Heidelberg, 28.04.2022. 85 Frauen kamen am frühlingshaften Donnerstagabend bei Kerzenschein an festlich gedeckten Tafeln in der Heiliggeistkirche zusammen, um miteinander zu essen, sich einander zuzuhören und sich auszutauschen. Das erste Frauenmahl dieser Art in Heidelberg, das vom evangelischen Frauennetzwerk in Heidelberg unter Federführung von Pfarrerin Tanja Dittmar organisiert wurde, stand unter dem Motto Frauen.Macht.Gefühl. Sechs außergewöhnliche Frauen der Heidelberger Stadtgesellschaft schilderten ihren ganz persönlichen Zugang zum Thema des Abends.
Die Vorträge wurden umrahmt von musikalischen Darbietungen der Sängerinnen Lisa Biggel und Magdalena Dentz sowie einem multikulturellem drei Gänge Menü der Initiative „Cook Your Future“ mit Caterer Frank Nuscheler.
„Gefühle werden oft mit den Attributen weiblich, weich und irrational assoziiert. Unsere Erinnerungen sind stark mit unseren Gefühlen verbunden“, berichtete die am DKFZ tätige Hirnforscherin Hannah Monyer aus ihrem Berufsalltag. Dabei erwiesen sich jedoch Entscheidungen, die auf Erinnerungen basieren, oft als die langfristig klügeren und auch beständigeren Entscheidungen als diejenigen, die aufgrund von rationalem, schnellem Denken gefällt werden. „Gefühlte Erinnerungen stärken die Beziehungen, sie bleiben uns oft ein Leben lang erhalten und tragen uns auch im Hier und Jetzt“, resümierte die Hirnforscherin.
Mit ihren Erinnerungen an ihren beruflichen Werdegang als Juristin schloss Brigitte Spielmann von der Schwetzinger Welde Bräu an die These ihrer Vorrednerin an. Ihre Karriere begann sie in der damals noch von Männern dominierten Arbeitswelt der 80er Jahre, in der die erfolgreiche Syndikusanwältin Macht als ein vorwiegend männlich besetztes Bestreben erlebte, über andere bestimmen zu wollen und zu entscheiden, was richtig und was falsch für sie ist. Ihr berufliches Fazit lautet: „Wirklich mächtig war ich in meinem Berufsleben nicht, auch nicht „machtbesessen“, weil ich es nicht wollte und nicht konnte. Dafür bin ich im Nachhinein dankbar, was ein wunderschönes Gefühl für jeden Menschen, auch und gerade für mich als Frau ist.“
Die als „kurdische Schwäbin oder schwäbische Kurdin“ vorgestellte Yasemin Soylu, die sich unter anderem in den Initiativen „Teilseiend e.V.“ und „Mosaik Deutschland e.V.“ für politische Integrations- und Bildungsarbeit engagiert, sieht sich als Demokratin aus Leidenschaft, als Gestalterin: „Ich habe die Fähigkeit geschenkt bekommen, über meinen freien Willen und meine Entscheidungskraft die Dinge um mich herum zum Besseren zu verändern.“ So erntete die Geschäftsführerin der Muslimischen Akademie Heidelberg großen Beifall für ihr Bestreben, sich mit der deutschlandweit ersten Institution dieser Art für ein gutes Zusammenleben von Menschen christlichen, jüdischen und muslimischen Glaubens in Heidelberg einzusetzen.
Einen kritischen Blick hingegen warfen die Sozialarbeiterinnen Nora Bretschi und Elisa Pérez vom Beratungsangebot „Anna“ des Diakonisches Werkes Heidelberg auf ihre Beratungsarbeit mit Frauen in einer vorwiegend weiblichen Profession: der Prostitution. „Der Umgang unserer Gesellschaft mit diesem Thema ist irritierend. Während es bei Männern ganz normal ist, nach einem Besuch im Fußballstation noch ins Bordell zu gehen, werden Frauen, die in der Prostitution arbeiten, diskriminiert und meist auf den Opferstatus reduziert“, so die Beraterinnen. Das Thema Prävention liegt ihnen dabei besonders am Herzen, denn während junge Menschen über die Gefahren von sozialen Medien oder Drogenkonsum hinlänglich aufgeklärt würden, sei die Anwerbung von jungen Mädchen durch die sogenannte „Loverboy-Methode“ so gut wie kein Thema bei der Aufklärungsarbeit. Ihre Öffentlichkeitsarbeit nutzen sie als ihr „Machtinstrument“, um Unwissenheit, Ausbeutung und Stigmatisierung vorzubeugen.
Den Reigen der ganz unterschiedlichen weiblichen Perspektiven schloss die Antidiskriminierungsbeauftragte der Stadt Heidelberg Evein Obulor mit einem flammenden Plädoyer für das Gefühl Wut als eine lebenswichtige, antreibende und zugleich schützende Emotion: „Unsere Wut ist mächtig, sie stößt Veränderungen an, sie gibt uns Energie und treibt uns an, Institutionen und Strukturen zu verändern.“ Sie selbst habe sich vor einigen Jahren noch nicht vorstellen können, in einer Stadtverwaltung zu arbeiten, aber mittlerweile nutze sie ihre Position, um alte Zöpfe abzuschneiden und ihre Themen der Gleichberechtigung voranzubringen, berichtete die zupackende junge Frau vom Bodensee schmunzelnd.
„Ich konnte mir zuerst gar nicht vorstellen, wie es ist, in einer Kirche zu essen und war ganz gespannt auf den Abend“, erzählte eine junge Unternehmerin aus Rohrbach anschließend. „Die wunderschöne Atmosphäre, die liebevolle Deko, das fantastische Essen und die inspirierenden Vorträge machen den Abend zu etwas ganz Besonderen – ich bin sind total begeistert!“ „Beeindruckend, was man in einer Kirche alles machen kann, erstaunlich vor allem, dass die Kirche diesen Raum für so ein ungewöhnliches Ereignis zur Verfügung stellt. Die Themen und das wunderbare Essen verbinden die anwesenden Menschen miteinander“, resümierte eine weitere Besucherin.
Dass dies nicht das letzte Frauenmahl gewesen sein wird, darüber sind sich die Veranstalterinnen bereits jetzt einig. „Die Vorbereitung in unserem zehnköpfigen Team verlief erstaunlich reibungslos“, berichtet Pfarrerin Tanja Dittmar. „Jede hatte Ideen und Vorschläge und alles weitere ging dann innerhalb weniger Monate Hand in Hand – das meiste digital.“ Ideen für weitere Veranstaltungen gibt es bereits: „Wir wollen vor allem Begegnungen von und mit Frauen schaffen, aus denen etwas Relevantes für die Gesellschaft hervorgeht“, erzählt Anja McKellar aus dem Team. So wurde das Frauenmahl zum Selbstkostenpreis ausgerichtet, die Erlöse aus Eintritt und Spenden kommen dem ökumenischen Spendenfonds Flucht und Migration zugute. „Wir freuen uns über jede Frau, die sich in unserem Frauennetzwerk einbringen und weitere Veranstaltungen mit uns planen möchte. Wir treffen uns wieder am 6.7. um 19 Uhr im Melanchthonhaus, Am Heiligenhaus 14 in Rohbach.“
Kontakt über die Frauenbeauftragte der Evangelischen Kirche in Heidelberg unter Tanja.Dittmar@kbz.ekiba.de
Hier können Sie die Vorträge nachlesen:







