Mit „Scriptual Reasoning“ Einblicke in andere Religionen gewinnen

Gespannt wird den Ausführungen zum Thema Vergebung gelauscht

Quelle: Karin Wilke

Heidelberg, 21.10.2015. Bereits seit 2014 treffen sich diskussionsfreudige Vertreter verschiedener Religionen zweimal im Jahr zum „Scriptual Reasoning“, einem interreligiösen Gedankenaustausch zu ausgewählten Themen. Dieses Mal hatte die Evangelische Kirche in Heidelberg zur Diskussionsrunde in das Interkulturelle Zentrum auf dem Landfriedgelände eingeladen, Thema des Abends war „Vergebung“. Vertreter des Islam, des Judentums, des Christentums und der Bahá´í stellten anhand von Texten aus ihren heiligen Schriften in 10 Minuten das Konzept der Vergebung in ihrer jeweiligen Religion vor. Danach lud Gastgeberin und Gesprächsleiterin Marlene Schwöbel-Hug die 23 anwesenden Gäste in einer Gesprächsrunde zum Gedankenaustausch ein.

Während im Islam die Voraussetzung für Vergebung die Zuwendung des Gläubigen zu Gott ist und gegenüber Freunden und Feinden gleichermaßen praktiziert werden soll, hängt sie nach dem Verständnis der Bahá´í allein von der Gnade Gottes ab. Hier können die gottesfürchtigen Gläubigen zwar nach einem gottgefälligen Leben Vergebung – auch von ihren Mitmenschen – erbitten, ihre Gewährung liegt jedoch in der Hand Gottes. Im Judentum geschieht die Vergebung in der Nachahmung Gottes: „Wir sollen vergeben, weil Gott uns vergibt.“ Es gibt zwei Kategorien von Vergehen, zum einen gegenüber Gott z.B. durch die Nichteinhaltung seiner Gebote und zum anderen gegenüber einem Mitmenschen. Dieses zweite Vergehen kann nur dann vergeben werden, wenn auch der Betroffene seinem Peiniger vergibt. Im Falle des Todes eines Betroffenen muss der Peiniger sein Vergehen an dessen Grab öffentlich aussprechen, um postum Vergebung zu erlangen.

Das christliche Konzept der Vergebung legte Pfarrer Gunnar Garleff von der Friedensgemeinde anhand von Matth. 6, 12-15 dar: „…Wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, wird Gott euch vergeben. Wenn ihr den Menschen aber nicht vergebt, wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.“ Bei den Christen steht die Vergebungspraxis im Zentrum der Glaubenspraxis und ist ein Gebot der Nächstenliebe, sie ist der Grund für Jesus´ irdisches Leben. Die Vergebung gegenüber dem Nächsten ist Grundvoraussetzung für Gottes Vergebung.

Die nachfolgende lebhafte Diskussion zeigte einmal mehr, wie fruchtbar und wertvoll der interreligiöse Austausch ist – so wurde an diesem Abend deutlich, dass es zwischen den Religionen viel mehr Verbindendes als Trennendes gibt. Für das nächste Treffen im Frühjahr 2016 einigten sich die Anwesenden auf das Thema „Abrahamsgeschichten“. Die Organisation des Abends, auf den man schon jetzt gespannt sein darf, übernimmt Ethem Ebrem als Vertreter des Islam.

Karin Wilke

Info:

Die Methode des „Scriptural Reasoning“ stammt ursprünglich aus Amerika (New York), wo anfangs Muslime und Juden inhaltlich miteinander ins Gespräch kamen über ihre jeweiligen Religionen. Heute ist mit der Methode und dem Namen „Scriptural Reasoning“ hauptsächlich Professor David Ford aus Cambridge verbunden. Weltweit gibt es interreligiöse  Gruppen, die sich anhand ihrer religiösen Texte zu vorgegebenen Themen besser kennen lernen. Es gibt nur zwei Regeln, an die sich jeder halten muss: Es darf nicht missioniert werden und die jeweils anderen Religionen dürfen nicht ins Lächerliche gezogen werden. Jeder hat etwa 10 Minuten für den eigenen Text, danach beginnt die gemeinsame Diskussion mit Fragen und Antworten.