24 Stunden „Seelsorge to go“ – ein offenes Ohr für Menschen unterwegs in Heidelberg

Verena Mätzke und Andreas Hasenkamp bieten Seelsorgegespräche vor der Providenzkirche an
Heidelberg, 08.07.2024. Ein offenes Ohr – das haben Seelsorgerinnen und Seelsorger der Evangelischen Kirche in Heidelberg immer. Am Freitag, den 05.07. ab 16 Uhr hatten sie in ganz Heidelberg ein offenes Ohr für Menschen in der Stadt. Erkennbar an weinroten T-Shirts waren sie 24 Stunden lang an vielen unterschiedlichen öffentlichen Orten in Heidelberg zu finden: auf der Hauptstraße, im Café Botanik, beim Bergfriedhof, im Kaufland im Pfaffengrund oder Freitagnacht in der Unteren Straße, auf dem Rohrbacher Wochenmarkt am Samstagvormittag und an vielen anderen Orten. Dort waren sie ansprechbar für kleine und große Anliegen und Sorgen, für Bedrückendes und Beglückendes.
 
Freitag 16 Uhr, großes Einkaufszentrum in Heidelberg
 
Christiane Bindseil hat vor dem Kaufland Engel angeboten 
Die Leute decken sich noch eilig mit Getränken und Knabbersachen ein, bevor das Viertelfinale angepfiffen wird. Ich stehe mit einem jungen Kollegen im Eingang, auf unserem Einkaufswagen klebt das Plakat „Seelsorge to go“. Einige Leute schauen interessiert, fragen nach, was wir da machen. Andere hechten vorbei mit der Körpersprache „Sprecht mich bloß nicht an“.
 
Nach Bauchgefühl gehe ich auf Menschen zu und halte ihnen einen kleinen Engel aus Bast hin. „Darf ich Ihnen einen Engel schenken? Als Zeichen, dass jemand auf Sie aufpasst“ oder so ähnlich. Manche winken ab. Andere sind ganz gerührt. „Wirklich, einfach so?“ oder „Genau das brauche ich heute“. Manchmal ergibt sich ein kurzes Gespräch darüber, wozu der Engel gebraucht wird. Einigen drücken wir den QR Code in die Hand, „Seelsorge to go“ – wenn jemand von zu Hause aus Kontakt aufnehmen möchte.
 
In der Nähe ist die Ecke, wo Mitarbeitende des Einkaufszentrums ihre Raucherpause verbringen. In den eineinhalb Stunden, in denen wir hier stehen, kommen nacheinander zwei Azubis auf uns zu, fragen, was wir hier machen, und erzählen von ihrer Glaubensbiografie in einer Intensität, die man zwischen Parkhaus und Kaufhaus nicht erwarten würde.
 
Kurz bevor das Fußballspiel beginnt, nehmen wir das Plakat vom Einkaufswagen und schieben ihn zurück. Wer weiß, was die kleinen Bastengel in den nächsten Wochen alles zu tun haben werden!
 
Samstagmorgen 10 Uhr auf dem Bergfriedhof
 
Das Team Bergfriedhof hat dort viele schöne Gespräche geführt
Mit einer Kollegin baue ich einen Stehtisch am Eingang des Friedhofes auf, wir stellen Becher, Gläser, zwei große Thermoskannen mit Kaffee und einige Kaltgetränke drauf. Menschen suchen den Weg zur Trauerhalle, eine von uns bringt sie hin. Gespräch auf dem Weg. Immer wieder kommen Menschen auf den Weg zu ihren Gräbern, oder auch nur so zum Spazierengehen, sind positiv überrascht, dass sie hier so freundlich gegrüßt werden. Manche nehmen dankbar etwas zu trinken, es wird allmählich warm. Erzählen, warum sie hier sind. Und von ihren Erfahrungen mit Kirche. Gute wie schlechte.
 
Eine Trauergesellschaft bewegt sich auf den Ausgang zu, vielen bleiben stehen und freuen sich über einen Kaffee. Erzählen von der Verstorbenen und ihrem Verhältnis zu den anderen Anwesenden. Ein paar Meter entfernt sehe ich ein älteres Paar bei der Grabpflege schwitzen und bringe ihnen ein Glas Wasser. Sie sind ganz gerührt. Immer wieder kommen Menschen vorbei, bleiben stehen, freuen sich, wahrgenommen zu werden.
 
Wir bleiben länger als geplant; bis dunkle Wollen uns dann doch dazu bringen, schnell alles zusammenzupacken. In dem Moment kommt eine Familie vorbei, die eine halbe Stunde vorher zum Grab der Oma unterwegs gewesen war. Vater und Opa packen beherzt zu und helfen uns, in wenigen Minuten die Dinge ins Auto zu transportieren. So dürfen wir zum Schluss noch selber „Seelsorge to go“ erfahren. Eine Aktion, die auf jeden Fall wiederholt werden sollte.
 
Christiane Bindseil, Pfarrerin Bonhoeffergemeinde Heidelberg-Kirchheim