Evangelische Kirche in Heidelberg feiert das „Hundertjährige“ ihres ehemaligen Heiliggeist-Pfarrers Hermann-Maas

Gezeichnetes Portrait von Hermann Maas mit Jahreszahlen 1877 - 1970
Heidelberg, 20.04.2015. Am 6. Juli 1915 trat Hermann Maas sein Amt als Pfarrer in der Heiliggeistgemeinde an. Um das Gedenken an ihn wach zu halten und seine Impulse um den christlich-jüdischen Dialog, zur Verantwortung für den Frieden und den Kampf gegen jede Form von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in die Gegenwart hinein fortzuführen, feiert die evangelische Kirche in Heidelberg mit Förderern, Freunden und einer großen Gemeinde am 28. Juni 2015 einen Gottesdienst und ein Fest auf der „Marienhütte“ hoch über Heidelberg. Dieses Haus inmitten von Wald und frischer Luft war schon seit jeher ein Ort für Ferienfreizeiten für Kinder armer Familien, der von Hermann Maas inspiriert wurde. Im Mittelpunkt des Festes soll sein Engagement für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen stehen. Das Fest wird zum Anlass genommen, einen Freundeskreis aus der Taufe zu heben, der aktiv das Gedenken in die Breite der Gesellschaft trägt. Auch die Hermann-Maas-Stiftung in Heidelberg hält die Erinnerungen an den großen Versöhner mit der Verleihung des "Hermann-Maas-Preises" aufrecht.

Leben für Versöhnung und Wegbereiter für den christlich-jüdischen Dialog

Am 5. August 1877 wurde Hermann Maas als Pfarrersohn in Gengenbach geboren. Er studierte unter anderem in Heidelberg Theologie. Neben seinem Beruf als Pfarrer engagierte er sich im Heidelberger Stadtrat. Trotz seines politischen Engagements war Maas seiner Heiliggeistgemeinde ein treuer Seelsorger und kümmerte sich sehr um die Jugend, Alten und Armen. Denn die Gemeinde war damals eher ein von Armut geprägtes Viertel im östlichen Bezirk der Altstadt mit knapp 3900 evangelischen Christen. Von der Stadt am Neckar aus baute der Ehrenbürger Heidelbergs "Brücken der Freundschaft" in die ganze Welt. Als er 1921 eine Stelle in Bonn antreten sollte, protestierte die Heiliggeistgemeinde mit 1406 Unterschriften dagegen und bewog den Stadtpfarrer zum Bleiben, so war Heidelberg war für ihn immer ein segensreicher Wirkungskreis. Auch hielt er regelmäßig Gottesdienste im Gefängnis „Fauler Pelz“. Auf Drängen der Gestapo wurde Pfarrer Maas 1943 von der Badischen Landeskirche seines Amtes enthoben, er durfte seine Kanzel nicht mehr betreten oder Religionsunterricht erteilen. Für die damalige evangelische Landeskirche war er eine viel zu unbequeme Person gewesen, denn schließlich hatte er heimlich jüdische Mitbürger getauft und regelmäßig in der Heidelberger Synagoge gepredigt, was ihm das Schimpfwort „Judenpfarrer“ einbrachte. Doch seine Heiliggeistgemeinde stand fest hinter ihm, seine Frau Cornelie stärkte ihm den Rücken, wo sie nur konnte, und seine Familie mit den drei Kindern gab ihm Halt. Noch im Alter von 67 Jahren wurde Maas - ein Jahr vor Kriegsende - zum „Schippen“ in ein Arbeitslager nach Belfort ins Elsass mit anderen Pfarrern aus Heidelberg abtransportiert - zum sogenannten Kriegssondereinsatz.

Wer war Hermann Maas?

Über die Person von Herman Maas wird geforscht, viel gesagt und gefragt. Und das, was zeitlebens das Motto des ehemaligen Heiliggeistpfarrers war, nämlich einander zu begegnen, das fand in 2014 bei den „Hermann Maas Lectures“ statt, einer wissenschaftlichen Vortragsreihe in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Kirche in Heidelberg, der Hochschule für Jüdische Studien, der Pädagogischen Hochschule und der Universität Heidelberg. Markus Geiger, Geschäftsführer und Bildungsreferent des Evangelischen Bildungswerks Esslingen, eröffnete in der Hochschule für Jüdische Studien diese Vortragsreihe. Geiger hat nicht nur seine Doktorarbeit über Maas geschrieben. Er ist mit der Familie Hartmann befreundet, und seine Ausführungen waren daher mit persönlichen Schilderungen und alten Fotos aus den Familienalben des Enkelsohnes Joachim Hartmann angereichert. Über und von Hermann Maas gibt es zahlreiche Bücher und Schriften. Doch dessen Original-Stimme zu hören war etwas ganz Besonderes. Markus Geiger hatte ein Interview um 1965 herum von Manfred Wolfson, einem deutsch-amerikanischen Soziologen, mit Hermann Maas in der Gedenkstätte „Stille Helden“ in Berlin ausfindig gemacht und daraus Auszüge vorgespielt. Die lebhaften Äußerungen des Prälaten ließen aufhorchen.st. So bekräftigte Maas im Gespräch, er habe die Juden stets in seinem Herzen: „Ich kann mir ein Leben ohne Juden nicht denken!“ Der Prälat erzählt von den innigen Begegnungen und Gesprächen mit seinen jüdischen Freunden in Heidelberg, auch von seinen beeindruckenden Reisen nach Israel und ereifert sich: „Für mich war der Widerstand vor allem helfen, helfen, helfen, wo man nur kann.“

Rund 900 Kinder und Jugendliche konnten durch den unermüdlichen Einsatz von Maas und dem Berliner Büro Grüber durch Flucht nach England oder Israel dem Naziregime entkommen. Maas sagte aber auch zu den Gestapo-Verhören: „….ich habe nie versucht, mich raus zu lügen.“ Dies sei aber eine glatte Lüge gewesen, schmunzelte Markus Geiger, denn der Freund des Judentums habe bei Gestapo-Verhören nicht die Wahrheit gesagt, um sich und seine Mitstreiter nicht zu gefährden. Maas begründet dies im Interview so: „Ich wollte doch kein Märtyrer werden, sondern weiterarbeiten.“ Das tat er unter großer Gefahr und mit ungebrochenem Willen.

Für sein großes, mutiges Engagement erhielt er unzählige Auszeichnungen, Ehrentitel sowie den Doktortitel ehrenhalber der Theologischen Fakultät Heidelberg. Er war im Jahr 1950 der erste Deutsche, der vom Staat Israel zum Besuch in das Heilige Land eingeladen wurde. Dort wurde er mit der „Yad-Vashem-Medaille der 36 Gerechten unter den Völkern Israels“ ausgezeichnet. Prälat Hermann Maas starb am 27. September 1970 in Weisenau bei Mainz im Haus seiner Tochter. In Heidelberg wurde er auf dem Handschuhsheimer Friedhof mit allen Ehren zu Grabe getragen.
 
Jutta Trilsbach