Ulrich Fischer bezog Position zu „Kirche in der Gegenwart“

- 14.07.2011 - 

Badischer Landesbischof beeindruckte mit Impulsvortrag in der Lutherkirche anlässlich des Jubiläums: 45 Jahre Lutherkirche - 10 Jahre Gemeindezentrum

Quelle: ekihd

Heidelberg-Bergheim. 14.7.2011.
„Kirche in der Gegenwart muss auf die Zukunft hin geplant werden und zwar in einer Balance zwischen Mut und Demut im absoluten Gottvertrauen!“ Mit diesen Worten beeindruckte Ulrich Fischer. Dies sei eine große Herausforderung und gleichzeitig Chance.  In die Luthergemeinde war Landesbischof Dr. Ulrich Fischer anlässlich der Jubiläumsveranstaltungen gern gekommen. Persönliche Erinnerungen hegt er an die Kirche, denn hier wurde er vor 38 Jahren getraut, und auch zum Posaunenchor bestehen enge Verbindungen.
In drei Themenbereichen war sein Vortrag gegliedert: Theologische Herausforderungen, Aufgaben in einer immer paralleler werdenden Gesellschaft und demografische Herausforderungen. Dabei holte Fischer zunächst die Grundfeste der evangelischen Kirche wieder ins Bewusstsein: Martin Luther und die Reformation. Dies sei die feste Burg, auf die man auch in Zukunft bauen könne. Daher plane die EKD bis zum Jahr 2017 anlässlich des 500-jährigen Jubiläums der Reformation zahlreiche Aktivitäten. Er verriet schon die Termine für kulturelle Großveranstaltungen in der SAP-Arena. In Heidelberg, so Fischer, würde man für 2013 bereits mit der Stadt und der Universität aus Anlass des Jubiläums von  „450 Jahre Heidelberger Katechismus“ Festakte planen. In der Hoffnung, mit der katholischen Kirche einige Veranstaltungen gemeinsam feiern zu können. „Wir haben die Hoffnung, zu weiteren ökumenischen Lösungen zu kommen und treten in den Dialog mit der katholischen Kirche auch für einen ökumenischen Kirchentag!“ Wunsch sei es, dass sich die katholische Kirche in Bezug auf die Eucharistie in ihren Gottesdiensten bewege, so dass man das Abendmahl gemeinsam feiern könne.

Kirche in der Gesellschaft
Weitere Herausforderungen seien die Beseitigung sozialer Ungerechtigkeiten zwischen Arm und Reich,  das Ringen um Frieden in der Welt und die Bewahrung der Schöpfung. Hier sei die badische Landeskirche beim Einsparen von Co2-Emmissionen mit dem Umweltzertifikat „Grüner Gockel“ bereits in vielen Gemeinden erfolgreich.  Auch seine Teilnahme in der Ethikkommission der Bundesregierung zur Abschaffung der Atomkraftwerke habe große Zustimmung in der Bevölkerung gefunden, betonte Ulrich Fischer. 

In der Gesellschaft mische sich die evangelische Kirche in Grundsatzfragen in vielen Bereichen ein. Allerdings, so Fischer, sei die Zeit des kirchlichen Monopols längst vorbei. So habe man zur aktuellen Debatte „PID“ (Präimplantationsdiagnostik) tiefe Diskussionen geführt und eine Stellungnahme gegenüber den politischen Parteien abgegeben: Vernichtung eines Embryos nur im Falle seines zu erwartenden Absterbens. Zum Thema Organspende: Der Einzelne muss dieser Spende schriftlich zustimmen. „Die heutige Gesellschaft ist bunter geworden und es hat sich im Zusammenleben der Menschen vieles geändert, dem müssen wir als Kirche Rechnung tragen und uns mit unseren Positionen in das parlamentarische System einbringen, das tun wir!“ Sozial und friedlich müsse auch die Nachbarschaft mit anderen Religionen wie dem Islam gestaltet werden. Aber auch Muslime sollten die christliche Religion in unserem Land ohne Vorurteile akzeptieren. Als bedrohlich empfand Ulrich Fischer den zunehmenden Atheismus in unserem Land, hier wolle man sehr achtsam bleiben.

Quelle: ekihd

 Bild: Pfarrer David Reichert überreicht kleine Präsente als "Dankeschön" für den Besuch in der Lutherkirche an Ulrich Fischer

Demografische Herausfordrungen
Der demografische Wandel mit 10 bis 15 Prozent weniger Kirchenmitgliedern in Baden und Rückgang der Kirchensteuern um 20 Prozent mache es notwendig, gerade im von der Landeskirche Baden ausgerufenen „Jahr der Taufe“ viele Menschen zurückzugewinnen, die sagten, wir wollen wieder dazugehören, betonte Fischer. „Wir haben noch ein hohes Potenzial von ausgetretenen Mitgliedern, Menschen, die wissen, was Kirche bedeutet, um die müssen wir uns kümmern, allein in diesem Jahr hatten wir 1700 Kircheneintritte“, freute sich der Landesbischof und unterstrich, dass die badische Landeskirche durch Schaffung von Rücklagen keine finanziellen Sorgen habe.
Darauf ging Pfarrer David Reichert ein und eröffnete eine Diskussionsrunde in der Lutherkirche. „In Heidelberg sieht dies anders aus, denn hier haben wir große finanzielle Sorgen und müssen ein Drittel unseres Gebäudebestandes veräußern“, gab er vor einem interessierten Publikum zu bedenken: „Von unseren 40.000 Mitgliedern in Heidelberg zahlen nur 32 Prozent Kirchensteuern“, sagte Reichert und stellte die Frage einer anderen Steuerart in den Raum. Dass die Kirchensteuern bleiben müssten, unterstrich Ulrich Fischer und erwähnte, dass Gehälter und Pensionen der Pfarrer in Baden von der Landeskirche (40) und aus Stiftungen wie der Evangelischen Stiftung Pflege Schönau (30) bezahlt würden. Allerdings habe er generell nichts gegen eine teilweise Erhöhung der Erbschaftssteuer und Erhebung einer Vermögenssteuer. „Die Reichen müssen mehr für unsere Gesellschaft leisten!“

Missionierung bringt nichts
Begeistert äußerte er sich zu den zukünftig in den Gemeinden stattfindenden „Kursen zum Glauben“ und dem kulturellen Angebot in der Kirchenmusik. Er appellierte zudem: „Wir sollten deutlich weniger Angst haben, auch hier in Heidelberg, Pfarrgemeinden zu fusionieren, das klappt bereits sehr gut. Wir freuen uns beispielsweise über die gelungenen Fusionen von Heiliggeist und Providenz zur Altstadtgemeinde und Boxberg mit Emmertsgrund zur Lukasgemeinde.“ Allerdings müssten die Pfarrstellen auf dem Land bleiben, da sehe die Situation anders aus als in der Stadt. Vom Publikum auf eine größere Streitkultur  in der Öffentlichkeit angesprochen, stimmte er zu und plädierte in einigen Bereichen für mehr Öffentlichkeit: „Werbung für die Kirche ist nicht unmoralisch!“  Zur Frage der Missionierung beispielsweise in den neuen Bundesländern, äußerte sich Fischer ablehnend, denn Missionierung bringe gar nichts. „Unsere Mission und Chance sind gute Kasualien, denn dies sind gelebte Begegnungen bei Trauungen oder Beerdigungen: das ist unsere vornehmste Aufgabe, um Menschen wieder für unsere Kirche zu gewinnen.“

Jutta Trilsbach
Evang. Kirche in Heidelberg