Wie eine Braut sieht sie aus. Schüchtern, aufgeregt und keck sitzt Sieglinde in einem Meer aus rosa Rosen. Den Strauß aus Gerbera hält sie fest an die Brust gedrückt. Als ahne sie, dass sie gleich vergessen wird, dass es ihn je gegeben hat. Sieglinde ist 86. Dement. Und wunderschön.
Jedenfalls auf dem Foto, das Jule Kühn und Susanne Lencinas von ihr gemacht haben. Zusammen mit 13 weiteren Bildern von alten Menschen in märchenhaften Kulissen schmückt es derzeit den Chorraum der Heiliggeistkirche.
Die Fotoserie ist spektakulär. Denn sie liefert den Beweis dafür, dass es nie zu spät ist, seinen Traum zu leben. Ob im Rosengarten, im Dschun-gel oder auf einer Waldlichtung. „Welch eine Kraft in diesen Bildern steckt“, staunte Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh, der die Aus-stellung mit einem Gottesdienst eröffnet hat. „Das sind Gesichter voller Geschichte.“
Es ist eine andere Aura, die dank der Bilder plötzlich durch die Heiliggeistkirche schwebt. Die großformatigen Fotos umgibt eine Mischung aus Opulenz und Sinnlichkeit, Glamour und Ruhm. Filmstars werden so fotografiert. Könige. Millionäre. Supersportler. Aber Demenzkranke? Genau diese Fallhöhe macht das Projekt von Jule Kühn und Susanne Lencinas so aufregend. „Aufgeblüht“ nennen die beiden Heidelberger Künstle-rinnen ihre Serie. Ein mutmachender Titel. Weil die Bilder beweisen, dass Schönheit nichts mit dem Konto, dem Körperbau, der Intelligenz, ja noch nicht einmal Gesundheit zu tun hat. Schönheit resultiert allein daraus, dass ein Mensch ganz er selbst ist.
„Die Bilder verkünden, wie Gott die Menschen sieht“, diagnostizierte Landesbischof Cornelius-Bundschuh in seiner Predigt. „Gottes Gerechtigkeit fragte nicht danach, wer rechnen kann oder wer weiß, wo er wohnt und welcher Tag heute ist. Das ist eine Geborgenheit, die unsere Vorstellung weit übersteigt.“
Traudel sieht aus wie eine weise Schamanin. Im blauen Gewand mit lockerem Turban sitzt sie vor einer Wand aus Rosen. In den Händen hält sie langstielige Hortensien. Traudel lächelt. Sie ist 83. Dement. Und wunderschön.
„Menschen mit Demenz verlieren nach und nach ihr gesamtes Leben“, erklärte die Demenzexpertin Bettina Hirth in ihrem Gastvortrag in der Heiliggeistkirche. „Nur das Gefühl bleibt.“ Auch Demenzkranke, sagte Hirth, wollen hilfreich sein, wollen angesehen werden, wollen dazu gehören. „Mit unseren Bildern wollen wir anderen Mut machen, sich auf alte und demente Menschen ein-zulassen“, ergänzten Jule Kühn und Susanne Lencinas, die Fotografinnen. Das sei zwar manchmal etwas mühsam und zeitraubend. Aber es lohne sich immer. „Auch wenn nicht alles ganz rund läuft, kann man Herzensmomente erleben“, nickte Expertin Bettina Hirth.
Willi steht auf einer Waldlichtung. Mit einem Strauß aus Eichenblättern, Tannenzapfen und Farn. Er trägt Kappe und schaut ein wenig grimmig. Aber nicht böse. Willi war dement. Kurz vor der Vernissage ist er gestorben. Zuhause. Er wurde 97.
„Die Unterstützung pflegender Angehöriger liegt der Landesregierung besonders am Herzen“, versprach Ute Leidig, die neue grüne Staatssekretärin im Stuttgarter Sozialministerium. Demezerkrankungen nähmen zu. „Wir alle müssen lernen, wie wir Dementen in Würde einen Platz in unserer Gesellschaft zu geben.“ Die Ausstellung in Heiliggeist, sagte Leidig, zeige die Vielfalt und Einzigartigkeit der Menschen. Und wie wichtig der Lebensort für ihn sei.
Seit sie die Bilder gemacht haben, sagen die Künstlerinnen Jule Kühn und Susanne Lencinas, betrachteten sie das Alter nicht mehr als langsames Dahinwelken. „Wir begreifen es jetzt als reife Blüte, die in aller Fülle aufgeblüht ist.“
Die Ausstellung „Aufgeblüht“ ist noch bis 29. Juli in der Heiliggeistkirche zu sehen. Die Kirche ist tagsüber geöffnet. Die „Akademie für Ältere“ bietet ein digitales Begleitprogramm an.



