Viele dieser Fragen gingen auch dem Fotografen Udo Lahm durch den Kopf, als er im vergangenen Sommer an zwei Tagen für jeweils zwei Stunden Gelegenheit hatte, mit Flüchtlingen im Erstaufnahmelager Patrick Henry Village zu sprechen und sie mit ihrer Genehmigung auch zu fotografieren. Das Elend und die Enge um ihn herum, das stumme Leid in den Augen der Menschen und ihre Fragen nach der Zukunft haben ihn sehr berührt und belastet, so der Fotojournalist. „Und trotzdem habe ich diese Bilder gemacht, weil ich zeigen will, dass Flüchtlinge nicht eine anonyme Masse sind, sondern einzelne Menschen mit ganz persönlichen Schicksalen, Ängsten, Hoffnungen und Bedürfnissen.“ Zeitzeuge sein und andere Menschen an diesen Zeitzeugnissen teilhaben lassen, das ist sein Motiv, das treibt ihn an.
„Schauen Sie die Bilder an und den Menschen in die Augen – und Sie werden die vielen Fragen erkennen, die diese Bilder aufwerfen!“, forderte Lahm das zahlreich erschienene Vernissage-Publikum auf. Und tatsächlich, die Schwarz-Weiß-Fotografien, die den Blick auf das Wesentliche lenken, gehen unter die Haut. Da ist der kleine Junge, der ins Nichts schaut und in dessen großen Augen sich die existenzielle Frage: „Was wird aus mir?“ widerspiegelt. Oder die Mütter mit ihren Kindern, die vor einer verschlossenen Tür auf ärztliche Hilfe warten. Ihre Augen fragen: „Versteht man uns und wird uns geholfen werden?“Eigentlich habe er nicht gedacht, mit seinen Bildern unmittelbar helfen zu können, räumte Udo Lahm in seiner Ansprache an die Gäste ein. Aber nun seien bereits einige Menschen auf ihn zugekommen die helfen wollen, weil sie von den Bildern persönlich berührt werden. Diese Reaktion zeigt, dass es ihm gelungen ist, mit seiner Kamera die Augen und Herzen der Betrachter für das Gegenüber, den Einzelnen zu öffnen.
„Es ist gut, dass wir hinter den Massen die Einzelnen sehen und uns bemühen, unseren Teil für Integration zu tun“, resümierte Dekanin Schwöbel-Hug den Abend. „Für mich ist es dabei selbstverständlich, dass wir uns als Christen nicht verführen lassen, in eine Angstsituation hineinzuschliddern. Ein Zusammenleben von anderen Kulturen ist dann keine Bedrohung, wenn wir uns unserer eigenen Kultur, unseres eigenen Glaubens sicher sind. Wenn wir offen sind für neue Herausforderungen, wenn wir Herz zeigen und dabei den Verstand nicht ausschalten.“
Karin Wilke
Information:
Die Ausstellung „Fluchtstation Heidelberg – Der Alltag im Erstaufnahmelager Patrick-Henry-Village“ ist noch bis zum 15. November von 10 bis 18 Uhr in der Providenzkirche in Heidelberg zu sehen, der Eintritt ist frei.
Menschen, die sich in Heidelberg ehrenamtlich für Flüchtlinge engagieren möchten, können ihr Hilfeangebot an die folgende E-Mail Adresse richten: www.ehrenamt@caritas-diakonie-hd.de



