"Eine Politikerin auf der Kanzel? Ja, das geht. Aber es kommt darauf an, wie." Mit diesen Worten begrüßte Dekan Christof Ellsiepen die rund 150 Gottesdienstbesucher, die am 3. März in der Heiliggeistkirche die Kanzelrede der Parlamentarischen Staatssekretärin und Grünenabgeordneten Franziska Brantner hörten.
"Politik und Religion sind in einer entwickelten Demokratie ausdifferenziert, also unterschieden und aufeinander bezogen", so Ellsiepen weiter. Der Staat dürfe nicht selbst religiöse Züge annehmen, noch die Religionsgemeinschaften staatlich werden. Weder dürfe es einen Gottesstaat geben noch einen staatlichen Gott. Vielmehr habe der Staat dafür zu sorgen, dass keine Religionsgemeinschaft der anderen vorgezogen oder diskriminiert wird und alle ungehindert ihre Religion ausüben können. "Das ist angesichts der Bedrohung jüdischen und auch muslimischen Lebens in Deutschland eine vorrangige Aufgabe."
Umgekehrt dürften aber auch Religionsgemeinschaften sich keine staatlichen Funktionen anmaßen – auch wenn sie etwa im sozialen Bereich subsidiär wie andere Träger staatliche Aufgaben übernehmen. "Kurz gesagt: Kirche und Staat, Politik und Religion haben jeweils eine eigene Funktion im Ganzen der Gesellschaft. Und es ist wichtig, über die jeweiligen Grenzen in einem offenen Dialog und wenn nötig auch in einer Auseinandersetzung zu sein. Deshalb freue ich mich sehr, dass Sie, liebe Frau Brantner, dass Sie uns einen Impuls durch Ihre Kanzelrede geben und wir im Anschluss an den Gottesdienst darüber weiter ins Gespräch kommen können", schloss der Dekan seine Begrüßung und Einführung in das Thema.
"Ich bin heute ganz schön aufgeregt", räumt die Grünenpolitikern Brantner gleich zu Beginn ihrer Kanzelrede ein, "denn eine Kanzelrede halten zu dürfen, ist für mich etwas ganz Besonderes." Ihre Beziehung zum Glauben fand sie bereits in der Schulzeit, wo sie sich als evangelisch Getaufte eher im katholischen Religionsunterricht zuhause gefühlt hat. "Gerade mein Gerechtigkeitsverständnis und mein Antrieb, für Gerechtigkeit zu streiten, sind bis heute stark aus dieser Zeit geprägt."
"Die Frage nach Gott ist die Frage nach dem Sinn des Ganzen", sagt sie in ihrer Kanzelrede. "Die christliche Lehre geht immer auch um das Ganze. Sie haben die Kraft, immer wieder nach dem Sinn des Ganzen zu fragen und einzufordern, dass dieser mitgedacht wird. Dass auch jene mitgedacht werden, die vielleicht nicht laut aufschreien oder nicht die Kraft haben zu demonstrieren. Dass auch an jene gedacht wird, die noch gar nicht geboren sind oder gar nicht in unserem Land leben, sondern in Ländern, die wir vielleicht nie bereisen, nie kennenlernen werden, aber eben trotzdem zum Ganzen dazugehören. Ich bitte Sie darum, in Ihrem Anspruch auf den Sinn des Ganzen nicht nachzulassen", appelliert Brantner an die Anwesenden.
Denn jeder Einzelne, der für eine Idee oder einen Wert streitet, praktiziere Sinn. Und zusammen haben diese Menschen Macht. Durch gemeinsames Handeln vor Ort werden die Ziele von Freiheit, Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung lebendig. "Eine alte christliche Tradition", so die Rednerin.
Abschließend dankt sie der Evangelischen Kirche für ihre Abgrenzung zur AfD und der gleichzeitigen Bereitschaft, den Dialog auszuweiten und Orte der Sinnstiftung und Bearbeitung von Sorgen und Ängsten zu sein. "Die Erneuerung der Demokratie ist ein Marathon, kein Sprint", weiß Brantner aus eigener Erfahrung. "Ich bin zuversichtlich, nicht nur wegen der positiven Entwicklungen, oder weil andere Generationen vor uns schon mehr geleistet haben, sondern, um es mit Dietrich Bonhoeffer zu sagen `Wer Ostern kennt, kann nicht verzweifeln´.“
Das große Interesse an Franziska Brantner und ihrer Kanzelrede spiegelte sich auch im anschließenden Gespräch mit den Gottesdienstbesuchern wieder, in dem sie ihre Erwartungen und Fragen an die Politikerin adressierten. Musikalisch abgerundet wurde der Gottesdienst von den sphärischen Klängen des Saxophonisten Knut Rössler, der von Christoph Schäfer an der Orgel begleitet wurde.





