Es weht ein frischer Wind durch die ESG

Christian König wird offiziell von Dekan Christof Ellsiepen in sein Amt als Hochschulpfarrer eingeführt.
Von Diana Deutsch, Heidelberg, 16.07.2024 Es weht ein frischer Wind durch die ESG, die Evangelischen-Studierenden-Gemeinde. Das spürt jeder, der im altehrwürdigen Karl-Jaspers-Haus in der Plöck vorbeischaut. Hier blubbert’s, hier sprudelt’s, hier wird gemacht. Überall wachsen Ideen. Spritzige, fantastische, intellektuelle. Und mittendrin steht strahlend Dr. Christian König, der neue evangelische Hochschulpfarrer von Heidelberg. Groß, durchtrainiert, sonnengebräunt. In Hamburg geboren, in Tübingen promoviert, kombiniert der 45-Jährige die Frische des Nordens mit der Leichtigkeit des Südens. Und seine Habilitation ist auch schon fast fertig. Ihr Titel: „Unendlich gebildet“. 
 
Hochschulpfarrer Christian König auf der Kanzel der Peterskirche
„Was zum Geier?!“ Mit diesem Ausruf hat wahrscheinlich sich noch nie ein Prediger die hohe Kanzel in der Peterskirche, der Heidelberger Universitätskirche, erklommen. Und auch das Thema, das der neue Hochschulpfarrer für seine Antrittspredigt gewählt hatte, war ungewöhnlich: König sprach über den Tanz ums Goldene Kalb, das sich die Israeliten als Ersatzgott gebaut haben, kaum dass Moses ihnen kurz den Rücken gekehrt hatte. „Was zum Geier?!“ Doch dann, so Christian König weiter, hat Moses wahrscheinlich begriffen: Der Tanz ums Goldene Kalb war ein Hilfeschrei, eine Verzweiflungstat. Von Menschen, die feststeckten, bei denen es nicht voranging, die Angst hatten vor der Zukunft. „Kennen wir das nicht alle?“
 
Es war eine kluge, emotionale und sehr moderne „Antrittspredigt“, mit der sich der neue Hochschulpfarrer in „seiner“ Universitätsgemeinde eingeführt hat. Persönlich vorstellen musste sich Christian König allerdings nur noch den wenigsten Zuhörern. Er wirkt bereits seit Anfang des Jahres in der ESG. Und er ist, wie aus den Reaktionen der Studierenden zu erkennen war, sehr beliebt. Vielleicht, weil König aus eigener Erfahrung weiß, dass nicht immer alles so glatt läuft im Leben, wie man sich das vorgestellt hat. Und dass es unter Umständen viel Zeit braucht, bis man herausfindet, was man wirklich will.
 
Philosophie wollte Christian König ursprünglich studieren. In Berlin, wo sonst. Motiviert und begeistert ist er gleich nach dem Abitur losgezogen - und furchtbar gescheitert. „Ich bin weder mit der Stadt noch mit der Uni zurechtgekommen“, gesteht König. Weshalb er ziemlich kleinlaut ins heimische Hamburg zurückgekehrt ist, um sich hier jeden intellektuellen Anspruch abzutrainieren. „Ich habe mein Geld als Tennis- und Fußballtrainer verdient“, gesteht der Studentenpfarrer. Aus dieser Zeit stammen seine ansehnlichen Muskeln, die er auch heute eifrig in Form hält.
 
Doch von ein bisschen Tennis und Fußball lässt sich Gott nicht abschütteln. Eines Tages begegnete Christian König frühmorgens beim Joggen einem alten Schulfreund, der in Hamburg Theologie studierte und auf dem Weg zum Hebräisch-Kurs war. König fand das so „irre und sinnlos“, dass er „spontan beschloss“, den Freund zu begleiten. So ist der neue Hochschulpfarrer. Im Hebräisch-Kurs traf er auf eine begeisterte Gruppe von Studenten, die sich jeden Morgen um acht Uhr in einem kleinen Seminarraum versammelte. „Ich sofort Feuer und Flamme“, strahlt König.
 
Weshalb er sich das Theologische Seminar in Hamburg genauer ansah und gar nicht mehr weg wollte. „Ich habe dort alles geliebt: Die klugen Leute, den liebenswürdigen Umgangston, die ruhige Atmosphäre.“ Eigentlich, sinniert König habe er immer nur verstehen wollen, wie Leben geht. „In der Philosophie habe ich die Antwort nie gefunden, in der Theologie sofort.“ Als der Hebräisch-Kurs zu Ende war, teilte König seinen erstaunten Eltern mit, dass er Theologie studieren wolle. In Tübingen.
 
Ausgestattet mit Liegestuhl und Hahnenhemd - das Tier ist Wahrzeichen der ESG - freut König sich auf weitere spritzige Ideen
Mit dem Idyll am Neckar kam König tatsächlich viel besser zurecht als mit dem hektischen Berlin. In Tübingen kannte jeder jeden. Auf Schritt und Tritt begegnete man Kommilitonen oder Professoren, Christian König blühte auf. „Diese Nähe habe ich ganz offensichtlich gebraucht.“ 2010 das Examen. Danach Vikariat in Konstanz am Bodensee, wo aus dem angehenden Pfarrer ein begeisterter Segler wurde. Dann die Kür: Eine Doktorarbeit über Friedrich Schleiermacher. Wieder in Tübingen. Ihr Titel: „Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern.“

Und weil er gerade so schön in Fahrt war, nahm König auch gleich noch seine Habilitation in Angriff. Sie beschäftigt sich mit Thomas von Aquin. Im Herbst, so hofft Christian König, kann er schon als Privatdozent sein erstes Seminar an der Theologischen Fakultät zu Heidelberg anbieten. „Unendlich gebildet“.
Einen kompletten Wechsel in die Wissenschaft kann sich Christian König momentan allerdings nicht vorstellen. „Ich liebe es, mit den Studies zusammen zu sein und mich von ihren verrückten Ideen immer neu herausfordern zu lassen.“
 
Für sechs Jahre ist König jetzt erst einmal zum Heidelberger Hochschulpfarrer berufen. Was den Studierenden sehr recht ist. Sie sind mehr als zufrieden mit dem Neuzugang. „Christian schafft es wunderbar, Menschen zusammenzubringen“, befanden die Studierenden bei der Einführung. Er ziehe auch Leute an, die mit der Kirche eigentlich nichts am Hut haben. „In der ESG wird es von Tag zu Tag voller und enger.“