein Singen in den Weihnachtsfestgottesdiensten planen, wann können sie zu `normalen´ Proben zurückkehren?“ Für die Zeit nach den Sommerferien jedenfalls sind weiterhin Proben in kleiner Besetzung geplant, ebenso kleinere Konzertformate und Aufnahmen für Audio- und Videodateien sowie das regelmäßige Singen im Gottesdienst mit mindestens 2 Metern Abstand untereinander und 5 Metern zur Gemeinde.
Ähnlich sieht das Chorleiter Christian Kurtzahn: „Ich habe jahrelang viel Kraft und Energie in den Aufbau und das Fortbestehen meiner Chöre investiert. Nun besteht die Angst, dass es die Chöre in ihrer jetzigen Form bald nicht mehr geben wird.“ Dazu trägt auch die unklare Sängerbeteiligung bei den Proben bei: „Wer kommt, wer traut sich noch nicht, wer steigt ganz aus? Es haben mir Choristen schon bis nächstes Frühjahr abgesagt, 'solange kein Impfstoff entwickelt ist'...“, bedauert der Kirchenmusiker.
„Wir hoffen sehr, dass die gesundheitsfördernden Wirkungen des Singens, die gemeindebildende Funktion unserer Chöre sowie das wunderbare soziale und künstlerische Miteinander beim Musizieren wieder mehr in den Blickpunkt gelangen als etwaige Ansteckungsgefahren“, wünscht sich Michael Braatz-Tempel auch im Namen seiner Kolleginnen und Kollegen. „Singen ist ein Quell der Kraft, der uns nicht versiegen darf“, pflichtet Christian Kurtzahn ihm bei. „Wer seine Stimme erklingen lässt, dem wird Wundersames zuteil. Es weitet sich die enge Brust, Leib und Seele schwingen miteinander in wachsender Harmonie: Musik heilt!“




