Die evangelische Klinikseelsorge in Heidelberg stellt sich vor

von li: Die Klinikseelsorgenden Sabine Hannak, Monika Mayer-Jäck, Christine Zimmermann-Schwarz, Bruno Ringewaldt, Verena Mätzke und Mirko Diepen gaben bewegende Einblicke in ihre Arbeit
Heidelberg, im Juli 2023. Die acht hauptamtlichen evangelischen Klinikseelsorgenden in Heidelberg üben eine der Kernaufgaben kirchlichen Handels an dem größten medizinischen Stadtort in Baden aus: Dasein. Zuhören.Begleiten. Auf der Synode am 13. Juli haben sie sich und ihre Arbeit an den Heidelberger Kliniken vorgstellt.
 
Sie haben eine riesige Gemeinde und nutzen dort die Chance, auch mit Menschen zu arbeiten, die sonst wenig bis keine Berührungspunkte mit Kirche haben. Als „aufsuchende Kirche“ machen sie in der Regel die Erfahrung, dass ihr seelsorgliches Angebot gerne und dankbar angenommen wird. In der Klinikseelsorge ist die ökumenische Zusammenarbeit schon lange selbstverständlich. In den meisten Kliniken sind sie Seelsorgenden in ökumenischen Pärchen unterwegs. Mittlerweile gibt es in Heidelberg einen ökumenischen Rufdienst, unter dem 24 Stunden an 7 Tagen in der Woche immer ein Seelsorgender erreichbar ist.
 
Das ökumenische Rufdienst-Team der Klinikseelsorge
Klinikseelsorgende sind entsendet von und angestellt bei den Kirchen. Die Klinik stellt die Räume und Infrastruktur. Von den sechs vollen Deputaten in Heidelberg sind fünf über die badische Landeskirche finanziert, eines über den Kirchenbezirk Heidelberg. Die Personalkosten für diese Stelle werden anteilig erbracht durch die Stiftung Kranke Begleiten, die Evangelische Stadtmission, den Förderverein Ambulante Hospizhilfe des Diakonischen Werks Heidelberg und die Stiftung Evangelische Klinikseelsorge in Heidelberg. Im Rahmen des landeskirchlichen Strategieprozesses ekiba2032 muss auch die Heidelberger Klinikseelsorge bis 2036 eine volle Pfarrstelle einsparen.
 
Die Arbeit der Klinikseelsorgenden umfasst viel mehr als nur die Einzelseelsorge an den Betten. Unter anderem gehören dazu die Mitarbeit in der Klinik mit allen dazugehörigen Verwaltungsabläufen, Gottesdienste, Andachten und Pflege der Kirchen und Klinikkapellen, Kasualien wie Beerdigungen, Trauungen, Taufen von Patient*innen, Segnungen Schwangerer, Gedenkfeiern für Verstorbene, Anatomiebestattungen sowie Stillgeborenenbestattungen. Auch die Begleitung und Schulung Ehrenamtlicher (Grüne Damen, Seelsorge, Schüler*innen) sowie die Organisation und Durchführung von Konzerten und inhaltlichen Veranstaltungen an den Kliniken gehören zu ihren Aufgaben. Nicht zu vergessen sind eigene Fort- und Weiterbildungen im pastoralpsychologischen, ethischen und im Palliativ-Care Bereich sowie Supervisionen.
 
Auch wenn viele dieser Aufgaben wichtig und sinnvoll sind, schlägt das Herz der Seelsorgenden doch am meisten bei der direkten und persönlichen Begleitung von Patient*innen, Mitarbeitenden und Angehörigen. Hierzu drei Erfahrungsberichte:
 
Portrait Christiane Zimmermann-Schwarz
Bericht 1: Pfarrerin Christiane Zimmermann-Schwarz, Kinderklinik:
 
Mein Telefon klingelt. Es ist die Oberärztin der Frühgeborenen-Intensivstation. „Wir brauchen Sie dringend. Einer der Zwillinge hat eine schwere Hirnblutung, die wir nicht stoppen können. Wir machen jetzt gleich noch eine Not-OP – die Eltern sind informiert und total verzweifelt. Könnten Sie sich um sie kümmern?“
Als ich auf Station komme, sitzen die Eltern in einem Zimmer, eng umschlungen, weinend, allein, während im Nachbarzimmer die Operation am Inkubator läuft. Die Eltern sind froh, dass ich da bin, erzählen, dass die Zwillingsbrüder vor zwei Tagen in der 24. Schwangerschaftswoche durch viel zu frühe Wehen, die nicht aufzuhalten waren, geboren wurden – beide kaum 500 Gramm schwer.
 
Bisher waren sie recht stabil, und jetzt diese furchtbare Blutung. Sie hoffen, haben aber auch Angst, vor dem Sterben aber auch – falls er durchkommt –, wie es sein wird: Wird er eine Chance haben, am Leben teilzunehmen? Nach über einer Stunde werden wir gerufen, die Eltern möchten, dass ich dabeibleibe, auch bei den Arztgesprächen. Dass ich nachfragen kann, manchmal auch Sprachrohr bin, dass sie hinterher nochmal das Gespräch mit mir besprechen können.
 
Es sieht schlecht aus. Die Ärzte wollen noch zuwarten. Die Eltern möchten, dass ich den Kleinen taufe. Wir machen es direkt am Inkubator. Wir vertrauen ihn Gott an und bitten, dass es gut für ihn wird – wohl wissend, dass das eben genauso auch das Sterben bedeuten kann. Nach einer durchwachten Nacht gibt es weitere Arztgespräche; Neurologen werden hinzugezogen und letztendlich geht es darum, die Therapie zu beenden, weil die Schädigungen zu gravierend sind. Der Kleine darf auf den Arm der Eltern und stirbt dort, im Nachbarbettchen liegt sein kleinerer Zwillingsbruder.
 
„Wir würden uns so freuen, wenn Sie auch die Beerdigung machen. Sie waren doch jetzt die ganzen schweren Stunden und Tage dabei und kennen ihn von Anfang an.“ Der Zwillingsbruder hält sich recht stabil, zwei bis dreimal die Woche schaue ich vorbei, die Mutter ist meist den ganzen Tag da, der Vater kommt nach der Arbeit. Ich erlebe Krisen, Ängste, Abfälle, aber auch die Fortschritte: Die ersten Trinkversuche an der Flasche, die bessere Atmung, das Knacken der magischen ersten 1000 Gramm, irgendwann die erste Kleidung. Ich sehe den Kleinen wachsen, erlebe gute wie schwere Tage. Manchmal halte ich auch die Fahne der Hoffnung hoch, wenn Verzweiflung sich breitmachen will.
 
Und dann, nach über viereinhalb Monaten, steht endlich die Entlassung an. Mit einem Segen geht’s nach Hause – zum ersten Mal dürfen auch die Großeltern ihren ersten Enkel live sehen. Aus dem selbstgestalteten Kaffeebecher „Danke für alles!“ trinke ich seither gern.
 
Alle paar Wochen müssen Frühchen zur Nachuntersuchung erscheinen. Immer wieder bekomme ich eine WhatsApp mit Bildern und den Terminen – wir treffen uns in der Ambulanz oder in meinem Büro. Auch diesen kleinen Jungen sehe ich wachsen und an Erntedank werde ich auch ihn taufen – diesmal bei einem großen Dank- und Freudenfest außerhalb der Klinik und in der Hoffnung, dass es gut wird mit ihm.
 
Bericht 2: Pfarrerin Verena Mätzke, Ökumenischer Rufdienst:
 
Mehrmals bin ich in den letzten Wochen angerufen worden, kurz bevor bei Patient*innen die Maschinen abgeschaltet wurden. Die Situationen, die ich dann vorfinde, sind oft emotional chaotisch oder ganz still, die Menschen sind manchmal total verstummt. Wenn der Zustand von Patienten sich überraschend schnell verschlechtert hat, sind die Angehörigen oft noch gar nicht in der Realität angekommen. Meist haben sie bis zum Ende auf ein Wunder gehofft.
 
Was ich dann mache, ist da sein und ganz vorsichtig ein Gespräch darüber in Gang zu bringen, wer dieser Mensch, der da im Bett liegt, für seine Angehörigen ist. Ich nenne das für mich: Den Raum der Liebe öffnen. Ich möchte ja selbst gerne wissen, wem ich da am Ende seines oder ihres Lebens noch begegne. Dann werden oft die berührendsten Geschichten mit mir und miteinander geteilt. Von der Mama, die da an der Maschine hängt, die um 23 Uhr Spaghetti kocht, weil der erwachsene Sohn nach der Stallarbeit ja nicht mit leerem Magen ins Bett kann. Von den viel zu teuren Fußballschuhen, die der sterbende Vater dem 9jährigen Sohn zum letzten Geburtstag geschenkt hat. Von der jahrelangen Fürsorge eines Vaters für seine magersüchtigen Zwillingstöchter, von den trockenen Sprüchen, für die die Oma bekannt, geliebt und gefürchtet war.
 
Wenn diese Erinnerungen ausgesprochen werden, bewegt sich was im Raum. Die Atmosphäre verändert sich, Tränen fließen, es wird gelacht. Der Raum füllt sich mit Liebe.
 
Und dann feiern wir eine Abschiedsfeier. Zünden eine Kerze an und segnen die Sterbenden. Ich berühre dabei ihre Füße für jeden Weg, den sie gegangen sind, die Hände für alles, was sie getragen, gearbeitet, gestreichelt, erschaffen haben und loslassen mussten. Den Herzraum für alle Liebe, die darin schlägt, den Kopf für alle Gedanken und Ideen, für alle Hoffnungen und Ängste, die in diesem Leben lagen.
Ich lade alle, die da sind, ein, bewusst Abschied zu nehmen, ich spreche das Vaterunser und wer das Gebet kennt und das möchte, betet mit.
 
In einer Klinik wie der Uniklinik Heidelberg geht alles immer ganz schnell. Auf einer Intensivstation wird oft im Stechschritt gelaufen. Aber der Tod ist die größte Unterbrechung. Durch die Rituale, die wir aus unserer Tradition, aus unserer Religion zur Verfügung stellen können, geben wir dem Unerträglichen eine Form, einen Halt. Die Angehörigen können in der Situation ankommen. Etwas von der Hoffnung auf eine andere Wirklichkeit wird spürbar, die jetzt schon anfängt.
 
Neulich hatte eine Ärztin die Idee, die Maschinen während des Abschieds-Rituals abzuschalten. Ich fand das gut. Die Angehörigen auch. Wir sind den Weg gemeinsam gegangen und auch die Ärztin und die Pflegekräfte haben innegehalten und sind dabeigeblieben. Danach hat die diensthabende Ärztin gesagt: „Dieser Tod hat seine Würde bekommen, dadurch, dass Sie da waren. Viel zu oft ist das hier nicht so.“ Das macht mich dann selbst auch dankbar. Dass die Begleitung geglückt ist und ich das machen darf
 
Bericht 3: Pfarrerin Monika Mayer-Jäck, Kopfklinik
 
Meine Seelsorgestellen ermöglichen mir etwas sehr Kostbares: Ich kann Patient*innen über Monate hinweg begleiten. Ich erzähle Ihnen von einem älteren Patienten, den ich kurz vor dem zweiten Lock Down in der Kopfklinik kennenlernte. Herr G. erlitt eine starke Hirnblutung. Von einem auf dem anderen Moment wurde er aus dem Leben rausgerissen. Als mich die Familie rief, lag er auf Intensivstation: nicht ansprechbar, umgeben von Monitoren, völlig unklar, ob er überleben würde.
 
Er hat es geschafft. Er wachte auf. Sein Verstand war klar. Doch er war halbseitig gelähmt, konnte wegen einer Kanüle in der Luftröhre nicht sprechen, nicht schlucken, kaum kommunizieren. Was habe ich getan? Zuhören, Anteil nehmen, Hilflosigkeit aushalten, auch von ermutigenden Erfahrungen erzählen. Das war für die Familie hilfreich.
 
Drei Wochen später kam Herr G. in die Schmieder Klinik. Ich habe mich gefreut. Denn dort konnte ich ihn weiter begleiten. Und das war so wichtig. Denn am Tag seiner Ankunft wurde der Lock Down ausgerufen. Fast fünf Monate durften keine Angehörige die Klinik betreten. Herr G. lag in einem Einzelzimmer, isoliert, völlig angewiesen auf menschliche Zuwendung.
 
Seelsorge kann sehr praktisch sein. Ich habe ein Telefon angefordert, damit er die Stimmen seiner Lieben zweimal in der Woche hören konnte. Herr G. konnte keinen Telefonhörer festhalten. Also hielt ich ihn an sein Ohr. Er konnte nicht sprechen. Deshalb habe ich seine Reaktionen beschrieben: Er lacht, er weint, er schüttelt den Kopf, ist erregt. Und ich habe erzählt, was ich sah: Seine Hände sind befreit von Schutzhandschuhen. Heute sitzt er frisch rasiert ohne Flügelhemd im Bett.
 
Er zeigt ständig auf ein Foto. Ich sehe euch, die Familie, Frau, Kinder, die kleine Emma – alle vor seinem Fenster unter Bäumen auf einem Hügel mit einem Banner: Opa Bodo wir lieben dich. Er war so glücklich. Nach wenigen Wochen habe ich das Telefon durch Videoanrufe auf meinem Handy ersetzt. Über die Monate hinweg ist viel Vertrautheit gewachsen. Ich lernte seine Blicke und Bewegungen zu deuten. Wir haben Stille gewagt mit Berührung und Gebet. Ich habe Lieder gesummt, später gesungen: „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ oder „Mein kleiner grüner Kaktus“.
 
Und ich werde nie vergessen, wie ich eines Morgens sein Zimmer betrat und erstmals seine Stimme hörte. Tief, kräftig, bewegt. Er erzählte mir von seinen Auftritten als Roy Black bei Festen und gab Kostproben. Rückschläge aushalten, Fortschritte feiern, das hat die Begleitung geprägt. Oft habe ich gedacht, welch Geschenk es ist, so intensiv am Leben anderer Menschen teilhaben zu dürfen.
Ende Mai wurde Herr G. entlassen. Ich sehe ihn und seine Frau regelmäßig, wenn er zu Kontrollen in die Kopfklinik kommt. Er läuft langsam, aber stolz mit Rollator, strahlt Lebensmut aus.
 
Vielleicht denken Sie: Corona, das ist Schnee von gestern? Doch in vielen Zimmern liegen in der Schmieder Klinik Menschen, die nicht selbstständig die Tasten am Telefon bedienen können oder die kaum Besuch bekommen. Ich bringe Zeit mit für Gespräche, für Spaziergänge im Park, für Kapellenbesuche, für Gebet, was immer den Menschen guttut. Es ist Zeit, die dem Personal fehlt. Zeit, ein unschätzbar hoher Wert in unseren Kliniken.
 
Kontakt:

Quelle: Klinikseelsorge Heidelberg

Sprecherin der evangelischen Klinikseelsorgenden Pfarrerin Sabine Hannak
Krankenhaus Salem der Evang. Stadtmission Heidelberg gGmbH
Zeppelinstr. 11-33
69121 Heidelberg
Telefon: +49 6221 483 291
E-Mail: Sabine.Hannak@stadtmission-hd.de