Heidelberg, 12.11.2021. Die kleine Célia ist begeistert, am liebsten würde sie gleich alle Playmobilfiguren, die liebevoll vor ihr auf dem Tisch aufgebaut sind, behalten. Drei darf sich die quirlige Vierjährige, die seit ihrer Ankunft vor zwei Wochen täglich in die Kinderbetreuung des Landesankunftszentrums im PHV kommt, aussuchen. Hier findet sie nach drei traumatisierenden Jahren auf der Flucht endlich Zeit und Ruhe zum Spielen, erzählt ihre Mutter von dem langen Weg aus Tunesien über Griechenland, Makedonien, Serbien und viele weitere europäische Länder bis nach Deutschland. Bis zu zwölf Kinder dürfen unter der Woche täglich vormittags und nachmittags in der Kinderbetreuung spielen, basteln, malen und sich austoben – einfach nur Kind sein. Viele von ihnen bleiben nur wenige Wochen in Heidelberg, bis es weitergeht zur nächsten Station. Umso kostbarer ist für sie ein eigenes Spielzeug wie eine Playmobilfigur, die sie auf ihren weiteren Weg mitnehmen dürfen.
Die rund 250 Playmobilfiguren, die Pfarrerin Tanja Dittmar heute aus der Melanchthongemeinde mitgebracht hat, sind daher ein kleiner Schatz für die Kinder. Im Rahmen ihrer offenen Kirche hatte die Melanchthongemeinde während des Lockdowns im vergangenen Frühjahr Playmobilfiguren gesammelt, um die „Speisung der 5000“ nachzustellen. „Ganz so viele sind es nicht geworden, aber jede Figur zählt, mit der wir den Kindern hier eine Freude machen können“, freut sich die Gemeindepfarrerin bei der Übergabe im Ankunftszentrum.
„Wir schaffen das, hat Jesus angesichts der Bedenken der Jünger gesagt. Alle 5000 werden satt mit fünf Broten und zwei Fischen, die ein Kind mitgebracht hat“, erläutert Pfarrerin Sigrid Zweygart-Pérez, die sich als evangelische Seelsorgerin um die Sorgen und Nöte der geflüchteten Menschen im Ankunftszentrum kümmert, die biblische Botschaft. „Ich hoffe, dass die Kinder, die jetzt hier im Ankunftszentrum sind, die Erfahrung machen können, dass sie nicht abgespeist werden, sondern satt werden an Körper, Geist und Seele.“
„In diesen Tagen kommen etwa 100 Personen täglich hier an“, schildert der katholische Seelsorger im Ankunftszentrum Jochen Winter die Situation vor Ort. Etwa ein Viertel der derzeit rund 2000 Geflüchteten hier ist minderjährig, es kommen viele Familien mit fünf bis acht Kindern. Für die Kinder hier gibt es keine Schulpflicht, für die Jugendlichen bietet das DRK dreimal die Woche ein „fliegendes Klassenzimmer“ an, doch die Kapazitäten sind aufgrund von Corona beschränkt. Die meisten Kleinkinder besuchen für die Dauer ihres Aufenthaltes die Kinderbetreuung im Camp. „Seit Jahren haben die Kinder kein Spielzeug besessen, viele müssen erst wieder lernen, wie man spielt“, beobachtet Jochen Winter die erschütternde Lebensrealität von Kindern auf der Flucht.
Die Kinderbetreuung freut sich über Spenden von Spielkarten, besonders UNO, Spielzeugautos, Puppen, Kuscheltiere – alles, was die Kinder unkompliziert mitnehmen können auf ihren weiteren Weg. Abgegeben werden können die Spielzeugspenden in der Christuskirche in der Weststadt, dort gibt es im Eingangsbereich während der Öffnungszeiten täglich zwischen 9 und 17 Uhr einen gekennzeichneten Platz zum Ablegen.
Heidelberg ist eine Durchgangsstation auf der oft jahrelangen Flucht
Da die Fluchtwege zunehmend versperrt sind, werden die Routen gefährlicher. Durch die lange Strecke, die Gewalt an den Grenzen und Unterwegs, aber auch durch die Kriegserlebnisse zu Hause sind die Menschen auf der Flucht, meist über mehrere Jahre sie in verschiedenen Etappen, völlig traumatisiert. Manche Kinder werden unterwegs geboren in anderen europäischen Ländern, ein Schulbesuch ist undenkbar. „Es kommt vor, dass selbst Jugendliche noch nie eine Schule von innen gesehen haben. Diese Kinder kennen nur Krieg, Flucht und Flüchtlingslager. Viele von ihnen sind dadurch Analphabeten“, führt der katholische Seelsorger im Ankunftszentrum Jochen Winter aus. „Viele Menschen kommen sehr krank hier an. Krank an Körper und Seele.“
Die Menschen, die im Heidelberger Landesankunftszentrum aufgenommen und registriert werden, kommen aus Nordmazedonien, Afghanistan, dem Iran, Irak, aus Syrien, Kamerun, Nigeria, Palästina, Georgien und der Türkei. Hier werden sie zunächst für zwei Wochen in einem Quarantänebereich untergebracht. Danach kommen sie in den offenen Bereich, wo sie sich frei bewegen können. In der Regel werden die Familien nach vier bis sechs Wochen verlegt. Wenn die Familien jedoch sehr groß sind, ein Familienmitglied eine Behinderung hat oder noch im Krankenhaus behandelt wird, dann kann sich der Aufenthalt mehrere Monate hinziehen. Dennoch ist und bleibt Heidelberg eine Durchgangsstation auf dem langen Weg ins Ungewisse.




