Zuhören und Zeit schenken, wo die Not groß ist – Seelsorge an Heidelberger Kliniken

Patricia Tempel freut sich über den regelmäßigen Besuch der Klinikseelsorgerin Christiane Zimmermann-Schwarz

Quelle: Karin Wilke

Heidelberg, 28.10.2015. „Heute Morgen hatte noch niemand Zeit, mit mir aufzustehen“, erklärt Patientin Patricia Tempel mit einem entschuldigenden Lächeln ihre Lage. Deshalb liege sie noch im Bett, anstatt wie gewohnt im Rollstuhl im Aufenthaltsraum zu sitzen. Beim vertrauten Anblick der evangelischen Klinikseelsorgerin Christiane Zimmermann-Schwarz strahlt die junge Frau über das ganze Gesicht. „Es tut so gut zu wissen, dass regelmäßig jemand kommt und mir zuhört!“, erzählt die 41jährige Erzieherin und Mutter eines knapp zweijährigen Sohnes. Eine zunächst nicht erkannte Autoimmunerkrankung ließ sie immer schwächer werden, bis sie im Mai dieses Jahres plötzlich ins Koma fiel, ihr Atemzentrum war ausgefallen. Als sie nach über 6 Wochen wieder aufwachte, erinnerte sie sich an nichts – und war am ganzen Körper gelähmt.

Seit Beginn ihrer Reha in der Heidelberger Schmiederklinik bekommt sie zweimal wöchentlich Besuch von Christiane Zimmermann-Schwarz. „Wir hatten auf Anhieb einen guten Draht zueinander“, erzählt die aufgeweckte Patientin fröhlich, „auch wenn es manchmal nur Smalltalk ist, worüber wir reden, sind mir die Zeit und Zuwendung ungeheuer wichtig!“ Auch für Ihren Ehemann, der mit dem Sohn in Stuttgart lebt und sie nicht täglich besuchen kann, sind die regelmäßigen Besuche der Klinikseelsorgerin eine große Entlastung. „Er war sehr dankbar und erleichtert darüber, dass ich mich um seine Frau kümmere“, erzählt Zimmermann-Schwarz. Schicksale wie dieses erlebt sie in ihrem Berufsalltag in der Universitäts-Frauenklinik und der Schmiederklinik „Speyererhof“ täglich.

„Niemals aufgeben!“ lautet das Motto der Patienten in der Schmiederklinik, das Bild ist 2012 in einer Malaktion mit Künstlern und Patienten entstanden

Quelle: Karin Wilke

„Zeit mitzubringen und Hoffnung zu schenken sehe ich als meine vorrangige Aufgabe an“, erklärt die Pfarrerin, die selbst dreifache Mutter ist. Das ist es auch, was ihr viele Patienten widerspiegeln, die offen und dankbar sind für persönliche Zuwendung jenseits des straff durchorganisierten Klinikalltags. Dabei spielen Religion und Konfession meist eine untergeordnete Rolle, die evangelischen Klinikseelsorger haben ein offenes Ohr für alle, die sie rufen – und dies rund um die Uhr. Es gibt an sieben Tagen in der Woche einen 24-Stunden Rufdienst, den sich die Klinikpfarrer untereinander aufgeteilt haben, um jederzeit in schweren Notlagen mit seelischem Beistand vor Ort sein zu können. Dazu können der plötzliche Tod eines Angehörigen zählen, die Verabschiedung von einem lieben Menschen bei Abschaltung lebenserhaltender Geräte oder die Nottaufe eines Neugeborenen. „Ganz wichtig ist hier die eng vernetzte Zusammenarbeit  mit weiteren Klinikmitarbeitenden, aber auch der intensive Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen“, weiß Zimmermann-Schwarz die gute Teamarbeit zu schätzen.

Häufig suchen auch Menschen, die angesichts ihrer schweren Lage mit Gott hadern oder die gar nichts von ihm wissen wollen, das Gespräch mit den Seelsorgern. So seien Muslima zuweilen dankbar für ein vertrauliches Gespräch mit der Pfarrerin als Frau und Mutter, um über den schmerzlichen Verlust eines stillgeborenen Kindes zu sprechen oder Fragen zu stellen, mit denen sie sich sonst an niemanden wenden können. Es sind oft die ganz praktischen Fragen, die die Gespräche bestimmen: `Wie gehe ich mit der Krankheit um, wie sage ich es meiner Familie?´  `Wer hilft mir zuhause, wie löse ich die finanzielle Not, die mir durch die Krankheit entstanden ist?´ Aber auch  `Warum ich, warum tut Gott mir das an?!´ Hier gelte es nicht, Antworten zu finden oder gar Gottes Taten zu rechtfertigen, sondern gemeinsam das oft so schwere Schicksal anzunehmen und auszuhalten.

Gefragt nach ihrer schier unerschöpflichen Motivation erzählt sie lächelnd von einer Patientin, die ihr gleich beim ersten Besuch an den Kopf warf, dass sie mit Gott `nichts am Hut´ habe. Über viele Wochen hinweg habe sie diese Patientin immer wieder freundlich gegrüßt, teils bei Seelsorgegesprächen am benachbarten Bett, teils bei Begegnungen auf dem Gang. Bei ihrer Entlassung habe ihr die Patientin fest die Hand gedrückt und ihr zugeraunt: „Passen Sie gut auf sich auf, damit Sie Ihre wichtige Aufgabe noch lange ausüben können!“ Erstaunt nach ihrem plötzlichen Sinneswandel gefragt, antwortete sie lächelnd: „Wissen Sie, Menschen können sich ändern!“

Karin Wilke