
Quelle: ekihd
Heidelberg, 15.2.2012. Ausgerechnet die Volksschule von Neckarelz bei Mosbach, also ein Ort des Lernens, wurde von März 1944 bis 1945 als Konzentrationslager von den Nazis missbraucht. Damit das Erinnern an die Gräueltaten des Nazi-Regimes ein Haus und einen Lernort für zukünftige Generationen hat, wurde im Herbst 2011 auf dem Areal der KZ-Gedenkstätte Neckarelz ein neues Gebäude als Museum eröffnet. Für dieses Bauobjekt mit einer beachtenswerten Ausstellung erhielt der Verein KZ-Gedenkstätte Neckarelz e.V. den Hermann-Maas-Preis der evangelischen Kirche Heidelberg aus der Hermann-Maas-Stiftung und dem Bischofsfonds. Bei einem Festakt am 9. Februar überreichten Landesbischof Dr. Ulrich Fischer und Dekanin Dr. Marlene Schwöbel-Hug einen Scheck über 2.500 Euro an die Vorstände des Vereins.

Quelle: ekihd
Mit dem Hermann-Maas-Preis erinnert die evangelische Kirche seit 2004 alle vier Jahre an den Theologen, Pfarrer an Heiliggeist, Prälaten und Ehrenbürger Hermann Maas. Die Dekanin begrüßte im Schmitthennerhaus Kornelie Benz, Enkelin von Hermann Maas, Vertreter der jüdischen Kultusgemeinde, katholischen Kirche, Stadtmission, Pädagogischen Hochschule, Christlich-Jüdischen Gesellschaft, des Stadtkirchenrates sowie Pfarrer der Bezirksgemeinde. Schwöbel-Hug sagte, man sei stolz auf Hermann Maas (1877 – 1970) und seinen unermüdlichen Einsatz für den Frieden zwischen den Völkern und den Dialog zwischen den Religionen. Das Erinnern an die Auswirkungen von Hass, Arroganz, Vorurteilen und Abqualifizierung von Menschen wegen ihrer Religion und Herkunft sei Verpflichtung für das Land und die Gesellschaft. Sie mahnte an: „Heute, 67 Jahre nach Kriegsende und dem Ende der Schreckensherrschaft des NS-Regimes, stehen wir mit Unverständnis und Fragen vor dem Phänomen, dass rechtsextremes Gedankengut in Deutschland immer noch Anhänger findet und zu unmenschlichen und schrecklichen Taten geführt hat.“
Die Arbeit der Gedenkstätte.
Auf Initiative des Vereins Gedenkstätte Neckarelz wurde eine „Schule der Erinnerung“ auf dem ehemaligen KZ-Gelände errichtet, angrenzend an die jetzige Grundschule. In ihrer Dankesrede hob die Vereinsvorsitzende Dorothee Roos hervor, dass es vermessen wäre, damit dem Leid nachträglich so etwas wie einen Sinn verleihen zu wollen. Aber, wenn doch etwas Sinnähnliches aus dieser Geschichte erwachsen sollte, dann der, diese Erinnerungsgeschichte in einen Lernort einzubringen und aus der Schule als KZ ein KZ als Schule zu machen. Roos lobte das vorbildliche ehrenamtliche Engagement der Vereinsmitglieder, der Stadt Mosbach und der Bürger von Neckarelz. Denn immerhin mussten aus Privatspenden, aus Fördermitteln der EU und des Landes sowie Zuschüssen der Stadt insgesamt 550.000 Euro für das moderne Museumsgebäude aufgewendet werden. „Unsere Akkus von der Einweihungsfeier mit Familien der KZ-Häftlinge aus sechs Ländern und vielen Ehrengästen waren leer, die Kassen auch, und daher war die Mitteilung aus dem evangelischen Dekanat Heidelberg über den Gewinn des Hermann-Maas-Preises für uns ein bisschen wie ein Wunder“, freute sich Roos.
Laudatio und Grußworte
In seiner Laudatio ging Professor Dr. Johannes Heil von der Hochschule für Jüdische Studien, Heidelberg, auf Neckarelz als exemplarischer Lernort zur Gegenwart von Geschichte ein. Noch tief beeindruckt von seiner Reise in die Partnerstadt Rehovot, berichtete Prof. Heil vom Besuch des Hermann-Maas-Gedenksteines in Yad Vashem in Israel. „Das Besondere an der Gedenkstätten-Arbeit hier in Neckarelz ist die Bewusstmachung der Geschichte mit kreativen Mitteln sowie der Mut zur Gestaltung.“ Lobenswert sei, dass Vereinsmitglieder und Bürger mit Patenschaften dabei geholfen haben, das Museumsgebäude zu realisieren: „Dies bedeutet doch, sich aktiv der Geschichte zu öffnen“, so Profesor Heil.
Landesbischof Ulrich Fischer erinnerte in seiner Ansprache an seine Amtszeit als Pfarrer in Kirchheim in 1986. Damals sei er mit dem Verschweigen von Zwangsarbeit in diesem Stadtteil direkt konfrontiert worden. „Man schaute weg und verdrängte die grausamen Geschehnisse“, bedauerte Fischer. Er begann zu recherchieren, aufzudecken und stieß dabei auch auf das ehemalige Konzentrations- und Arbeitslager „Goldfisch“ in Neckarelz bzw. Obrigheim. Fischer dankte den Verantwortlichen daher besonders für die Errichtung der Gedenkstätte und betonte: „Im Erinnern liegt der Keim für die Gestaltung der Zukunft!“ Bürgermeister Dr. Joachim Gerner entsandte Grußworte der Stadt Heidelberg, verbunden mit der Hoffnung, dass der Hermann-Maas-Preis den Vereinsmitgliedern neue Motivation und Kraft gebe für ihre weitere Arbeit an der Gedenkstätte.
Vor allem eine Fotoshow der neuen Museums-Ausstellung beeindruckte die Gäste. „Schalom Aleichem, malachei haschalom!“- Friede mit Euch! erklang im großen Saal vom Vokalensemble des Figuralchors Heidelberg, unter Leitung von Ulrich Seibert.
Dekanat Evangelische Kirche in Heidelberg,
Heiliggeiststraße 17, D-69117 Heidelberg
Dekanin: Dr. Marlene Schwöbel-Hug
Tel. 06221/ 9803-40 Telefax: 06221/ 9803-49
Presse: Jutta Trilsbach, Schlossstr. 11, D-69427 Eschelbronn
Tel. 06226 / 42251 E-Mail: jutta.trilsbach@t-online.de
Hermann Maas Preis-2012 für die KZ Gedenkstätte Neckarelz
Johannes Heil, Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg (www.hfjs.eu)
Am 27. Januar dieses Jahres, dem Tag des Gedenkens an die Befreiung des KZ Auschwitz, war ich mit einer Delegation des Heidelberger Gemeinderates mit OB Dr. Eckart Würzner an der Spitze in der Heidelberger Partnerstadt Rechovot. Morgens stand die Fahrt nach Jerusalem an mit dem Besuch der Gedenkstätte Yad VaShem als wichtigster Teil. Unsere israelischen Gastgeber machten aber bei der Fahrt aus der Stadt heraus erst einmal einen Umweg durch ein Neubaugebiet. Sie haben uns die Rechov Hermann Maas mit dem Straßenschild, das seine Lebensdaten birgt, gezeigt, stolz haben sie uns die Strasse gezeigt, die in der Persönlichkeit Hermann Maas’ eine Brücke zwischen Heidelberg und Rechovot bildet.
Mittags haben wir dann in Yad Vashem den Baum und die Gedenkplatte gesehen, als Zeichen dd er Anerkennung für den Mann, der theologisch, politisch und menschlich anders dachte, als viele in seiner Zeit; und der unbeirrt anders handelte, als andere es taten, wenn sie zulangten, anlegten oder wegschauten.
Hermann Maas war auch in den Folgetagen immer wieder präsent, vor allem in den Erzählungen ehemaliger Heidelberger beim bewegenden Treffen in Tel Aviv am Sonntag. Einige kannten Hermann Maas persönlich, manche hatten ihr Entkommen dem Einsatz des Pfarrers der Heidelberger Heiliggeistkirche zu verdanken. Auch die Jüngeren kannten den Namen Hermann Maas und die Geschichte seines Lebens. Er war und ist Teil der Geschichte ihrer Eltern und damit selbstverständlicher Teil der Familiengeschichte.
Hermann Maas ist kein ehernes Monument, das auf einem Sockel festgeschraubt ist. Er ist eine Gestalt zu lebendiger Erinnerung, mehr noch: seine Persönlichkeit ist eine Gestalterin von Erinnerung. In Rechovot, in Heidelberg, auch anderswo. Es ist eine anregende, nachdenklich machende Gestalt.
Es ist die einfache Entschiedenheit, die nachdenklich macht und anregt. Warum einer, der nur wenig Geschriebenes hinterlassen hat, so reich und entschieden im Wirken sein konnte und wollte. Maas ist ja nicht der große Theologe, der ein breites Oeuvre hinterlassen hätte. Gedruckt sind Predigten, vor allem aus der Zeit des Nationalsozialismus, und seine Erfahrungsberichte von Israel-Reisen in den frühen fünfziger Jahren. Skizzen von einer Fahrt nach Israel (1950) oder das mehrfach wiederaufgelegte … und will Rachels Kinder wieder bringen in ihr Land (1955) stammen aus der Feder eines Mannes, der im jungen Staat Israel unbestritten und herzlich willkommen war, während – von den Tätern ganz zu schweigen – andere lange nicht dorthin fahren wollten, weil sie die Fragen nach Courage, Mitgefühl und Solidarität scheuten, die gestellt würden und die sie – anders als Hermann Maas – nicht hätten beantworten können, weil sie sie sich selbst wohl nicht beantworten konnten.
Hermann Maas war ein Praktiker, kein Theoretiker. Er war vor allem ein freier Geist im besten und eigentlichen Sinne, der entschieden aus seinem Glauben lebte und sich keiner Strömung unbedacht anschloss. Der dafür sich denen anschloss, die ihm teuer, anderen aber suspekt und auch zuwider waren.
1903 hat er – als vielleicht einziger Christ – am 3. Zionistenkongress in Basel teilgenommen, war 1919 den Freimaurern beigetreten, hatte 1925 gegen den Widerstand des konservativ bis antirepublikanisch eingestellten badischen Kirchenregiments eine Grabrede auf den sozialdemokratischen Reichspräsidenten Friedrich Ebert gehalten – und hat dann seit 1933 Verfolgten, vor allem verfolgten Juden geholfen, bis er dafür 1943 zwangsweise in den Ruhestand versetzt und schließlich zur Zwangsarbeit nach Frankreich verschleppt wurde.
Hier begegnen sich die Biographie von Hermann Maas und die Gedenkstätte am Ort des KZ Neckarelz ganz direkt. Sie liegen ja auch nur einige Dutzend Kilometer von einander entfernt am selben Fluss.
Mit der Auszeichnung des Vereins »KZ-Gedenkstätte Neckarelz e.V.« mit dem Hermann Maas-Preis des Jahres 21012 durch die Evangelische Landeskirche Baden und die Hermann-Maas-Stiftung wird ganz bewusst ein Zeichen in der Region gesetzt.
Gewiß: Neckarelz mit den sog. Neckarlagern zählt nicht zu den großen Lagern dieser Gegenwelt von Entrechtung und Vernichtung. Allein dass ein Lagerkomplex mit 10.000 Häftlingen nicht zu den großen Lagern zählt, berichtet etwas von den Dimensionen des Lagersystems im nationalsozialistischen Deutschland und in den besetzten Ländern Europas. Neckarelz hat auch nur für eine vergleichweise kurze Zeit, vom Frühjahre 1944-bis Kriegsende 1945 bestanden.
Aber in Neckarelz verdichtet sich auf dramatische Weise vieles vom dem, was das NS-Regime ausmachte: die Verstrickung von Wirtschaft und Gewaltherrschaft, die – wie es rückblickend erscheint – Internationalität der Lagergemeinschaft mit Häftlingen aus vielen Ländern, dabei Christen, Juden, Muslime und andere, die Sichtbarkeit dieser Herrschaft in der eigenen lokalen Lebenswelt, auch das unbeirrbare Streben, das System von Ausbeutung und Entrechtung unter allen Umständen und bis zum letzten Moment aufrecht zu erhalten, danach auch das Beschweigen der Geschehnisse über lange Jahrzehnte hinweg, dann die Wiedergewinnung des geschichtlichen Ortes, der sogleich zum Ort der Begegnung wurde.
Als Historiker ist mir in Neckarelz vieles klarer vor Augen getreten.
Ausgezeichnet wird heute nicht allein eine Gedenkstätte, die ein wichtiges Kapitel der letzten Kriegsjahre wieder erschließt. Ausgezeichnet wird eine Gedenkstättenarbeit, die in ihrer Gestaltung und Dokumentation eigene Wege beschritten und dabei neue Formen ausprobiert hat und die es sich traut, in ihrer Arbeit kreative Mittel einzusetzen.
Ausgezeichnet wird eine beispielhafte bürgerschafliche Initiative geschichtlicher Gedenkarbeit, die auf Zukunft hin ausgerichtet ist; dabei wird nicht nur der Verein für seine eigene Arbeit ausgezeichnet, sondern ebenso die konsequente Einbindung der Bevölkerung der Stadt und der Region – ich nenne nur die Patenschaften für die Lamellen des Gebäudes oder ihre Anbringung beim sog. „Lamellenfest“, die Renovierung des Goldfisch-Pfads durch dreißig Jugendliche (angehende Landschaftsgärtner) aus dem Berufsbildungswerk der Johannesanstalten Mosbach und durch zwei 8. Klassen der Realschule Obrigheim oder die Renovierung und Wiederherstellung einer in der Gipsgrube Obrigheim gefundenen Lore, die nun ein wichtiges Exponat der Dauerausstellung ist, durch Auszubildende in der Lehrwerkstatt des Zementwerks Leimen.
Die KZ-Gedenkstätte Neckarelz mit dem Geschichtslehrpfad »Goldfisch« in Obrigheim ist mit dem Verweis auf die Vergangenheit und dem Blick nach vorne auf besondere Weise ein historischer Lernort und ein Ort der politischen Bildung geworden.
Beide Einrichtungen – die Gedenkstätte und der Geschichtslehrpfad wurden von Vereinsmitgliedern konzipiert und in ehrenamtlicher Arbeit verwirklicht.
Dabei bleibt die Arbeit aber nicht stehen. Mit der Schulung von Gedenkstätten-LotsInnen wird die nachhaltige Arbeit des Bildungsortes KZ-Gedenkstätte Neckarelz sichergestellt.
Zu erwähnen ist auch die gut gestaltete Internetpräsenz, die von Benutzern und Besuchern der Gedenkstätte immer wieder Lob erfährt
Das Besondere der KZ-Gedenkstätte Neckrelz e.V. (und ihre besondere Preiswürdigkeit):
- Da ist die Bewusstmachung der bislang vernachlässigten zentralen Bedeutung des KZ Neckarelz und seiner zugehörigen Teile in den letzten Monaten des Kriegs als Nachfolge des Hauptlagers Natzweiler)
- die Vernetzung im lokalen Raum zur umfassenden Darstellung der geschichtlich gegebenen verschiedenen Einheiten von Verfolgung, Ausnutzung, Erniedrigung → historische Mehrschichtigkeit des Ortes
- das Einrücken der Erinnerung in den lokalen Horizont, d.h. die Wiedergewinnung der geschichtlich tatsächlich gegebenen „Präsenz“ des KZ Neckarelz auf dem Schulgelände des Ortes – die Geschichte des Nationalsozialismus erscheint nicht als etwas, das sich an fernen Orten „im Osten“ abgespielt hat.
- und das ehrenamtliche Engagement aus dem Ort heraus
Kommen wir noch einmal auf das schon genannte „Lamellenfest“ zurück.
Mich würde es nicht wundern, wenn sich jemand darüber mockiert hätte, dass eine Veranstaltung der KZ-Gedenkstätte als Fest angekündigt wird.
In der Tat zeigt sich hier, dass der Trägerverein in vielem ungewohnte, unkonventionelle Wege beschreitet.
Kann es Konventionen für die Erinnerung geben?
Müssen diese dann nicht irgendwann zu leblosen Ritualen werden?
Ich möchte zwei Antworten auf die absehbare Frage nach der Festlichkeit der Erinnerungsarbeit geben.
Einmal ist es das Fest der Begegnung. Im Erinnern gibt es keine Unentschiedenheit. Wenn sie geschieht – und ich habe in Neckarelz beeindruckende Begegnungen mit französischen Überlebenden erlebt oder denke einmal mehr an die Tage in Rechovot – wenn also Begegnung geschieht, dann kann sie nicht anders als intensiv sein: offen, direkt, dann aber auch herzlich und unweigerlich tief.
Zum zweiten wissen wir, dass sich die Erinnerung nicht festlegen, nicht festhalten, lässt. Sie begnügt sich nicht mit Informationstafeln, Felder starrer grauer Stelen oder vermeintlicher Authentizität. Ruth Klüger hat das – wie so vieles andere – meisterlich auf den Punkt gebracht, wenn sie von der Begegnung mit engagierten, wohlmeinenden deutschen Freiwilligen in Theresienstadt berichtete, die dort die Zäune anstrichen. Weil es doch erhalten werden solle, wie es gewesen war, so sagten sie der Überlebenden. Und dieser Überlebenden beim Blick auf die frisch gestrichenen Zäune der gerade besuchte Ort Theresienstadt immer weiter vom selbst erlebten Erinnerungsort Theresienstadt fortrückte und unwirklich wurde.
In Neckarelz hat man die Konturen des einstigen Baus mit einem Neubau wiederhergestellt und den historischen Ort neu überdacht. Im Schatten der Lamellen spielt tagsüber die Sonne. Man hat mobile Skulpturen aufgestellt, die sich bewegen lassen, ja mit denen man spielen kann. Man hat authentische Stücke wie die Lore oder einen Originalflugzeugmotor, wie er hier von Gefangenen gebaut wurde, in die Gedenkstätte gebracht. Aber sie sind nicht Teil einer Inszenierung vermeintlicher Wirklichkeit von einst, sondern Objekte der Erinnerungsarbeit – Unikate, auf eigene Weise Stolpersteine, die ganz unterschiedliche Aneignungen erlauben.
Es ist, wie ich meine, gerade der Mut zur Gestaltung der Kapitel „verborgener Geschichte“ wie auch der „offenen Geschichte“ (Architekturkonzept) abseits der Konventionen, der diese Gedenkstätte interessant, lebendig und damit besonders förderungswürdig macht.
Ich nenne stellvertretend für viel andere das Bauteam der Gedenkstätte: Architekt Andreas Lang, Bauleiter Volker Vogel, Zimmermann Lutz Tscharf, Gerg Fischer, Arno Huth, Hans Jürgen Klumb, Dorothee Roos.
Ausgezeichnet werden mit dem Hermann Maas Preis 2012 die Initiatoren und die Bauherrengemeinschaft aus Verein und Stadt Mosbach, aber insgesamt die Bürger der Stadt Mosbach und des Stadtteils Neckarelz – und alle Mosbacher und Auswärtigen, die durch Firmen- und Privatspenden, vor allem durch den Erwerb von Patenschaften für die Lamellen des Ausstellungspavillons, die Finanzierung ermöglichten.
Denn sie öffnen sich aktiv und mutig der Geschichte. Da ist eben nicht nur die wunderschöne Altstadt von Mosbach mit der Stiftskirche und ihren historischen Bauten oder die spektakuläre mehrstöckige Tempelkirche in Neckarelz.
Da ist auch die Gedenkstätte in der Mitte des Ortes, direkt auf dem Gelände der einstigen und auch heutigen Schule, dem zwischenzeitlichen KZ-Appellplatz – ein unumgänglicher Kontrapunkt inmitten der Stadt und ihrem Alltag, damals wie auch wieder heute.
Auf den wenigen hundert Metern zwischen Tempelkirche und KZ-Gedenkstätte wird deutsche Geschichte in all ihren Facetten deutlich.
Man soll, so das architektonische Konzept, die Lamellenfassade als Hinweis auf die gestreiften Häftlingsuniformen („Zebras“) lesen können, ebenso aber auch als Verweis auf die allgegenwärtigen Strichcodes unserer Tage, die ja praktisch sind, aber auch die Totalerfassung des Menschen erlauben, wenn sie zum Instrument neuerlicher totaler Herrschaft werden.
Mit all dem, was man da erkennen mag, kann man dann weiterdenken und arbeiten, auf Zukunft hin.
Prof. Dr. Johannes Heil, Erster Prorektor
Leiter der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg
Landfriedstr. 12
69117 Heidelberg
Tel. +6221 54192-11
Rede Dorothee Roos, 1. Vorsitzende Verein KZ-Gedenkstätte
Sehr geehrter Herr Landesbischof Fischer,
liebe Frau Dekanin Schwöbel-Hug,
hoch geschätzter Herr Prof. Heil,
verehrte festliche Versammlung, meine Damen und Herren,
als ich im letzten Dezember die Mail vom Dekanat Heidelberg bekam, die uns in schlichten Worten mitteilte, wir hätten als Verein KZ-Gedenkstätte den Hermann-Maas-Preis zuerkannt bekommen, war das ein bisschen wie ein Wunder. Sie müssen sich vorstellen: gerade hatten wir in einer großen Kraftanstrengung unser Umbau- und Bauprojekt gestemmt, hatten vor der Einweihung der neuen Gedenkstätte fast Tag und Nacht an der Ausstellung gewerkelt, um alles rechtzeitig hinzukriegen, dann kamen die Feierlichkeiten der Eröffnung, sehr bewegend mit all den vielen Gästen, den Familien der KZ-Häftlinge aus sechs Ländern, aber auch kräftezehrend.
Die Akkus waren leer, die Kassen auch, bis auf die eiserne Reserve, versteht sich. Und da war es einfach wunderbar, ich sage das in des Wortes etwas tieferer Bedeutung, dass dieser Preis vom Himmel fiel, einfach so, ohne dass man einen Förderantrag stellen oder sich sonst wie anstrengen musste. Luther hätte gesagt: sola gratia. Und natürlich meine ich nicht nur die mit dem Preis verbundene Summe. Sondern auch die große Ehre, die damit verbunden ist, und die bewirkt, dass wir uns nach der Arbeit des letzten Jahres in außerordentlicher Weise gewürdigt und anerkannt gefühlt haben und noch fühlen.
Gratia – das ist nicht nur die Gnade, sondern auch die Dankbarkeit, und deshalb möchte ich an den Anfang meiner kleinen Rede den Dank stellen. Dank an diejenigen, die uns vorgeschlagen haben, Dank an das Entscheidungsgremium, das den Vorschlag angenommen hat, und Dank an alle, die diese schöne Feierstunde heute ausgerichtet und organisiert haben. Dank auch an Sie alle, die Sie den Abend mit Ihrer Anwesenheit ehren.
Meine Ausführungen habe ich überschrieben mit „Schule der Erinnerung – zur Arbeit der KZ-Gedenkstätte Neckarelz“. Ich will zunächst mal sagen, was ich damit nicht meine. Ich will damit nicht sagen, dass wir glauben, wir hätten in Neckarelz etwas Musterhaftes geschaffen, etwas, das nun anderen irgendwie zum Vorbild hingehalten werden soll, nach dem Motto: so muss man es machen. Warum das gar nicht sein kann, das werden Sie im Lauf meiner Ausführungen noch merken.
Nein, das Wortspiel mit der Schule der Erinnerung hat ja zunächst den sehr ernsten Hintergrund, dass in Neckarelz im März 1944 eine Schule in ein Konzentrationslager verwandelt worden ist. Man stelle sich vor: die Grundschule eines Dorfes, ein stattliches Gründerzeitgebäude, gebaut durchaus mit bürgerschaftlichem Stolz, um Kindern und Jugendlichen eine gute Lernumgebung zu geben – ein solches Haus wird als Gefängnis schlimmster Sorte missbraucht, als ein Ort, wo der Tod von Menschen jederzeit billigend in Kauf genommen wird. Für mich ist das wie eine Allegorie des Totalen Krieges, eines Krieges, der tief ins alltägliche Leben der Menschen eingreift und auch die Kinder nicht verschont. Die werden aus ihrem Haus vertrieben, haben Unterricht irgendwo, oder auch nicht, es kümmert so recht keinen - weil Krieg und Rüstung und wahnhaft beschworener Endsieg die Logik der politisch Verantwortlichen bestimmten.
Die Schule wird zum KZ, der Schulhof wird Appellplatz, auf dem auch Strafen und Hinrichtungen vollzogen werden. Um das KZ Neckarelz Schule und die unterirdische Rüstungsfabrik mit dem so harmlos klingenden Namen „Goldfisch“ bilden sich weitere Strukturen aus KZ-Lagern, Zwangsarbeiterlagern, Gestapo- und Kommandantur-Einrichtungen, Herr Heil hat da ja schon ausgeführt. Wie ein Spinnennetz liegen sie über der Neckarregion und dem Elzmündungsraum.
Nach dem Krieg verschwindet das alles, als wäre es nie gewesen. Das KZ wird wieder Schule – selbstverständlich, ganz ohne Frage. Alle sind froh, dass das Gebäude nicht zerstört ist. Man will nicht nach rückwärts schauen, sondern nach vorne, den Krieg und alles, was er mit sich gebracht hat, so bald als möglich vergessen. Ich sage das ganz ohne Häme, ich finde, das ist eine menschlich sehr verständliche Reaktion.
Allerdings zeigt sich, dass sich die Geschichte eben doch nicht so einfach wegdrängen lässt. Lange Zeit hat es den Anschein, fast wäre, nach langen Jahrzehnten des Schweigens, dieses Kapitel der Heimatgeschichte endgültig zugeklappt und dem Vergessen anheim gegeben worden. Doch gab es einige Leute, die das nicht ruhen ließ, und die sich diesem Sog entgegengestemmt haben. Sie fingen an zu graben, zu bohren – und siehe da, unter einer dünnen Schicht war noch jede Menge an Information, an Wissen, an Erinnerung. Man brauchte sie nur zu Tage zu fördern.
Solche Prozesse liefen in vielen Orten ab – hier ist Neckarelz gleichsam ein Schulbeispiel. Damit sind wir wieder bei unserem Thema angelangt.
Das Schule als KZ war ein Ort sinnlosen Leids, obwohl, wie ich vorhin schon gesagt habe, sie in einer bestimmten, von Menschenverachtung geprägten, aber gleichwohl rationalen Logik stand. Es wäre vermessen, diesem Leid nachträglich so etwas wie Sinn verleihen zu wollen. Aber, wenn denn doch etwas Sinn-Ähnliches aus dieser Geschichte erwachsen sollte, dann der, diese Erinnerungsgeschichte in einen Lernort einzubringen, aus der Schule als KZ ein KZ als Schule zu machen.
„Schule“ meint hier allerdings nicht, hier abfragbares und prüfungsrelevantes Wissen verfügbar zu machen. Wiewohl ich nicht leugnen will, dass in der alltäglichen Arbeit auch das auch immer mal wieder vorkommt.
Aber im Grunde soll die Arbeit, die wir mit jungen Leuten oder Erwachsenen machen, ein Prozess sein, in welchem wir miteinander etwas lernen. Wir selber, die Gedenkstättenmacher, sind dabei nicht nur die Gebenden. Wir lernen selber von und mit unseren Besuchern. Gerade auch jetzt, wo wir einen neuen Lernort haben, mit dem wir erst selber unsere Erfahrungen machen. Und das ist ein merkwürdiger und – wie alle Bildungsvorgänge – ein dialektischer Prozess.
Gerade in der letzten Woche habe ich es erlebt, dass Schülerinnen und Schüler einer neunten Klasse nach einem Besuch in der Gedenkstätte sagten: „Ach, hier ist es so schön – wir wollen gar nicht wieder in die Schule zurück!“ Als ich diesen Satz hörte, habe ich mich einerseits gefreut, andererseits bin ich fast ein bisschen erschrocken. Denn eine Gedenkstätte ist ja eigentlich kein Wohlfühlort bzw. will und soll keiner sein. Oder vielleicht doch? Die jungen Leute haben dabei unbewusst zwei ganz verschiedene Dinge erkannt und ausgedrückt. Zum einen ist die Gedenkstätte eben das, was man heute einen „außerschulischen Lernort“ nennt. Das heißt, vereinfacht gesagt, eine Schule, die keine Schule ist. Das Lernen dort ist anders, hat mehr mit Erfahren, Entdecken, Erleben zu tun und in unserem Fall eben auch mit dem Erinnern – wobei dieser Wort hier nicht für ein persönliches Erinnern steht, denn fast niemand von uns Gedenkstätten-MacherInnen hat mehr eigene Erinnerungen an die Kriegszeit, wir sind die Kinder des Nachkriegs. Aber die Erinnerung in der Gedenkstätte macht das Vertraute, die Orte, die man kennt, in gewisser Weise fremd – man sieht die Welt mit neuen Augen und ent-deckt im Wortsinn Dinge, die vorher verborgen waren. Das ist das, was die Pädagogik „kognitive Distanz“ nennt – und deren Überwindung Freude macht, weil man selber etwas herausgefunden hat.
Doch die jungen Leute haben auch noch etwas anderes ausgedrückt, was mit der Atmosphäre des Ortes zu tun hat.
Das Ausstellungsteam bestand ja aus Mitgliedern des Vereins selber, wir haben das, was wir erforscht haben und was wir wussten, in die neue Ausstellung hineingesteckt und uns die Präsentation selber ausgedacht. Allerdings hat diese Ausstellung durch unsere Museumsgestalterin Ulrike Thiele eine Form bekommen, die über diese Inhalte hinausgeht und in den Räumen eine besondere Atmosphäre schafft, die etwas mit ihrer ästhetischen Qualität zu tun hat. Die Ausstellung ist damit nicht nur ein begehbares Geschichtsbuch, sondern auch so etwas wie ein Kunstwerk. Das heißt, es gibt viele Möglichkeiten, damit umzugehen und etwas herauszulesen. Das liegt an der Art der Zusammenstellung, an Farben und Formen, an Bezügen, die sich herstellen und an die wir selber gar nicht immer bewusst gedacht haben. Es ist eine Art Spiegelung, eine Reflexion, die ins Nachdenken bringt. Man erlebt dabei immer wieder Überraschungen, und wir sind gerade dabei, als Gedenkstättenlotsen und – lotsinnen die Möglichkeiten zu erkunden, die unsere eigene Ausstellung bietet. Damit gehen wir sozusagen bei uns selbst in die Schule.
Dabei ist der Blick auf die Schule, die einst Konzentrationslager war, der entscheidende Aspekt unserer Ausstellung. Aspekt im Sinn von An-Blick – das Gebäude der Grundschule, das unserer Gedenkstätte gegenüber liegt, ist dabei immer durch den Lamellenzaun verstellt, den wir zwischen die Ausstellung und die Grundschule gelegt haben; sie haben ja Fotos davon gesehen. Diese Lamellen schließen und öffnen den Blick zugleich. Sie vergittern die Welt – man kann ihnen nicht entgehen, und der Blick auf die Schule und den Schulhof ist nur durch das Gitter zu haben. Damit verlieren die ländliche Schule und der Schulhof mit seinen Spielgeräten, mit Kletterturm und Rutschbahn, das Idyllische, was sie sonst hätten. Andererseits bilden die Lamellen vor dem eigentlichen Ausstellungshaus einen offenen Raum. Dieser Raum ist der Witterung preisgegeben, jetzt also gerade wirklich bitterkalt und vom Wind durchweht. Aber er ist auch ein offener Raum im übertragenen Sinn.
Wir wollen unsere Gedenkstätte offen halten für neue Gedanken, für ein Denken, das über das Ge-Denken im Sinne einer bloßen Vergangenheitsorientierung hinaus geht. Wir wollen versuchen, so gut wir das können, auch für die Zukunft zu arbeiten. Zum Beispiel im Sinne einer menschenrechtlichen Bildung oder einfach auch nur im Sinn einer Stärkung der persönlichen Kräfte zu Empathie und Reflexion unserer jugendlichen Besucher. Wir wissen nicht, ob uns das wirklich gelingt, das weiß man als Pädagoge ja nie so ganz genau. Jedenfalls verbindet uns auch diese Zukunftsdimension mit dem, was eine Schule sein sollte. Auch eine Schule macht nur Sinn, wenn sie für die Zukunft gedacht ist – und auch etwas mit dem Gemeinwesen, der Polis, zu tun hat. In diesem Sinn verstehen wir uns auch einen Ort der politischen Bildung.
Ich meine, dass es hier auch eine Verbindungslinie zu Hermann Maas gibt. Der war nun ganz sicher kein schulmäßiger Denker und Theologe, sondern ein in ganz vielen Hinsichten offener Mensch, übrigens auch ein politischer. Dabei auf Ausgleich und Versöhnung ausgerichtet – aber auch fest in seinen Überzeugungen und seinem Einstehen für Demokratie und Menschenrechte.
Wie ich schon gesagt habe, ehrt uns der Preis, der mit seinem Namen verbunden ist, ganz außerordentlich – und motiviert uns zugleich, in unserer Arbeit in und an der „Schule der Erinnerung“ weiter zu arbeiten.
Ich danke Ihnen.
Dorothee Roos, 1. Vorsitzende Verein KZ-Gedenkstätte, Tel. 06261-4963, Familie.Roos@gmx.de

