Hermann Maas wollte kein Märtyrer sein

- 07.05.2014 - 

Vortrag von Markus Geiger in der Hochschule für Jüdische Studien eröffnete die „Hermann Maas Lectures“

Zahlreiche Gäste bei der Eröffnung Hermann Maas Lectures

Quelle: ekihd

Foto: v.l.n.r.: Prof. Johannes Heil, Prof. Manfred Oeming, Markus Geiger, Prof. Martin Heiler und Dr. Marlene  Schwöbel-Hug

Heidelberg, 7. Mai 2014. Über die Person von Herman Maas wird geforscht, viel gesagt und gefragt. Und das, was zeitlebens das Motto des ehemaligen Heiliggeistpfarrers war, nämlich einander zu begegnen, das findet zu seinem Gedenken bei den „Hermann Maas Lectures“ statt.  Einer wissenschaftlichen Vortragsreihe in Zusammenarbeit der Evangelischen Kirche in Heidelberg, der Hochschule für Jüdische Studien, der Pädagogischen Hochschule und der Universität Heidelberg.  Markus Geiger, Geschäftsführer und Bildungsreferent des Evangelischen Bildungswerks Esslingen, eröffnete in der Hochschule für Jüdische Studien diese Vortragsreihe. Geiger hat nicht nur seine Doktorarbeit über Maas geschrieben. Er ist mit der Familie Hartmann befreundet, und seine Ausführungen waren daher mit persönlichen Schilderungen und alten Fotos aus den Familienalben des Enkelsohnes Joachim Hartmann angereichert.

Über und von Hermann Maas gibt es zahlreiche Bücher und Schriften. Doch dessen Stimme zu hören, das war etwas ganz Besonderes für die Zuhörer. Markus Geiger hatte ein Interview von Manfred Wolfson, einem deutsch-amerikanischen Soziologen,  mit Hermann Maas um 1965 herum in der Gedenkstätte „Stille Helden“ in Berlin ausfindig gemacht und daraus Auszüge vorgespielt. Die lebhaften Äußerungen des Prälaten ließen das Auditorium mit Dekanin Dr. Marlene Schwöbel-Hug, Professor Johannes Heil, Professor Martin Hailer und Professor Manfred Oeming aufhorchen: „Ich kann mir ein Leben ohne Juden nicht denken!“ bekräftige Maas im Gespräch, denn er habe die Juden in seinem Herzen. Der Prälat erzählt von den innigen Begegnungen und Gesprächen mit seinen jüdischen Freunden in Heidelberg, auch von seinen beeindruckenden Reisen nach Israel und ereifert sich: „Für mich war der Widerstand vor allem helfen, helfen, helfen, wo man nur kann.“ Rund 900 Kinder und Jugendliche konnten durch den unermüdlichen Einsatz von Maas und dem Berliner Büro Grüber nach England oder Israel dem Naziregime entkommen. Maas sagt aber  auch: „….ich habe nie versucht, mich raus zu lügen.“  Dies sei aber eine glatte Lüge gewesen, schmunzelte Markus Geiger, denn der Freund des Judentums habe bei Gestapoverhören nicht die Wahrheit gesagt,  um sich und andere nicht zu gefährden. Maas begründet dies im Interview so: „Ich wollte doch kein Märtyrer werden, sondern weiterarbeiten.“ Das tat er unter großer Gefahr mit ungebrochenem Willen.

Geiger betonte, dass von Anfang an vor allem die liberale Theologie, die weltweite Ökumene und die frühe Begegnung mit dem Judentum Hermann Maas prägten. Am 3. Juni 1915 trat der 38-jährige Pfarrer sein Amt in der Heiliggeistgemeinde 1 an, ein damals eher von Armut geprägtes Viertel im östlichen Bezirk mit knapp 3900 evangelischen Christen. Die Heiliggeistgemeinde 2 im westlichen Bezirk zählte mit Pfarrer Götz 3.730 evangelische Gemeindeglieder. Von der Stadt am Neckar aus baute er Brücken der Freundschaft in die ganze Welt. Mit Albert Schweitzer war er befreundet, aber auch Dietrich Bonhoeffer und Heinrich Grüber zählten zu seinen Freunden im „Weltenbund“. Maas engagierte sich im Heidelberger Stadtrat und war seiner Heiliggeistgemeinde trotz seines politischen Engagements immer ein treuer Seelsorger. Als er 1921 eine Stelle in Bonn antreten sollte,  protestierte die Heiliggeistgemeinde mit 1406 Unterschriften dagegen und bewog den Stadtpfarrer zum Bleiben. Heidelberg war für ihn immer ein segensreicher Wirkungskreis, er kümmerte sich besonders um die Jugendlichen, nichts war ihm dabei zu unbequem; das zeigte ein Foto des Pfarrers auf Strohsäcken liegend bei einer Jungenfreizeit. Auch hielt er regelmäßig Gottesdienste im Gefängnis „Fauler Pelz“.  Auf Drängen der Gestapo, wurde er 1943 von der Badische Landeskirche seines Amtes enthoben, er durfte seine Kanzel nicht mehr betreten oder Religionsunterricht erteilen.  Markus Geiger betonte, er sei für die Landeskirche eine viel zu unbequeme Person gewesen. Schließlich habe er heimlich jüdische Mitbürger getauft und regelmäßig in der Heidelberger Synagoge gepredigt, was ihm das Schimpfwort „Judenpfarrer“ einbrachte. Doch seine Heiliggeistgemeinde stand fest hinter ihm, seine Frau Kornelie stärkte ihm den Rücken, wo sie nur konnte, und seine Familie mit den drei Kindern gab ihm Halt. Noch im Alter von 67 Jahren wurde Maas ein Jahr vor Kriegsende zum „Schippen“ in ein Arbeitslager nach Belfort ins Elsass abtransportiert.  Nach dem Krieg erhielt Hermann Maas zahlreiche Ehrungen, aber seitens der damaligen Landeskirche fand er wohl nicht die Anerkennung, die er sich erhofft hatte. Doch wie hat dieser kleine, schmächtige Mann das alles bewältigen können? Bei den Schilderungen Geigers über Maas stockte einem der Atem ob der vielen Aufgaben, die sich der Ehrenbürger von Heidelberg bis ins hohe Alter aufgebürdet hatte. Markus Geiger abschließend: „Der Versöhner und Freund des Volkes Israel wollte zum Ende seines Lebens hin zum Judentum konvertieren, in Israel sterben und begraben werden, dort war er ein Star, was er in Baden nie war.“  Dazu kam es nicht. Er starb am 27. September 1970  in Weisenau bei Mainz im Haus seiner Tochter und wurde auf dem Handschuhsheimer Friedhof in Heidelberg mit allen Ehren zu Grabe getragen. Eine kleine Ausstellung erinnert im Schmitthennerhaus mit Ehrenurkunden, Fotoalben, Zeittafel und Ölportrait am Hermann-Maas-Saal an den mutigen Pfarrer von Heiliggeist.

Jutta Trilsbach