Bei den Engeln, die den Hirten die Nachricht von der Geburt des Gotteskindes überbrachten, war einer aus dem himmlischen Heer dabei - der sang falsch. Hatte er nicht richtig zugehört oder die Chorproben im Himmel geschwänzt? Oder war er einfach mit seinen Gedanken bei Maria und Josef im Stall gewesen statt bei der Sache, wie sich das für einen Engel eigentlich gehört?
Er, der Engel in der hintersten Reihe, wusste es selber nicht so genau, wie es kam, dass er immer da, wo er hätte „Höhe“ singen sollen, „Tiefe“ sang. Und da er über eine kräftige Stimme verfügte, war sein „Ehre sei Gott in der Tiefe“ im weiten Himmelsrund einfach nicht zu überhören. Die Engel neben ihm stießen ihn an. „Höhe“, flüsterten sie ihm zu, „Ehre sei Gott in der Höhe!“ Und, als ob er schwerhörig sei, wiederholten sie: „Höhe - Höhe - Höhe!“ Aber der Engel sang unbeirrt weiter: „Ehre sei Gott in der Tiefe“, und zwar ziemlich laut.
Als der Gesang zu Ende war, ging die Empörung los! Welche Provokation! Was ihm denn einfiele, so aus der Rolle zu fallen, das grenze ja schon an Gotteslästerung! Die göttliche Majestät sei in der Höhe und nicht in der Tiefe!
Da antwortete der Engel: „Aber, das göttliche Kind ist im Stall. Hört doch, da gehört es doch überhaupt nicht hin! Wenn es aber da ist, was hat das zu bedeuten? Nicht etwa dies: Gott ist in der Tiefe anzutreffen. Es hat ihm gefallen, die Tiefe zum Ort seiner Gegenwart zu wählen. Und wer diesen Ort nicht scheut, begegnet ihm und braucht nicht länger sonstwo nach ihm zu suchen. Wo wir ihn am wenigsten erwarten, gerade da ist er uns ganz nah.“
Ein pfiffiger Engel! Er erfasst den Kerngedanken des Weihnachtsevangeliums nach Lukas: Gott wählt nicht Prunk, Pomp oder Palast als Ort, sondern den dreckigen Futtertrog eines Stalls. Sein Zeichen ist nicht die Krone, sondern die stinkende Windel. Draußen vor Tür, bei den Ausgeschlossenen. da findet man Gott. Und wer diesen Ort nicht scheut, begegnet ihm und braucht nicht länger sonstwo nach ihm zu suchen.
Nicht nur die Geburt, das ganze Leben Jesu ist von Tiefe geprägt: Er lebte arm unter Armen. Er wandte sich den Menschen am Rand zu. Sein Weg geht in die Tiefe, zu den Niedriggemachten. Gott ist nicht im Rampenlicht, sondern im Unscheinbaren, im Unansehnlichen. Denn, wie Martin Luther es ausdrückt: „Gott kommt durch die Hintertür in diese Welt“.
In diesem Sinne: Ein friedvolles Weihnachtsfest voller Überraschungen!
Pfarrer Vincenzo Petracca


