„Wohltun ist wie ein gesegneter Garten“ – Hermann Maas und die Marienhütte im Wandel der Zeit

An die 250 Kinder erholen sich im Sommer 1932 auf der Marienhütte

Quelle: Karin Wilke

Heidelberg, 22.06.2015. Am 28. Juni begeht die evangelische Altstadtgemeinde mit einem Gemeindefest ab 11 Uhr auf der Marienhütte das 100jährige Jubiläum ihres ehemaligen Stadtpfarrers Hermann Maas. Zum Auftakt wird in einem Gottesdienst unter Leitung von Pfarrerin Zweygart-Pérez das Leben und Wirken des umtriebigen Kirchenmannes in Erzählstationen veranschaulicht. Im Anschluss erinnert die evangelische Dekanin Marlene Schwöbel-Hug gemeinsam mit Bürgermeister Dr. Joachim Gerner in Grußworten an den Pionier der ökumenischen Bewegung und Mitbegründer der Marienhütte.

Mit einem bunten Fest wollen die Mitglieder der Heidelberger Altstadtgemeinden am 28. Juni ihres berühmten Gemeindespfarrers Hermann Maas gedenken. An diesem Tag soll auch der Hermann-Maas Freundeskreis ins Leben gerufen werden, der sich die Fortführung von Maas´ kirchlichem und sozialpolitischen Engagement zur Aufgabe machen möchte. Der Stadtpfarrer der Heiliggeistgemeinde hat sich von 1915-43 vor allem für das Wohl der ihm anvertrauten Kinder eingesetzt. Um den in der Altstadt unter ärmlichen und beengten Verhältnissen lebenden Menschen die Möglichkeit einer Sommerfrische im Grünen zu verschaffen, begründete er 1928 mit finanzieller und organisatorischer Unterstützung von Marie Comtesse oberhalb vom Schloss die Marienhütte.

Hermann Maas verbringt mit seinen Schützlingen 1935 Ferien auf der Marienhütte

Quelle: Karin Wilke

Seither haben Generationen von Heidelbergern auf der Marienhütte nicht nur schöne Ferien verbracht sondern auch ihre Spuren hinterlassen. So darf das ursprüngliche Haus von 1928 heute aufgrund baulicher Mängel für die Freizeiten nicht mehr genutzt werden. Der 2003 renovierte Anbau bietet zwar reichlich Platz für die gemeinsamen Mahlzeiten und Bastelarbeiten der Kinder, eine Übernachtungsmöglichkeit zur ganzjährigen Nutzung gibt es jedoch nicht. Und auch die Natur erobert sich beharrlich zurück, was nicht regelmäßig gepflegt und gerodet wird.

Mit Hilfe der Mitglieder des Rotary Clubs Heidelberg-Alte Brücke, die 2014 im Rahmen ihrer „hands-on“-Aktion dem Urwald auf dem Gelände mit großem Engagement zu Leibe gerückt sind, ist das Zuwachsen der wertvollen Spielflächen verhindert worden. Bei diesem tatkräftigen Miteinander von Jung und Alt wurde manch alteingesessenem Heidelberger bewusst, was für ein Juwel da über dem Schloss im Dornröschenschlaf liegt. „Es ist schade, dass ein so wunderbarer Ort nur drei Wochen im Jahr genutzt werden kann“, bedauert Rotarier Manfred M. Fischer. Der Architekt kann sich dort oben eine Erweiterung des Kinderparadieses durch Übernachtungsmöglichkeiten gut vorstellen und ist bereits am Planen.

Zwei kleine Häuser im Zeltstiel sollen auf dem Gelände entstehen, in denen jeweils zwischen 15 und 18 Schlafplätze zur Übernachtung vorgesehen sind. In ihrer Mitte soll ein Grillplatz zum geselligen Verweilen einladen. „Die Kinder selbst haben dieses Gelände ja schon perfekt erobert und vorbereitet für eine solche Anlage“, freut sich Manfred M. Fischer und deutet auf den  Platz mit Feuerstelle und Sitzgelegenheiten. Die alten Baracken, die bisher an dieser Stelle stehen, müssen abgerissen werden, auch einen barrierefreien Zugang zu den neuen Häusern soll es geben.

„Die Menschen sollen mit Begeisterung hierher kommen und ihren eigenen Erholungsort selbst mit kreieren“, wünscht sich der umtriebige Architekt, der sich ehrenamtlich für dieses Projekt engagiert. Die leuchtenden Kinderaugen auf einer Sommerfreizeit des Diakonischen Werks haben ihn davon überzeugt, dass dieser magische Ort auch ganzjährig für Kinder und Erwachsene nutzbar sein sollte. Doch solche Pläne kosten viel Geld, insgesamt um die 250.000 Euro, schätzt Fischer.

Architekt Manfred M. Fischer plant an dieser Stelle zwei neue Häuser und den Grillplatz

Quelle: Karin Wilke

Diese, so ist die Dekanin der Evangelischen Kirche in Heidelberg Marlene Schwöbel-Hug zuversichtlich, können durch Mittel der Kirche, externe Zuschüsse und Spenden sicherlich aufgebracht werden. Auch die Rotarier vom Club Alte Brücke wollen hierbei noch einmal helfen: Mit „man power“ in Form von Arbeitseinsätzen und mit finanziellem Support. „Ich bin glücklich und dankbar für die vielen großherzigen Menschen, die in unserer Stadt leben!“, freut sich die Dekanin über so viel Unterstützung. Besonders dankbar ist sie für Erlös der letztjährigen Kirchgeldaktion zugunsten der Marienhütte: Stolze 52.000 Euro sind dabei zusammengekommen, die für den Grillplatz und die geplanten Neubauten eingesetzt werden sollen.

„Unsere Vision ist es, dass hier in naher Zukunft wieder ein Ort der Begegnung und Erholung für alle Generationen entsteht“, so die Theologin, die mit diesem Wunsch nicht allein ist. „Es wäre schön, wenn der Posaunenchor wieder an die Tradition der Proben und Jungbläsertage auf der Marienhütte anknüpfen könnte“, wünscht sich der Obmann des Posaunenchores Heiliggeist Wolfgang Schneider. Damit sprechen sie der Mitbegründerin und Mäzenin der Marienhütte Marie Comtesse aus tiefster Seele, der es immer um das Wohl aller erholungsbedürftigen Menschen jeden Alters ging. Sie wusste schon damals, dass Großartiges entstehen kann, wenn alle mit anpacken:

„Helft alle mit, damit unsere Arbeit immer weiter ausgebaut werden kann. Ihr werdet dann auch an euch die Wahrheit des Spruches erkennen, der am Eingang unseres Heimes steht: `Wohltun ist wie ein gesegneter Garten´“.

Karin Wilke, Evangelische Kirche in Heidelberg

Geschichte der Marienhütte

  • Anfang der 1920er Jahre hat Hermann Maas gemeinsam mit der Verlegergattin Marie Comtesse und Bürgermeister Drach die Idee, ein Erholungsheim für Frauen und Kinder aus ärmlichen Verhältnissen zu gründen.
  • 1924 erwirbt Marie Comtesse das Gelände über dem Schloss, 1928 wird die nach ihrer Gönnerin benannte „Marienhütte“ feierlich eingeweiht.
  • Für nur 70 Pfennige pro Tag finden dort Kinder, Frauen und Senioren Ruhe und Erholung. Finanziert werden die Angebote durch den Einsatz der Frauen- und Müttervereinigung der Altstadtgemeinden (Verkauf von Handarbeiten auf organisierten Bazaren und Spenden).
  • Während des 2. Weltkriegs soll die Marienhütte von der NSV-Organisation requiriert werden. Um dies zu verhindern, übernimmt die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Heidelberg das Haus.
  • Ab 1943 zwangsweise Unterbringung von Müttern mit ihren Säuglingen der Sozialabteilung IG Farben, kurz vor Kriegsende Beschlagnahmung durch die Wehrmacht und Umfunktionierung zum Reservelazarett.
  • 1946 zieht Gemeindediakon Martin Sponagel mit seiner Frau Anne in das ausgeplünderte Anwesen und übernimmt die Leitung. Er koordiniert die Instandsetzung des maroden Gebäudes durch Arbeitseinsätze der Heidelberger Jugend- und Gemeindegruppen mit Hilfe von ortsansässigen Handwerkern, die Pflege Schönau spendet das Holz.
  • Kurz darauf Wiederaufnahme der Kindererholung unter Leitung von Frau Dr. Fraenkel.
  • 1950 Gründung des Posaunenchores Heiliggeist unter Leitung von Diakon Sponagel, Proben und regelmäßige Konzerte finden auf der Marienhütte statt. Bis vor wenigen Jahren wurde sie zuweilen noch als Probenort für den Posaunenchor genutzt.
  • 1951 gelingt es der Pflege Schönau, das von der Stadt gepachtete Gelände gegen ein Grundstück im Pfaffengrund einzutauschen, damit kommt die Marienhütte in Kirchenbesitz.
  • 1965 Einweihung des Erweiterungsbaus westlich des Haupthauses mit großem Speisesaal für 200 Kinder, Großküche und sanitären Anlagen, da die baulichen Mängel der aus Holz erbauten Marienhütte eine Nutzung nur noch eingeschränkt zulassen.
  • 1994 fasst der Evangelische Kirchengemeinderat Heidelberg aus Kostengründen den Beschluss, die Marienhütte zu schließen, falls nicht ein neuer Träger gefunden wird.
  • 1995 Gründung des Diakonievereins aus dem Ältestenkreis der Heiliggeistgemeinde mit dem Ziel, auf der Marienhütte weiterhin Erholungsmaßnahmen des Diakonischen Werks für Kinder, Senioren und Familien anzubieten.
  • 2003 Renovierung des Anbaus mit finanzieller Unterstützung durch Stadt, Kirche und zahlreiche Spender: Neugestaltung des Außengeländes, Sanierung der sanitären Anlagen und Heizung inkl. Dämmung, Einrichtung eines Werkraumes.
  • Seit über 85 Jahren bieten die Evangelische Kirche in Heidelberg und das Diakonische Werk Heidelberg bis heute auf der Marienhütte Freizeiten für Kinder und Jugendliche in den Sommerferien an.

2014/15 wurden für den Erhalt der Marienhütte über 52.000 Euro gespendet, wofür wir Ihnen herzlich danken! Damit möchten wir die Marienhütte auch für zukünftige Begegnungen und Freizeitaktivitäten von Jung und Alt erhalten und erweitern.