Beim Namen gerufen

Geistlicher Impuls zum Ewigkeitssonntag von Pfarrer Hans-Christoph Meier

»Frieda Müller, geb. Schmidt, 93 Jahre. Herrmann Walter, 87 Jahre. Ines Schwarzmann, 42 Jahre«*. Am Ewigkeitssonntag werden die Namen der Verstorbenen im Gottesdienst vorgelesen, die im letzten Jahr gestorben sind. Es werden Kerzen für die Verstorbenen angezündet und die Angehörigen werden in den Gottesdienst eingeladen.
 
Die Angehörigen wissen, welches Leben sich mit dem Namen verbindet. Sie erinnern sich daran, was sie gemeinsam erlebt haben, an Glück und Leid. Daran, was der oder die Verstorbene gern gemacht hat, und was sie mit dieser einen Person besonders verbunden hat. Wenn sie zurückdenken, fühlen sie oft beides: Trauer und Schmerz, aber zugleich auch Verbundenheit und Nähe mit dem Menschen, von dem sie Abschied nehmen mussten.
 
Ich sitze in der Kirchenbank und höre die Namen. Die meisten von ihnen habe ich nicht kennengelernt. Die Angehörigen, von denen ich selbst Abschied nehmen musste, sind an anderen Orten gestorben, oder ihr Tod liegt schon länger zurück. Bin ich also hier fehl am Platze?
 
»93 Jahre, 87 Jahre, 42 Jahre«. Das klingt wie nüchterne Zahlen, aber bei jedem Namen wandern meine Gedanken mit. Hatte die hochbetagte 93-jährige ein hartes aber erfülltes Leben? Hat der 87-jährige gern in seinem Beruf gearbeitet? Hatten die beiden Kinder und Enkel - und wenn ja, wie haben sie sich mit denen verstanden? Ich höre »42 Jahre«. Das ist jung, zum Sterben zu jung. Wenn sie Kinder hatte, gehen die wahrscheinlich noch zur Schule. Wenn sie verheiratet war, hatten die beiden wahrscheinlich gemeinsame Träume für die Zukunft. Ob sie krank war, ob sie einen Unfall hatte?
 
Die Namen, die Lebensdaten beschäftigen mich. Unwillkürlich messe ich ab, wie mein eigenes Leben verlaufen könnte, wenn ich 93 Jahre werden würde oder 87. Oder wie es verlaufen wäre, wenn mir nur 42 Lebensjahre bestimmt gewesen wären. Schreckt mich der Gedanke an mein Lebensende? Der Ewigkeitssonntag steht jedes Jahr im Kalender zur Erinnerung, dass ich diesen Gedanken nicht wegschiebe. Denn mit dem Tod ist über unser Leben noch nicht das letzte Wort gesprochen. Das letzte Wort liegt bei Gott. Wie er im Buch des Propheten Jesaja einst zu Israel gesprochen hat, so wird er einmal auch zu uns sprechen: »Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein«.
 
* Die Namen der Personen sind fiktiv, Übereinstimmungen mit lebenden oder gestorbenen Personen sind rein zufällig