
Quelle: ekihd
Heidelberg, 8. April 2011.
„Seit dem 11. März steht die Frage nach der Zukunft der Atomkraftwerke nicht nur in Deutschland, sondern weltweit im Raum. Mittlerweile gibt es einen großen Konsens in Gesellschaft, Parteien und in den Kirchen darüber, dass der Ausstieg aus der Atomenergie aus Verantwortung für die gesamte Menschheit notwendig ist. Sicherheitsgründe, Unwägbarkeiten und das „Restrisiko“, das sich nicht nur auf Einzelpersonen, sondern Millionen von Menschen auswirkt, müssen bedacht werden. Mit dem Blick auf Fukushima und auch auf Tschernobil verbietet sich jegliche Verharmlosung der Gefahren, die von Atomkraftwerken ausgeht. Das Wort Globalisierung bekommt durch die Katastrophe in Japan einen erschreckenden Sinn.
In den Kirchen wird weiterhin ganz intensiv über den Begriff der Verantwortung nachgedacht werden müssen. Verantwortung für das eigene Leben, für das Leben der Menschen, die uns nahe sind, ist Inhalt christlicher Botschaft. Heute aber stellen wir fest, dass der Begriff der Verantwortung viel weiter gefasst werden muss. Nukleare Teilchen werden von keiner Landesgrenze aufgehalten. Die Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Länder war und ist ein hoher Wert, trotzdem können wir in immer mehr Bereichen nicht zu „inneren Angelegenheiten“ schweigen. Die Erde ist uns als Schöpfung zur Bewahrung in Verantwortung von Gott übergeben, auch für Generationen, die nach uns folgen. Als Christen sind wir zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Gottes Schöpfung verpflichtet. Und das heißt: Wir sollen mit dem, was uns anvertraut ist, so umgehen, dass auch die Generationen nach uns auf dieser Erde leben können. Wir dürfen unsere Kinder, Enkel und Urenkel nicht länger mit den Risiken der Atomenergienutzung und den Problemen der Atommüllbeseitigung belasten.
Die christlichen Kirchen äußern sich nicht mehr nur warnend und mahnend, sondern eindeutig fordernd. Schnellstens muss nach alternativen Möglichkeiten der Energieversorgung gesucht werden. Atomkraft ist nicht der Weg.
Wir dürfen aber nicht nur fordern, sondern wir müssen auch mitmachen. Leicht wird der Weg nicht, aber das darf keine Ausrede für Nichthinsehen sein. Eigentlich sollte der große Konsens, der in der Gesellschaft herrscht, eine gute Ausgangsbasis sein für gemeinsame Verantwortung, die sich auf die gesamte Welt bezieht. Unsere ethische Position zur Atomenergie begründen wir mit dem, was uns die Bibel sagt.
`Wachet und betet, dass Ihr nicht in Anfechtung fallet´, lautet der Monatsspruch für April. Das heißt, seid wachsam, lasst euch nicht ablenken, traut dem Gebet Veränderung zu, damit Ihr nicht daran zweifelt, dass Gott euch stützt.“
Gez. Dr. Marlene Schwöbel
„Wir müssen uns endgültig von der Atomenergie verabschieden“
Interview mit Dr. Marlene Schwöbel, Dekanin des Kirchenbezirks Heidelberg, zur Zukunft der Atomkraft
Frage: Frau Dr. Schwöbel, inwiefern hat die japanische Atomkatastrophe Ihre Einstellung zur Atomenergie verändert?
Schwöbel: Meine Einstellung zu Kernkraftwerken ist seit den späten 1970-er Jahren kritisch. Das ist auch durch eine ganz persönliche Erfahrung begründet. Mein ältester Sohn kam 1978 mit dem Down-Syndrom auf die Welt. Nach seiner Geburt fragte mich der Arzt: `Wohnen Sie in der Nähe eines Atomkraftwerks?´ Die Nutzung der Atomenergie bleibt mit großen Risiken behaftet. Auch darum ist für mich mit der Katastrophe in Fukushima endgültig der Zeitpunkt gekommen, wo wir uns von der Atomenergie verabschieden und uns um eine sichere Energieversorgung kümmern müssen.
Frage: Die Bundeskanzlerin hat den badischen Bischof Dr. Ulrich Fischer und den Präsidenten des Zentralkomitees deutscher Katholiken, Alois Glück, in ihre Ethikkommission zur Atomenergie berufen. Gibt es eine spezifisch christliche Position zur Atomenergie?
Schwöbel: Unsere ethische Position zur Atomenergie begründen wir mit dem, was uns die Bibel sagt. Als Christen sind wir zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Gottes Schöpfung verpflichtet. Und das heißt: Wir sollen mit dem, was uns anvertraut ist, so umgehen, dass auch die Generationen nach uns auf dieser Erde leben können. Wir dürfen unsere Kinder, Enkel und Urenkel nicht länger mit den Risiken der Atomenergienutzung und den Problemen der Atommüllbeseitigung belasten.
Frage: Wie beurteilen Sie die Möglichkeiten der alternativen Technologien zur Energieerzeugung?
Schwöbel: Wir müssen uns darauf einstellen, dass Energie erst einmal teuerer wird, wenn wir sie nicht mehr überwiegend aus Atomkraftwerken beziehen. Aber genau das könnte uns dazu bewegen, umzudenken und unseren Energieverbrauch bewusst einzuschränken. Im Alltag heißt das: keinen Strom verschwenden, keine Elektrogeräte im Standby-Betrieb laufen lassen, die Heizung herunterdrehen und einen Pullover mehr anziehen.
Frage: Sind Christen tendenziell technikfeindlich?
Schwöbel: Technik hat viel dazu beigetragen, dass die Lebensbedingungen der Menschen sich wesentlich verbessert haben. Ich denke da zum Beispiel an alles, was wir auf dem Gebiet der Medizin dem technischen Fortschritt verdanken. Aber das ändert nichts daran, dass wir Atomenergie ethisch nicht länger vertreten können, weil sie zu große Risiken für Menschen und Umwelt in sich birgt.
Die Fragen stellte Marita Hecker

