Heidelberg, 28.09.2023. Im Rahmen einer kleinen Bauhütte haben rund 25 Baufachleute der Evangelischen Kirche in Heidelberg sowie der badischen Landeskirche mit dem Bau eines Holzpodests innerhalb von vier Tagen den Boden im Mittelschiff der Heiliggeistkirche auf das Niveau der Seitenschiffe angehoben. Das Holzpodest erschließt Heiliggeist als Erprobungsraum für vielfältige Nutzungen. Damit wurde ein Teil des Siegerentwurfs des Stuttgarter Architektenbüros schleicher.ragaller zum Projekt „Heiliggeist mehr Raum geben“ erlebbar gemacht. Der Innenraum der Heiliggeistkirche soll in den nächsten Jahren zu einem „Möglichkeitsraum für die Stadtgesellschaft“ weiterentwickelt werden.
„Mit der kleinen Bauhütte gehen wir einen wichtigen Schritt zur Sichtbarmachung unserer Vision für die Heiliggeistkirche, hierfür danken wir allen beteiligten Baufachleuten ganz herzlich! Unsere Kirche als Raum, in dem Spiritualität, Kultur, Musik und Tourismus sich verbinden, soll für alle zugänglich sein und Freiraum bieten für vielfältige Gottesdienste und Veranstaltungen“, erläutert Dekan Christof Ellsiepen das Projekt.
„Passend zum Abschluss der Kleinen Bauhütte haben wir heute Morgen die wunderbare Mitteilung aus Berlin erhalten, dass unser Projekt „Heiliggeist mehr Raum geben“ es auf die Liste der förderwürdigen Projekte in der Förderlinie KulturInvest 2023 der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien geschafft hat. Damit hat das Projekt, das die Evangelische Kirche in Heidelberg in Kooperation mit der Stadt Heidelberg, dem Kurpfälzischen Museum, der Universitätsbibliothek, der Stiftung Schönau, der badischen Landeskirche und vielen weiteren Unterstützern entwickelt hat, die erste Hürde zur Förderung genommen“, freut sich der Dekan über die gute Nachricht. Der in Berlin eingereichte Antrag zum Gesamtkonzept umfasst die Einrichtung einer Dauerausstellung zur Bibliotheca Palatina, die barrierefreie bauliche Aufwertung der Heiliggeistkirche, die Verbesserung der touristischen Infrastruktur und die Wiederherstellung des Chorraums durch die Versetzung und Neugestaltung der Orgel auf die Westempore.
Einmal im Jahr treffen sich die Baufachleute der badischen Landeskirche zu einer Baufachtagung. Für 2023 haben sie der Evangelischen Kirche in Heidelberg den Vorschlag gemacht, das Gesamtprojekt Heiliggeist mit der Erstellung eines provisorischen Podests zu unterstützen. „Die Erfahrung, in dieser besonderen Kirche mit Hilfe vieler unterstützender Menschen vier Tage lang an der Realisierung einer so wunderbaren Vision mitbauen zu können, war großartig und für uns als Team sehr bereichernd“, resümiert der leitende Architekt Jürgen Schlechtendahl die Kleine Bauhütte.
Die mitwirkenden Architekt*innen und Zimmerleute kamen aus Heidelberg, Mannheim, Karlsruhe, Bretten, Freiburg, Meckesheim, Offenburg und Emmendingen. Am vierten Arbeitstag wurde gemeinsam mit rund 20 Projektunterstützern aus Kirche, Stadt und Gesellschaft Hand angelegt und dem 165m² großen Boden der „letzte Schliff“ verpasst. Zum Abschluss der Aktion hielt Landesbischöfin Heike Springhart eine Andacht am neuen mobilen Altar des Architekten Josef Männle mit Blick ins Mittelschiff. „Ich freue mich, dass mit der Aktion Kleine Bauhütte ein Anliegen der evangelischen Landeskirche umgesetzt wird: unsere Kirchen als Orte zu entwickeln, in denen „auf Augenhöhe“ und barrierefrei Begegnungen stattfinden“, so die Landesbischöfin. „Der Gottesdienstraum der Heiliggeistkirche wird zugleich mitten in der Stadt ein Freiraum für Musik, Kunst und Kultur.“
Das Fichtenholz für das Podest wurde Anfang 2023 in den Wäldern der Stiftung Schönau bei Sinsheim geschlagen und von dieser gespendet. Die Stiftung Schönau ist für die Heiliggeistkirche baupflichtig und unterstützt die kleine Bauhütte finanziell, ebenso wie die Evangelische Kirche in Heidelberg und der Evangelische Landeskirche in Baden. „Im Rahmen unserer Baupflicht unterstützen wir gerne das spannende Projekt `Heiliggeist mehr Raum geben´“, erläutert Gabriele Frey-Grimberg, Leiterin Baupflichten bei der Stiftung Schönau. „Deshalb haben wir für die Kleine Bauhütte einen zusätzlichen finanziellen Beitrag sowie Holz aus unserem Stiftungswald beigesteuert. Wir freuen uns, dass die Heiliggeistkirche für die Zukunft weiterentwickelt wird und damit ein attraktiver Mittelpunkt des kirchlichen Lebens in der Universitätsstadt ist und bleibt.“
Unterstützung erhielt die kleine Bauhütte von vielen Seiten. Die Fachbauleitung für die Zimmerarbeiten leistete die Heidelberger Holzbau Firma Lang. Die Restaurierungswerkstätte Knopf aus Dielheim-Balzfeld ist verantwortlich für die Einfärbung des Oberbelags, die Firma Illing aus Heidelberg für die Installation von Elektroleitungen, mit deren Hilfe neue Beleuchtungsszenarien erzeugt werden können. Methodisch wurden Bauhütte und Teambuilding begleitet von „Moritz Nestle Training“, Mannheim.
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Die baulichen Details
Die Bretter des Oberbelags sind 18 cm breit und 3,5 cm stark. Die Längen betragen 4,5 und 3 Meter. Die Unterkonstruktion für den Holzboden ist zweilagig, eine Lage mit Balken im Querschnitt 12/10 cm, eine mit 8/10 cm. Insgesamt ist das Podest ca. 22 cm stark, um den Niveauunterschied im Kirchenschiff zu überbrücken. Für die Unterbodenkonstruktion werden recyceltes Füllmaterial oder Folien zwischen Sandstein und Holz als Trennstreifen und Höhenausgleich verlegt. Das Holzpodest wird miteinander verschraubt, alles ist dem Denkmalschutz entsprechend reversibel.
Der Oberbelag wird eingefärbt mit einem Farbton, der mit dem vorhandenen Sandstein harmonisiert, so dass sich das Podest gut in die Heiliggeistkirche einfügt. Die Unterkonstruktion und der Dielenbelag werden deutlich stärker dimensioniert, als das von der rein statischen Belastung her notwendig wäre. Mit dieser Massivität soll vermieden werden, dass das Podest in Schwingung gerät und dröhnt.
Zum Gesamtkonzept „Heiliggeist mehr Raum geben“
„Die Heiliggeistkirche steht für ihre Offenheit nach Innen und nach Außen und bietet einen Möglichkeitsraum für Dialog und Vernetzung“, so das Architekturbüro schleicher.ragaller. Der Architektenentwurf sieht vor, durch wenige bauliche Eingriffe in den historischen Bestand die Grundlage für die zukünftige Kirchenentwicklung und den Möglichkeitsraum Heiliggeist zu schaffen. Mit einem durchgehenden Fußbodenniveau, einem Verbindungssteg zwischen den beiden Emporen durch die Orgel sowie dem Einbau eines Aufzugs sollen die Voraussetzungen für die Ausstellung zur berühmten Bibliotheca Palatina in der Heiliggeistkirche geschaffen werden. Ein Konzept hierfür hat das Stuttgarter Atelier Brückner ausgearbeitet.
Zur Tradition der „Bauhütte“ an Heiliggeist
Die „Kleine Bauhütte“ will sich verbinden mit der langen Tradition des europäischen Bauhüttenwesens, das 2020 zum immateriellen Weltkulturerbe ernannt wurde. Auch will sie die Geschichte einer historischen Bauhütte aufgreifen, die von 1936 bis 1956 an Heiliggeist existierte. Diese Bauhütte öffnete als erste Maßnahme nach über 200 Jahren die Scheidemauer zwischen dem Schiff und dem Chor. Nach dem zweiten Weltkrieg gestaltete sie diese Kirche sowohl außen als auch innen in der Form um, wie wir sie heute noch erleben.









