Damit Erinnerung Gestalt gewinnt

- 21.03.2011 - 

71. Jahrestag der Deportation Gedenksteine für Mahnmalprojekt in Neckarzimmern und für Heidelberg stehen fest

Quelle: ekihd

Heidelberg, 21.03.2011. Mahnen und erinnern. Zwei Gedenksteine für das Jugendprojekt „Zentrales Mahnmal in Neckarzimmern“ und für die Stadt Heidelberg sind auf den Weg gebracht. Im vergangenen Oktober startete am Raphael- und Thadden-Gymnasium in den zehnten Klassen im Kunst- und Religionsunterricht dieses Projekt, an dem sich insgesamt rund 50 Schülerinnen und Schüler beteiligten. Sie stellten sich mit ihren Lehrern Benita Joswig und Stephan Boehle die Frage, wie man mit künstlerischen Mitteln Geschichtliches visualisieren könne und was Kunst im öffentlichen Raum wie und dauerhaft auf die Gegenwart bewirkt. Die Ergebnisse in Form von elf Skulpturen wurden jetzt im Thadden-Gymnasium in einem kleinen Maßstab einer kompetenter Jury vorgestellt. Die Schüler hatten zu den Entwürfen schriftlich ihre Begründungen dargelegt.  Die Jurymitglieder fällten nach intensiver Betrachtung und Diskussion eine schwierige Entscheidung, denn alle Entwürfe beeindruckten sehr. Schuldekan Dr. Ulrich Löffler hielt von Beginn an die Fäden dieses Projektes in der Hand und moderierte die Diskussion. Er freute sich besonders, dass die Jury zu einem schnellen und eindeutigen Ergebnis kam.

Quelle: ekihd

Demnach wird der Entwurf „Stein mit Wasserfall, Hand, Koffer und Teddybär“ von Elisa Huynh und Katharina Jungwirt vom Raphaelgymnasium einmal an der Jugendgedenkstätte stehen. Die Schülerinnen begründen ihre Arbeit so: „Die deportierten Menschen im Dritten Reich mussten viel Trauer, Schmerz und Verlust ertragen... Das Wasser ist vieldeutig, es spiegelt die unzähligen Tränen wider, die vergossen wurden, aber auch die Ohnmacht der Deportierten gegenüber dem Strom der Zeit und der Gewalt. Der Schmerz findet Ausdruck in der Hand, die vergeblich in den Fluten etwas zu greifen, festzuhalten versucht. Der durch die Gewalt des Wassers geöffnete Koffer und der Teddybär stehen für den Verlust für alles Materielle, eines menschenwürdigen Lebens und einer sorglosen Kindheit in Geborgenheit und Frieden.“

Quelle: ekihd

Die Skulptur  „Bahnsteig 1a“ von Anna-Sophie Weßling vom Thadden-Gymnasium wird als künftiger Gedenkstein in Heidelberg an die Deportation erinnern. Und zwar soll er an jener Stelle stehen, von wo aus jüdische Mitbürger im Jahr 1940 in ein Auffanglager ins französische Gurs abtransportiert wurden. Mitten in der Stadt, in der Nähe der Volksbank-Hauptfiliale, befand sich historisch belegt damals das Gleis 1.  „Die Schienen stehen für den furchtbaren und scheinbar endlosen Weg nach Gurs. Dass sie in verschiedene Richtungen zeigen, bedeutet, dass die Menschen aus allen Richtungen nach Gurs kamen,“ beschreibt die Schülerin ihren Entwurf.  Jurymitglied Irina Kissin von der jüdischen Gemeinde kam in Vertretung ihres Mannes, Rabbiner Janusz Pawelczyk-Kissin. Sie konnte aus ihrer Sichtweise viele wichtige Impulse geben und sagte: „Mit der Wahl bin ich mehr als einverstanden. Dies ist überhaupt ein interessantes Projekt und ich finde beide Skulpturen sind sehr gut gelungen.“  

Quelle: ekihd

Bürgermeister Wolfgang Erichson zeigte sich erleichtert: „Ich war schon zweimal in Gurs und musste mit Bedauern feststellen, dass Heidelberg leider immer noch keine Gedenksteine aufgestellt hat. Daher freue ich mich jetzt, dass dieses Mahnmalprojekt endlich vorangeht!“ Er dankten allen Beteiligten und betonte, er sehe keine finanziellen Schwierigkeiten, jetzt das passende Material sowie Steinmetze für die Umsetzung der Entwürfe zu finden. Die Gedenksteine sollen circa einen Meter hoch, 50 Zentimeter tief und 50 Zentimeter breit gestaltet werden. Sponsoren seien natürlich  willkommen, sagte Erichson, er werde hier aktiv werben. Und er lud alle 50 Schüler, die an dem Mahnmalprojekt mitgearbeitet hatten, mit ihren Lehrern ins Rathaus zu einer kleinen Feier ein. Die Siegerinnen dürfen beim nächsten offiziellen Besuch der Stadt mit nach Gurs fahren.

Info: Erinnern und Mahnen. Auf dem Gelände der Evangelischen Jugendtagungsstätte in Neckarzimmern befindet sich seit 2004 ein zentrales Mahnmal auf einem 25 Quadratmeter großen Davidstern. Dieses Jugendprojekt dokumentiert die Schicksale deportierter Juden im zweiten Weltkrieg. Bis jetzt fehlt dort ein Gedenkstein aus Heidelberg, während kleine Gemeinden schon lange vertreten sind. Im Lager Gurs mussten rund 6000 Juden unter unmenschlichen Bedingungen hausen. 1038 Menschen starben dort an Unterernährung oder Krankheiten. 364 Juden wurden allein von Heidelberg aus nach Gurs abtransportiert, über 200 starben.