Erinnern, Ermahnen, Ermutigen – die Stimme Esther Bejaranos wird weiterhin in uns erklingen

Ein Nachruf der Evangelischen Kirche in Heidelberg zum Tod von Esther Bejarano am 10. Juli 2021

Esther Bejarano bei einem Gespräch mit Schülerinnen und Schülern der Wieslocher „Esther-Bejarano-Gemeinschaftsschule“ am 20.10.2020
Heidelberg, 12.07.2021. Zart und gleichzeitig stimmgewaltig, so präsentierte sich Esther Bejarano im Oktober letzten Jahres bei der Verleihung des Hermann-Maas-Preises in Heidelberg. Wer der zierlichen Frau einmal gegenüberstand, wird sie so schnell nicht mehr vergessen. „Mit ihren 96 Jahren versprühte sie schier unerschöpfliche Energie und Lebensfreude, zeigte Weltoffenheit und Aufgeschlossenheit gegenüber Neuem, sang und schwang im Rhythmus ihrer mitreißenden Lieder und zog uns damit alle in ihren Bann“, schildert Dekan Christof Ellsiepen seine erste Begegnung mit der Auschwitz-Überlebenden.
 
Verleihung des Hermann-Maas-Preises durch den Landesbischof in der Heiliggeistkirche
 
„Sie sind uns und vielen Menschen, Jung und Alt, Vorbild und Ansporn, aus dem Gedenken an die Schrecken des Faschismus aufzustehen für eine Zukunft in Freiheit und Würde, Frieden und Gerechtigkeit“, würdigte Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh die Preisträgerin damals in seiner Laudatio. Mit dem Preis zeichnet die Hermann-Maas-Stiftung in Gedenken an den widerständigen Heidelberger Altstadtpfarrer alle vier Jahre Menschen aus, die sich im Kampf gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit engagieren sowie sich für Demokratie und die Rechte von Minderheiten einsetzen.
 
Genau das hatte sich die 1924 in Saarlouis als viertes Kinder einer jüdischen Musikerfamilie geborene Esther zur Aufgabe gemacht. Sie wollte Vorbild sein und Ansporn, Mahnerin und Ermutigerin, die Stimme zu erheben für den Widerstand gegen Antisemitismus und Rassismus. Als Überlebende des KZ Auschwitz, sie war dort Mitglied des Mädchenorchesters, musste sie die grauenvollen Verbrechen der Nationalsozialisten hautnah miterleben. Die Musik hatte sie dabei gerettet, ihr verdankte sie ihr Leben und ihr hatte sie seither ihr Leben gewidmet. Der Musik und dem Widerstand, dem Mut und dem Mahnen gegen das Vergessen.
 
Die Auschwitzüberlebende liest aus ihren Erinnerungen
So engagierte sie sich in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes „Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BDA)“, deren Ehrenvorsitzende sie bis zu ihrem Tod war. Neben ihren Konzerten – unter anderem mit der multikulti Band „Microphone Mafia“ – leistete Esther Bejarano bis zuletzt Aufklärungsarbeit in Schulen und setzte sich als Zeitzeugin für Erinnerungsarbeit ein. Sie wurde vielfach ausgezeichnet, so z. B. mit der Carl-von-Ossietzky-Medaille, der Biermann-Ratjen-Medaille, dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland, dem Clara-Zetkin-Frauenpreis und dem Großen Bundesverdienstkreuz.
 
„Die Ehrung mit dem Hermann-Maas-Preis bedeutet für mich sehr viel“, freute sich Esther Bejarano über die Auszeichnung. „Denn der Preis wurde nach einem wunderbaren Menschen benannt, der sich in der Nazizeit getraut hat aufzustehen und zu zeigen, dass er gegen das Terrorregime ist. Damit hat er viel Gutes getan. Ich erzähle meine Geschichte, mein Erleben und Überleben besonders, um die Jugend zu erreichen, um mitzuhelfen, dass nie wieder geschehe, was damals geschah.“
 
Von ihrer Stimmgewaltigkeit durften sich im Oktober auch Schülerinnen und Schüler der kurz zuvor nach der Preisträgerin umbenannten „Esther-Bejarano-Gemeinschaftsschule“ aus Wiesloch überzeugen. Ihnen sagte sie: „Nach Auschwitz wollte ich mich an den Nazis rächen. Das habe ich natürlich nicht getan. Oder doch. So lange über das Grauen der Faschisten reden zu dürfen, das ist meine Rache.“
 
Singend und tanzend mit Kudlu und Sohn Joram von der Microphone-Mafia
Sie hinterlässt uns die Aufgabe und Herausforderung, auch in Zukunft weiterhin die Stimme zu erheben gegen Verbrechen und Vergessen. Eine Stimme zu finden für ein friedliches, menschenwürdiges Miteinander über alle Kulturen und Religionen hinweg. Eine Stimme wie ihre, die im Angesicht des Todes „Du hast Glück bei den Frau´n, Bel Amie“ erklingen ließ und dieses Lied Jahrzehnte später mit einem weinenden und einem lachenden Auge noch immer singen konnte. Eine Stimme, die so stark ist, dass sie auch über den Tod hinaus weiterhin in uns nachklingen und uns inspirieren wird. Wir danken dir für diese Stimme, liebe Esther Bejarano, mögest du in Frieden ruhen!
Unser Mitgefühl ist ganz bei Familie Bejarano und allen ihren Freunden, die um sie trauern.