Interview der EKiHD vom 17.04.2023 mit Stadtjugendreferent Philip Orschitt und dem FSJler Max Haarmann über ihre Arbeit im Evangelischen Kinder- und Jugendwerk Heidelberg.
Die Nachfrage nach euren Angeboten im Kinder- und Jugendwerk ist groß, eure Freizeiten und auch die Fortbildungsangebote sind schon jetzt ausgebucht, woran liegt das?
Philip: Ja, unsere Freizeiten waren schon im Januar komplett ausgebucht, auch die Wartelisten sind voll. Und das, obwohl wir in diesem Jahr 115 Personen auf unsere Sommerfreizeiten nach Italien mitnehmen, das sind mehr als wir je hatten. Offenbar machen wir gute Arbeit, das freut und bestätigt uns. Ich kann mir vorstellen, dass das mit daran liegt, dass wir den Kontakt zu den Kindern und Jugendlichen auch über die fast drei Jahre Corona-Pandemie immer gehalten haben. Wir haben in der schweren und zum Teil sehr kontaktarmen Zeit möglich gemacht, was möglich war. Das hat sich am Ende für alle Seiten ausgezahlt.
Möglich gemacht, was möglich war – wie habt ihr die Coronazeit überstanden?
Philip: Rückblickend war das wirklich eine verrückte und sehr anstrengende Zeit. Ständig mussten wir die aktuellen Corona-Verordnungen nachverfolgen und immer neue Hygieneschutzkonzepte schreiben, auch unsere Angebote haben sich fast täglich verändert. So haben wir uns während des ganz strengen Lockdowns mit Personen einzeln getroffen oder über Zoom Teamevents durchgeführt, um in Kontakt zu bleiben. An Pfingsten 2020 gab es das Ritterlager für Jungs „in the box“, jeder Teilnehmer hat ein Paket bekommen mit Aufgaben, die wir täglich per Zoom gemeinsam gelöst haben. Die größte Herausforderung war, eine Rakete zu basteln, erklär das mal nur online ... Das Essen wurde über unser Küchenteam ausgeliefert und wir haben dann zusammen am Bildschirm gegessen, das war ein ganz neues Gruppenerlebnis.
Im Frühjahr 2021 zum Beispiel haben wir den Jugendwerksraum mit Ehrenamtlichen renoviert, da kamen an manchen Tagen die Leute alle nacheinander, oder wir waren zu zweit oder dritt vor Ort, wenn es die Verordnungen erlaubt haben. Alle waren froh über die Möglichkeit, raus und in Kontakt zu kommen und haben mit großer Begeisterung mitgemacht. In dieser Zeit hatten wir mehr Teamer und ehrenamtliche Helfer als je zuvor, die wir natürlich alle irgendwie einbinden wollten.
In der Zeit habt ihr sogar noch Freizeiten ins Ausland angeboten, wo andere längst alles abgesagt haben
Philip: Dass wir im Sommer 2020 mit 60 Jugendlichen plus Küchenteam tatsächlich nach Schweden gefahren sind, habe ich erst geglaubt, als wir im Bus saßen und die Türen zugingen. Wir waren in ganz Baden offenbar die einzige Gruppe, die eine Freizeit ins Ausland gewagt hat und dementsprechend groß war der Druck, ob auch alles gut geht. Und als dann nach 14 Tagen tatsächlich niemand krank geworden war, haben wir das am letzten Abend miteinander gefeiert. Das war der emotionalste Moment in meiner ganzen beruflichen Laufbahn hier im Kinder- und Jugendwerk!
2021 sind wir dann im Sommer mit 85 Leuten nach Kroatien gefahren und hatten für 2 Wochen 800 Corona-Tests dabei, die die Stadt Heidelberg uns gespendet hat. Die Teamer mussten dazu vorher Lehrgänge beim Roten Kreuz machen und haben sich super auf die Hygienekonzepte eingelassen, damit haben sie die Freizeiten überhaupt erst möglich gemacht. Auch die logistische Herausforderung, 800 Tests im Hochsommer auf einem Campingplatz zu kühlen, haben wir gemeistert und am Ende waren zu unserer großen Erleichterung wieder alle Teilnehmer gesund geblieben. Das hat uns nochmal bestätigt, das Richtige getan zu haben.
Und nach jeder Freizeit hattet ihr neue Teamer und die Gruppen wurden immer größer?
Max: Ja, ich selbst bin das beste Beispiel dafür. Vor 10 Jahren bin ich zum ersten Mal ins Ritterlager mitgefahren und bin seither „an Bord“. Seit 5 Jahren als Teamer und seit 3 Jahren im Leitungskreis – da war die Möglichkeit, hier im Kinder- und Jugendwerk ein FSJ zu machen, eigentlich nur die logische Konsequenz. Vor allem nach der Strukturlosigkeit während Corona hat mich das gerettet, ich wollte unbedingt eine Aufgabe haben, die mich erfüllt und die mir einen festen Rahmen vorgibt, in dem ich mich flexibel einbringen kann. Da bin ich hier genau am richtigen Ort. Ich glaube, wer einmal die tolle Gemeinschaft hier miterlebt hat, möchte ein Teil davon bleiben, daher haben wir jedes Jahr mehr Ehrenamtliche und fahren diesen Sommer sogar mit 26 Teamern nach Italien.
Philip, wenn du drei Wünsche frei hättet für die Arbeit im Kinder- und Jugendwerk, wie würden die lauten?
Philip: Mein erster Wunsch ist schon in Erfüllung gegangen. Seit September habe ich mit der Diakonin Rike Kraume endlich wieder eine Kollegin. Ich freue mich so sehr, dass wir mit ihr eine so tolle, kompetente junge Frau bekommen haben, die sich hier super in unser Team eingefügt hat und eine großartige Arbeit macht.
Mein zweiter Wunsch ist Gesundheit, damit ich den Job noch lange machen kann. Ich musste erst lernen und bin noch dabei, eine gute Balance zwischen Beruflichem und Privatem zu finden. Vor allen während der Coronazeit, in der ich hier mit unserer Sekretärin Uta Sewing-Fabian und den FSJlern die Arbeit weitgehend allein bewältigen musste, war das nicht immer leicht.
Einen dritten Wunsch habe ich nicht. Die Unterstützung unserer Arbeit durch die Kirche und auch die Stadt ist riesig. In den Gemeinden wird großartige Arbeit mit Kindern und Jugendlichen geleistet, sei es im Kindergottesdienst oder der Konfirmandenarbeit. Wir wirken hier Hand in Hand mit ganz vielen hoch engagierten Pfarrerinnen und Pfarrern zusammen, die sich während der Coronazeit wirklich den Hintern aufgerissen haben, das macht unglaublich viel Spaß.
Und auch das Feedback vieler Eltern und ihrer Kinder ist durchweg positiv. Eigentlich wollten wir unser Ritterlager nach Corona einstampfen, weil wir dachten, das Modell ist jetzt überholt. Aber die Proteste der Eltern und Jungs haben uns überzeugt, dass wir es genauso weiterführen wie gehabt. Ritterliche Tugenden wie Ehrlichkeit und Ordnung, Mut und Höflichkeit, Verantwortung und Fürsorge, Treue und Gerechtigkeit scheinen in unserer unbeständigen Welt eine ganz neue Aktualität zu erfahren.
Und das ist es auch, was wir in unserer täglichen Arbeit erleben und was mich erfüllt: Unsere Zuverlässigkeit und Beständigkeit haben sich ausgezahlt. Als Teil von Kirche werden wir als verlässlicher Partner angesehen, weil wir uns immer an das gehalten haben, was wir gesagt haben. Unsere Entscheidungen waren immer transparent und wir haben alle mitgenommen. So wünsche ich mir unsere Arbeit heute und in Zukunft, damit wir ein beständiges Gesicht von Kirche sind und auch bleiben.





